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Land zwischen Hochrhein und Südschwarzwald (eBook)

Beiträge zur Geschichte des Landkreises Waldshut Jahrgang 2023
eBook Download: EPUB
2023
372 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-8151-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Land zwischen Hochrhein und Südschwarzwald -
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Im Jahrbuch des Geschichtsvereins Hochrhein e.V. berichten die Autoren über Ereignisse, die den Landkreis Waldshut betreffen.

Der Goethe-Baum „Ginkgo biloba“


Ein „lebendes Fossil“ der Pflanzenwelt
ist auch bei uns wieder „heimisch“ geworden

von Franz Falkenstein, Dogern

Im Laufe der Erdgeschichte hat sich die Pflanzen- und Tierwelt stetig verändert. Nur ganz wenige Arten haben ihre ursprüngliche Form über Jahrmillionen bis in die Gegenwart beibehalten. Ein solches fossiles Gewächs, das der Evolution getrotzt hat, ist der Ginkgobaum (botanisch: Ginkgo biloba L.).

Rund 65 Millionen Jahre liegt das Alter der beiden Ginkgo-Blätter auseinander. Die Versteinerung wurde im amerikanischen Bundesstaat Montana gefunden und stammt aus einer Zeit, als das Erdmittelalter zu Ende ging.

Gegen Ende des Erdaltertums, vor etwa 300 Millionen Jahren, als die Samenpflanzen in der Form der Nacktsamer sich zu entfalten begannen, waren kieferähnlichen Gehölze und die Palmfarne neben dem Ginkgo die einzigen Bäume auf der Erde. Laubbäume, wie wir sie heute kennen, existierten damals noch nicht. Erst gegen Ende des Erdmittelalters, ab der Periode der Unteren Kreide vor rund 135 Jahrmillionen, entwickelten sie sich bei der Entstehung als Bedecktsamer. Somit ist der Ginkgo sehr wahrscheinlich die älteste Baumpflanze der Welt.

In der Jurazeit, vor rund 190 - 140 Millionen Jahren, erreichte der Ginkgo seine größte Formenfülle. Diese Bäume umfassten im Erdmittelalter bis zu 20 Gattungen mit ca. 80 Arten, wie zahlreiche Fossilfunde belegen. Als vor etwa 65 Millionen Jahren durch eine weltweite Katastrophe viele Lebensformen ausstarben (Saurier, Ammoniten und andere), kam es mit der beginnenden Erdneuzeit unter den Ginkgogewächsen zu einer starken Artenverarmung. Vor einer Million Jahren gab es solche Bäume noch in Europa. Doch mit dem Einsetzen der Eiszeiten konnte sich nur eine einzige Art, der „Ginkgo biloba“, nach Südost-China retten und blieb uns dort als letztes Relikt einer artenreichen Pflanzengruppe erhalten. Der englische Naturforscher Charles Darwin (1809 - 1882) bezeichnete diesen einzigartigen Baum, weil er vor Urzeiten in seiner Entwicklung zum Stillstand kam, als „lebendes Fossil“.

Angesichts seines einmaligen Aussehens wurde der Ginkgo schon sehr früh in der ostasiatischen Tradition als „Baum der Erkenntnis“ verehrt. Aber erst um 1730 hatte man die ersten Samen in Holland ausgesät, diese sorgten langsam wieder zu einer weltweiten Verbreitung. Schließlich kann man den seltsamen Baum seit etlicher Zeit auch bei uns entdecken. So stehen inzwischen allein vier Exemplare vor dem Oberen Tor der Stadt Waldshut.

Recht außergewöhnliche Gewächse sind die drei Ginkgobäume vor dem Oberen Tor der Stadt Waldshut (hier um 2001). Zwischen den beiden männlichen Bäumen, die bereits ihr „Laub“ zu vergolden scheinen, strahlt das weibliche Exemplar noch sattgrün dazwischen. Der Ginkgo zählt weder zu den Nadelhölzern und noch weniger zu den Laubbäumen. Seit rund 300 Millionen Jahren ist dieser Urbaum in seiner Entwicklung stehen geblieben und bildete daher eine eigene Klasse.

Von Weitem hält man den Ginkgo mit seinen sattgrünen „Blättern“, die sich im Herbst goldgelb verfärben und anschließend abfallen, für einen Laubbaum. Aber dieses einzigartige Gewächs aus uralten Zeiten ist weder ein Laub- noch ein Nadelbaum, obwohl ihn die Botaniker zu den Nadelhölzern zählen. Die größte Besonderheit gegenüber den heutigen Samenpflanzen ist das rückständige Fortpflanzungssystem des Ginkgos, das eher an die Ursprünglichkeit der Wasserpflanzen oder sehr primitiven Landpflanzen erinnert, was eine Klassifizierung unmöglich macht. Daher nimmt der Ginkgo eine Sonderstellung im Pflanzenreich ein. Auch die parallelstrahlige Nervenstruktur in den zweilappigen Blättern kennt man nur bei Farnen. Ebenso ist der Ginkgobaum zweihäusig, also es gibt weibliche und männliche Pflanzen, so wie beispielsweise bei Eibe, Sanddorn oder Wacholder. Neuerdings weiß man, dass dies durch X- und Y-Chromosomen wie bei den Säugetieren (auch beim Menschen!) zustande kommt. Das Geschlecht kann man an jungen Bäumen kaum feststellen. Der einzige Unterschied ist, dass die weiblichen Bäume rund vier Wochen später als die männlichen ausschlagen und entsprechend später das Laub fallen lassen. Erst im Alter von rund 40 Jahren bilden sie so etwas Ähnliches wie Fortpflanzungssamen.

Die von den weiblichen Bäumen zerstreuten Samenanlagen haben eine mirabellenähnliche fleischige Umfüllung („Silber-Aprikose“), die viel Buttersäure enthält und mit dem Fäulnisprozess der Schalen einen penetranten Gestank verbreiten. Daher sind weibliche Pflanzen in Parkanlagen nicht sehr geschätzt.

Der Ginkgobaum kann über 30 Meter hoch und mehr als 1000 Jahre alt werden. Bei sehr alten Bäumen wachsen dann unter den Ästen luftwurzelähnliche Gebilde nach unten, die den Stamm zu schützen scheinen. Dieser Urbaum ist aufgrund seiner besonderen Zellenstruktur, sogar imstande, Brandkatastrophen zu überleben. Er verfügt auch über eine ausgeprägte Immunität und kann sich mit seinen erstaunlichen Abwehrkräften sich gegen Pilz- und Insektenschädlinge verteidigen. Ja sogar gegenüber Bakterien und Viren hat der Ginkgo eine gewisse Resistenz. Mit soviel robuster Widerstandskraft wird dieser Baum heutzutage gerne als Straßenbegrünung gepflanzt, wo andere Gehölze wegen der Schadstoffbelastung schnell eingehen. Aber das erstaunlichste „Wunder“ hat der Ginkgo in Japan vollbracht. Als 1945 die USA in Hiroshima eine Atombombe abwarfen, wurde durch das „Höllenfeuer“ im weiten Umkreis alles Leben zerstört. Doch in etwa 800 Meter Entfernung vom Zentrum der Explosion keimte bald ein frisches Grün aus einem völlig verdorrten Wurzelstock. Bilder von diesem unbegreiflichen Ereignis gingen damals um die ganze Welt. Der Ginkgobaum wurde so zum Symbol für die Hoffnung und für die ewige Kraft der Natur. Erst nach dem 2. Weltkrieg hat die Medizin seine Heilkraft wieder entdeckt. Besonders bei Durchblutungsstörungen und bei Altersbeschwerden werden daraus Präparate verabreicht.

Ein Blick auf den Ast eines weiblichen Ginkgobaumes, der im Herbst eine Vielzahl von mirabellenähnlichen Samenfrüchten trägt („Silber-Aprikose“). Im Spätherbst, wenn die Früchte reif zum Boden fallen, erzeugt die fetthaltige Umhüllung der Samenkerne beim Verfaulen einen stark ranzigen Geruch.

Schon Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) war von diesem sonderbaren Gehölz ebenso fasziniert („Goethe-Baum“). Er betrieb um 1794 leidenschaftlich botanische Studien und begegnete in Frankfurt am Main erstmals voll Bewunderung über die Einzigartigkeit und Schönheit der „Zweilappigen Silberaprikose“, wie er dann den Ginkgo bezeichnete. Bei seiner Arbeit an der „Metamophosenlehre“ mag das in der Mitte tief eingekerbte Blatt des Ginkgos ihn besonders interessiert haben und verschaffte dem Baum bald eine nachhaltige Popularität. Im Blatt sah Goethe die Verbindung von Auseinanderstrebendem, das von der Doppelheit zur Einheit führt.

Auf Einladung seines alten Freundes begab sich Goethe einige Wochen zu Besuch in das Landhaus des Frankfurters Bankiers Johann Jakob von Willemer. Bei einem gemeinsamen Spaziergang im September 1815 mit der mehr als 20 Jahre jüngeren Bankiersfrau Marianne von Willemer durch den Heidelberger Schlossgarten kam es unter einem Ginkgobaum zu einer Liebeserklärung. Er gab der verehrten Freundin ein Ginkgoblatt als Symbol seiner Liebe zu ihr. Die Form des geteilten Blattes inspiriert Goethe, seiner heimlichen Leidenschaft das Gedicht „Ginkgo biloba“ zu schreiben:

Ginkgo biloba

Dieses Baum’s Blatt, der von Osten

Meinem Garten anvertraut,

Gibt geheimen Sinn zu kosten,

Wie’s den Wissenden erbaut,

Ist es Ein lebendig Wesen,

Das sich in sich selbst getrennt,

Sind es zwey die sich erlesen,

Daß man sie als Eines kennt.

Solche Fragen zu erwiedern

Fand ich wohl den rechten Sinn,

Fühlst du nicht an meinen Liedern,

Daß ich Eins und doppelt bin.

Die Reinschrift des Gedichtes „Ginkgo biloba“, das Johann Wolfgang von Goethe 1815 seiner geliebten Freundin Marianne gewidmet hat.

Goethe hat danach Marianne bis zu seinem Tod im Jahre 1832 nie mehr persönlich gesehen, aber unterhielt bis dahin einen intensiven Briefkontakt. Noch im hohen Alter soll sie bei einem Besuch des Heidelberger Schlosses einer Vertrauten gestanden haben: „Dies ist der Baum, von welchem er mir damals ein Blatt brach und schenkte und mir dann das Gedicht machte und zuschickte“. Die letzten Zeilen dieses Goethe-Gedichtes: „Daß ich Eins und doppelt bin“, könnte auch für die zusammengeschlossene Stadt Waldshut-Tiengen gelten!

Alle Fotos: Franz Falkenstein

Quellen und Literatur

Falkenstein, Franz; Ginkgo biloba L. – Symbol für die Kraft der Natur. In: Wochenbeilage des Alb-Boten, „Waldshuter Erzähler“, Nr. 243 vom 19. Okt. 2002.

Fellmeth, U.;. Begleitbroschüre zur Ausstellung „Faszination Ginkgo“, Uni Hohenheim, Sept. 1999.

Wertz, H. W.; Ginkgo biloba: „Die größte Merkwürdigkeit. In:...

Erscheint lt. Verlag 22.12.2023
Sprache deutsch
Themenwelt Geschichte Allgemeine Geschichte Neuzeit (bis 1918)
Geisteswissenschaften Geschichte Regional- / Ländergeschichte
Schlagworte Baden-Württemberg • Badische Geschichte • Hochrhein • Landkreis Waldshut • Südschwarzwald
ISBN-10 3-7583-8151-7 / 3758381517
ISBN-13 978-3-7583-8151-5 / 9783758381515
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