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Verlorene Welten -  Matthias J. Herwig

Verlorene Welten (eBook)

Indianische Lebensweisen im alten Amerika
eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
358 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7583-5873-9 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
10,99 inkl. MwSt
(CHF 10,70)
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"Alles für uns Fremdartige erfassen und würdigen wir richtig nur durch verständnisvolles Einfühlen und überlegtes Beurteilen nach Maßstäben, die für die andere Seite gelten." Im Sinne dieser Forderung des Pastors und Ethnologen Martin Gusinde nimmt Sie dieses Buch mit auf eine Reise zu unterschiedlichsten Indianervölkern von Kanada bis Feuerland und stellt Ihnen deren Kultur und Geschichte vor. Begleiter auf dieser Reise sind Berichte, Meinungen und Interpretationen von Personen, die sich für Indianervölker interessierten oder auf die eine oder andere Weise mit ihnen in Kontakt gerieten. Die Bandbreite der Wertungen, die in ihnen zum Ausdruck kommen, reicht von Faszination und Bewunderung bis Unverständnis und sogar Abscheu. Dementsprechend kann die Berücksichtigung der Forderung Gusindes in diesem Buch nicht nur zum Verständnis indianischer Menschheitskulturen und deren Lebenswelten dienen, sondern auch zur Reflexion über uns selbst und die Zivilisation, der wir angehören; ganz im Sinne jenes "Erkenne dich selbst", welches uns Europäern als Inschrift auf dem Apollon-Tempel in Delphi schon vor tausenden von Jahren mit auf den Weg gegeben wurde, Und angesichts der Tatsache, dass viele Indianerkulturen ausgelöscht wurden bzw. dabei sind, verloren zu gehen, ruft dieses Buch in Erinnerung, dass ursprüngliche Kultur und Lebenseinstellungen von Indianern immer noch existieren und ums Überleben kämpfen. Dieses Buch ist für Kinder ungeeignet. Es behandelt auch Aspekte, die unerfahrene und empfindliche Menschen verstören können.

Der Autor ist von Beruf Lehrer. Sein Interesse an der Vielfalt und Andersartigkeit indianischer Menschheitskulturen wurde als Kind geweckt und ließ ihn sein Leben lang nicht mehr los.

2. Reaktionen


„Die Weißen sind üble Schulmeister. Ihre Blicke sind falsch und sie handeln falsch. Sie lächeln den armen Indianer an, um ihn zu betrügen; sie schütteln ihm die Hände, um sein Vertrauen zu gewinnen, ihn betrunken zu machen und dann zu täuschen. Wir haben sie gebeten, uns in Ruhe zu lassen und sich von uns fernzuhalten; aber sie folgen uns und besetzen unsere Wege und schlängeln sich zwischen uns wie eine Schlange. Sie vergiften uns mit ihren Berührungen. Wir waren nicht mehr sicher; wir lebten in Gefahr. Wir begannen zu werden wie sie, Heuchler und Lügner, Leute, die alles versprechen und nichts einhalten.“78

Black Hawk (Sauk79)

Missglückte Vereinnahmung


Es dürfte kaum jemand wissen, dass im südamerikanischen Paraguay die Indianersprache Guaraní weiterverbreitet ist als Spanisch. Einer Untersuchung zufolge sprachen noch 1990 etwa 40% der Landesbevölkerung nur Guaraní; weitere 50% waren bilingual in Guaraní und Spanisch. Heutzutage messen die Autoritäten des Landes dieser Indianersprache einiges Gewicht zu. Als Konsequenz müssen mittlerweile alle Grundschüler Paraguays – neben Spanisch – Guaraní lernen.

Guaraní gehört mit über 5 Millionen Sprechern auch zu den großen fünf Indianersprachen unserer Tage zusammen mit der Cuzqueño-Boliviano-Variante des Quechua und dem Aymará in Peru und Bolivien, dem Nahuatl Mexikos sowie der Maya-Sprache der Quiché in Guatemala. Im Gegensatz zu jenen Sprachen können allerdings die Sprecher des Guaraní in ihrer großen Mehrheit nicht mehr als Indianer bezeichnet werden. Wie es zu dieser seltsamen Situation kam, dass in Paraguay als einzigem unabhängigen modernen amerikanischen Staat eine Indianersprache innerhalb der Landesbevölkerung eine größere Verbreitung erfuhr als die Sprache der europäischen Eroberer, verdient hinterfragt zu werden.

Von ihrer Anzahl her hatten die Guaraní, auf welche die Volkssprache Paraguays zurückgeht, schon vor Ankunft der Europäer zu den großen indianischen Völkern gezählt. Mindestens 400.000, wenn nicht gar eine halbe Million Menschen, dürften sie gezählt haben, bevor sie dezimiert wurden durch eingeschleppte Krankheiten sowie Ermordung und insbesondere Versklavung im Rahmen der Eroberung Südamerikas durch europäische Mächte. Allerdings waren sie nie Träger einer so genannten Hochkultur gewesen wie die Quiché und die Vorfahren der heutigen Sprecher des Quechua, Aymará und Nahuatl. Die Guaraní gehörten zu den südamerikanischen Völkern, die man dem Kulturtyp Tropischer Regenwald zuordnet. Diese Völker ähnelten den marginalen Kulturen insofern, als dass auch bei ihnen die soziopolitische Organisation auf Verwandtschaft beruhte und eine Ausbildung von Gesellschaftsklassen noch nicht begonnen hatte. Aber sie lebten in größeren und sesshafteren Einheiten zusammen. Bei den Guaraní bestanden die Dörfer aus vier bis acht großen rechteckigen Häusern, die bis um 50 Meter lang und um einen zentralen Platz angeordnet waren. Bei diesen Häusern trug eine Reihe von zentralen Pfosten einen oder mehrere Pfähle, die den Dachfirst stützten. Gedeckt war die Konstruktion mit Palmblättern, Gras und manchmal auch Baumrinde. Bis zu 60 miteinander verwandte Familien lebten in den größten Häusern, womit die Einwohnerzahl von Dörfern von einigen hundert bis zu über eintausend Menschen betragen haben dürfte. Zwei- oder dreifache Palisaden und ein Graben, gefüllt mit halb eingegrabenen Speeren, schützten die Einwohner für gewöhnlich vor Feinden. Diese Dörfer waren politisch unabhängige Gebilde und ihr Häuptling ein herausragender Schamane.

In Bezug auf die Einrichtung gehört die Hängematte als typisches Kulturelement aus dem Tropischen Regenwald herausgehoben, welche mit Anbau und Verarbeitung von Baumwolle in Verbindung steht. Auch sonst bauten die Guaraní das meiste aus der großen Palette der Anbauprodukte der Völker des Tropischen Regenwalds an, wobei Süßer und Bitterer Maniok sowie Mais Hauptnahrungsmittel waren.

Der Bittere Maniok erzwingt eine ausgeklügelte Technologie, um der Wurzel bei der Mehlgewinnung die giftige Blausäure zu entziehen. Kenntnis und Anwendung dieses Prozesses gilt als Kennzeichen der technologischen Fortgeschrittenheit der Völker dieses Kulturtyps. Hinzu kommen diverse Techniken der Korbflechtkunst und verzierte Töpferwaren. Auch die Verwendung von Kanus gilt als typisch, wobei die historischen Berichte aus der frühen Zeit des Kontaktes erstaunlich wenige Hinweise auf Boote bei den Guaraní enthalten.

Die Guaraní waren einst im Süden Brasiliens, Osten Paraguays und benachbarten Gebieten Argentiniens beheimatet gewesen. Erstes europäisches Interesse an ihnen weckte Sebastiano Caboto, der im Jahre 1526 im spanischen Auftrag mit vier Schiffen und 250 Mann Südamerika ansegelte. Bei seiner Landung in Pernambuco im Nordosten Brasiliens berichteten ihm dortige Indianer von Gold am Río de la Plata. Aufgrund dieser Information fuhr Caboto in den La Plata, weiter den Paraná aufwärts und schließlich noch auf dem Río Paraguay nach Norden bis zur Einmündung des Río Bermejo oder sogar des Pilcomayo. Er selbst fand auf dieser Reise zwar keine Reichtümer, aber die Berichte seiner Expedition über Goldschmuck bei den Guaraní und Edelmetallfunde in den Anden, damals noch als Sierra de la Plata bezeichnet, fanden in Europa interessierte Ohren.

Als Konsequenz segelte im Jahre 1536 unter dem Kommando von Pedro de Mendoza eine Flotte von vierzehn Schiffen mit 2500 Spaniern und 150 Deutschen und Niederländern von Spanien aus an den La Plata. Dort machten sich die Kolonisten zunächst bei den einheimischen Querandí unbeliebt durch ihr ständiges Nachsuchen nach Lebensmitteln. Bei dem Deutschen Ulrich Schmidel, der die Spanier begleitete, findet sich folgende aufschlussreiche Passage zum Konflikt mit den Querandí, ein heute ausgestorbenes Volk ähnlicher Kultur wie die bereits behandelten Tehuelche, welches südlich vom La Plata und Río Paraná in der Pampa lebte:

„Diese Carendies [Querandí] haben uns bey Vierzehn Tagen lang täglich ihrer Armuth von Vischen und Fleisch mitgetheilet / und ins Läger gebracht / unnd nur einen Tag / an welchem sie gar nicht zu uns kommen / ausgesetzt. Derowegen unser Oberster Don Petro Mendozza einen Richter Ian Baban genand / sampt zweyen Knechten zu ihnen schickete (dann diese Völcker Carendies auff 4. Meil wegs von unserm Läger sich auff hielten) die hielten sich aber / als sie zu ihnen kamen / dermassen / daß sie alle 3. wol abgeblewet / un damit wieder heim geschicket wurden als aber unser Oberster Don Petro Mendozza dessen inne ward / nach anzeigung des Richters / welcher eine solche Auffruhr im Läger anfieng / schickete er seinen Leiblichen Bruder Don Diego Mendozza mit 300. Landsknechten / und 30. wolgerüsten Pferdten / darunter ich dann auch einer gewesen / gegen ihnen auß / mit bevelch / gemelte Indianische Carendies alle zu Todt zuschlagen und zufangen / und iren Flecken einzunemen: als wir aber zu ihnen kamen / waren irer wol bey 4000. Mann / dann sie hetten ire Freund zu sich beruffen.“80

Offensichtlich war anfängliche Gastfreundschaft der Querandí in Erpressung von Nahrungsmitteln durch die Spanier übergegangen. In der folgenden Schlacht hatten die Angreifer den Tod von Diego de Mendoza samt sechs Edelleuten sowie um 20 Soldaten zu beklagen. Angeblich 1000 Querandí waren umgekommen, doch fanden die Spanier in ihrem Lager keine Frauen oder Kinder mehr vor; sie waren frühzeitig von den Indianern in Sicherheit gebracht worden.

Die Kolonisten versahen daraufhin ihre Siedlung, die sie Buenos Aires genannt hatten, mit einer Befestigung, litten allerdings dauernd Hunger. Bald darauf griffen mit Guaraní und anderen verbündete Querandí – zusammen angeblich 23.000 Mann – Buenos Aires an, legten es mit Brandpfeilen in Schutt und Asche und vertrieben seine Einwohner auf die Schiffe, von denen sie auch noch vier versenkten. Kanonenbeschuss von den anderen Schiffen ließ die Angreifer schließlich abziehen.

Nach diesen Kämpfen, hauptsächlich aber durch Hunger bedingt, waren nur mehr 560 Kolonisten am Leben. Man ließ schließlich 160 Personen in Buenos Aires zurück und die anderen 400 fuhren den Río Paraná aufwärts Sie erreichten zuletzt am Río Paraguay nahe der Einmündung des Pilcomayo das Dorf Lambaré der Guaraní. Wie Ulrich Schmidel belegt, waren die Spanier vor allem auf der Suche nach Nahrungsmitteln, insbesondere Getreide. Sie hatten den Hauptteil ihrer großen Verluste an Menschenleben der schwierigen Versorgungslage zuzuschreiben. Die Jäger- und Sammlervölker am unteren Paraná konnten und wollten die ungebetenen Gäste nicht dauerhaft ernähren, konnten sich als Nomaden dem Zugriff der Spanier auch leicht entziehen im Gegensatz zu den Ackerbau treibenden Guaraní. Schmidel...

Erscheint lt. Verlag 4.12.2023
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften
ISBN-10 3-7583-5873-6 / 3758358736
ISBN-13 978-3-7583-5873-9 / 9783758358739
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