MENSCH-GOTT-KIRCHE (eBook)
144 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7557-9426-4 (ISBN)
3. Die Ohnmacht des endlichen Intellekts
Einem Mathematiker und Physiker stellt sich die menschliche Erkenntnis-Situation so dar, "dass es der freie, in Symbolen schaffende Geist ist, der sich in der Physik ein objektives Gerüst baut, auf das er die Mannigfaltigkeit der Phänomene ordnend bezieht. Es bedarf dazu keiner solchen von außen gelieferten Mittel wie Raum, Zeit und Substanz-Partikel: er nimmt alles aus sich selbst".9
Diese Sicht knüpft an Heideggers Beobachtung an, dass die Physik es nie mit "bloßen Tatsachen" zu tun hat, sondern diese immer schon einbezieht in ihren "mathematischen Entwurf der Natur selbst", in dessen Licht und Muster sie die Tatsachen findet, methodisch ordnet und umgrenzt.
So stelle sich die Wissenschaft von der Natur dar als "vorgängiger Entwurf" ihrer (der Natur) "Seins-Verfassung".10
Zudem werde der forschende Menschengeist "getrieben ... von dem metaphysischen Glauben an die Realität der Außenwelt (neben den sich gleichartig der Glaube an die Realität des eigenen Ich, des fremden Du und Gottes stellt)".11
Hier könnte man anmerken, der Erfolg dieser Methode bestätige jedenfalls, dass menschlicher Geist und Natur einander entsprechen.
Die zurückhaltende Ausdrucksweise ist angebracht. Denn über "Entsprechung" hinaus ist nicht angebbar, wie die plurale physikalisch-chemisch beschriebene Realität unabhängig vom menschlichen Verstand „an sich“ beschaffen sei. Wir sehen Aspekte der Natur vermittelt durch unsere Symbole (als chemische Verbindung, z.B. CO2) und Kategorien (z.B. Ursache – Wirkung), die ja als solche der Natur nicht angehören. Kausalbeziehungen sind für uns nur denkbar in Raum und Zeit.
Wird, zum Beispiel, der sekündliche Masse-Verlust der Sonne (gemäß E = mc2 ) mit 4,24⋅109 kg beziffert, sind diese Chiffren die des Geistes, nicht der Sonne, auch wenn sie die Abstrahlung der Sonne bezeichnen und fassbar machen.
Das erinnert an Kants Vergleich vom erkennenden Geist, der mit der Natur agiere im Modus „eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt“.12
Dieser verwunderte, leicht anmaßende Vergleich aus Newtons Zeiten ist heute zu differenzieren.
Naturwissenschaft sah sich vor allem im 20. Jahrhundert von den Phänomenen der Natur selbst genötigt, ihre Fraggen anders zu stellen, auch unerwartete, gar unpassend erscheinende Antworten der Natur entgegenzunehmen.
Boethius hatte formuliert, alles, was der Mensch erkenne, werde erkannt gemäß der Art und Fähigkeit des Erkennenden, entsprechend dem jeweiligen Erkenntnisvermögen des Menschen,13 ein Satz, den man bis ins Psychologische verallgemeinerte.
Doch ist in die Aussagen von Boethius und Kant inzwischen gleichsam ´Fahrt` gekommen: Die primär statische (physisch-metaphysische) Betrachtung der Welt wurde im Sinne Heraklits ergänzt durch Betrachtungsweisen und Methoden, die es erlauben sollen, Bewegung und Veränderung der Dinge in sich und zueinander festzustellen. Sie erweitern die naturwissenschaftliche Vision.
Die Vorstellung eines starren Ursache-Wirkung-Gefüges der Natur ist, nach fachlicher Auskunft, heute verlassen für die Idee eines universalen Wirkungs-Zusammenhangs, dessen Maß-Struktur man beschreibt, ohne Sachverhalte stets "erklären", gar in Gesetzen festschreiben zu können.14
Verglichen mit der (quantenphysikalisch) erweiterten Kosmologie weist die klassische Physik nach Galilei-Newton eine eher statisch-objektivierende Betrachtungsweise auf.
In der Quantenphysik aber verliert ein Objekt seine eindeutige Zuordnung. Es ist Objekt nur noch in Wechselwirkung mit anderen Objekten, es ist komplementär, das heißt, nicht mehr eindeutig dieses, sondern ebenso gut jenes, je nach Betrachter. Das gilt auch für das Weltall: es ist Vieles und als Vieles doch Eines.15
Was heißt das für die menschliche Erkenntnis, denkt man an deren Raum- und Zeitgebundenheit?
Der Empirismus hatte für den Hausverstand formuliert: "Alle Ereignisse erscheinen völlig lose und getrennt. Ein Ereignis folgt dem anderen; doch nie können wir irgendein Band zwischen ihnen beobachten. Sie erscheinen vereint (conjoined), jedoch niemals verbunden (connected) ".16
Tatsächlich sehen wir aber ein Band zwischen einander folgenden Ereignissen, freilich nicht mit dem leiblichen, sondern mit dem geistigen Auge. Einander folgende Ereignisse können durch ein Band verknüpft sein, etwa als Beschleunigung v = a t oder als Entwicklung (z.B. s Einzeller → Vielzeller) symbolisch fassbar. Das symbolische Band knüpfen wir; die Beziehung beobachten wir nicht, wir schauen sie geistig.
Das Band bewirkt aber noch etwas, das durch Gewohnheit zumeist übersehen wird: es stellt die beobachteten, einander folgenden Ereignisse fest! Das Band selbst ist statisch, bewegt sich nicht, sondern stellt die Ereignisse kraft der geschauten Beziehung zwischen den Ereignissen fest! Im Band präsentieren sich die Ereignisse als eine - durch Zahlen und Symbole festgehaltene – Folge von Zuständen! Bewegtes und Bewegung lassen sich zwar sinnlich registrieren, aber nicht unmittelbar als solche erfassen und intellektuell begreifen, sie lassen sich nur greifen durch Feststellung. Das bedeutet: Bewegung, Veränderung, Entwicklung kann vom endlichen Geist nicht unmittelbar als solche begriffen, sondern nur durch Feststellung (von mindestens zwei Zuständen!) erfasst, nur auf dem Umweg der Feststellung – also nachträglich - beschrieben werden. Ereignisse folgen einer Gesetzmäßigkeit, die sich selbst nicht ereignet, sondern fest, unbewegt ist: sie ruht im Verstand.
Der Sachverhalt erinnert an eine berühmte Formulierung von Heinrich Hertz:
Wir machen uns innere Scheinbilder oder Symbole der äußeren Gegenstände, und zwar machen wir sie von solcher Art, dass die denknotwendigen Folgen der Bilder stets wieder die Bilder seien von den naturnotwendigen Folgen der abgebildeten Gegenstände.
Damit diese Forderung erfüllbar sei, müsse natürlich eine gewisse Übereinstimmung bestehen zwischen Natur und Geist, was die Erfahrung bestätige. Doch sei es „nicht nötig“, dass die genannten Bilder „irgendeine weitere Übereinstimmung mit den Dingen haben. In der Tat wissen wir auch nicht, und haben auch kein Mittel, zu erfahren, ob unsere Vorstellungen von den Dingen mit jenen in irgend etwas anderem übereinstimmen, als allein in eben jener einen fundamentalen Beziehung.17
Diese "eine fundamentale Beziehung" ist als solche statisch, fest stehend. Wo wir Dinge verstehen, bringen wir sie zum Stehen!
Vielleicht kann man auch sagen: wir müssen die jeweilige Bewegung von Körpern, Korpuskeln, Teilchen, Energieträgern usw. gleichsam anhalten, um ihre Beziehung - in unserem Erfahrungsraum bewegt sich ein jedes relativ zu einem anderen – feststellen zu können (auch um den Preis der Veränderung eines Quants). Das schließt statistische bzw. wahrscheinliche Aussagen ein.
Der zitierte "metaphysische Glaube an die Realität der Außenwelt", fundiert (nach Hertz) zumindest "in eben jener einen fundamentalen Beziehung", bestätigt erkenntnistheoretisch die Gleichung des alten Denkers Parmenides: "dasselbe ist Denken und Sein". Was Gesetz und Struktur heißt, ist Wissen, Information, wo forschender Geist und erscheinender Gegenstand (Natur) übereinkommen.18
Erkenntnis, Information entsteht zwar (im Augen-Blick) - und entstehend ereignet sich Übereinkunft von Sein und Denken -, doch entstanden steht sie fest (bis sie im Geist eines Lernenden neu entsteht).19
Diese Einsichten betreffen die naturwissenschaftlich erforschte Mikro-Welt und Makro-Welt.
Dabei ist die weithin formalisierte Erkenntnis der Welt nicht die einzige. Die von Menschen in ihren eigenen Dimensionen erlebte makroskopische bzw. mesokosmische Welt hat ihr eigenes Recht.
Hier bleibt die Rede von Wesen, Dasein, von Existenz, Form usw., Betrachtungs- und Erlebnis-Weisen gültig, sie sind durch maß-strukturelle Beobachtungen nicht ersetzbar und als solche nicht auf Mikrophysik rückführbar.
Hier geht zu Recht die Rede von Substanz, von Brot und Wein, von Gestalt, von eidetischer Schau, vom Wesen der Dinge, von Wesenserkenntnis und Seins-Gehalt.20
Wie unentbehrlich auch die nicht-formalisierte Betrachtung für Naturwissenschaft ist, zeigt jener anti-reduktionistische Zweig der Biologie, von Forschern wie Buytendijk, Portmann, Zoller u.a. vertreten: die Bedeutung der Gestalt, Schönheit, ja des "Innenlebens" im Reich des...
| Erscheint lt. Verlag | 8.3.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Religion / Theologie ► Christentum |
| ISBN-10 | 3-7557-9426-8 / 3755794268 |
| ISBN-13 | 978-3-7557-9426-4 / 9783755794264 |
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Größe: 281 KB
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