Klosteraustritte in der frühen Reformation
Gütersloher Verlagshaus
978-3-579-01645-0 (ISBN)
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1. Einführung 1.1 Gegenstand der Untersuchung »Monch und nonnen verschmeltzen und verseychen quemadmodum nix ante solem« — wie Schnee an der Sonne schmölzen Mönche und Nonnen dahin, soll Luther 1532 in einer Tischrede im Blick auf die sichtbaren gesellschaftlichen Auswirkungen seiner Kritik am Mönchtum geäußert haben. Tatsächlich hatte zum damaligen Zeitpunkt die seit 1524 vielerorts erfolgte Neuordnung des Kirchenwesens im Sinne der Reformation bereits in zahlreichen Städten und Herrschaften zu einem weitgehenden Verschwinden der Klöster und zu einem sichtbaren Rückgang des Anteils der Religiosen an der Gesamtbevölkerung geführt. Neben den flächendeckenden Klosteraufhebungen durch evangelische Obrigkeiten, die oftmals gegen den Widerstand der betroffenen Einzelklöster durchgesetzt wurden, waren es aber vor allem die zahlreichen freiwilligen Klosteraustritte von Mönchen und Nonnen, in denen die sich wandelnde religiöse und gesellschaftliche Haltung gegenüber dem Klosterleben zum Ausdruck kam. Zwar hat es vereinzelte Fälle von Klosterflucht auch vor dem Aufkommen der reformatorischen Kritik am Mönchtum gegeben, zumeist als Ausdruck des Widerstands gegen eine durch die Familie vorgegebene Bestimmung zum geistlichen Stand. Die Klosteraustritte in der frühen Reformation, die sich seit 1522 schnell zu einer regelrechten Austrittsbewegung entwickelten, stellen jedoch ein völlig neuartiges historisches Phänomen dar. Daß es sich dabei um eine Massenerscheinung gehandelt haben dürfte, ist angesichts der Unsicherheit genauer Zahlen beim derzeitigen Stand der Forschung nur zu postulieren. Aber die zahlreichen sich leerenden Klöster und das vielfach belegte Auftreten ehemaliger Mönche sowie deren Engagement für die reformatorische Bewegung in den Städten sprechen für diese Annahme. Auch die intensive Diskussion der Berechtigung klösterlichen Lebens in den Flugschriften seit etwa 1520 legt ein beredtes Zeugnis davon ab, daß es sich bei den Klosteraustritten 95.WA TR 2, Nr. 2359. 96.S. dazu Moeller, Die frühe Reformation in Deutschland als neues Mönchtum, 149 mit weiterführenden Hinweisen auf demographische Veränderungen im städtischen Kontext, wo der Anteil der Geistlichen vor der Reformation bei 5,5-10% gelegen haben soll (s. aaO, 142). 97.Für ein Beispiel aus dem 13. Jahrhundert s. Gruebel, Bettelorden, 78; die wiederholte Flucht einer Magdalenenschwester aus Basel im 15. Jahrhundert dokumentiert Erdin, Kloster, 102104; zum Fall eines wiederholt flüchtigen Zisterziensers gegen Ende des 15. Jahrhunderts s. S. 307, Anm. 321. Es gab im Kontext der innermonastischen Reformmaßnahmen des 15. Jahrhunderts aber auch Austritte aus dem Kloster in Gestalt der freiwilligen Rückkehr zum Beispiel von Nonnen zu ihren Familien (s. Schreiner, Klosterreform, 185 f.). Diese Klosteraustritte, die als Protest gegen unstandesgemäße Lebensbedingungen zu verstehen waren, implizierten keine Kritik am religiös-sozialen System des Klosterlebens. 98.Eine quantitative oder vergleichende Untersuchung des Phänomens fehlt; s. Ansätze dazu bei Ziegler, Reformation, 585-614. 99.S. dazu Moeller/Stackmann, Städtische Predigt (1996); vgl. zum Beispiel die zahlreiche Erwähnung ausgetretener Mönche und Nonnen in den Quellen der Nürnberger Stadtgeschichte der Jahre 1524-1525 bei Pfeiffer, Quellen (1968). um ein zentrales Umbruchsphänomen der frühen Reformation gehandelt hat, das in seiner gesellschaftlichen Brisanz und seinen sozialen wie mentalitätsbezogenen Folgen dem der Priesterehe vergleichbar sein dürfte. Die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich mit diesem erst ansatzweise erforschten Phänomen der frühen Reformation und versteht sich darin als Beitrag zur Wirkungsgeschichte der reformatorischen Kritik am Mönchtum. 100.S. dazu Buckwalter, Priesterehe,. 101.Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Mönchtum und Reformation hat nach der grundlegenden Untersuchung zu Genese und Inhalt der Mönchskritik Luthers von Lohse, Mönchtum und Reformation (1968) erst in jüngster Zeit wieder das Interesse der Forschung gefunden; s. dazu v. a. Schilling, Gewesene Mönche (1990); Schilling, Klöster und Mönche in der hessischen Reformation (1997); Moeller, Die frühe Reformation in Deutschland als neues Mönchtum (20012); vgl. auch Moeller/Stackmann, Städtische Predigt in der Frühzeit der Reformation (1996). 1.2 Stand der Forschung Über die Klosteraustrittsbewegung — gemeint ist hier das freiwillige und individuell verantwortete Verlassen eines Konventes durch einzelne Ordenspersonen — in der frühen Reformation ist beim derzeitigen Stand der Forschung ein Gesamtbild nicht zu gewinnen. Da eine Darstellung des Phänomens bisher nicht vorliegt, sind weder der zahlenmäßige Umfang noch die regionale Verbreitung der Klosteraustrittsbewegung zu erfassen. Dies gilt noch einmal in besonderer Weise für die Klosteraustritte von Frauen, die in der Regel schwerer nachzuweisen sind als die ihrer männlichen Kollegen. Viele unter den ausgetretenen Mönchen übernahmen ein neues geistliches Amt oder übten eine berufliche Tätigkeit als Bürger einer Stadt aus und blieben dadurch als Personen des öffentlichen Lebens greifbar. Ehemaligen Nonnen bot sich dagegen außer einer Heirat nur selten die Möglichkeit einer öffentlichen Tätigkeit, wie zum Beispiel im Bildungswesen. Insofern sind die Lebenswege ehemaliger Nonnen schwieriger und häufig nur archivalisch zu verfolgen, wovon hier aber abgesehen werden mußte. Auch über die Frage, in welchem Maße einzelne Orden von dem Schwund ihrer Mitglieder betroffen waren, existieren erst ansatzweise Erkenntnisse. Angesichts der Beobachtung, daß sich ein auffällig hoher Prozentsatz an Vertretern der Bettelorden, darunter vor allem Augustiner-Eremiten und observante Franziskaner, für die Lehre Luthers begeisterte, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis der alten Orden zur Reformation. Zwar wird allgemein mit Recht ein Zusammenhang zwischen der theologischen Infragestellung des Klosterlebens, wie sie vor allem Luther in seinem im Februar 1522 veröffentlichten und bald auch in die Volkssprache übersetzten Gutachten und Urteil über die monastischen Gelübde formuliert hatte, und den seitdem stark zunehmen- 102.Davon abzugrenzen ist das fremdmotivierte Verlassen eines Klosters aufgrund von familiärem oder obrigkeitlichem Zwang, wie zum Beispiel im Kontext von Klosterauflösungen. 103.Gelegentlich lassen sich ehemalige Nonnen als Lehrerinnen in Mädchenschulen nachweisen. Zu Magdalena von Staupitz aus Nimbschen als Lehrerin in Wittenberg seit 1529 s. Brecht, Martin Luther, Bd. 2, 422; Karant-Nunn, Transmission, 40. Zu den geschlechtsspezifischen Implikationen und Schwierigkeiten der Austritte von Nonnen s. die grundsätzlichen Überlegungen bei Zimmerliwitschi, Frauen, 43-56; vgl. Nowicki-Pastuschka, Frauen, 45 f.
| Reihe/Serie | Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte ; 79 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Maße | 160 x 235 mm |
| Einbandart | gebunden |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Religion / Theologie ► Christentum |
| Geisteswissenschaften ► Religion / Theologie ► Judentum | |
| ISBN-10 | 3-579-01645-8 / 3579016458 |
| ISBN-13 | 978-3-579-01645-0 / 9783579016450 |
| Zustand | Neuware |
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