Selektiver Mutismus und seine Folgen. Warum Kinder verstummen und welche Therapien es gibt (eBook)
92 Seiten
Social Plus (Verlag)
978-3-96355-160-4 (ISBN)
4 Umgang mit selektivem Mutismus in Bildungsstätten
4.1 pädagogische Umgangsweise (Kita)
Wie handeln Pädagogen, wenn sie mit dem selektiven Mutismus konfrontiert werden? Wie gehen sie mit schweigenden Kindern um? Da das Krankheitsbild gesellschaftlich, sowie fachlich eher unbekannt ist, treffen auch Pädagogen mit dem Störungsbild zusammen und haben möglicherweise keinerlei Begegnungen/Erfahrungen mit dem Störungsbild [6]. In der Fachliteratur wurde die Begegnung mit einem schweigendem Kind als „individuell, einmalig und oft nicht planbar“, beschrieben [6]. Pädagogisches Handeln geht zum größten Teil mit Spontanität, Anpassung und Flexibilität einher und somit müssen Pädagogen ständig auf Unvorhergesehenes reagieren. Experten empfanden es als sehr wichtig, die Bedeutung des Verhaltens dieser Kinder signalcharakteristisch einordnen zu können und es als Hemmnis statt als Trotz und Provokation aufzufassen [4, 6]. Die Elternberatung/Aufklärungsarbeit durch Pädagogen wurde in der Fachliteratur ebenso als sehr wichtig empfunden, um den Eltern die Möglichkeit bieten zu können, ein besseres Verständnis über die Problematik entwickeln zu können [5, 20, 31, 33].
Durch Erfahrungsberichte von Experten des Gebietes, konnten einige Begegnungen mit dem Schweigen erfasst werden. Bahr berichtete von seinen eigenen Erfahrungen aus langjähriger pädagogischer Tätigkeit mit selektiv mutistischen Kindern [6]. Er erläuterte, dass ihm noch nie ein solcher Widerspruch widerfahren ist, wie in der Begegnung mit selektiv mutistischen Kindern. Er sagte, dass dieser Weg sowohl eine große Auseinandersetzung mit den Betroffenen war, als auch mit seiner eigenen Person und den eigenen Emotionen und Reaktionen. Er sprach von sehr ambivalenten Gefühlen. Einerseits fokussierte er den Gedanken, die Kinder zu bewegen, kommunikative Umgangsmethoden zu erlernen und diese zu nutzen, gleichzeitig betonte er die Bedeutsamkeit der Förderung und des Schutzes der Individualität und der Autonomie des Betroffenen. Er beschrieb, dass diese Zwiespältigkeit häufig für die Pädagogen Barrieren darstellt, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. Bahr erwähnte, dass die Begegnung und Beschäftigung mit einem selektiv mutistischen Kind weit aus mehr ist, als die Förderung durch Spiele und Maßnahmen. Der Umgang aus pädagogischer Sicht wurde als eine emotionserfüllte Beziehungserfahrung beschrieben, welche sich auf die Identitätsentwicklung des Kindes im Sinne einer Distanzierung des Schweigens ausrichtet [6].
Mutistische Kinder zeigen tendenziell wenig Mimik und Gestik in der Kommunikation mit anderen Menschen. Bahr erwähnte, dass eine hohe Beobachtungsgabe und Achtsamkeit im Umgang mit diesen Kindern, sehr bedeutsam sein kann. Denn er berichtete, dass sich dann bereits kleinste Regungen bemerkbar machen [6]. Watzlawick beschrieb die Kommunikation der Menschheit folgendermaßen: „Handeln oder Nichthandeln, Worte oder Schweigen haben alle Mitteilungscharakter: Sie beeinflussen andere, und diese anderen können ihrerseits nicht nicht auf diese Kommunikationen reagieren und kommunizieren damit selbst.“ [34]. Wenn pädagogisch der Blick auf die nonverbalen Kommunikationsmittel geschärft wird, kann dies aus Bahr’s Sicht ein Mittelweg in der Arbeit, Kommunikation und Interaktion mit diesen Kindern sein [6]. Er betonte, dass das Kind durch den Pädagogen Wertschätzung und Akzeptanz widerfahren sollte. Denn ein wichtiger Grundsatz der Pädagogik ist, dass das Kind immer dort abgeholt werden sollte, wo es sich in dem Moment befindet. Ebenso spielt seiner Meinung nach die Geduld eine erhebliche Rolle, denn schnelle Veränderungen sind bei Mutisten eher seltener zu erwarten [4-6, 33].
In der Gesellschaft findet vieles durch Verbalisieren von Gedanken, Wünschen und Bedürfnissen statt, somit wird der Erfahrung auf körperlicher Ebene vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt [6]. Kinder benötigen Explorationserfahrung mit der Umwelt, denn bevor die Sprache überhaupt eine Rolle im Leben eines Kindes spielt, findet körperlich bereits ein Austausch zwischen Umwelt und Kind statt (in der normalen Entwicklung). Es wurde die These aufgestellt, dass die betroffenen Kinder Hilfe in ihrer körperlichen Exploration benötigen, um sich überhaupt gegenüber all dem, was für sie Fremd bedeutet, öffnen zu können. Bewegung wirkt der körperlichen und psychischen Entkrampfung entgegen und wird oftmals unter den Begriffen Psychomotorik oder Motorpädagogik zusammengefasst. Nun werden einige pädagogische Zugangsmöglichkeiten aufgegriffen, welche fachliterarisch empfohlen wurden [6]:
· Brettspiele können ein Mittel sein, um einen Zugang zu den Kindern zu finden. Hierbei betont er, dass es Spiele sein sollten, die den Kindern bereits bekannt sind, um ihnen ein sicherheitsgebendes Gefühl zu vermitteln.
