Lebendiges Denken (eBook)
138 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7543-8692-7 (ISBN)
Juliana Stolz ist Philosophin und Kommunikationstrainerin. In ihren Workshops und Trainings lädt sie denkfreudige Menschen ein, Denken, Sprache, Erleben und Fühlen in einen Dialog zu bringen. www.kompass.training
1 Weltbilder im Wandel
Wer sich für Philosophie interessiert, muss nicht unbedingt selbst philosophieren wollen. Vielleicht ist das Bedürfnis, sich Themen und Fragen auf philosophische Weise zu nähern, bereits mit dem Lesen von entsprechenden Büchern und Texten oder durch das Miterleben von Diskussionen ausreichend erfüllt. Wenn wir es jedoch „Expert*innen“ überlassen, Wirklichkeit zu deuten, verzichten wir auf einen wesentlichen Ausdruck unserer Lebendigkeit. Sind wir dagegen bereit anzuerkennen, dass wir selbst Expertinnen und Experten unseres eigenen Lebens sind und über einen unvertretbaren Zugang zur Wirklichkeit verfügen, übernehmen wir Verantwortung dafür, dieser konkrete Mensch mit dieser speziellen Sichtweise zu sein. Philosophieren bedeutet im Grunde die Herausforderung, den eigenen Blick existenziell ernst zu nehmen. Aber wollen wir das, was wir dabei entdecken können, auch wirklich wissen? Vielleicht entdecken wir etwas, für das es (noch) keine Begriffe gibt? Und inwieweit filtern unsere Interessen, Ängste und Wünsche unsere Wahrnehmung? Wie real ist das, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen?
Mit solchen Fragen befinden wir uns bereits mitten im philosophischen Schlamassel, das unvermeidlich ist, wenn wir uns fragend die Welt selbst erschließen möchten. Wir stoßen auf Unsicherheiten, schwankenden Boden, Nebel… Verständlich also, dass viele Menschen Philosophie lieber intellektuell betreiben, aus sicherer Distanz und mit vorgefertigten Begriffen. Die Gefahr ist jedoch, dass wir beim Betrachten solcher Landkarten das eigentliche Gelände übersehen - und dabei das Gehen selbst verlernen. Philosophieren als lebendiges Denken fordert uns dagegen heraus, beherzten Schrittes aus den üblichen Denkroutinen herauszutreten. Damit riskieren wir einiges. Wer bereit ist, hier mitzugehen, hat für sich erkannt, dass die ausgetretenen, bekannten Pfade nicht mehr weiterführen. Sie machen persönlich keinen Sinn mehr oder der Sinn bröckelt offensichtlich. Und damit zugleich der Halt, den sie versprechen zu geben. An diesem Punkt stehen wir auch, was gesellschaftliche Fragen anbelangt. Die Schwierigkeit, die großen Herausforderungen unserer Zeit (wie Umweltzerstörung, Armut, Ungleichheit, Burnout und Pandemien) bewältigen zu können, liegt nicht nur am Ausmaß der Probleme, die sich als Krisen global auswachsen, sondern auch an der Art ihrer „Verwickeltheit“. Ihre Komplexität stellt unsere eigenen existenziellen Fragen vor einen neuen Hintergrund. Wir spüren, dass das eine mit dem anderen unauflöslich zusammenhängt, auch wenn wir nicht genau sagen können, wie. Der bekannte Organisationsentwickler Otto Scharmer formuliert es so: „Ich glaube, dass die Hauptursache für die Krise der Gegenwart in unserem Kopf stattfindet. Es beginnt mit dem Denken, das wir hervorbringen.“4 Inwieweit sind wir mit unserer Art zu denken, am Zustand dieser Welt beteiligt?
Wenn Philosophieren heißen soll, den eigenen Blick existenziell ernst zu nehmen, dann müssen wir bereit sein, unsere Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen radikal zu untersuchen. Denn was wir sehen, offenbart sich in dem, wie wir denken. Wir werden dabei feststellen, dass das, was wie ein individuelles Problem erscheint, in Wirklichkeit die meisten Menschen betrifft. Denn wir teilen bestimmte Interaktions-, Gewohnheits-, Denk - und Empfindungsmuster mit anderen. Gibt es also so etwas wie eine „einengende Matrix“ in unserem Denken, die wir gar nicht bewusst wahrnehmen, weil sie uns so selbstverständlich ist? Um andere Arten des Denkens, andere Gedankenformen und andere Wirklichkeitszugänge entstehen zu lassen, müssen wir uns zunächst bewusst machen, nach welchen Prinzipien wir bislang unsere Wirklichkeit formen und auf welche Weise wir dadurch die Welt, in der wir gemeinsam leben, unbewusst mitgestalten. Erst wenn wir uns dieser geistigen Vorstellungen bewusst werden, können wir sie durch anderen Gedankenformen erweitern, uns selbst und die Welt anders betrachten und - anders handeln.
Jeder Mensch entwickelt aus individuellen und kollektiven Elementen eine Art eigenen Organismus des Denkens und der Wahrnehmung. Die Formen des Denkens sind vielfältig. Aber wir haben alle bestimmte Ordnungsstrukturen, Begriffe und Bilder verinnerlicht, mit denen wir uns in der Welt orientieren und über deren Gültigkeit wir uns verständigt haben. Mit dieser Art des Denkens strukturieren wir unseren Alltag, betreiben Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, gestalten Erziehung und Bildung. Die Frage ist, ob uns diese Art des Denkens bewusst ist, und ob sie uns in einer immer komplexer werdenden, digitalisierten und rasant beschleunigten Welt noch Orientierung geben kann. Je mehr Menschen sich bewusst mit diesen Grundprinzipien des Denkens, die wir alle verinnerlicht haben, auseinandersetzen, desto weniger Kraft kostet es jede und jeden Einzelnen.
Der Blick von Nirgendwo5
Viele unserer geistigen Vorstellungen stammen aus der Welt der Naturwissenschaften. Selbst wenn wir keinerlei Interesse an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen haben, ordnen wir unsere Wahrnehmungen nach ihren Prinzipien. Mit dem Beginn des neuzeitlichen-naturwissenschaftlichen Zeitalters im 16. und 17. Jahrhundert wurden Denkstrukturen erschaffen, die unser Leben bis heute bestimmen. Sie haben das Fundament für die Technik gelegt und formen unser Bild von Realität.
Mit der Entwicklung der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik zu Beginn des 20.Jahrhunderts hätte eine Erweiterung unserer Denkstrukturen einhergehen müssen, eine Evolution des Denkens. Dies ist bis heute nicht erfolgt.6 Zwar basiert die heutige Technik auf den Errungenschaften der neuen Physik (z.B. unser GPS-System), unser Denken richten wir aber immer noch am Weltbild der klassisch-materialistischen Physik aus: auf Messbares, Zählbares, Sichtbares, auf Kräfte und Massen, die nach bestimmten Naturgesetzen aufeinander einwirken. Um messen, zählen und beobachten zu können, lösen wir Dinge aus ihrem Zusammenhang, machen sie zu Gegenständen und untersuchen sie mit festgelegten Methoden.
Eine der wichtigsten Gedankenformen der modernen Naturwissenschaft ist das Prinzip der Objektivität. Objektivität bedeutet die Annahme, dass wir die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten beobachten und analysieren können, ohne sie dabei zu beeinflussen. Die Ergebnisse der Wissenschaft sollen die Welt unabhängig von der persönlichen Erfahrung eines einzelnen Menschen beschreiben, unabhängig von unseren Werten. Nur was mit naturwissenschaftlichen Methoden messbar ist, ist wirklich. Wirklichkeit wird zu einer neutralen Angelegenheit. Als Menschen leben wir in dieser oder auf dieser objektiven Welt, sind aber kein organischer Teil davon. Wir sind nur dann unmittelbar mir ihr verbunden, wenn wir mit physischen Kräften auf sie einwirken. Ansonsten stehen wir ihr beobachtend gegenüber. Mensch und Welt können sich zwar physisch beeinflussen, werden aber grundsätzlich als getrennte Organismen betrachtet.
Das naturwissenschaftliche Prinzip der Objektivität hat uns von archaischen sowie kirchlich-dogmatischen Deutungsmustern befreit und uns das Wissen der Neuzeit zur Verfügung gestellt. Es hat uns gelehrt, Menschen und Dinge detailliert, individuell und voneinander unabhängig zu betrachten. Das Problem ist, dass wir nicht erkennen, dass die objektive Sichtweise, nur eine von vielen Möglichkeiten ist, Informationen über die Wirklichkeit zu sammeln. Was die naturwissenschaftliche Methode an Wissen generiert, ist eine Weise Sinn zu konstruieren – aber eben nicht die einzige. Auch dass Materie das Fundament unserer Wirklichkeit ist, ist eine Interpretation. Vor Newton waren die meisten Philosophen und Naturwissenschaftler ganz anderer Ansicht. Wenn sie wissen wollten, wie die Wirklichkeit beschaffen ist, suchten sie in ihrem Geist nach Antworten. Sie erforschten die Gesetze der Natur allein durch ihr Denken. Was diese Naturforscher oder Naturphilosophen wie Empedokles, Heraklit oder Demokrit denkend entwickelt hatten, erschien ihnen realer als jedes Experiment. Die Sphäre des Denkens oder der Ideen war für sie wirklicher als die Materie, weil die unvergängliche Welt des Geistes der vergänglichen Welt der Materie bei weitem überlegen war. Diese Auffassung hatte eine lange Tradition. Für viele große Denker war sie so selbstverständlich wie unser Glaube an die „Objektivität“ der Forschungsergebnisse der Naturwissenschaften.
Seit fast 100 Jahren wird jedoch auf dieser wissenschaftlich-empirischen Grundlage erkannt, dass Wirklichkeit, genauer betrachtet, nur „die Möglichkeit ist, sich unter gewissen Umständen als Materie oder Energie zu manifestieren“- sie ist aber nicht die Manifestation selbst.7 Materie ist nur scheinbar etwas Festes und Stabiles. Die Naturgesetze Newtons gelten nur in einem sehr beschränkten Rahmen. Sie sind nicht universell anwendbar. Der Quantenphysiker Hans-Dürr stellt fest, dass unser Gehirn nicht darauf trainiert ist, die Quantenphysik zu verstehen, obwohl sie die Natur viel besser beschreibe.8 Dass wir so hartnäckig am Weltbild der klassischen Physik festhalten und uns die Wirklichkeit weiterhin als...
| Erscheint lt. Verlag | 31.8.2021 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften |
| ISBN-10 | 3-7543-8692-1 / 3754386921 |
| ISBN-13 | 978-3-7543-8692-7 / 9783754386927 |
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