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Das Feuer des Gesprächs -  Juliana Stolz

Das Feuer des Gesprächs (eBook)

Philosophie und Praxis lebendiger Kommunikation
eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
164 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7543-6897-8 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
4,49 inkl. MwSt
(CHF 4,35)
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Wie wäre es, Gespräche zu erleben, die uns Kraft geben und nicht nur Kraft kosten, die uns nähren und klären und in der Tiefe miteinander verbinden? Dieses Buch zeigt neue Wege auf, wie wir Denken, Fühlen und Handeln verbinden können, um stimmiger, wirksamer und lebendiger zu kommunizieren. In vielen praktischen Übungen werden die Leserinnen und Leser eingeladen, das eigene Zuhören und Sprechen zu erkunden und um neue Qualitäten zu erweitern. Wenn wir um diese Möglichkeiten in der Kommunikation wissen, begnügen wir uns in Begegnungen nicht mehr mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern fragen nach unseren größten gemeinsamen Möglichkeiten.

Juliana Stolz ist Philosophin und Kommunikationstrainerin. In ihren Workshops und Trainings lädt sie denkfreudige Menschen ein, neue dialogische Handlungsfähigkeiten zu entwickeln. www.kompass.training

Vier Fenster zur Wirklichkeit


Der amerikanische Philosoph Ken Wilber hat im Rahmen seiner umfangreichen integralen Studien ein sogenanntes „Quadranten-Modell“ entwickelt, das vier grundsätzliche Perspektiven von Wirklichkeit unterscheidet: Die Perspektive des „Ich“ und des „Wir“, also der Einzahl und der Mehrzahl der ersten Person, sowie das „Es“ der Objekte, ebenfalls in der Einzahl und in der Mehrzahl. Es gibt also vier Perspektiven der Wirklichkeit: die individuelle und die kollektive Innenperspektive („Ich“ und „Wir“) sowie die individuelle und die kollektive Außenperspektive („Es“ bzw. „Sie“) 4.

Abbildung 1: Vier Perspektiven der Wirklichkeit

In diesem ganzheitlichen Verständnis von Wirklichkeit entspricht jeder Innen-Perspektive auch eine Außen-Perspektive (und umgekehrt), und wo etwas individuell erscheint, gibt es auch eine kollektive Perspektive (und umgekehrt). Auf einen Menschen angewendet, ergeben sich daraus vier Aspekte des Menschseins:

Abbildung 2: Menschenbild in vier Perspektiven

Die Art und Weise, wie wir täglich kommunizieren und Konflikte austragen, ist ein Ausdruck unserer individuellen und kulturellen Geschichte sowie der äußeren Gegebenheiten, die uns beeinflussen. Die Kultur, in die wir eingebunden sind, wirkt mit ihren Werten, Rollenerwartungen und Ritualen auf unsere Art zu kommunizieren, ebenso wie die jeweiligen (zeitlichen, räumlichen, materiellen…) situativen Kontexte, in denen wir uns jeweils bewegen. So ist die Kommunikation auf einer Großbaustelle sicher eine andere als die im Seminarraum einer Universität. Und auch in diesen unterschiedlichen Kontexten gibt es große Unterschiede – etwa zwischen den Arbeitskräften untereinander, zwischen den Arbeitskräften derselben kulturellen Herkunft untereinander oder mit ihren Vorgesetzten auf der Baustelle. Auch die Fachbereiche einer Universität sprechen ganz unterschiedliche akademische Sprachen, so wie sich die Kommunikation in technischen Berufen von der in sozialen Berufen deutlich unterscheidet. Diese Ausdifferenzierung von unterschiedlichen Kontexten ist heute eine zentrale Herausforderung in der Kommunikation. Um jedoch nicht nur in der eigenen „Community“ verstanden zu werden, müssen wir vor allem die Fähigkeit ausbilden, uns flexibel auf uns selbst, auf andere und auf neue Situationen einstellen zu können.

Ein „integraler Blick“ ermöglicht uns, das zwischenmenschliche Geschehen ganzheitlich und möglichst umfassend zu erfassen. „Integral heißt nach dem Quadrantenmodell: alle Sichtweisen werden mit je eigenen Methoden erkannt und sind auf ihre je eigene Weise wahr oder gültig. Wir können auf etwas „von außen“ draufschauen, oder in oder mit etwas schauen. Das eine lässt sich nicht auf das andere reduzieren, weil sich mit unterschiedlichen „Brillen“ etwas Unterschiedliches zeigt. Aus einer „inneren“ Perspektive heraus gewinnen wir andere Erkenntnisse und stellen andere Fragen als im Erforschen der beobachtbaren Außenseite. Dabei steht eine Perspektive zwar häufig im Vordergrund unserer Wahrnehmungen und Reflexionen, während die anderen im Hintergrund bleiben, deshalb sind sie aber keineswegs bedeutungslos. Eine integrale Perspektive weiß sie auf einer grundlegenderen Ebene im Gesamtprozess des Lebendigen verbunden. Erst durch das Wahrnehmen und Einbeziehen einer Sichtweise erhält die andere ihren angemessenen Platz und ihre Gültigkeit. Jede Sichtweise ist auf ihre je eigene Weise wahr – und zugleich ergänzungsbedürftig.

