Schnelle und nachhaltige Lösungen für langwierige und scheinbar unlösbare Probleme und seelische Not? Was unmöglich klingt, kann in der hypnosystemischen Seelsorge gelingen. In diesem Kurzzeitverfahren werden psychische und physische Selbstheilungskräfte aktiviert und in traditionelle Seelsorgeformen integriert.
Jean-Otto Domanski, Pfarrer, hypnosystemischer Berater und Seelsorge-Ausbilder stellt die Grundlagen hypnosystemischer Seelsorgearbeit vor und zeigt an vielen Beispielen, wie das lösungs- und ressourcenorientierte Seelsorgegespräch gelingen kann.
Jean-Otto Domanski, geboren 1966, Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde Tegel-Borsigwalde, Berlin-Reinickendorf, Klinische Seelsorgeausbildung (KSA) in Berlin und Hamburg, Coaching-Ausbildung beim Institut für Kultur und Religion, Berlin, Hypnotherapieausbildung nach Milton H. Erickson am Institut für Hypno-Systemische Beratung, Kaiserslautern, Ausbildung zum systemischen Gemeinde-und Organisationsberater beim Institut für Personalberatung, Organisationsentwicklung und Supervision (IPOS) der Ev. Kirche in Hessen und Nassau, Aufbauausbildung Hypno-Systemische Beratung und Therapie am Institut für Hypno-Systemische Beratung, Kaiserslautern. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Berlin.
II. GRUNDLAGEN
2. Biografie und Therapie – Leben und Wirken von Milton Erickson
Viele hypnosystemische Techniken gehen auf Milton Hyland Erickson zurück oder sind Weiterentwicklungen seiner Ansätze. Um sie zu verstehen, ist es hilfreich, nicht nur seine Arbeiten, sondern auch seine Lebensgeschichte zu kennen. Erickson (1901-1980) war einer der innovativsten und einflussreichsten amerikanischen Therapeuten des 20. Jahrhunderts. Seinen spektakulärsten Fällen ist gemein, dass er scheinbar unüberwindliche Probleme elegant und mit überraschend simplen und originellen Ideen auflöste. Neben seinen eigenen Schülern prägte er die Palo-Alto-Gruppe um Paul Watzlawick, John Weakland und Richard Fisch, beeinflusste Gregory Bateson, die aufkommende Familien- und systemische Therapie sowie die lösungsorientierte Kurzzeittherapie von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg. Auch Richard Bandler und John Grinder, die Gründer des Neuro-Linguistischen-Programmierens (NLP), studierten und kopierten seine Techniken.
Die Entwicklung der modernen Hypnotherapie durch Erickson ist eng mit seiner Biografie verknüpft. Für ihn waren Hoffnung und psychische Widerstandsfähigkeit die Voraussetzung für die Bewältigung seines eigenen Lebens. Milton Erickson wurde 1901 als zweites Kind einer armen Farmerfamilie im Mittleren Westen der USA geboren. Schon als Kind war er anders, was sich darin zeigte, dass er nicht nur einen großen Wissensdurst, sondern auch eine ganze Reihe von Allergien und Beeinträchtigungen mitbrachte. Er lernte spät laufen und sprechen, war farbenblind und litt unter Dyslexie, d.h.: Lesen und schreiben zu lernen fiel ihm ausgesprochen schwer. Er berichtete später mehrfach von dem Aha-Erlebnis, als seine Grundschullehrerin die Merkmale der Zahl »3« hervorhob und er zum ersten Mal lernte, sie von dem Buchstaben »M« zu unterscheiden. Trotzdem las er alle Bücher, die er in die Finger bekam, und war als Mister Dictionary bekannt, da er im Lexikon immer von vorne zu lesen begann und erst spät begriff, dass die Artikel alphabetisch sortiert und unter den Anfangsbuchstaben zu finden sind. Mit 15 Jahren schrieb er einen Artikel für eine nationale Zeitschrift, der sich mit den Problemen von jungen Menschen auf dem Land beschäftigte.
