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Minus Null -  Günter Hummel

Minus Null (eBook)

Eine der Liebe unterstellte Wissenschaft
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
204 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-4823-1 (ISBN)
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7,49 inkl. MwSt
(CHF 7,30)
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Selbst um das negativst Mögliche zu beschreiben, reicht die Null nicht aus. Aber auch Worte genügen nicht, es braucht eine direkte Praxis wie etwa ein tiefes nach Innen-Gehen, das hauptsächlich eine Liebe zum eigenen Unbewussten benötigt. Doch so etwas kann heutzutage weder Religion, Yoga oder sonst ein philosophischer oder 'spiritueller' Weg vermitteln. Nur eine Wissenschaft v o m Subjekt, wie sie die Psychoanalyse J. Lacans bietet, ermöglicht einen präzisen und gesicherten Zugang zum eigenen Innersten zu finden, wenn man sie gleichzeitig mit einer meditativen Praxis verbindet. Denn somit lässt sich eine 'Selbstpraxis' zur Heilung psychischer Leiden und einem tief erfahrenen Leben ermöglichen und auch direkt aus dem Buch zu erlernen.

Dr. von Hummel ist Arzt und Psychoanalytiker und hat bereits vor längerer Zeit eine neue Form der Psychotherapie entwickelt, die er Analytische Psychokatharsis genannt hat. Diese Methode wurde von ihm in etlichen Vorträgen, Seminaren und zahlreichen Büchern veröffentlicht.

2. Ich spreche, also bin ich


Ich will versuchen das Ganze von einer völlig anderen Perspektive her zu erläutern. Das Buch ‚Die Elenden‘ (Les Miserables, 1500 Seiten)) von Victor Hugo ist in den letzten hundert Jahren zwanzig Mal verfilmt worden. Mit jedem Mal wurde der Film bombastischer und schließlich sogar als Musical unter die Leute gebracht. Klar, dass mit Film, Fernsehen und Digitalisierung immer mehr vom eigentlichen Text verloren ging, um dafür das Großstadtdrama in den Gassen von Paris herauszuheben. Doch der Autor schildert im Buch nicht nur ein spannendes Spektakel aus dem Frankreich der nachnapoleonischen Zeit, sondern streut in den Text auch reichlich sozialkritische und philosophische Bemerkungen ein, die ‚Die Elenden‘ erst richtig gehaltvoll machen. Bereits in der Art, wie er den Text aufbaut, liegen zahlreiche originelle Ausdrücke und Kommentare, die ein visuelles Medium überhaupt nicht hergeben kann.

Dass die Menschen kaum noch das Buch kaufen, sondern nur die Filme ansehen, ist nicht nur schade, es zeigt auch einen intellektuellen und kunstverständigen Verfall, der für die heutige, schnelllebige, Facebook-, Instagram- und Tiktok-hörige Zeit typisch ist. Sie alle sehen nur das Flimmern der Bilder, schöne, zerlumpte Frauen, tobende Straßenkämpfer und den kriminellen, aber total altruistischen Helden, während V. Hugo doch belehrend schreibt, dass „der Mensch einen Tyrannen hat, die Unwissenheit. Diese Tyrannei hat die falsche Autorität geboren, während die Wissenschaft die wahre Herrin ist. Nur von ihr soll er sich lenken lassen – und von seinem Gewissen, das angeborene Wissenschaft ist. Das Unendliche ist dort oben [der Redner zeigt zum Himmel], hätte das Unendliche kein Ich, so gäbe es an dem Ich eine Beschränkung, es wäre dann nicht unendlich; anders ausgedrückt, es wäre nicht. Es ist aber, also hat es ein Ich. Dieses Ich des Unendlichen ist Gott.“13

Raffiniert gedacht, Victor Hugo braucht keine ‚Minus Null‘. Dass Gott ein Ich hat, aber eines des Unendlichen, Ewigen, ist zwar nur poetisch gesagt, aber es trifft genau die nicht nur über dem neunzehnten Jahrhundert, sondern schon seit jeher über diesem zu hoch vergeistigten Anspruch liegende Religion. Nicht erst die Psychoanalytiker haben verstanden, dass die „theologisch gewusste Wahrheit von sich aus einen Trend des Unglaubens ihr selbst gegenüber erzeugt“.14 Doch der Dichter sagt es viel plastischer, selbst das Ich des Unendlichen ist nur ein Ich, aber eben das eines Gottes. Solche Dinge wird man im Film nicht geboten bekommen, aber der Leser sollte verstehen, dass V. Hugo einen eigenen, der Wissenschaft nahen Diskurs erstellt, so wie er, das heißt jeder Lesende, jeder Einzelne es auch könnte, würde er sich nicht durch die visuellen Medien verflachen lassen.

Für Lacan war das unbewusste Ich das Subjekt, Hugo nennt es Gott, eine ideale Theologie, die er genial in den Sozial-Thriller der ‚Miserablen‘ hineinstellt. An anderer Stelle schreibt er: „Ein Heiliger, der an chronischer Selbstverleugnung leidet, ist ein gefährlicher Nachbar. Wie leicht steckt er einen an! Er infiziert einen mit einer unheilbaren Armut, einer Rückensteife, die beim Vorwärtskommen sehr hinderlich werden kann“. Das ist gut kontrapunktisch gesagt, wie auch sein Kommentar, der total gegensätzlich zum Verhalten der heutigen jungen Frauen steht, die ungeniert Nacktfotos von sich in den sozialen Medien verbreiten.

Denn bei V. Hugo erschrecken die Mädchen selbst vor ihrer Nacktheit, so „als wenn fremde Augen auf sie schauten und sie bei jedem Geräusch zusammenzucken, als fürchteten sie beobachtet zu werden.“ Nun ja, so schlimm und fast geradezu neurotisch muss man es auch nicht handhaben, aber aus den so dichterisch geschilderten Gegensätzen könnte man lernen. Das Gegenteil der Neurose ist die Perversion, lehrte Freud. Alles originelle Bemerkungen, die die meisten aus V. Hugos Büchern und von anderen Schriftstellern überhaupt nicht kennen und die zahlreich im Buch ‚Die Elenden‘ stehen, während die Leute sich heute nur einen wilden Underdog-Western ansehen, eine Art der modernen Veräußerlichung und Nivellierung.

Die Dinge anders herum sehen heißt, sie aus der ‚Minus Null’ heraus sehen, weshalb ich von diesem Bezug zu V. Hugos Buch als einem anderen Diskurs berichtet habe: Man soll sehen können, dass man aus allem einen neuen Diskurs erzeugen kann, es müssen nicht die Algorithmen der KI sein. Auch der Text, der im Kontrast zum Film zeigt, auf was es ankommt, demonstriert besser, dass man hassen kann, was man leidenschaftlich liebt und begehrt, und in dem der Verbrecher der Edelmann und die in Lumpen gehüllte, verwahrloste Frau die attraktivste und schönste ist. Die gegensätzlichsten Emotionen sind nichts Ungewöhnliches, und das kann man bei V. Hugo genauso hören wie bei den Psychoanalytikern, wo es manchmal geradezu therapeutisch wirkt.

Es verhält sich ähnlich wie mit der Lust, die mit einer gleich großen Menge Angst verbunden ist, wie sie der Psychoanalytiker M. Balint in seinem Buch ‚Angstlust und Regression‘ beschrieben hat.15 Es geht darin um Menschen, die sich das Unglaublichste zutrauen, aber gleichzeitig ganz entsetzlich unter der Angst vor dem Misslingen, aber auch vor dem zu großen Mut und zu großem Erfolg leiden. Oder die den ausgefallensten Sex suchen, und doch aus lauter Erfüllungssucht impotent bleiben. Wie bei V. Hugo ist auch in der Psychoanalyse oft das Ausdrücken des Trivialen das Therapeutische und die Enthüllung des Perversen die Befreiung. Und so handelt es sich bei mir um die Sucht, etwas Bedeutendes zu vermitteln, und doch vor lauter Geschreibe meine Bücher kaum unter die Leute bringen zu können. Ich muss mich so divergent und selbstkritisch ausdrücken, nur so komme ich mir selbst glaubhaft vor.

Ich kann es auch mit meiner Leidenschaft für das Zahlenrätsel-Spiel Sudoku erklären, das ich ebenso nicht mag, ja es hasse, weil es Zeitverschwendung ist. Die Zahlen sind auf einem Blatt Papier in bestimmter Weise in Bezug zu setzen, was verführerisch und meist ohne viel Umstände zu machen ist, aber dass es – wie oft behauptet – die Kombinationsfähigkeit trainiert, stimmt absolut nicht und bestätigt somit meine Abscheu. Aber der Spaß, die Lust, treibt bei jeder gefundenen Kombination, das Spiel weiter in Richtung auf eine letztliche Lösung, die einem vormacht, man habe wie Euklid ein mathematisches Rätsel enthüllt und sei ein Zahlen-Genie.

Nun könnte man sich, was das Sich-Ausdrücken betrifft, nur an das ausschließlich Sachliche, an Bemerkungen zur Arithmetik oder auch noch an einen Ausflug in die Philosophie der Skeptiker, wie etwa an dem geistreichen Pyrrhon von Elis halten. Doch es soll um Wissenschaft gehen, und da genügt gerade mal Lacan, der intellektuell brillant an das Reale heranführt. Aber dies gelingt ihm nur in einem endlosen Werk, das kaum jemand für verständlich hielt, doch wenn es einer erreichen könne, ihn voll zu begreifen, meinte Lacan, könnte man ihn nur weiterführen in seiner Spur, aber gleichzeitig in einem völlig anderen, neuen Diskurs. Nichts offenbart besser das ganze Problem einer Fortführung der Wissenschaft.Denn nur nachplappern oder auch selbst neu interpretieren, was Einstein, was Hegel oder Freud und Lacan und noch etliche andere gesagt haben, gilt nicht. Es muss stimmen, aber auch völlig anders strukturiert in einem neuen Diskurs vorgetragen werden.

Und so bin ich also berechtigt, über das Sich-Ausdrücken in Form von Reden und Schreiben zu jammern, denn ich will auch kein Imitator oder Plagiator Lacans sein, von denen es heute schon viele gibt. Nach meinen ersten Jahren ärztlicher Tätigkeit begann ich auch noch eine psychoanalytische Ausbildung zu absolvieren, um eben das, was ich sagen wollte, möglichst umfangreich tun zu können. Doch das reichte nicht. Die psychoanalytischen Ausbildungsinstitute sind heutzutage wie Universitäten geworden, die dem Lernenden ein Wissen vermitteln, das von Institut zu Institut unterschiedlich ist, aber ohne, dass wirklich Neues zu Tage kommt. Es wird Freud in verschiedenen Formen nachgebrabbelt. Lacan meinte daher, die Institute verhalten sich wie Geheimgesellschaften, wie Freimaurer-Logen, bei denen eine unklare Hierarchie vorherrscht und kaum noch jemand etwas Originelles auf dem Lehrplanhat. Ich selbst hatte immer gehofft, dass es unter den Lehranalytikern im Ausbildungsinstitut einen gäbe, der eine gewisse ‚Ausstrahlung‘ hätte, so wie Lacan sie hatte. Aber das war nicht der Fall.

Lacan sah sich zwar selbst nicht als so ‚ultrasubjektiv ausstrahlend‘ an, wie er diese unbewusst scheinende ‚Blickorgie‘ des Schau-Triebs – wenn ich es vorerst so nennen darf – titulierte. Bekanntlich sitzt der Psychoanalytiker abgewandt hinter dem auf der Couch liegenden Patienten, aber umso stärker wirkt der Blick und stimuliert dies die Phantasie und beim Begegnen und Begrüßen, sowie beim Verabschieden und Weggehen. Letztlich geht es diesbezüglich – wie schon erwähnt – um das Luzide, das im Schautrieb Wirkende, das Lumineszente,...

Erscheint lt. Verlag 17.3.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften Psychologie Persönlichkeitsstörungen
ISBN-10 3-7693-4823-0 / 3769348230
ISBN-13 978-3-7693-4823-1 / 9783769348231
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