Gutshof, Garnison und Stadthaus (eBook)
602 Seiten
Books on Demand (Verlag)
9783769331790 (ISBN)
Seit seiner Jugend hat sich Ahmad von Denffer in seiner Freizeit mit familiengeschichtlichen Forschungen befasst, zwischenzeitlich verschiedene genealogische Beiträge veröffentlicht, und nun, altersbedingt beruflich nicht mehr beansprucht, eine Auswahl des gesammelten Materials zu dem Buch "Gutshof, Garnison und Stadthaus" verarbeitet.
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VORBEMERKUNG
Ein Land, das es nicht mehr gibt
Ein Land, das es nicht mehr gibt, war Kurland. Sein ehemaliges Territorium ist heutzutage Teil von Lettland, das insgesamt nicht einmal 2 Millionen Einwohner hat. Etwa 50 000 Deutschbalten lebten dort noch bis zu ihrer Umsiedlung 1939 kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Damals, so wird erzählt, habe eine Schülerin den Aufsatz verfaßt: „Vor siebenhundert Jahren zogen die Balten mit klirrenden Waffen über das Meer, um das Land zu erobern. Gestern um halb drei kamen sie zurück, unverrichteter Dinge!“ 1
In Wirklichkeit war es eine Tragödie. Nicht nur, daß diesen Menschen Heimat und Zuhause verlorengingen, die Umsiedler wurden auch überwiegend nicht, wie es in diesem „Pratchen“ 2 eher beschönigend heißt, „auf Städte und Dörfer in Pommern verteilt und notdürftig untergebracht“. In Pommern kamen nur wenige unter. Die Mehrheit hatte sich, notgedrungen sagt man, im besetzten Polen ansiedeln lassen. Nur einige Jahre später wurden sie 1945 zu Flüchtlingen. Die meisten fanden in Deutschland Zuflucht, die übrigen andernorts, von Australien bis Kanada. Einer der Kurländer-Nachkommen ist Ahmad von Denffer. Er schrieb dieses Buch.
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Zu diesem Buch
Nachdem ich das Licht der Welt erblickte, erhielt ich nicht nur eine Geburtsurkunde, sondern auch eine kleine Karte aus grauem Papier. Ich habe sie noch. Darauf steht „Flüchtlings-Ausweis… AFT/H 605699… der Britischen Zone…“ mit meinen Personalien. Interesse an der Herkunft der Meinigen und ihrer Geschichte hat mich mein Leben lang begleitet. Schon als Kind habe ich immer wieder von der „Heimat“ gehört, als kleiner Junge das bunte Familienwappen nachgemalt, als Jugendlicher mit Erkundungen begonnen, als Erwachsener ernsthaft recherchiert, nicht immer, aber immer wieder. Das war mir nützlich, denn es hat mich auf verschiedene Weise belehrt, mir Freude bereitet und zugleich Entspannung von beruflich bedingter Anspannung verschafft. Zugegeben, manchmal war es auch anstrengend und nicht immer erfolgreich. Jedoch hat es mir Wissen auf unterschiedlichen Gebieten teils erweitert, teils vertieft und auch neu erschlossen. Es war der Versuch, das Leben von Menschen zu verstehen, die mir im Vergleich zu den allermeisten, irgendwie doch am nächsten sind, obwohl ich sie persönlich nie getroffen habe und überhaupt in einer anderen Zeit und völlig anderen Gesellschaft lebe als sie.
Nicht ganz neu sind Auffassungen, denen zufolge der Mensch sein Selbstverständnis dadurch zustande bringt, daß er sein Leben als eine Geschichte anlegt, indem er, überwiegend unbewußt und teils doch bewußt, aus Erfahrungen und Erinnerungen immer wieder neu zusammenstellt, was er nach seiner Ansicht ist, woher das kommt, und wie er sein möchte. Wenn das zutrifft, dann gehört auch Familiengeschichte dazu und ist Familiengeschichtsforschung nur eine Erweiterung des Horizonts, gewissermaßen das Geschichtenerzählen für Fortgeschrittene, das zur Vertiefung des Selbstverständnisses beiträgt und ebenso aber auch eine Ablenkung von der Vertiefung des eigenen Selbstverständnisses sein kann.
Und vielleicht ist ja das, was da geschieht, der Arbeit des Archäologen ähnlich. Er gräbt Relikte aus, die seit langem ihrem Herkunftskomplex entfremdet verschüttet irgendwo liegen, bringt sie ans Tageslicht und meint, sie deuten zu können. Mangels anderer Möglichkeiten muß er sie mehr oder weniger aus ihnen selbst erschließen. Familiengeschichtsforschung kann man entsprechend betreiben, aber auch anders, nämlich wie die Arbeit in einem Steinbruch, aus dem Baustücke gewonnen werden, zur Ergänzung der ausgegrabenen Überreste, für die Errichtung eines Denkmals zur Erinnerung. Mir ist bewußt: Die Wirklichkeit der Altvorderen ist nicht die meine, kann es nicht sein. Ich kann nicht berichten, was war und wie es war, sondern ich berichte nur, was ich gesehen und gehört und wie ich es gesehen und gehört habe.
Allen, die durch Hinweise, Mitteilungen und Unterlagen dazu beigetragen haben, möchte ich ausdrücklich Dank sagen und dabei gern auch den langjährigen Austausch mit Enno, Hansi und Walter zu verschiedenen Gelegenheiten einschließen.