Die Fragen und Antworten des Innen werden in einer Sprache formuliert, die sich nicht einfach in die des Außen übersetzen lässt, und umgekehrt. Nach Wilber ist die gesamte rechte Seite des Diagramms, also der äußerlich- individuelle und äußerlich- kollektive Bereich, in einer ES-Sprache formulierbar.5 Die individuelle Außenperspektive ermöglicht uns, das Verhalten von Individuen zu beobachten und zu messen. Allerdings sehen wir dabei nur die Oberflächen der Individuen, also die Erscheinungsformen und Verhaltensweisen. Wir können uns auch selbst von außen betrachten und dies in Beziehung zu unserem inneren Erleben setzen. Die individuelle Innenperspektive bezieht sich auf das, was jede und jeder bei sich selbst wahrnehmen kann. Beispielsweise können wir unsere Impulse, Empfindungen und Gefühle, Gedanken und Fantasiebilder wahrnehmen. Wir können vieles in uns „ausleuchten“, anderes bleibt im Dunkeln (also unbewusst), könnte aber auch weiter ausgeleuchtet (also bewusster) werden. Wir können mit anderen über dieses innere Wissen in einen Dialog treten und dabei mehr oder weniger wahrhaftig über unser Innenleben Auskunft geben.

Auch die Erfahrungen, die wir kollektiv machen, sind schwieriger zugänglich ist als Erkenntnisse, die wir durch einfaches Hinschauen und Einordnen formulieren können. Die ausdrücklichen oder stillschweigenden Übereinkünfte in einer Gruppe, Familie oder Community, also etwa die Wertvorstellungen über angemessenes Verhalten oder über Rollenerwartungen, sind in ihrer inneren Tiefe mit der „Außensicht“-Brille nicht zu erfassen. Sie sind nur dialogisch erschließbar. Wir können beispielsweise das kulturelles Rollenverhalten von Personen beobachten und exakt beschreiben, doch dann wissen wir noch immer nichts über ihre Handlungsmotive oder ihre Absichten, und was dieses Verhalten für sie bedeutet. Wir können die Menschen jedoch nach ihren Deutungen fragen und Annahmen über das formulieren, was wir glauben, verstanden zu haben. Wir überprüfen dies an unserer eigenen subjektiven Wahrnehmung und der Wahrnehmung anderer, bis wir Verständigung erreicht haben. Die kollektive Außenperspektive schließlich lässt das Verhalten von Systemen und deren äußere Bedingungen sichtbar werden. Unser Blick richtet sich nicht auf das Verhalten Einzelner, sondern auf das Zusammenspiel und die Vernetzung, die die Komponenten eines Systems miteinander und mit ihren Umfeldern bilden. Diese Beobachtungen können wir auf Funktionalität und Passung hin überprüfen.

Abbildung 3: Vier Perspektiven von Kommunikation

Diese vier Perspektiven von Wirklichkeit machen grundlegende Unterschiede in der Realitätswahrnehmung und -interpretation deutlich. Eine Person spricht in einer bestimmten Situation etwa über beobachtbares Verhalten, die andere über innere Erlebnisse, beide betrachten die gleiche Wirklichkeit und nehmen doch ganz Unterschiedliches wahr. Die unterschiedlichen Perspektiven lassen sich auf verschiedene Weise verbinden. Wenn ich zum Beispiel jemanden lächeln sehe (eine empirische Tatsache) , entspricht dies wahrscheinlich dessen freundlichen Gefühlen (subjektives Erleben), es könnte sich aber auch eine kulturelle Gewohnheit ohne besondere Bedeutung handeln.

Wenn wir in der Lage sind, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, kann das sehr hilfreich für das Verstehen und Gestalten von Kommunikation sein. Es könnte dazu beitragen, viele Missverständnisse und Konflikte zu klären. Das Wissen um Vielperspektivität von Wirklichkeit erleichtert auch, dass wir uns in unseren (oft vorschnellen) Urteilen und Bewertungen eher zurücknehmen können. Der Bewusstseinsforscher Jean Gebser spricht von der Möglichkeit der „Aperspektivität“6. Damit meint er, dass wir ein Geschehen erst einmal wahrnehmen und einschätzen können, ohne uns schon für eine bestimmte Perspektive zu entscheiden. Wir halten dann die verschiedenen Perspektiven in der Schwebe, bis wir uns entscheiden oder handeln. Wie wir noch sehen werden, ist die Fähigkeit, Annahmen und Meinungen „in der Schwebe halten“ zu können, eine zentrale Kompetenz für dialogische Kommunikation.

Mit folgender Übung können wir ein Gespür für die unterschiedlichen Perspektiven von Wirklichkeit entwickeln:

Übung: Quadranten-Scan

Du kannst diese Übung in jeder Situation machen (in der U-Bahn, in einem Meeting, in der Familienrunde…)

Richte deine Aufmerksamkeit nacheinander auf die Fragestellungen in den einzelnen Quadranten. Beginne oben links.

INNEN AUSSEN
ICH ES
Was passiert gerade in meinem Inneren (Gedanken, Gefühle …?) Wie sieht der konkrete Ort aus, an dem ich mich gerade befinde? (Was sehe ich, rieche ich…?)
Wie fühlt sich mein Körper „von innen“ an? (Körperempfindungen, Berührung, Atem…) Wie fülle ich den Ort aus? Welchen Platz nehme ich ein?
Was ich jetzt tue und erlebe: stimmt das für...

Erscheint lt. Verlag 13.9.2021
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften
ISBN-10 3-7543-6897-4 / 3754368974
ISBN-13 978-3-7543-6897-8 / 9783754368978
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