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Die Vampirsagen und ihre Verwertung in der deutschen Literatur (eBook)

(Autor)

Nicolaus Equiamicus (Herausgeber)

eBook Download: EPUB
2024 | 1. Auflage
164 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7597-4566-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Die Vampirsagen und ihre Verwertung in der deutschen Literatur -  Stefan Hock
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"Die Vampirsagen und ihre Verwertung in der deutschen Literatur" von Dr. Stefan Hock aus dem Jahre 1900 ist das erste Werk im deutschrachigen Raum, daß sich mit dem Vampir als literarischer Gestalt auseinandersetzt. Nach einführenden Kapiteln über den historischen Vampir behandelt der Autor ausführlich dessen Auftauchen und Verbreitung in der Literatur der Romantik, in Gedicht und Oper während des 19. Jahrhunderts, bis zu dem damals akuellen Erscheinen des vorliegenden Buches. - Eine wahre Fundgrube der frühen vampirischen Literatur.

Die toten Gatten.


DIE bisher behandelten Wesen unterscheiden sich vom Vampir im allgemeinen dadurch, daß sie unbestimmte Schemen sind, denen nicht wie dem Blutsauger eine fleischliche Existenz inner- und außerhalb des Grabes zugeschrieben wird. Einen viel irdischeren, dem Wesen des Vampirs viel verwandteren Charakter haben die „wiederkehrenden Toten.“

Im Glauben des Volkes löst der Tod nicht alle Bande, die das Individuum mit seiner Umgebung verknüpften. „Nach ihrem Zustande im Augenblicke des Scheidens ist die Seele für ihre weitere Existenz gestimmt“41 und nimmt Liebe und Haß mit hinüber in das neue Leben. So bleiben die Fäden der Sympathie und Antipathie zwischen dem Lebendigen und Toten erhalten, der Lebende als der machtlosere Teil meist der Gewalt des Toten anheimgegeben, der den Gegner quält, die Geliebten mitziehen will in sein kühles Grab.42 Aber auch der Verstorbene ist dem Einfluß menschlicher Handlungen nicht entzogen. Übergroße Trauer stört die Ruhe des Toten43, wie es in dem herrlichen schwedischen Volksliede heißt:

För hvar och en tår som du fällar på jord,
Hvem bryter löfven af liljeträd?
Min kista hon blifver så full utaf blod.
I fröjden eder alla dagar.
Men hvar gång på jorden, du är i hjertat glad;
Hvem bryter löfven af liljeträd?
Min kista hon blifver så full af rosors blad.
I fröjden eder alla dagar.
44

Es ist in der Gewalt mancher Menschen, Tote zu beschwören45 und aus dem Grabe heraufzuziehen, um durch sie Kunde von Verborgenem zu erlangen. Denselben Zweck haben meist die Verabredungen zweier Freunde, der eine werde dem anderen nach dem Tode erscheinen46; gar oft hält der Tote sein Versprechen, wie er denn überhaupt keine Ruhe findet, wenn er ein ungelöstes Versprechen oder eine unbezahlte Schuld ins Grab genommen hat.47 Ebenso aber beunruhigt er den, der ihm etwas schuldet48, der irgendeinen Gegenstand behielt, statt ihn mitzubegraben.49 Man soll überhaupt vom Toten nichts besitzen, nicht einmal von ihm sprechen. Selbst allzu heiße Sehnsucht ist von Übel, und wer nach dem Toten verlangt, den holt er nach. Den stärksten Ausdruck hat dieser Glaube in den zahlreichen Fassungen der Lenorensage gefunden, die fast über ganz Europa verbreitet sind. Uns interessieren besonders jene slawischen Sagen, in denen das Mädchen vor dem Geliebten in ein Totenhaus flieht, sich aber nun zwei Toten ausgeliefert sieht; denn der klein-russische Totengänger (Mjertovjec), der in den charakteristischesten Berichten die Rolle des toten Bräutigams spielt, ist mit dem Vampir identisch. Nach einigen Erzählungen weiß die Verfolgte die Toten bis zum grauenden Morgen hinzuhalten, nach anderen aber wird sie zerrissen.50 So schrecklich hier der tote Geliebte erscheint, so mild und sanft waltet die tote Mutter ihres Amtes in jener rührenden Sage, nach welcher die verstorbene Wöchnerin leise einherschleicht, um ihr Kind zu stillen.51 Wie hier die Mutter liebe stärker ist als der Tod, so in anderen Sagen die Gattenliebe. Orpheus holt sich Eurydike aus der Unterwelt, eine Anzahl von toten Frauen kehrt zurück zu ihren Gatten und gebiert noch Kinder.52 Merkwürdige Fälle von Scheintod53 haben wohl meist den Anlaß zu solchen Sagen geboten, wie ja in einzelnen Erzählungen geradezu das Motiv verwertet wird, räuberische Totengräber hätten die Scheintote durch gewaltsames Abziehen des Ringes geweckt54, eine Variante, (die ihre klassische Form bei Boccaccio in der 4. Erzählung des 10. Tages gefunden hat und deren literarische Fortwirkung wir später streifen müssen. Eine andere vielverbreitete Erzählung von der im Grabe gebärenden Frau55 führt zu den Sagen der Geschlechter, die ihre Abstammung von Toten herleiten. Über das interessanteste von ihnen, die „Toten von Lustnau“, handelt Uhlands letzter Aufsatz.56 Hier ist es, wie noch in anderen Sagen, der tote Gatte, der zu seiner Frau zurückkehrt und mit ihr fünf Kinder zeugt. Unter der großen Anzahl verwandter Berichte ist eine französische Sage besonders bemerkenswert, in welcher eine Fee ihrem menschlichen Gemahl verbietet, in ihrer Gegenwart das Wort „la mort“ auszusprechen; als er es dennoch tut, verschwindet sie.57 Ganz Ähnliches erzählt Walther Mapes58 von Edric Wilde, der seine verstorbene Frau aus einer Schar im Walde tanzender Gefährtinnen entführt und wieder heiratet; als er ihr vorwirft, er habe sie von den Toten geraubt, enteilt sie. Diese Sagen stellen sich zu der Erzählung Luthers, wo die Frau beim Fluche ihres Gemahls verschwindet, und alle drei weisen große Ähnlichkeit mit einer weithin bekannten Form der Alpsage auf. Die Mahr wird als schönes Mädchen gefangen, geheiratet, entflieht aber, wenn man ihr ihre Herkunft vorwirft59 oder, wie in der nahe verwandten Melusinensage, vorwitzig nach ihrem Geheimnis forscht.60 Ohne mit Laistner61 anzunehmen, daß alle diese Sagen von wiederkehrenden Toten auf Elbensagen zurückzuführen seien, wird man wohl den Gedanken an eine Vermischung der Vorstellungen vom Alp mit solchen von wiederkehrenden Verstorbenen, die ja auch in den einfachen Alpsagen stattfindet, nicht von der Hand weisen können. Das erklärt dann auch eine eigentümliche Verwirrung, die wir in den Sagen von den slawischen Wilen finden, wo auch das Verbot, die Herkunft zu erwähnen, wieder begegnet.62 Während diese Waldfräulein hier und da als ausgereifte Baumseelen63 oder als Wasser-64 und Wolkengöttinnen65 mythischen Charakter zeigen, nennt sie der größere Teil der südslawischen Volkssagen frühverstorbene Jungfrauen oder vor der Hochzeit dahingeschiedene Bräute.66 „Das Volk, wenn es blühende Bräute sterben sah, konnte sich nie überreden, daß Jugend und Schönheit so jähling gänzlich der schwarzen Vernichtung anheimfallen, und leicht entstand der Glaube, daß die Braut noch nach dem Tode die entbehrten Freuden sucht.“67 So tanzen die Wilen zur Zeit des Neumonds bacchantisch lüsterne Reigentänze mit Gesang und reißen den Jüngling, der ihnen begegnet, zu sinnlosem Taumel fort, bis er tot niederfällt.68 Sie töten Kinder69 wie die Gello des Altertums70, auch eine frühverstorbene Jungfrau, welche auf Lesbos nach unreifen Knaben umherirrte71; ebenso setzte die von Jupiter geliebte Lamia den Kindern nach, um sich dafür zu rächen, daß Juno ihr einst ihre Söhne getötet.72 Auch die Liebestollheit haben die Lamien mit den Wilen gemein, sie springen wie die Sphingen jungen Leuten auf den Rücken und zerreißen sie.73 An Verliebtheit übertrifft aber alle die gleichfalls kindertötende74 Empusa75, das Mittagsgespenst76, die im Leben des Apollonius von Tyana eine Rolle spielte. Sie verlockte durch ihren Liebreiz seinen Schüler Menippus und hätte ihn geheiratet, wenn Apollonius sie nicht entdeckt hätte. Er nannte sie eine von den Empusen, die man auch Lamien nennt, und behauptete, sie habe mehr das reine Blut des Jünglings als seine Liebe gesucht. Durch die Dazwischenkunft des Meisters wurde Menippus vom sicheren Tode errettet.77

Eine andere Sage des griechischen Altertums weist uns wieder zu den Sagen von den wiederkehrenden Toten, und zwar zu jenem Typus, der in dem Verbot der Frage nach der Herkunft so deutliche Züge von Lurensagen geboten hat. Auch die Sage von Philinnion und Machates ist im Grunde eine solche Mischform und weit entfernt davon, eine Vampirsage zu sein, zu der sie, wie noch zu zeigen sein wird, erst Goethe gemacht hat. Phlegon von Tralles, ein Freigelassener des Kaisers Hadrianus, erzählt die Geschichte im ersten Kapitel seines Buches „Ιερί δαυμασίων“; der Anfang fehlt, ist aber nach einem lange verschollenen, 1888 neu herausgegebenen Werke des Neuplatonikers Proklus aus Lykien78 zu ergänzen. Philinnion war in Amphipolis mit Krateros verheiratet, starb und wohnte sechs Monate nach ihrem Tode dem Gastfreund ihres Vaters Demostratos, Machates aus Pella, bei. Sie wird von den Eltern entdeckt, beklagt sich über die Störung und erklärt, sie sei nicht ohne göttlichen Willen hierhergekommen. Ihr Grabmal wird leer gefunden, der Leichnam auf Rat des Wahrsagers Hyllos aus dem Eltern-hause über die Grenze gebracht. Machates tötet sich selbst aus Gram.

Wie der Bericht vorliegt, scheint er eine Kontamination aus zwei Sagen, die eine nach dem Typus der Erzählung des Boccaccio (Dec. X, 4), die andere eine einfache Erlösungssage. Petrus Loierus79 trifft nicht weit vom Ziel, wenn er den Anfang dahin ergänzt, der...

Erscheint lt. Verlag 3.6.2024
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften Sprach- / Literaturwissenschaft Germanistik
Schlagworte Blutsauger • Dracula • Mary Shelley • Vampire • Vampirismus
ISBN-10 3-7597-4566-0 / 3759745660
ISBN-13 978-3-7597-4566-8 / 9783759745668
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