Weltsprache Europäisch (eBook)
480 Seiten
Europa Verlag GmbH & Co. KG
978-3-95890-482-8 (ISBN)
Edmund Jacoby, geboren 1948, studierte Philosophie, Geschichte und politische Wissenschaften in Tübingen, Paris und Frankfurt am Main, unter anderem bei Ernst Bloch und Jacques LeGoff. Er promovierte 1983 bei Alfred Schmidt und lring Fetscher mit der sozialphilosophischen Arbeit 'Wissen und Reichtum. Zum Verhältnis universaler und partikularer Vergesellschaftung'. Neben Lehraufträgen an der Goethe-Universität in Frankfurt arbeitete er als Übersetzer wissenschaftlicher und literarischer Texte und veröffentlichte Arbeiten über Schiller und Goethe sowie Charles Dickens. Ende 1983 wurde Edmund Jacoby Lektor bei der Büchergilde Gutenberg in Frankfurt, 1995 übernahm er die Leitung des Gerstenberg Verlags in Hildesheim. 2008 gründete er zusammen mit seiner Frau Nicola Stuart in Berlin das Verlagshaus Jacoby & Stuart.
Edmund Jacoby, geboren 1948, studierte Philosophie, Geschichte und politische Wissenschaften in Tübingen, Paris und Frankfurt am Main, unter anderem bei Ernst Bloch und Jacques LeGoff. Er promovierte 1983 bei Alfred Schmidt und lring Fetscher mit der sozialphilosophischen Arbeit "Wissen und Reichtum. Zum Verhältnis universaler und partikularer Vergesellschaftung". Neben Lehraufträgen an der Goethe-Universität in Frankfurt arbeitete er als Übersetzer wissenschaftlicher und literarischer Texte und veröffentlichte Arbeiten über Schiller und Goethe sowie Charles Dickens. Ende 1983 wurde Edmund Jacoby Lektor bei der Büchergilde Gutenberg in Frankfurt, 1995 übernahm er die Leitung des Gerstenberg Verlags in Hildesheim. 2008 gründete er zusammen mit seiner Frau Nicola Stuart in Berlin das Verlagshaus Jacoby & Stuart.
EINLEITUNG
Der größte Teil der Menschheit spricht Europäisch, zumindest als Verkehrssprache. Die internationale Sprache der Wissenschaft ist weitgehend Europäisch, gewissermaßen sogar Alteuropäisch, denn ihre Wörter sind altgriechische und lateinische oder solche, die nach den in diesen Sprachen üblichen Wortbildungsverfahren neu erfunden worden sind. Und europäisch sind die Weltsprachen Englisch, Spanisch, Französisch, Russisch und Portugiesisch. Aber auch die großen Regionalsprachen wie Deutsch oder Italienisch haben in der Geschichte der Weltkultur eine große Rolle gespielt und tun es immer noch. Und dann sind da noch die vielen kleineren Sprachen Europas, die alle ihren Beitrag zur Kultur Europas und damit der Welt geleistet haben.
Aber was heißt Europäisch? Gibt es so eine Sprache? Ja, es gibt die Sprache Europäisch. Jedenfalls erscheinen die Unterschiede zwischen den einzelnen Sprachen, aus einiger Distanz betrachtet, lediglich als Dialekte einer einzigen Sprache, oft nicht unterschiedlicher als etwa Mandarin und Kantonesisch in China, der anderen großen Sprachregion des Globus. Es sind nicht die sich oft in kurzer Zeit wandelnden Laute der Wörter, die das Gemeinsame einer Sprache ausmachen, sondern die Gemeinsamkeiten der Begriffe oder Konzepte, die dahinterstehen und die auf eine gemeinsame Kulturgeschichte zurückgehen.
Europäisch ist natürlich etwas anderes als die Nationalsprachen, die an den Schulen der einzelnen »Länder« – künstlich begrenzten Herrschaftsgebieten – gelehrt werden, damit die Kinder auf dem jeweiligen Territorium dieselbe Sprache lernen. Europäisch ist vielmehr die variantenreiche Sprache einer großen Kulturgemeinschaft, deren Sprecher sich nicht alle auf Anhieb mündlich verständlich machen können, aber mit etwas Anstrengung schnell merken werden, dass ihre Gesprächspartner meist dieselben Vorstellungen von der Welt haben wie sie selbst. Europäisch ist die Sprache einer Kulturgemeinschaft. Deren Sprachen, auch die mit unterschiedlichen Wurzeln, ließen sich bei entsprechendem politischen Willen ohne Weiteres zu einer Einheitssprache zusammenfassen, so wie es mit dem Englischen, dieser Mischsprache aus germanischem Angelsächsisch und romanischem Französisch, und zuvor schon mit dem Französischen als Mischsprache von Vulgärlatein und Fränkisch und in geringerem Maß auch mit den anderen Sprachen geschehen ist. Aber vielleicht ist das im Zeitalter automatisierter Übersetzungsprogramme auf den Smartphones, die die europäischen Dialekte aka Nationalsprachen schnell in jede andere verwandeln, gar nicht mehr nötig.
Die Gemeinsamkeit der europäischen Sprachen – oder Dialekte – ist natürlich ihrer gemeinsamen Geschichte zu verdanken, denn Sprachen sind Ausdruck der geschichtlichen Erfahrung von Menschengruppen. Die gemeinsame Geschichte der europäischen Sprachen besteht zunächst darin, dass die meisten von ihnen vor Jahrtausenden von nomadischen Migranten aus den Steppen Mittelasiens mitgebracht worden sind, die mehr oder weniger benachbart gelebt hatten und mehr oder weniger ähnliche Dialekte sprachen. Von diesen Sprachen – oder Dialekten – stammen fast alle europäischen Sprachen ab, außer denen europäischer Ureinwohner wie der Basken oder späterer Einwanderer aus Asien wie der Finnen und Ungarn. Aber auch diese, die Finnen, Basken und Ungarn, sprechen Europäisch, weil ihre Kultur europäisch ist und sie entsprechend viele Wörter von den anderen europäischen Sprachen, vor allem aber die dahinterstehenden Begriffe und damit auch die Denkweise übernommen haben.
Da Schreibweisen sich langsamer ändern als die Aussprache der Wörter, erlaubt uns der Blick auf die Schriftgestalt der Wörter einen Blick tief in deren Geschichte, den die Sprachwissenschaftler in vielen Fällen bis in die europäische Vorgeschichte zurückverfolgen können – ähnlich wie die chinesischen Schriftzeichen stets die Gemeinsamkeiten der sich lautlich unterscheidenden oder auseinanderentwickelnden chinesischen Sprachen festgehalten haben.
Wichtiger als die aus fernster Vergangenheit stammenden Gemeinsamkeiten seiner Dialekte ist für das Europäische jedoch die Tatsache, dass die griechischrömische Hochkultur der Antike ganz Europa geprägt hat, in der Wissenschaft, in Recht und Politik wie in der Literatur – gleich ob die einzelnen Sprachen die entsprechenden Begriffe aus dem spätantiken Gemisch von Griechisch und Latein übernommen und lautlich mehr oder weniger modifiziert oder sie bloß lehnübersetzt haben.
Zum Erbe der griechisch-römischen Universalkultur gehörte für ganz Europa das Christentum mit seinen jüdischen, also auch vorderasiatischen Wurzeln, dank dessen Vordringen in der Spätantike und im frühen Mittelalter Europa vom Atlantik bis zum Ural und vom Nordkap bis Sizilien eine kulturell weitgehend einheitliche Region wurde, auch wenn sich Westeuropa mit seiner lateinischen und Osteuropa mit seiner griechischen und dann auch kirchenslawischen Bildungssprache in mancher Hinsicht getrennt entwickelten.
Ein anderer Erbe der antiken Mittelmeerkultur war die arabisch-muslimische Welt, die im frühen Mittelalter enge Beziehungen zu Südeuropa hatte und deren damalige zivilisatorische Überlegenheit zur Übernahme einer ganzen Reihe arabischer Wörter ins Europäische geführt hat. Denn es ist fast immer so, dass neue technische oder kulturelle Errungenschaften in der Sprache – oder dem Dialekt – der Regionen, aus denen sie stammen, von den anderen Sprachen übernommen werden.
Unter der wachsamen Aufsicht der Kirche des Ostens wurde im frühen Mittelalter im Geiste der griechischen Grammatik eine slawische Schriftsprache entwickelt, die die slawischen Dialekte Osteuropas vereinigte und ihnen eine bis heute währende erstaunliche Ähnlichkeit erhalten oder erst verschafft hat. In Westeuropa bemühten sich unterdessen missionarische Mönche, auch die Sprache der von den Römern Germanen genannten Barbarenstämme zu standardisieren, um ihnen eine einigermaßen einheitliche Fassung der heiligen Schriften zu vermitteln. Dabei taten sie ihnen auch den Gefallen, ihre Heldenmythen zu verschriftlichen. Zuerst in England, dann auch im Süden und im Norden des späteren deutschen Sprachbereichs gab es nun die ersten Zeugnisse einer Literatur von standardisierten germanischen Sprachen, die, jedenfalls für eine Oberschicht, überregional verständlich war.
Dass Dialekte zur Hochsprache werden, ist immer auch auf eine institutionelle Macht zurückzuführen, sei sie kirchlich oder weltlich, die daran interessiert ist, in ihrem Herrschaftsgebiet eine einheitliche Hoch- oder Schriftsprache – in dem Sinne, wie die Deutschschweizer heute noch vom Hochdeutschen als »Schriftdeutsch« reden – durchzusetzen. Das führt immer wieder auch zum Aussterben von Dialekten und Minderheitensprachen. Keine Nationalsprache ist also die natürliche Eigenschaft eines »Volks«; Sprachen sind vielmehr immer Ausdruck historischer Macht- und Herrschaftsverhältnisse.
Die eigentliche Bildungssprache blieb in Westeuropa das Lateinische, das sich selbst weiterentwickelte, um dann auch mehrfach wieder auf seine (vermeintlich) klassische Form zurückreformiert zu werden. Und es blieb diese übernationale Bildungssprache in vielen Bereichen, vor allem in der Jurisprudenz, in der Naturwissenschaft und Medizin sowie in der Theologie bis ins 19. Jahrhundert hinein, in der katholischen Kirche sogar bis ins späte 20. Jahrhundert. In den Ländern, in denen eine aus dem Lateinischen stammende Volkssprache gesprochen wurde, vor allem in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal, dauerte es bis ins Hochmittelalter, dass neben dem Latein auch aus den Volkssprachen hervorgegangene Hoch- und Schriftsprachen die einzelnen Dialekte und Regionalsprachen überwölbten. (Die rumänischen Dialekte wurden allerdings erst im 19. Jahrhundert standardisiert.)
Die von Nordfrankreich ausgehende ritterliche – also weltliche – Feudalkultur mit ihrer aus keltischen Quellen schöpfenden Literatur, die meist um den sagenhaften König Artus kreiste, sorgte überall im feudalen Europa des 12. und 13. Jahrhunderts bis hin nach Russland zur Übernahme von französischen Wörtern und Ideen. Neben der Sprache der feudalen Unterhaltung und Selbstverständigung, der der Ritterromane, ging seit dem Hochmittelalter in allen europäischen Regionen auch die Sprache der aufstrebenden Städte, die Sprache des Handels und des Handwerks, in die Hochsprachen ein. Die italienischen Städte verständigten sich zunehmend in einer modernen Sprache, die sich am toskanischen Dialekt orientierte, da Florenz damals die Kulturhauptstadt Italiens war, während die Kaufleute der Hansestädte in Norddeutschland und im Ostseeraum sich meist auf Niederdeutsch verständigten, anders als die ebenfalls aufstrebenden süddeutschen Städte mit ihren oberdeutschen Mundarten. In Frankreich waren es dagegen nicht die Städte, die eine überregionale Verkehrssprache schufen; hier war es vor allem die Monarchie, die den Dialekt der Île de...
| Erscheint lt. Verlag | 13.10.2022 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Sprach- / Literaturwissenschaft ► Sprachwissenschaft |
| Schlagworte | Begriffe • Dialekte • europäisch • europäische Kulturtradition • Europäische Werte • Gemeinsame Sprache Europas • Gemeinsamkeit • Kulturgeschichte Europas • Kulturraum Europa • Lehnübersetzungen • Regionalsprachen • Schriftgestalt • Sozialgeschichte Europas • Sprache • Sprachentwicklung • Sprachnationen • Sprachverwandtschaft • Sprachverwirrung • Sprachwissenschaft • Verbindung über Sprache • Weltsprache • Zusammenwachsen |
| ISBN-10 | 3-95890-482-3 / 3958904823 |
| ISBN-13 | 978-3-95890-482-8 / 9783958904828 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich