Schlotbarone, Tribünenbastler, Diamantenaugen. Band II (eBook)
420 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-347-98437-0 (ISBN)
Bernd Engel wurde 1962 in Letmathe, heute Iserlohn, geboren. Nach Abitur, Zivildienst, M.A.-Abschluss Japanologie / BWL an der Ruhr-Universität Bochum folgten die beruflichen Stationen Marketing-Assistent in Düsseldorf, wissenschaftlicher Mitarbeiter in Berlin (Freie Universität), Drehbuch-Autor und Konzeptioner für interaktive Medien sowie Inhaber einer kleinen Internet-Agentur in Hamburg. Seit einigen Jahren arbeitet Engel nur noch freiberuflich und vermietet parallel Ferienwohnungen an der Nordsee. Reaktiviertes Hobby: Schreiben. Früher als freier Journalist (Japan-Themen) und Fachbuchautor (Wirtschaftsjapanisch). Mittlerweile nach Interesse und Neigung, u.a. fußballhistorische Themen.
Bernd Engel wurde 1962 in Letmathe, heute Iserlohn, geboren. Nach Abitur, Zivildienst, M.A.-Abschluss Japanologie / BWL an der Ruhr-Universität Bochum folgten die beruflichen Stationen Marketing-Assistent in Düsseldorf, wissenschaftlicher Mitarbeiter in Berlin (Freie Universität), Drehbuch-Autor und Konzeptioner für interaktive Medien sowie Inhaber einer kleinen Internet-Agentur in Hamburg. Seit einigen Jahren arbeitet Engel nur noch freiberuflich und vermietet parallel Ferienwohnungen an der Nordsee. Reaktiviertes Hobby: Schreiben. Früher als freier Journalist (Japan-Themen) und Fachbuchautor (Wirtschaftsjapanisch). Mittlerweile nach Interesse und Neigung, u.a. fußballhistorische Themen.
Gründer und Antreiber
Alles begann hinter dem Gartenzaun
Das Leben beschert ihm große Erfolge – beruflich wie sportlich, hält aber auch Schicksalsschläge bereit. Doch sein tief sitzendes Verantwortungsgefühl sorgt dafür, dass er sich bis zum Schluss leidenschaftlich für „seinen Verein“ engagiert. Mit seiner beruflichen Aufgabe und der zunehmenden Internationalisierung der jungen Bundesrepublik geht sein Blick nach dem Krieg häufiger über die Landesgrenzen, was Kontakte schafft, den Horizont erweitert und auch internationale Anerkennung sichert. Nationale Erfolge erlauben es ihm, gemeinsam mit seinem Freund Franz Kremer, dem Vereinsvorsitzenden des 1. FC Köln, Pionierarbeit für den deutschen Profifußball zu leisten. Doch als die Bundesliga kommt und aufblüht, ist er nicht mehr da. Der rastlose Einsatz für seinen Verein fordert seinen gesundheitlichen Tribut.
An einem Donnerstag, dem 24. August 1893, erblickt in Borbeck-Vogelheim ein kleiner Junge das Licht der Welt. Es ist Georg Melches, hineingeboren in ein gutbürgerliches Zuhause inmitten eines Bergarbeiterviertels. Dieses Arbeiterviertel gibt es heute so nicht mehr. Aber das Elternhaus steht noch an gleicher Stelle, in der Hafenstraße 210.
Der aus Mülheim an der Ruhr stammende Vater Heinrich, geboren am 7. Januar 1867, und Mutter Katharina Wilhelmine, geborene Trappmann, 9. Juli 1871, freuen sich über den Nachwuchs, der sich in den nächsten Jahren gesund und munter entwickeln wird. Es sind die Neunzigerjahre des 19. Jahrhunderts. Bismarck ist abgetreten. Der Wilhelminismus drängt nach einer Führungsrolle in Europa, rasselt mit dem Säbel und liefert sich Rüstungswettläufe mit Frankreich, Großbritannien und Russland. Der Jugendstil mit seinen geschwungenen, verspielten Formen setzt zunehmend Akzente in Architektur, Mode, Schmuck. Und in Athen starten 1896 die Olympischen Spiele der Neuzeit.
Die wirtschaftliche Gründerzeit liegt bereits zwei Jahrzehnte zurück. Doch der Steinkohlebergbau im Ruhrgebiet wächst weiter und wird seine Fördermenge in den nächsten 20 Jahren fast verdreifachen. Entsprechend nimmt auch die Anzahl der Beschäftigten im Ruhrbergbau zu. Vater Heinrich Melches arbeitet als Direktor und später als Betriebsführer auf der in Vogelheim, einem Stadtteil der Bürgermeisterei Borbeck, gelegenen Zeche Emscher. Diese entwickelte sich aus Grubenfeldzukäufen der älteren Zeche Anna in Altenessen und den darauf neu errichteten Förderanlagen. Sie gehört, wie auch die bekannte Zeche Carl, dem renommierten Kölner Bergwerks-Verein.
1892 wird neben dem seit 1877 in Betrieb befindlichen Schacht Emscher 1 der Schacht Emscher 2 eingerichtet. Weitere zehn Jahre später, 1902, beginnen die Abteufarbeiten für die neue Doppelschachtanlage Emil 1/2, benannt nach dem Generaldirektor des Kölner Bergwerks-Vereins Emil Krabler. In den Dreißigerjahren bürgert sich der fusionierte Zechenname Emil-Emscher ein. Und zu Beginn des neuen Jahrhunderts errichtet der Verein für die neue Schachtanlage eine Zentralkokerei an der Gladbecker Straße, etwa auf Höhe der gegenüberliegenden Johanniskirchstraße. Die Kokerei wird für eine krisenresistente Produktion von Koks und Gas sorgen. Die Inbetriebnahme erfolgt am 1. Oktober 1911.
Abb. 2: Wilhelminische Zeiten: Krupp’sche Rüstungsbetriebe machten Essen bereits im 19. Jahrhundert zur „Kanonenstadt“. // Bild: Autor unbekannt, Hermann Lorch Kunstanstalt, Dortmund – zeno.org; CCO gemeinfrei
Vater Heinrich hat beruflich alle Hände voll zu tun, um das Wachstum seiner Zeche zu organisieren. Neben dem Tagesgeschäft geht es um die Anwerbung neuer Arbeitskräfte, den Aufbau von Siedlungen, die Einrichtung von Konsum-Verkaufsstellen u.v.m. Heinrich Melches sieht sich aber auch dem Gemeinwohl verpflichtet. So engagiert er sich von 1898 bis 1912 als Zentrums-Mann im Borbecker Gemeinderat, was ebenfalls Freizeit kostet.
Melches ist allerdings kein Workaholic. Er nimmt sich immer wieder Zeit für seine Familie und beobachtet mit Liebe und Interesse die Entwicklung seiner Kinder. Am 10. Januar 1895 bringt Mutter Katharina Wilhelmine ein kleines Brüderchen zur Welt, Hermann Melches. Mit ihm gewinnt Georg einen verlässlichen Spiel- und Sportkameraden, der Georgs Interessen teilt und ihn, wie einige Fotos aus dieser Zeit vermuten lassen, häufig begleitet bei seinen vielen Unternehmungen. Am 29. März 1896 kommt Schwester Grete zur Welt (1896-1953). Die Melches-Familie ist komplett.
Abb. 3: Das Carl-Humann-Gymnasium im Essener Süden versorgte schon früh den ältesten Essener Fußballverein, den Essener Sportverein 1899, mit Nachwuchs. // Bild: Wiki05 – eigenes Werk; CCO gemeinfrei
Die Kinder- und Jugendjahre sind geprägt von der allgemeinen Aufbruchstimmung im Ruhrgebiet und der besonderen im Essener Norden. Georg entwickelt sich rasch zu einem begeisterten Fußballspieler, der unter seinen Schulkameraden und Gleichaltrigen in Bergeborbeck und Vogelheim genügend Mitstreiter für den neuen Sport findet. Fußball wird um die Jahrhundertwende überwiegend im bürgerlichen Milieu gespielt. Lange Arbeitszeiten und hohe Preise für eine Fußballgarnitur verwehren der Arbeiterklasse noch den Zugang zum neuen Trendsport. Doch auch im bürgerlichen Lager dominieren Vorbehalte gegenüber der „Fußlümmelei“, wie sie abschätzig genannt wird. Diese Vorbehalte äußern sich bestenfalls durch Herablassung und schlimmstenfalls durch offene Feindseligkeit. Für Letzteres sorgen verlässlich deutschnationale Kreise aus dem Umfeld der Turnvereine. Hier gilt der Turnsport als erprobte, alternativlose Vorstufe zur Wehrertüchtigung, die nicht nur den Körper trainiert, sondern auch Zielstrebigkeit und Disziplin fördert. Der Fußball hingegen wird als anarchische, britisch-degoutante Freizeitaktivität betrachtet. Erst während des Ersten Weltkriegs, als Gefechtspausen zum Fußballspielen einladen, wandelt sich das gesellschaftliche Image des Fußballs, so dass neue Milieus für die noch immer junge Sportart erschlossen werden können.
Fußballanfänge in Essen
Als ältester Fußballverein Essens gilt der Essener Sportverein 1899, der noch heute als Essener Sport-Gemeinschaft 99/06, kurz ESG 99/06, besteht. Zu den Spielern im Jahr 1899 zählen überwiegend Schüler des im Südosten Essens gelegenen Carl-Humann-Gymnasiums. Etwa 70 Jahre später, von 1974 bis 1978, wird Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff bei der ESG seine ersten Schritte in Stollenschuhen unternehmen.
Nur ein Jahr später, im Januar 1900, gesellt sich die von Turnrat Otto Weber gegründete Fußballabteilung des Essener Turnerbundes (ETB) Schwarz-Weiß hinzu. ETB ist ebenfalls im Süden der Stadt ansässig und zählt schon 1902 zum Rheinisch-Westfälischen Spielverband (RWSV), dem Vorläufer des 1907 gegründeten Westdeutschen Spielverbandes (WSV). Die Fußballabteilung nimmt fortan auch an Meisterschaftsspielen teil. Mit dem ETB gehen acht weitere Vereine an den Start – davon einige mit mehreren Mannschaften. Der Liga-Spielbetrieb, auch wenn er zunächst ein wenig fragmentarisch daherkommt, wird Mitte der Nullerjahre für viele zu einem weiteren Anreiz, einen eigenen Verein zu gründen. Dies gilt auch für die Melches-Brüder und weitere Kombattanten aus der Vogelheimer Nachbarschaft, was zudem eine kleine Vorgeschichte hat.
Denn Heinrich Melches gehört nicht zu den Vätern, der seine Söhne unbedingt vom Fußball abbringen möchte. Im Gegenteil. Weihnachten 19061 erfreut er seine beiden Sprösslinge mit einem echten Fußball. Zu jener Zeit ein äußerst rares und teures Geschenk. Dieser wird binnen weniger Wochen zu einem ausgiebig genutzten Sportgerät in der gesamten Nachbarschaft – vorwiegend hinter dem Gartenzaun der Melches – und schließlich zu einem handfesten Aufhänger für die Idee, einen eigenen Fußballverein zu gründen.
Georg Melches, erst dreizehn Jahre alt, entwickelt sich zum Anführer und Antreiber. Seine Akzeptanz – heute würde man von Street Credibility sprechen – muss recht hoch gewesen sein. Befördert wird diese von seinen fußballerischen Fähigkeiten, seinen Erfolgen als Leichtathlet, auch das betreibt er mit Freude und Ehrgeiz, seiner Bildung und nicht zuletzt seinen rhetorischen Talenten. Denn der junge Mann besucht nach der Volksschule Vogelheim das Gymnasium Borbeck und später das Realgymnasium Altenessen, heute Leibniz-Gymnasium. Er versteht es, geschliffen zu formulieren und überzeugend zu argumentieren.
Ein wichtiger Helfer auf dem Weg zur Vereinsgründung ist erneut Vater Heinrich, der es nicht beim Weihnachtsgeschenk Fußball belässt. So dürfen die Melches-Brüder samt Anhang ihre Spiele auf dem Gelände der Emscher-Schachtanlage austragen, das nordöstlich hinter Melches‘ Gartenzaun liegt. Nach getaner, oft staubiger Tat ziehen...
| Erscheint lt. Verlag | 20.7.2023 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Schlotbarone, Tribünenbastler, Diamantenaugen. | Schlotbarone, Tribünenbastler, Diamantenaugen. |
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Sachbuch/Ratgeber ► Sport | |
| Geschichte ► Teilgebiete der Geschichte ► Wirtschaftsgeschichte | |
| Schlagworte | 2. Liga • Arena AufSchalke • Borussia Dortmund • Bundesliga • Diamantenaugen • Erhard Goldbach • Fußball • Fußballhistorie • Georg Melches • Georg-Melches-Stadion • Gerd Niebaum • Goldin • Günter Eichberg • Hans-Joachim Watzke • Klaus Steilmann • Lohrheidestadion • MSV Duisburg • Oberliga West • Regionalliga • Revier • Rot-Weiss Essen • Rot-Weiß Oberhausen • Ruhrgebiet • Schalke 04 • Schloss Strünkede • Schlotbarone • Steilmann-Gruppe • VfL Bochum • Wattenscheid 09 • Westfalenstadion • Westfalia Herne |
| ISBN-10 | 3-347-98437-4 / 3347984374 |
| ISBN-13 | 978-3-347-98437-0 / 9783347984370 |
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