Als ich einmal Herbert nach Grafenthal fragte, sagte er mir, er sei nie dort gewesen, wisse kaum etwas darüber und meinte: „Diese Zeit ist sehr vernachlässigt worden.“ 3 Tante Tali habe ihm von einer besonderen Methode des Zahnziehens erzählt, auch die Geschichte vom Kanonenöfchen, die er leicht verzerrt wiedergab, und ebenso die vom versäumten Nachzählen des Geldes beim Verkauf des Gutes, doch soll die „Schuldige“ die Gutsbesitzerin selbst gewesen sein. Vom Erbteil, so Herbert weiter, haben die Schwestern gut leben können. Er habe aus dem Nachlaß der Tanten fünf Löffel erhalten, wo sie sind, wußte er nicht, bei ihm oder bei seinem Sohn, er war damals über 80 Jahre alt. Nachstehend folgt mehr zu diesen und anderen Geschichten.
Doch zuvor noch ein Hinweis, den ich nicht übergehen will, auf das „familiengeschichtliche Reisen“. Beruflich bedingt war ich viel gereist, manchmal kam ich dabei auch an Orte von familiengeschichtlichem Interesse und konnte dabei freie Zeit nutzen, Gott sei Dank. Bedeutsamer und ergebnisreicher aber waren natürlich Reisen, die ich unmittelbar für familiengeschichtliches Forschen unternahm und dann entsprechend plante und vorbereitete. Nicht nur das Auffinden von Archivunterlagen, sondern auch das Aufsuchen von Orten, die in der Familiengeschichte Bedeutung hatten, das Durchstreifen der Landschaften und der Städte, in denen die Altvorderen lebten, das Aufsuchen ihrer Wohnstätten, Betreten ihrer Kirchen und Stehen an ihren Gräbern, sofern erhalten, selbst das Antreffen von Menschen, denen der Name etwas sagte, all das verband mich auf gewisse Weise mit dieser Geschichte und ihren Personen, und natürlich umso mehr und vertiefter, wenn es sich wiederholte. Dadurch entstand verdichtete Kontinuität zwischen ihnen und mir, die Familiengeschichte und meine eigene Geschichte verwoben sich deutlicher und mehr als zuvor zu e i n e r Geschichte, und damit wurde Familiengeschichte noch auf besondere Weise zu einem Teil meiner Geschichte und meine Geschichte ein Teil der Familiengeschichte.
Die im Laufe von Jahrzehnten erlangten Informationen über die „Grafenthal‘sche Zeit“ darf ich, im fortgeschrittenen Alter beruflich nicht mehr beansprucht, nun zusammenstellen. Auch das ist wiederum lehrreich und macht Freude, und wenn Leser einen Gewinn davon haben, wird es meine Freude nur mehren.
Die bekanntgebliebenen und bekanntgewordenen Nachrichten über die Familienangehörigen habe ich durch die Verbindung mit Auszügen aus verschiedenen zeitgeschichtlichen Quellen zu erhellen versucht. Deren Orthographie wurde nicht vereinheitlicht, auch auf streng wissenschaftliche Umschrift und Gesamtbibliografie wurde verzichtet. Die Literaturangaben sind vollständig in den Fußnoten mitgeteilt, Verweise auf Quellen und Archive sind wie vorgefunden wiedergegeben. Umbenennungen von Archiven, die insbesondere in Russland, aber auch außerhalb, im Laufe der Geschichte und während der Jahrzehnte meiner Recherchen teils mehrfach erfolgten, blieben unberücksichtigt. Die Abkürzung DBGG steht für „Deutsch-Baltische Genealogische Gesellschaft“ in Darmstadt, KB steht für „Kirchenbuch“, LVVA für „Latvijas Valsts vēstures arhīvs“ (Lettlands Staatliches Historisches Archiv) in Riga, RGIA für „Rossijskij Gosudarstwenij Istoritscheskij Arkhiw“ (Russisches Staatliches Historisches Archiv) in St. Petersburg, TsGIA für „Tsentralnij Gosudarstwenij Istoritscheskij Arkhiw Sankt-Peterburga“ (Zentrales Staatliches Historisches Archiv St. Petersburg).
Manche Passagen mögen vielleicht auf den ersten Blick etwas langatmig erscheinen, wie etwa, wenn auch schon gekürzt, die Schilderungen von Militärkampagnen, die wiederholten Skizzen der jahreszeitlichen Wetterverhältnisse oder des alljährlich wiederkehrenden Johannis-Festes. Doch all dies kann einen tieferen Eindruck von den seinerzeitigen Lebensverhältnissen bewirken, der langen Dauer der wochenlangen Fußmärsche und den Strapazen der Kampagnen überhaupt, der Mühsal der Feldarbeiten, deren Erfolg weitgehend von der Witterung und letztlich vom Segen Gottes abhängig blieb und deren Bilanz sich am Johannis-Tag kundtat.
Und schließlich: In diesem Text gibt es viele Sterbenachrichten. Das ist nur natürlich. Der Tod gehört zum Leben, und wo vom Leben berichtet wird, gehört auch der Tod dazu. Es kann nicht schaden, sich in Erinnerung zu rufen, wie es im Koran heißt:
„Wir sind ja Gottes, und zu Ihm kehren wir ja zurück.“ 4
※
1 Kaehlbrandt, L.: Gestern sind sie zurückgekommen…, Köln 1995, 23.
2 Schnurre, Anekdote.
3...
| Erscheint lt. Verlag | 6.12.2024 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Geschichte |
| ISBN-13 | 9783769331790 / 9783769331790 |
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