Auf der Suche nach einer besseren Welt (eBook)
288 Seiten
Piper Verlag
978-3-492-97070-9 (ISBN)
Karl R. Popper, geboren am 28. Juli 1902 in Wien, gestorben am 17. September 1994 bei London. Er emigrierte 1937 nach Neuseeland, wo er am University College in Christchurch lehrte. Von 1946 bis 1969 war er Professor an der London School of Economics. 1965 wurde er von Königin Elizabeth II. geadelt. Von seinen zahlreichen Büchern liegen auf deutsch unter anderem vor: »Das Ich und sein Gehirn« (mit John C. Eccles), »Auf der Suche nach einer besseren Welt« und sein in Deutschland erfolgreichstes Buch »Alles Leben ist Problemlösen«. Zuletzt erschien »Die Welt des Parmenides. Der Ursprung des europäischen Denkens«.
Karl R. Popper, geboren am 28. Juli 1902 in Wien, gestorben am 17. September 1994 bei London. Er emigrierte 1937 nach Neuseeland, wo er am University College in Christchurch lehrte. Von 1946 bis 1969 war er Professor an der London School of Economics. 1965 wurde er von Königin Elizabeth II. geadelt. Von seinen zahlreichen Büchern liegen auf deutsch unter anderem vor: »Das Ich und sein Gehirn« (mit John C. Eccles), »Auf der Suche nach einer besseren Welt« und sein in Deutschland erfolgreichstes Buch »Alles Leben ist Problemlösen«. Zuletzt erschien »Die Welt des Parmenides. Der Ursprung des europäischen Denkens«.
2. Über Wissen und Nichtwissen[3]
Herr Präsident, Herr Dekan, meine Damen und Herren!
Vor allem möchte ich dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität sehr herzlich für die große Ehre danken, mir die Würde eines Doctor rerum politicarum honoris causa zu verleihen.
Heiße Magister, heiße Doktor gar
kann ich nun sagen, mit Goethes Faust. Und ähnlich wie Goethes Faust scheint es auch mir mehr als zweifelhaft zu sein, ob ich diese Ehre verdient habe.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor …
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Damit bin ich auch am angekündigten Thema meines Vortrages angelangt, an dem Thema »Über Wissen und Nichtwissen«. Ich habe vor, dieses Thema historisch zu behandeln, wenn auch nur sehr kurz, und die Lehre des Sokrates in den Mittelpunkt zu stellen; und so beginne ich mit der schönsten philosophischen Schrift, die ich kenne, mit Piatons Apologie des Sokrates.
I
Platons Apologie enthält die Verteidigungsrede des Sokrates und einen kurzen Bericht über seine Verurteilung. Ich halte die Rede für authentisch.[4] Sokrates erzählt hier, wie erstaunt und bestürzt er war, als er hörte, daß das Delphische Orakel auf die verwegene Frage: »Gibt es jemanden, der weiser ist als Sokrates?« antwortete: »Niemand ist weiser.«[5] »Als ich das hörte«, sagte Sokrates, »da fragte ich mich: Was will der Gott damit wohl sagen? Denn ich weiß, daß ich nicht weise bin; weder sehr weise, noch auch nur ein wenig.« Da Sokrates nicht durch Nachdenken herausbringen konnte, was der Gott mit seinem Orakelspruch meinte, so beschloß er, den Versuch zu machen, das Orakel zu widerlegen. Er ging also zu einem, der als weise galt – zu einem der Staatsmänner Athens – um von ihm zu lernen. Das Ergebnis beschreibt Sokrates folgendermaßen (Apologie 21 D): »Weiser als dieser Mann bin ich schon: Zwar weiß keiner von uns beiden etwas Rechtes. Er aber glaubt, daß er etwas weiß, und weiß nichts. Ich weiß zwar auch nichts; aber ich bilde mir nicht ein, etwas zu wissen.« Nachdem er mit den Politikern gesprochen hatte, ging Sokrates zu den Dichtern. Das Ergebnis war das gleiche. Und dann ging er zu den Handwerkern. Diese wußten nun in der Tat Dinge, von denen er nichts verstand. Aber sie bildeten sich ein, auch vieles andere zu wissen, sogar das Wichtigste. Und ihr Dünkel wog ihr echtes Wissen mehr als reichlich auf. So kam Sokrates schließlich zu folgender Deutung der Absicht des Delphischen Orakels: Der Gott wollte offenbar gar nichts über Sokrates sagen; er hatte sich dieses Namens nur bedient, um zu sagen: »Unter den Menschen ist derjenige der weiseste, der, wie Sokrates, erkennt, daß er in Wahrheit keine Weisheit besitzt.«
II
Sokratesʼ Einsicht in unser Nichtwissen – »Ich weiß, daß ich fast nichts weiß, und kaum das« – scheint mir von der allergrößten Bedeutung zu sein. Diese Einsicht wurde nie deutlicher formuliert als in Platons Apologie des Sokrates. Man hat diese sokratische Einsicht oft nicht ernst genommen. Unter dem Einfluß von Aristoteles hat man sie für Ironie gehalten. Platon selbst gab schließlich (im Gorgias) die Sokratische Lehre von unserem Nichtwissen auf, und damit auch die charakteristisch sokratische Haltung: die Forderung nach intellektueller Bescheidenheit.
Das wird deutlich, wenn wir die Sokratische Lehre vom Staatsmann mit der Platonischen Lehre vergleichen. Es ist das ein Punkt, der einem doctor rerum politicarum besonders wichtig sein muß.
Sowohl Sokrates wie auch Platon stellen die Forderung auf, daß der Staatsmann weise sein soll. Aber das bedeutet bei diesen beiden etwas Grundverschiedenes. Bei Sokrates bedeutet es, daß der Staatsmann sich seiner eklatanten Unwissenheit voll bewußt sein soll. Sokrates wirbt also für intellektuelle Bescheidenheit. »Erkenne dich selbst!« bedeutet für ihn: »Sei dir bewußt, wie wenig du weißt!«
Im Gegensatz dazu interpretiert Platon die Forderung, daß der Staatsmann weise sein soll, als eine Forderung nach der Herrschaft der Weisen, nach der Sophokratie. Nur der wohlunterrichtete Dialektiker, der gelehrte Philosoph, ist fähig zu herrschen. Das ist der Sinn der berühmten Platonischen Forderung, daß die Philosophen Könige werden müssen und die Könige voll ausgebildete Philosophen. Die Philosophen waren von dieser Platonischen Forderung zutiefst beeindruckt; die Könige vermutlich etwas weniger.
Ein größerer Gegensatz zwischen zwei Interpretationen der Forderung, daß der Staatsmann weise sein soll, läßt sich kaum denken. Es ist der Gegensatz zwischen intellektueller Bescheidenheit und intellektueller Anmaßung. Und es ist auch der Gegensatz zwischen dem Fallibilismus – der Anerkennung der Fehlbarkeit alles menschlichen Wissens – und dem Szientismus oder Szientizismus: der These, daß dem Wissen und den Wissenden, der Wissenschaft und den Wissenschaftlern, der Weisheit und dem Weisen, der Gelehrtheit und dem Gelehrten, Autorität zugeschrieben werden soll.
Man sieht hier klar, daß ein Gegensatz in der Beurteilung des menschliche Wissens – also ein erkenntnistheoretischer Gegensatz – zu gegensätzlichen ethisch-politischen Zielsetzungen und Forderungen führen kann.
III
An dieser Stelle möchte ich einen Einwand gegen den Fallibilismus besprechen; einen Einwand, der, wie mir scheint, geradezu als ein Argument für den Fallibilismus verwendet werden kann.
Es ist der Einwand, daß das Wissen, im Gegensatz zum Meinen oder zum Vermuten, wesentlich autoritativ ist; und auch, daß der allgemeine Sprachgebrauch hier die These vom autoritativen Charakter des Wissens unterstützt. So wird der Ausdruck »ich weiß« nur dann sprachlich richtig verwendet, wenn er die folgenden drei Dinge impliziert: erstens, die Wahrheit dessen, was ich zu wissen behaupte; zweitens, dessen Gewißheit; und drittens, das Vorliegen von zureichenden Gründen.
Analysen wie diese kann man oft in philosophischen Diskussionen hören und in philosophischen Büchern lesen. (Vgl. W. T. Krug, Fundamentalphilosophie, 1818, S. 237; J. F. Fries, System der Logik, 1837, S. 421 f.) Und diese Analysen zeigen wirklich, was man im allgemeinen Sprachgebrauch mit dem Wort »Wissen« meint. Sie analysieren einen Begriff, den ich den klassischen Begriff des Wissens nennen möchte: Dieser klassische Begriff des Wissens impliziert die Wahrheit und die Sicherheit des Gewußten; auch, daß wir hinreichende Gründe für unser Fürwahrhalten besitzen müssen.
Es ist nun genau dieser klassische Begriff des Wissens, den Sokrates verwendet, wenn er sagt: »Ich weiß, daß ich fast nichts weiß – und ich weiß kaum das!« Und es ist derselbe klassische Begriff des Wissens, den Goethe verwendet, wenn er Faust sagen läßt:
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Es ist also gerade der klassische Begriff des Wissens, der Wissensbegriff des allgemeinen Sprachgebrauchs, der auch vom Fallibilismus, von der Fehlbarkeitslehre, verwendet wird, wenn sie betont, daß wir uns immer oder fast immer irren können und daß wir daher, im klassischen Sinne von »Wissen«, nichts oder nur sehr wenig wissen; oder, wie Sokrates sagt, daß wir »nichts Rechtes« wissen.
Woran dachte wohl Sokrates, wenn er sagte, daß wir »nichts Rechtes« wissen oder, in mehr wörtlicher Übersetzung, »nichts Schönes und Gutes«? (Apologie 21 D.) Sokrates dachte dabei insbesondere an die Ethik. Er war weit davon entfernt, ethisches Wissen als unmöglich zu erklären; im Gegenteil, er versuchte, ethisches Wissen zu begründen. Dabei war seine Methode eine kritische: Er kritisierte, was ihm und anderen als gewiß erschien. Es war diese kritische Methode, die ihn zum Fallibilismus führte und zu der Einsicht, daß er und andere vom Wissen in ethischen Dingen weit entfernt waren. Dennoch ist Sokrates ein bahnbrechender Ethiker. Von ihm und von seinem Zeitgenossen Demokrit stammt die...
| Erscheint lt. Verlag | 29.2.2024 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Philosophie ► Allgemeines / Lexika |
| Schlagworte | Immanuel Kant • Karl Jaspers • Philosophie • Politik • Sozialwissenschaft |
| ISBN-10 | 3-492-97070-2 / 3492970702 |
| ISBN-13 | 978-3-492-97070-9 / 9783492970709 |
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