Jean (eBook)
390 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-347-45679-2 (ISBN)
Martin Wilhelm Gross wurde 1959 in der Pfalz, nahe der französischen Grenze geboren und lebte und arbeitete nach einem Studium der Elektrotechnik unter anderem in Polen, den USA, der Schweiz und Schweden. Seit 2013 lebt er mit seiner Frau Birgit in Südfrankreich, wo er auch endlich die Muße zum Schreiben fand. Sein Interesse gilt insbesondere der jüngeren europäischen Geschichte , was sich auch in seinen Büchern widerspiegelt. Zwei weitere Werke des Autoren sind in Vorbereitung.
Martin Wilhelm Gross wurde 1959 in der Pfalz, nahe der französischen Grenze geboren und lebte und arbeitete nach einem Studium der Elektrotechnik unter anderem in Polen, den USA, der Schweiz und Schweden. Seit 2013 lebt er mit seiner Frau Birgit in Südfrankreich, wo er auch endlich die Muße zum Schreiben fand. Sein Interesse gilt insbesondere der jüngeren europäischen Geschichte , was sich auch in seinen Büchern widerspiegelt. Zwei weitere Werke des Autoren sind in Vorbereitung.
Vorwort
Jean oder bei welcher Variante seines Vornamens man ihn auch immer nennen will, war unser Vater. Er wurde 1922 im rumänischen Teil des Banats, einer grenzüberschreitenden Region zwischen Ungarn, Serbien und Rumänien geboren. Diese, aus dem 18. Jahrhundert durch die Besiedelung von überwiegend Deutschen entstandene Enklave des habsburgischen Österreich, wurde nach dem ersten Weltkrieg aufgeteilt, wodurch ein großer Teil Rumänien zugeschlagen wurde. Jean oder Ioan wie er damals hieß, wuchs in einer für die Banater typischen Großfamilie in einem kleinen Dorf auf. Nichts hätte während seiner Kindheit und Jugend ferner liegen können, als das deutsche Nazireich. Trotzdem wurde er, wie nahezu 80.000 andere deutschstämmige Rumänen, als junger Mann in die Waffen-SS rekrutiert. Die genauen Umstände dieses Vorgangs, sind was ihn persönlich betrifft, wie so vieles aus dieser Zeit nicht näher bekannt. Er erzählte nie sehr viel von Früher und über den Krieg selbst zu sprechen war ein Tabu. Dieses wurde nur bei den sehr seltenen Zusammenkünften mit dem einen oder anderen Veteranen aus dem Krieg gebrochen. Dann saßen sie lange zusammen und hatten dabei auch ein paar Flaschen zu viel getrunken. Das war dann aber immer abends und wir Kinder, vor allem ich als der Jüngste, mussten ins Bett. Trotzdem habe ich noch bruchstückhafte Erinnerungen an diese seltenen und auch seltsamen Abende. Da war dann schon mal die Rede von Kriegserlebnissen, wie die Russen mit sogenannter Pressluft geschossen hätten und wie man daraufhin tote Soldaten fand, die völlig unverletzt erschienen, von den schönen Russenfrauen, von Partisanen die aus dem Hinterhalt auftauchten aber auch von toten Kameraden, der gnadenlosen Winterkälte und dass es oft tagelang nichts zu essen gab. Nur an Hinrichtungen oder an das Wort Konzentrationslager kann ich mich nicht erinnern. Darüber wurde niemals gesprochen. Allerdings erwähnte meine Mutter nach seinem Tod eine kurze Episode seines Einsatzes an der Ankunftsrampe eines Konzentrationslagers. Das er einem oder einer der Ankommenden ein Stück Brot zustecken wollte und dafür von einem Vorgesetzten abgemahnt wurde. Auch, dass er an seiner Mütze einen Totenkopf gehabt hätte, welchen er aber in seiner Gefangenschaft entfernt hatte. Es gibt auch ein Foto mit eben jener Mütze und einer Uniformjacke, auf dem die Schulterklappe mit dem Totenkopf der SS weggekratzt worden war. Ich habe daher gerade die Verwendung von Rumäniendeutschen in der SS, ihre Ausbildung und häufigen Einsatz bei den KZ Wachmannschaften besonders detailliert recherchiert. In diesem Zusammenhang, war gerade das Mithören der Prozessprotokolle der Auschwitz- und Majdanek-Prozesse sehr hilfreich aber auch sehr belastend. Zusammenfassend kann man feststellen, dass die rumänischen Volksdeutschen nahezu ausschließlich, entweder beim III SS-Panzerkorps, bei der SS-Division Prinz Eugen oder bei den SS-KZ Wachmannschaften, deren Ausbildung in Oranienburg stattfand, Dienst taten. Nur wenige Handverlesene kamen zur Leibstandarte Adolf Hitler. Dazwischen gab es auch Verschiebungen, insbesondere zwischen den Wachmannschaften und den kämpfenden Einheiten. Auf jeden Fall landeten sie nahezu allesamt bei der SS und nicht in der regulären Wehrmacht. Ich erinnere mich auch daran, dass ich meinen Vater nachts gelegentlich schreien hörte, wenn ihn seine Erinnerungen an den Krieg in Albträumen plagten. Das ging dann immer nur ein paar Sekunden lang. Dann vernahm ich die beruhigende Stimme meiner Mutter die ihn geweckt hatte.