· Es eignen sich Aktivitäten wie Parcours mit verschiedenen Materialien, z.B. Trampolinen, Rollbrettern, etc. Dies soll die körperliche Verkrampfung der Kinder lösen. (Psychomotorik)
· Gestalterische Mittel, wie Basteln oder das Arbeiten mit Ton, können ebenfalls eine Methode sein, einen Zugang zu dem Kind zu finden.
· Musikalische Mittel bieten sich auch als eine angemessene Methode an, da das Kind sich zunächst darstellen kann, ohne seine Gedanken in Worte ausdrücken zu müssen. Hierzu eignen sich alle Materialien, die Töne abgeben, wie zum Beispiel: Kochtöpfe, Becher, Luftballons, Regenhölzer, Trommeln, etc.
· Phantasie - und Rollenspiele bilden eine weitere Möglichkeit, welche auf emotionaler Ebene, Verkrampfungen zu lösen versucht. Diese können individuell und ideenreich gestaltet werden, indem zum Beispiel Kasperpuppen oder Spiele mit verschiedenen Rollenwechseln (wie einem Kaufladen) eingesetzt werden. Die tiefenpsychologischen Ansätze, die hinter Rollenspielen stecken können als die Bewältigung von Ängsten, Traumata zusammengefasst werden. Diese Art von Aktivität gibt ihnen die Möglichkeit, Neues auszuprobieren, Wünsche oder Gedanken auszuleben. Rollenspiele können dem Kind das Gefühl geben, sich „stellvertretend“ zu öffnen und ihre eigene Ich-Rolle für einen Moment abzulegen. Rollenspiele können einen Beitrag zur allgemeinen Entwicklungsförderung leisten.
· Technische Mittel können ebenso eine brauchbare Möglichkeit sein. Diese können in Form von E-Mails, SMS oder Kassettenrecorder oder Videorecorder eingesetzt werden. Dabei können die Kinder, die gestellten Fragen von den Pädagogen zuhause aufnehmen und diese bei der nächsten Begegnung mitbringen. Bahr erwähnte, dass er diese Methode besonders bei sehr verschlossenen Kindern anwendete und diese offen darauf reagierten. Er machte auch schon die Erfahrung, dass Kinder mit ihm am Telefon sprechen konnten [6].
4.2 Pädagogische Umgangsweise (Schule)
Starke nennt verschiedene Möglichkeiten, die im schulischen Rahmen einsetzbar sind. Sie erklärte, dass die Akzeptanz des Nicht-Sprechens grundlegend ist [35]. Sie befürwortet angstreduzierende Maßnahmen: Die Lehrer sollen das Sprechen nicht erzwingen. Kontakte zu Mitschülern sollen gefördert werden und gemeinsame Gruppenaktivitäten sollen ebenfalls das Kontaktgefühl des Kindes stärken. Nonverbale Kommunikationsmittel, wie das Kommunizieren über Symbolkarten oder andere Zeichen können die Zugangsmöglichkeiten zum Kind erleichtern. Ein regelmäßiger Austausch zwischen Eltern und Lehrer kann das positive Gefühl des Kindes stärken [35]. Da die mündlichen Noten ein großer Teil der individuellen Leistungsbewertung sind, ist dies schwer leistbar für ein betroffenes Kind [4, 6, 20]. Aus der Sicht der Lehrer wird erklärt, dass sie meist bereit sind sich zu engagieren, doch dass einige Eltern sich nicht über die Hilfsbedürftigkeit des betroffenen Kindes im Klaren sind [20]. Es wird fachliterarisch drauf verwiesen, dass Lehrer sich für ihre Schüler einsetzen dürfen, sie aber dennoch Grenzen erkennen sollten, wenn die Hilfe von den Erziehungsberechtigten nicht angenommen wird [20]. Bahr erwähnte, dass er es als sinnvoll erachtet, wenn schweigende Kinder so gewöhnlich wie möglich in der Schule behandelt werden [6]. Lehrer bewegen sich an dieser Stelle häufig zwischen Akzeptanz und Förderung. Er empfindet es prinzipiell als angebracht, wenn sich die Pädagogen untereinander absprechen und möglichst einer einheitlichen Linie im Umgang mit Betroffenen verfolgen, beispielsweise dass mündliche Bewertungen umgangen werden und es stattdessen alternative Möglichkeiten für Leistungsnachweise geben könnte. Wenn es den Kindern irgendwann möglich erscheint zu sprechen, wäre es von Vorteil, wenn dies nicht zu viel Beachtung durch Lehrpersonal bekommt, da das Kind nun redend genauso wertgeschätzt und akzeptiert werden möchte, wie zuvor als schweigendes Kind [6]. Diese Wertschätzung dieser Kinder kann seitens des Lehrpersonals zum Beispiel...
| Erscheint lt. Verlag | 25.6.2021 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Psychologie ► Entwicklungspsychologie |
| Schlagworte | Angststörung • Dortmunder Mutismus-Therapie • kindliche Ängste • Kommunikationsstörung • Nonverbalen Kommunikation • Selektiver Mutismus • Sozialphobie • stillschweigend |
| ISBN-10 | 3-96355-160-7 / 3963551607 |
| ISBN-13 | 978-3-96355-160-4 / 9783963551604 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Digital Rights Management: ohne DRM
Dieses eBook enthält kein DRM oder Kopierschutz. Eine Weitergabe an Dritte ist jedoch rechtlich nicht zulässig, weil Sie beim Kauf nur die Rechte an der persönlichen Nutzung erwerben.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich