DER AACHENER DOM (eBook)
132 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-347-67446-2 (ISBN)
Nach dem Ingenieurstudium als Elektroniker war ich im Maschinenbau als Entwicklungsingenieur und Projektwelter weltweit tätig. Jetzt im Ruhestand kann ich im Aachener Dom als Domschweizer das Bauwerk und seine Besonderheiten bewundern. Jetzt habe ich Zeit über die Zusammenhänge nachzudenken und zu recherchieren.
Nach dem Ingenieurstudium als Elektroniker war ich im Maschinenbau als Entwicklungsingenieur und Projektwelter weltweit tätig. Jetzt im Ruhestand kann ich im Aachener Dom als Domschweizer das Bauwerk und seine Besonderheiten bewundern. Jetzt habe ich Zeit über die Zusammenhänge nachzudenken und zu recherchieren.
I. DAS AACHENER MÜNSTER IM 19. JAHRHUNDERT
1. Einführung
Die Marienkirche Karls des Großen, die einst der Stolz und Mittelpunkt seines Reiches war, ist im Mittelalter durch Unglücke und Vernachlässigung dem Verfall nahegekommen. Was heute für die Kirchenbesucher ein Ort der vertrauten Einkehr ist, ruft bei den Tagesbesuchern ob seiner Ausstattung Erstaunen, Bewunderung und oft auch tiefe Ergriffenheit hervor. All das ist das Ergebnis unermüdlicher Anstrengungen vieler Beteiligter.
In erster Linie ist es der Karlsverein, der seit seiner Gründung 1847 die organisatorische Leitung für die Restauration des Aachener Münsters übernommen hat. Ebenso sind es die zahlreichen Spender aus der Bürgerschaft, die den Großteil des aufgebrachten Geldes beigesteuert haben, sei es in Vereinsbeiträgen, Einzelspenden oder durch Lotterielose. Mehr als 1,3 Millionen Mark sind allein bis 1897 zusammengekommen.
Die Erneuerung der Innenausstattung nach Verfall und Verwüstung war ein unendlich langer, mühevoller Prozess von Ideen, Gutachten und Streitgesprächen. Zahlreiche Überlegungen, wie Karl der Große seine Pfalzkapelle ausgestattet hatte, und wie eine Restauration sie wiederherstellen sollte, wurden oft genug strittig diskutiert. Archäologische Befunde und Hinweise in der Literatur boten nur lückenhafte Anhaltspunkte dafür, wie die ursprüngliche Ausstattung ausgesehen haben mag, und ließen breiten Interpretationsraum für die Art und Weise der Erneuerung.
Das Bewußtsein für die Erhaltung von historischen Bauwerken begann sich während der Biedermeierzeit zu formieren, doch in der Mitte des 19. Jahrhunderts war der Begriff der Restauration noch nicht verbindlich definiert. Wie sollten historische Bauwerke erhalten werden? Als status quo, auch als Ruine? Nach dem Originalzustand restauriert, oder fertiggestellt nach den Vorstellungen des Erbauers?
Mit der Gründung des Dombau- und Karlsvereins im Jahre 1847 wurde bald durch einem beispiellosen finanziellen und organisatorischen Kraftakt das Bauwerk instandgesetzt. Der Verfall war teilweise so groß, dass die Bausubstanz bedroht war. Die baulichen Schäden am Aachener Münster wurden maßgeblich verursacht durch den Stadtbrand 1656, Hagel und Blitzeinschläge, Vernachlässigung, Geldmangel und den Raub der französichen Revolutionstruppen. Die Bleiabdeckung der Dächer war abgedeckt, der barocke Stuck im Oktogon durch Feuchtigkeit und den Ausbau der Säulen beschädigt, Außenmauern und Fenster schadhaft und besonders die filigrane Architektur der Chorhalle war ernsthaft betroffen. Dadurch hatten die Maßnahmen zur Erhaltung des Bauwerkes zunächst Vorrang vor Verschönerungsmaßnahmen.
Dennoch begann man schon seit den 1840er Jahren, Überlegungen für die Renovierung der Innenausstattung anzustellen. Erste Entwürfe wurden 1844 von dem Landesbauinspektor der Bauverwaltung Aachen und Stadtarchitekten Johann Peter Cremer1 und 1847 vom preußischen Konservator für Kunstdenkmäler, Ferdinand von Quast, vorgelegt.2 Es lag im breiten Interesse der Bürgerschaft, das Marienstift zu erhalten. Gleichzeitig formierte sich eine staatliche Richtungsweisung für die Instandsetzung von Bauwerken, bis dann das deutsche Kaiserhaus das symbolträchtige Bauwerk für sich entdeckte.
Es wird verständlich, vor welchen schwierigen Entscheidungen und finanziellen Engpässen die damaligen Verantwortlichen standen, wenn man bedenkt, dass es annähernd 40 Jahre dauerte, bis schließlich die ungeliebte Stuckdekoration der Barockzeit herabgeschlagen war und 1881 das Kuppelmosaik mit dem Bildnis des Pantokrators und der 24 Ältesten als erste größere Maßnahme fertigstellt war.
Noch weitere 20 Jahre wurde darum gerungen, eine historisch angemessene Ikonographie für die weitere Ausstattung des Innenraums zu finden. Erst nach der Jahrhundertwende wurde sie erneuert und erhielt durch die Mosaike an den Wänden und Gewölben, die Marmorinkrustation und die Fußböden eine einmalige Ausschmückung, die ihres gleichen unter den außergewöhnlichen Kirchenbauten der Welt sucht.
2. Der Zustand vor der Erneuerung
Mit der Erhebung der Siedlung aquis zum Regierungssitz führte Karl der Große den terminologischen Wandel von villa zu palatium durch und gründete hier den beständigen Mittelpunkt seines karolingischen Reiches. Über römischen Fundamenten und denen seiner merowingischen Vorfahren erbaute Karl die Marienkirche. Sie war ab etwa 805 als Pfalzkapelle sowohl das private Oratorium des Herrschers, aber auch Stiftskirche für residierende Kanoniker und Pfarrkirche für die Aachener Bevölkerung.3
Spätestens seit der Krönung Ottos I. im Jahre 936 erlangte das Marienstift zudem politische Bedeutung, indem es zur Krönungskirche der römischen Könige deutscher Nation erhoben wurde. Bis 1531, mit Ferdinand I., wurden 30 Könige und 12 Königinnen in Aachen gekrönt. Bedeutende Herrscherdynastien wie die Karolinger, Ottonen, Staufer und Habsburger haben zum heiligen Ruhme durch Ausmalung, Stiftungen oder bauliche Veränderung des Gotteshauses beigetragen. Deren Stiftungen sind bleibende Zeugnisse der Verehrung und Hochachtung für die Patronin der Marienkirche und des Gründerkaisers.
Abb. 1 Neher, Aachens Dom im Jahre 1853, während der Heiligtumsfahrt.
Von der Turmkapelle wird eines der großen Reliquien gezeigt. Der Turm noch ohne die neugotische Aufstockung, das Sechzehneck mit der Ballustrade und den vergrößerten, barockisierten Fenstern, die Matthiaskapelle ohne Dachaufsatz, die Arkaden der Annakapelle sind zugemauert.4
Mit hohem Detaillierungsgrad wird der schlechte Bauzustand des Münsters vor der Wiederherstellung wiedergegeben.
Aus dieser Zeit sind als herausragende Beispiele die Pala d’oro, der Karls- und Marienschrein, die Heinrichskanzel und der Barbarossarleuchter erhalten. Die Schatzkammer birgt darüber hinaus noch unzählige wertvolle Stücke, vielfach als Spenden, als Zeugnis tiefer Verehrung.
2.1 Niedergang im späten Mittelalter
Nach 1531, als die Krönungen nicht mehr nach dem alten Ritus in Aachen stattfanden5 und die Stadt die vormalige politische Bedeutung im Zentrum des Reiches verloren hatte, begann der Niedergang der Kirche. Seit dem Mittelalter haben unglückliche Zerstörungen, gravierend durch den großen Stadtbrand von 1656, Blitz- und Hagelschlag, aber auch bauliche Vernachlässigung dazu geführt, dass das Bauwerk massiv geschädigt wurde und sogar in Teilen vor dem Verfall stand, „denn der seit 1666 gerissene Gewölbebogen des Chorpolygons drohte im Jahre 1730 zusammenzustürzen.“ 6 Vermutlich sind auch nach 1727 keine grundlegenden Sanierungsarbeiten erfolgt, „denn anders ist es kaum zu erklären, dass der dänische Architekt Zuber 1776 dem Stiftskapitel den Abbruch der Chorhalle empfahl.“7
Zum Glück wurde auch sein Vorschlag nicht verwirklicht, die Chorhalle „durch Einsetzen eines Scheingewölbes in Holz dem Chor die Hälfte seiner Höhe zu entziehen“ und die hohen Kirchenfenster auf kleine barocke Fenster zu reduzieren und somit Symmetrie mit dem Oktogon herzustellen. Doch auch das Stift trug, möglicherweise unbeabsichtigt, zum Verfall der Chorhalle bei, indem es aus Geldnot „die hohen Nischen zwischen den Strebpfeilern an Krambudenbesitzer verpachtet(e). [Abb.1-2] Diese hatten sich nicht gescheut, größere Steine aus den Pfeilern zu entfernen. […] Dies war natürlich alles auf Kosten der Pfeiler und Gewölbefestigkeit geschehen.“8 Die enormen Schäden an den Dächern sowie des Glockenturms waren teilweise nur provisorisch beseitigt worden. Und dem weiteren Verfall war noch kein Ende gesetzt.
Abb. 2 Stich von Johann Poppel, um 1840 nach Ludwig Lange.
Die Detailansicht zeigt den deutlichen Verfall der Fassade. Fehlende Fensterscheiben im Oktogon, bröckelnder Putz, verwitterte und bereits herabgefallene Schmuckelemente, angebaute Krambuden, die bei der Chorhalle sogar schädigend in die filigrane Bausubstanz eingegriffen haben.
Das ehemalige barocke Portal in der Annakapelle, als Zugang in den Dom von der Südseite, hat sein pendent durch die noch existierende Krämertüre an der Nordseite. Heute steht das barocke Portal im Domgarten in der Nähe des ursprünglichen Einbauortes.
Abb. 3 F. Vervloet, Das Dominnere im Jahre 1818
Vermutlich die früheste Darstellung des Hochmünsters nach dem Raub der Säulen von 1795 durch die französischen Besatzungstruppen. Ohne die Säulen unter den hohen Gewölbebögen öffnet sich der Blick vom oberen Umgang aus nach Südosten. Faymonville schreibt dazu: „(Dieses) Gemälde zeigt das Innere des Münsters, wie es Kaiser Alexander von Rußland und die Fürstin von Thurn und Taxis in Begleitung des Generalvikars Fonk und...
| Erscheint lt. Verlag | 7.7.2022 |
|---|---|
| Mitarbeit |
Sonstige Mitarbeit: Daniela Lövenich, Hedi von der Kall, Willi Radel |
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geschichte ► Allgemeine Geschichte ► Altertum / Antike |
| Geschichte ► Allgemeine Geschichte ► Neuzeit (bis 1918) | |
| Schlagworte | Artari • Barock • Beissel • Béthune • Blaustein • Bock • Buchkremer • Byzantinisch • Byzanz • Cantian • Chapuy • Chorhalle • Cipolino • Cipollin • Cosmati • Denkmalpflege • Diokletian • Einhard • Faccina • Faymonville • Frescomalerei • Giallo antico • Hadrian • Hagia Sofia • Hagiographie • Ikonographie • Karl der Große • Karlsverein • Karolingisch • Konstantin • Kulturkampf • Kuppelmosaik • Lakedaimon • Majestas Domini • Marmorata • Marmorinkrustation • Marmor Luculleum • Mosaik • Oktogon • opus alexandrinum • Opus sectile • Otto III • Pfalzkapelle • Porphyr • Porphyra • Puhl & Wagner • Quast • Radermacher • Ravenna • ravennatisch • salviati • San Vitale • Schaper • Schmuckfußboden • Schwarting • Schwechten • Serpentino • Staurothek • Strzygowski • Stucco lustro • Swenigorodskoï • Tambour • Thron • Wandinkrustation • Zopfzeit |
| ISBN-10 | 3-347-67446-4 / 3347674464 |
| ISBN-13 | 978-3-347-67446-2 / 9783347674462 |
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