Nach seinem Tod habe ich mich immer wieder gefragt, was er denn wirklich so alles in seinem, zeitweise unfreiwillig turbulenten Leben, durchgemacht aber auch getan haben könnte. Was er alles nach dem Krieg in seinem Rucksack mit sich herumgeschleppt hatte. Lange blieb es nur bei diesen Gedanken, bis ich anfing mich der Ahnenforschung zu widmen. Im Zuge dessen beschäftigte ich mich auch mit den Lebensbedingungen im Banat der Vorkriegszeit und den Veränderungen, welche durch die Einflussnahme der Nationalsozialisten vonstattengingen. Dabei wurde mir erst bewusst, dass mein Vater ein Zeitzeuge des beginnenden Untergangs einer jahrhundertealten Volksgemeinschaft gewesen war. Vom Zeitpunkt seiner Einberufung zum Militär, bis hin zu seiner ersten und auch einzigen Rückkehr nach Rumänien, Ende der sechziger Jahre, war nahezu alles verloren was Generationen der sogenannten Donauschwaben aufgebaut hatten. Zehntausende wurden am Ende des 2. Weltkrieges von den russischen Besatzern, unter Mithilfe des neuen kommunistischen Regimes, in Arbeitslager der Sowjetunion verschleppt. Fast ein Viertel davon überlebten die schwere Arbeit und die miserablen Lebensbedingungen nicht. Die Meisten derer, die wieder freikamen gingen gar nicht mehr nach Rumänien zurück, sondern direkt in eine der westdeutschen Besatzungszonen. Nach dem Krieg lebten von seiner Familie mein Vater und seine Schwester Leni in Deutschland. Die anderen Geschwister waren noch immer in Rumänien und konnten nicht ausreisen. Für das Regime von Nicolae Ceausescu waren sie zur Handelsware geworden, welche man in späteren Jahren bestens an die Bundesrepublik Deutschland verkaufen konnte. Da sie aber im Falle eines Ausreiseantrags ihr ganzes verbliebenes Hab und Gut, ohne gerechte Entschädigung verlieren würden, wagten sie die Ausreise viele Jahre lang nicht. Erst als die wirtschaftliche Situation in den achtziger Jahren unerträglich wurde, verließen auch sämtliche Brüder mit ihren Familien das Land. Nur Elisabeth – genannt Lissi -, die ältere Schwester meines Vaters blieb zurück. Sie ist die Einzige, die auch in Rumänien starb und dort begraben ist. Seine Eltern hat er nie wiedergesehen.
Meine Motivation dieses Buch zu schreiben, war der Wunsch diesem Menschen, der wie so viele dieser Generation wie ein Blatt im Wind der Kriegsstürme trieb, seine ganz persönliche Geschichte zu geben. Ich wollte nicht, dass sich die Erinnerung an seine Lebensgeschichte - wie bei den meisten meiner Vorfahren - am Ende nur auf eine Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunde beschränken würde. So kam es dazu, dass ich den Versuch unternahm, einen Lebensweg zu zeichnen wie er wahrscheinlich hätte gewesen sein können. Basierend auf den Fragmenten meiner Erinnerungen, den wenigen vorhandenen Dokumenten und innerhalb der Familie erzählten Anekdoten, ist daraus diese biographische Geschichte entstanden. Einiges davon ist belegbar wahr, anderes wiederum Fiktion basierend auf Zeitdokumenten und einiges frei erfunden. An dieser Stelle stellten sich natürlich immer wieder die Fragen: Was darf man vermuten? Wie weit sollte bzw. durfte ich gehen bei meinen Annahmen? Ist er z.B. begeistert gewesen von seiner Rekrutierung in die SS oder eher notgedrungen gegangen? War er z.B. an Erschießungen beteiligt? Wenn ja, wie hatte er sich verhalten bzw. wie hatte dies auf ihn gewirkt? Wissenschaftliche Abhandlungen belegen, dass ein Großteil der jungen Banater durchaus von der Idee begeistert war, als Mitglied der deutschen Wehrmacht, als deren Teil von den Rumänen mangels besseren Wissens auch die Waffen-SS angesehen wurde, in den Krieg zu ziehen. Die Tatsache, dass sie so dem Wehrdienst in der schlecht ausgerüsteten rumänischen Armata, die ja an der Seite der Wehrmacht im Osten kämpfte, entgehen konnten, war dafür sicher nicht der einzige Grund. Die deutsche Wehrmacht hatte vor der Niederlage bei Stalingrad den Nimbus der Unschlagbarkeit und bis sich die Wahrheit über die Lage an der Ostfront tatsächlich verbreitete, vergingen nach der desaströsen Kesselschlacht noch viele Monate. Auch die Werbefilme, welche die Anwerber in den kleinen Ortschaften des Banats im Dorfgemeinschaftshaus vorspielten, zeigten immer eine hochmotorisierte, schnell nachvorne stürmende, siegreiche Truppe. Wenn man schon in den Krieg musste, dann wollte man genau dahin. Die Abfahrten mit den Transportzügen in die Ausbildungslager im Reich, glichen häufig eher Volksfesten denn schmerzhaften Abschiedsszenen. Da lief dann schon mal das ganze Dorf zusammen und man sang vor den schön geschmückten Waggons zur Musik der Dorfkapelle. Aber es gibt auch viele Berichte von Verweigerern bzw. Solchen, die versuchten ihre Abfahrt mit allen möglichen Mitteln zu verzögern. Allerdings war der Druck aus den Reihen der Volksgemeinschaft enorm. Deren oberste Führer waren Nazis und zudem Karrieristen. Man wollte seinen Beitrag leisten in diesem vaterländischen Krieg. Gerade dies mutet eher bizarr an, lebten doch die Banater schon seit dem 18. Jahrhundert in Rumänien und hatten stets nur sehr lose Verbindungen zum deutschen Reich unterhalten.
Wie sich am Ende zeigte, sollte die Sterblichkeitsrate bei den Volksdeutschen in der Waffen-SS sogar deutlich höher als bei der Armata liegen. Dies war nicht zuletzt der meist schlechten und viel zu kurzen Ausbildung der Rekruten geschuldet, die häufig als Ersatztruppen für bereits dezimierte Regimenter herangezogen wurden. Hinzu kam eine Bewaffnung, die ebenfalls unzulänglich war und zumeist noch den Beständen der zwanziger Jahre entstammte. Bezeichnend ist auch, dass man mit der SS-Division Prinz Eugen, eine rein volksdeutsche Kampfeinheit geschaffen hatte, die gegen die, in der...
| Erscheint lt. Verlag | 23.12.2021 |
|---|---|
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Geschichte ► Allgemeine Geschichte ► 1918 bis 1945 | |
| Schlagworte | Angst • Banat • Donauschwaben • Dorf • Drittes Reich • Familie • Hunger • Junge • Kälte • Konzentrationslager • Krieg • Kriegsgefangenenschaft • KZ • Liebe • Massacker • Menschen • Nazi • Partisanen • Rumänien • Rumäniendeutsche • Tod • Verletzung • Verwundung • Waffen • Waffen-SS • Zeit |
| ISBN-10 | 3-347-45679-3 / 3347456793 |
| ISBN-13 | 978-3-347-45679-2 / 9783347456792 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich