Entfremdung vom authentischen Ich (eBook)
286 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7693-7495-7 (ISBN)
Aline Raschkowski ist Roman- und Sachbuchautorin. Zudem verfasst sie Artikel für verschiedene Zeitschriften mit Bezug zu Themen aus dem Bereich der Persönlichkeitsentwicklung.
Gründe für die Entstehung der Selbstentfremdung
Die Frage – und jene ist von omnipräsenter Natur – ist doch, ob wir uns im Laufe der Jahrhunderte von uns entfremdeten oder ob wir uns zu keiner Zeit nahe gewesen sind.
Zum Glück ist es Menschen aufgrund der historischen Dokumente möglich, sich intensiv mit dem Wandel der Zeit, mit Veränderung, mit Entwicklung und mit dem Gedankengut vergangener Generationen zu beschäftigen. In der Tat fiel Grundlegendes weg, wurde Bedeutendes in den Alltag integriert und so vieles mehr.
Heute blicken wir auf eine Familienstruktur, innerhalb welcher jeder sein eigenes Ich stärker zu entfalten sucht als zu früheren Zeiten. Waren vergangene Generationen zum Überleben auf ein Miteinander angewiesen, sind jetzt andere Aufgaben von Bedeutung. Pflichten, die zur Lockerung der Bindung im familiären Bereich beitrugen – sogar eine Gruppen- oder Gesellschaftsdistanz förderten. Wer vermag dies eindeutig zu sagen, zu behaupten, in Stein zu meißeln?
Jedenfalls haben Familien heute weniger Zeit miteinander. Im traditionellen familiären Gefüge gab es hingegen mehr Optionen zur Selbstreflexion. Mittlerweile ist der Ort der Selbstreflexion nur am Rande in der Familie zu finden. Für Kinder und Jugendliche dehnt sich der theoretische Unterricht ebenso wie die Anforderungen an die Neuronen deutlich aus. Sie verbringen den überwiegenden Teil des Tages mit dem Lernen, sitzen still. Bewegung trägt zur Selbstreflexion bei, doch ihr kommt im Unterrichtsalltag nur bedingt eine tragende Rolle zu. Ohnehin sind Schulen aufgrund der Vielzahl der Kinder überfordert. Es bleibt zu wenig Zeit für den Einzelnen.
Erwachsene arbeiten nicht körperlich härter, doch länger – denn wenngleich Anpassungen des Arbeitsalltages an den individuellen Menschen zunehmen und sich optimieren, so tragen sich viele heute mit weitaus mehr Themen durch das Leben als zu früheren Zeiten. Zwar sind sie nicht lebensnotwendig, doch uns wurden jene Themenkomplexe als „elementar“ vorgestellt und wir verstehen sie daher als essenziell. Sei es das rasche Bezahlen von Rechnungen, das sich ständig Richtig-Verhalten, die Bedeutung der Bereitschaft zu Bestleistungen und überhaupt Erfolg und Misserfolg. Wir sind darum bemüht, richtig zu sein. Wer nicht in das Bild zu passen bereit ist, fliegt aus dem Rahmen der Gruppe. Fakten, die die Gesellschaft sich selbst als Dogmen auferlegte.
Der konsumorientierte Geist unserer Zeit mutiert überdies zum Roboter, der nahezu stereotyp handelt, sich selbst selten an den passenden Stellen hinterfragt und den Besitz von Waren als Erweiterung der Persönlichkeitsstruktur begreift. Niemand ist frei von jener Unzulänglichkeit. Seien es kleine oder aber große Statussymbole. Sie prägen nicht nur Gruppen. Sie definieren das gesamte Zeitbild. Der Fokus auf die inneren Werte begrenzt sich auf Buchmaterialien, sehenswerte Filme, immer mehr aufkommende Coaching-Angebote und psychotherapeutische Unterstützung im Alltag. Manche senden sich Spruchkarten zu, die in die Tiefe des Herzens führen sollen, sich jedoch nur als kurzweilige Unterhaltung verstehen.
Wir sind um die Aufrechterhaltung unseres Ansehens bemüht, wollen Standards erfüllen, die wir selbst nicht setzten. Alles nur, um zu gefallen, weil der Mensch als soziales Wesen unbedingt Teil einer Gruppe sein will. Um den Erfolg und die Anerkennung zu erreichen, setzen wir viele Ressourcen ein.
Allen voran steht unsere Zeit, deren Einzigartigkeit wir in der Hektik des Alltags erfolgreich verdrängt haben. Ihr Wert wird uns erst bewusst, so der Tod an die Türen von Bekannten klopft oder die Krankheit die Gesundheit ablöst. Bis dahin ist das Leben als Hamsterrad zu verstehen. Wer hat dabei schon Zeit und Raum für ein fürsorgliches Verhalten der eigenen Person gegenüber? Rennen wir uns lieber zu Tode, während rechts und links die bunten Farben des Lebens ungesehen bleiben.
Die Zeit versteht sich als Schlüsselbegriff des Verlustes unserer Anbindung zu uns selbst. Sie beruht auf falschen Annahmen über einen potenziellen Zeitgewinn durch Entwicklung. Ich beziehe mich hierbei auf den kontinuierlichen Ersatz alltäglicher Tätigkeiten durch Geräte, die uns die Arbeit erleichtern, sie besser verrichten und schneller vollenden. Ein gutes Beispiel ist die Waschmaschine. Wurden früher Erde und anderer Schmutz mit Holz aus der Kleidung geklopft und die Flecken aus den Textilien geschrubbt, übernimmt die Technik heute alle Arbeiten. Multifunktionale Geräte trocknen die Wäsche sogar. Das erspart uns Arbeit und in erster Linie Zeit.
Diese zusätzliche Freizeit steht uns zur Verfügung. Wären da nicht die enormen Anforderungen. Heute vereinen wir mehrere Berufe in einer Person, kümmern uns um derart viele Dinge, dass die Zeit verrinnt – ohne, dass wir Notiz davon nehmen. Wir füllen den Tag mit einsparenden Geräten. Sei es die Waschmaschine, der Backofen, die Spülmaschine, der Computer. Auf der einen Seite bedeuten sie einen Zeitgewinn. Auf der anderen Seite erfordern sie unsere Unterstützung. So haben wir weniger Zeit für wesentliche Aktivitäten, weil wir glauben, wir könnten in kürzerer Zeit mehr und mehr erledigen. Der Preis für die schöne Welt mit Geräten ist die Trennung von uns selbst. Für das Wichtige fehlt der Zeitraum. Alles braucht Pflege, Beobachtung und unsere Aufmerksamkeit.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts trat eine weitere Komponente als potenzieller Zeiträuber hinzu: das Internet. Die Digitalisierung nimmt heute ungeahnte Züge an. Die Konsequenz ist ein weiterer Mangel an wertvoller Zeit für uns. Ein üblicher Tag setzt sich heutzutage aus Arbeit, sich mehrenden Pflichten und sozialen Medien zusammen. Hin und wieder schauen wir TV, hören Musik oder begeben uns für besondere Momente zum Joggen in die Außenwelt. Und doch ist kaum Raum zur Entfaltung vorhanden.
Wie können wir unter diesen Bedingungen und der immer höheren Geschwindigkeit, größeren Hektik im Alltag zu unserem Seelenschatz gelangen? Es bleibt uns Illusion, wenn wir Wahrheiten in Büchern suchen und uns dabei nicht mehr erkennen, nicht an unsere Seelenaufgabe zu erinnern vermögen.
Überdies ist Unterhaltung kurzweiliger Natur. Aufgrund der Schnelllebigkeit verloren viele die Fähigkeit sich lange auf eine Sache zu konzentrieren. Wir schwingen von A nach B, verweilen nirgends lange, wollen alles und das möglichst schnell. Nichts hat Bestand. Wir suchen stets Halt und finden ihn in der Gewissheit, dass alles vergänglich ist.
Wert ist und hat nur, was Finanzen aufbessert, Anerkennung bringt, Zertifikate herbeiführt, Erfolge einbringt, zur Daseinsberechtigung geleitet. Das Äußere wird zum Inneren, während das Innenleben in sich zerbricht. Unsere Orientierung richtet sich gänzlich auf den Konsum, auf Ästhetik, den schönen Schein einer perfekten Welt aus. Ein Glanz, der uns erdrückt.
Die Kunst besteht darin, sich trotz der Umstände nicht zu verlieren oder sich zunächst einmal wieder zu gewinnen, das Band zum Inneren zu erkennen und zu stärken.
Traurig: Kinder stehen sich meist nicht mehr nah. Sie erfahren Leistungsdruck von Grunde auf und haben damit gar keine Chance, die Welt als das zu sehen, zu begreifen, was sie ist: ein Spielplatz des Lebens. Auf dem realen Spielplatz sind sie sie selbst. Auf dem ihnen auferlegten Schein-Spielplatz ist Heranwachsenden eine Rolle zugetan. Eine Position, die sie nur schwerlich verlassen können. Sie bleiben, wo sie sind und unterwerfen sich den Regeln, welche Wunder nur in Grenzen zuzulassen bereit sind.
Dabei wollen Eltern mit Sicherheit ein einzigartiges Leben für ihre Kinder. Auch sie sind in den Strukturen verstrickt. Ein Ausbruch erfordert Mut und geht eventuell mit Einschränkungen und nicht mit einem Gewinn einher. Die Angst vorm Scheitern während der Suche nach unserer Herzkraft ist so immens, dass man die Gesellschaft mit dem Adjektiv „tyrannisch“ versehen könnte. Die meisten Eltern, die derartige Themen umtreiben, beugen sich doch den Strukturen und bleiben handlungsunfähig und frustriert zurück.
Wer ohne Zugang zum eigenen Ich ist, wird sich sinnbringenden Erfahrungen zunehmend entfernen. Nichts fühlt sich mehr stimmig, richtig, sinnvoll an. Was fehlt der Seele dann? Sie hat ihren Plan verloren und den Weg nicht erreicht, der ihr zugewiesen ist. Wer es weniger spirituell mag, weiß: Manche Wege im Leben fühlen sich bereichernd, wohltuend an. Andere erzeugen ein mulmiges Gefühl. Jene sind nicht zu erzwingen. Das Leben ist schön genug und so braucht es keinerlei Krämpfe, wohl aber Freude. Wir müssen nicht perfekt, angepasst, optimal sein. Die Gesellschaft läuft den Regeln nach, doch die Einzelperson kann ihre eigenen Regeln für sich setzen. Würde jeder seinen Empfindungen trauen, ihnen durch Handlungen folgen und sie nicht in Watte und Träume betten, würde sich die Welt im Sinne des morphogenetischen Feldes in einen besseren Ort entwickeln.
Illusion? Noch! Ja! Aber Sie, lieber Leser, haben zu jeder Zeit Gelegenheit zum Wandel und mit Ihrer Neuorientierung entzündet sich ein Lichtlein, welches die ganze Welt zu erobern vermag.
Als mir klar wurde, dass die Gesellschaft den Einzelnen deutlicher...
| Erscheint lt. Verlag | 5.3.2025 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Psychologie ► Persönlichkeitsstörungen |
| ISBN-10 | 3-7693-7495-9 / 3769374959 |
| ISBN-13 | 978-3-7693-7495-7 / 9783769374957 |
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