Mit 17 Jahren erkrankte Erickson an spinaler Kinderlähmung. Die Prognose war schlecht, und der Arzt der Familie erklärte den Eltern, dass ihr Sohn den nächsten Morgen nicht erleben werde. Diese Ankündigung machte Erickson unglaublich wütend, weil er dachte, kein Arzt habe das Recht, einer Mutter so etwas zu sagen. Er bat seine Eltern, sein Bett und die Kommode so zu stellen, dass er durch den Flur im Westen den Sonnenuntergang sehen konnte. Seine Eltern dachten, er sei im Delirium, erfüllten ihm aber den Wunsch. Erickson konzentrierte sich auf einen einzigen Gedanken: »Ich werde den nächsten Morgen erleben.« Er erlebte den nächsten Morgen und auch den Sonnenuntergang am Abend, dann verlor er für drei Tage das Bewusstsein.
Als er aus dem Koma erwachte, war sein Körper weitgehend gelähmt. Er war noch in der Lage, die Augen zu bewegen, zu schlucken und unter Mühen zu sprechen. Er verbrachte die Tage in einem Schaukelstuhl, in dem er von seiner Familie festgebunden wurde, damit er nicht herausfiel. Seine Eltern und die acht Geschwister leisteten ihm immer wieder Gesellschaft. Trotz alledem war sein Wissensdurst ungebremst. Er gewöhnte es sich an, auf kleinste Details seiner Umgebung zu achten, und entwickelte so eine phänomenale Beobachtungsgabe. So konnte er aus dem Klang der Schritte auf die Stimmung von Besuchern schließen. Das ging so weit, dass er in späteren Jahren einer Mitarbeiterin zu ihrer Schwangerschaft gratulierte, von der diese selber noch nichts wusste.
An einem Tag hatte seine Familie keine Zeit, sich um ihn zu kümmern. Er saß im Schaukelstuhl und seine Sehnsucht, wenigstens aus dem Fenster sehen zu können, wurde so übermächtig, dass nach drei Stunden der Stuhl leicht zu schaukeln begann. Erickson glaubte zunächst an ein Erdbeben, erkannte dann aber, dass seine Sehnsucht unwillkürliche Muskelbewegungen ausgelöst hatte. Er durchforschte seine Erinnerungen danach, welche Körperwahrnehmungen mit Bewegungen verknüpft gewesen waren, wie z.B. dem Halten eines Bechers. Er trainierte diese Fähigkeit und brachte bald ein Zucken eines Fingers zustande. Durch weiteres Training und isometrische Übungen gelang es ihm, auch den benachbarten Finger zu bewegen. Er studierte, wie seine kleine Schwester laufen lernte, und schaffte es durch Übungen und Beobachtung, innerhalb von 11 Monaten wieder mit Hilfe eines Krückstocks zu gehen.
Wesentliche Grundannahmen der Hypnotherapie haben hier ihren Ursprung. Das Unbewusste war für Erickson Zeit seines Lebens der Hort ungeahnter Fähigkeiten und Ressourcen. Auch eine gewisse Abwertung des von ihm als rigide empfundenen Bewusstseins rührt daher. Erickson meinte später, wenn jemand ihm eine halbe Stunde, bevor der Schaukelstuhl zu schaukeln begann, gesagt hätte, dass er in der Lage sei, seine Muskeln zu gebrauchen, hätte er sich gekränkt und nicht ernst genommen gefühlt. In seinen Therapien war es deshalb oft sein Anliegen, das Unbewusste trickreich am bewussten Denken vorbei direkt anzusprechen.
Während der folgenden Rehabilitationszeit brach er alleine zu einer zehnwöchigen Kanutour auf dem Rock River in Milwaukee auf. Er musste sich von seinen Freunden mit Boot und Krücken zum Fluss tragen lassen. Auch während der Tour war er immer wieder auf fremde Hilfe angewiesen. Verpflegung verdiente er sich durch Kochen oder Geschichtenerzählen. Nach sechs Wochen war er so kräftig, dass er die Strecke gegen den Strom zurückpaddeln konnte. Er legte über 2000 Kilometer zurück, hatte wieder laufen gelernt und konnte das Boot auf seinen Schultern nach Hause tragen!
Im Herbst 1920 nahm er sein Studium an der Universität in Wisconsin auf und machte am Ende einen Abschluss in Psychologie und Medizin. Von Anfang an interessierte er sich für Hypnose, da er in ihr ein schnelles und effektives Werkzeug für Veränderungen sah. Während seiner Zeit als Assistenzarzt lernte er, auch seine Einschränkungen für sich zu nutzen. Die Tatsache, dass er behindert war und eine Gehstütze brauchte, erleichterte ihm den Zugang zu Patienten. Auch als er in späteren Jahren unter dem Post-Polio-Syndrom litt und auf einen Rollstuhl angewiesen war, pries er die Vorzüge, die die Betrachtung der Welt aus dieser Position hat. Auch das ist typisch für die Erickson’sche Strategie der Utilisation: Nutze alles, was da ist, auch wenn es scheinbar keinen Nutzen hat.
Von 1930 bis 1934 stieg er vom Assistenzarzt zum Oberarzt der psychiatrischen Forschungsabteilung am State Hospital in Worchester, Massachusetts, auf. Seine erste Ehe scheiterte und er erhielt das Sorgerecht für seine drei kleinen Kinder. 1936 heiratete er Elisabeth Moore, mit der ihn bis zu seinem Tod 1980 eine gegenseitige intensive Wertschätzung verband. Gemeinsam hatten sie fünf weitere Kinder. Erickson bezog seine Familie auf eine Art und Weise in seine Therapien mit ein, die heute kaum denkbar ist. In den 1940er- und 1950er-Jahren gehörte er zu den ersten, die Familien zur Problemlösung einsetzten. Wenn er Kinder in Therapie hatte, gab er seinen eigenen Kindern zu verstehen, ob es hilfreich und sinnvoll wäre, dass sie sich mit den Patienten anfreundeten oder nicht. Einem Patienten mit Schizophrenie ermöglichte er ein selbstständiges Leben in einer Zeit, in der es neben einem stationären Aufenthalt praktisch keine Alternativen gab. Er machte ihn zu einem Hausfreund seiner Familie und bereitete die Stabilisierung des Therapieerfolges über seinen eigenen Tod hinaus vor. Immer wieder nutzte er ungewöhnliche Methoden, um Klienten zu helfen. Er schickte Alkoholiker in die Wüste oder in den Botanischen Garten, um von einer bestimmten Kakteenart zu lernen, die 50 Jahre ohne Wasser auskommt. Er ging mit schüchternen Klienten essen und instruierte vorher die Bedienung, mit ihnen zu flirten. In späteren Jahren schickte er viele Klienten auf einen nahegelegenen Berg, um einen neuen Blickwinkel zu bekommen.
1947 erhielt er nach einem Fahrradunfall eine Tetanusspritze, was zu einer lebensbedrohlichen allergischen Reaktion führte. Aufgrund seiner Allergie, der Muskelschmerzen und der geschwächten Konstitution konnte er die Kälte und Feuchtigkeit des Winters in Michigan nicht länger ertragen und folgte der Einladung von John Larson, Direktor des Arizona State Hospital, nach Arizona zu kommen. Als Larson 1949 das Krankenhaus verließ, entschied sich auch Erickson zu gehen und eine private Praxis in Phoenix zu eröffnen.
In den 1950er-Jahren avancierte Erickson zu einer landesweit bekannten Persönlichkeit und wurde als Experte für psychologische Fragen von berühmten Sportlern, dem FBI und dem US-Militär zu Rate gezogen. Er entwickelte Seminare, die den Einsatz von Hypnose im medizinischen, zahnmedizinischen und psychologischen Bereich im ganzen Land verbreiteten. Er war Mitbegründer und Präsident der American Society of Clinical Hypnosis und Gründungsherausgeber des American Journal of Clinical Hypnosis. Zugleich verschlechterte sich sein Gesundheitszustand dramatisch. 1953 erkrankte Erickson schwer am Post-Polio-Syndrom. Obwohl er während dieser Zeit ans Bett gefesselt war und unter starken Schmerzen litt, fand er die Kraft, Patienten telefonisch zu behandeln. Sein Interesse an anderen lenkte ihn von seinen eigenen Schmerzen ab. Nachdem der Polio-Schub überwunden war, litt er an Muskelschwund im linken Arm und in den Beinen. Später folgten weitere Attacken, die nicht mehr...
| Erscheint lt. Verlag | 26.4.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Religion / Theologie ► Christentum |
| Schlagworte | 2022 • Alltagsseelsorge • Ausbildung • eBooks • Fortbildung • Geistliche Begleitung • Hypnose • Neuerscheinung • Neurolinguistisches Programmieren • NLP • Pastorale Psychologie • Pastor*innen • Praktische Theologie • Psychologie • Reflexion • Selbsterkenntnis • Systemtheorie |
| ISBN-10 | 3-641-28699-9 / 3641286999 |
| ISBN-13 | 978-3-641-28699-6 / 9783641286996 |
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