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Das Märchen von der Gleichheit (eBook)

eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
484 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-347-13314-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Das Märchen von der Gleichheit -  Renate Brandsch,  Michael Brand
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Es geht hier um eine grundlegende Orientierung in unserer immer unübersichtlicher werdenden Welt. Im Gegensatz zur Natur, die wir dank naturwissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten immer besser verstehen, scheint sich die Kultur mit Politik, Wirtschaft, Recht, Ethik und Religion einer naturwissenschaftlichen Betrachtung zu entziehen. Doch auch kulturelle Systeme sind lebendige Systeme, die aus ihren natürlichen Wurzeln zu begreifen sind. Und wie alle lebendigen Systeme müssen auch sie bestimmten Prinzipien folgen, wenn sie weiterleben wollen. Denn anders als das Tier braucht der Mensch, dessen Gehirn ihn zum evolutionären Grenzgänger macht, eine lebenserhaltende Richtschnur, die ihm hilft, sich im Kontinuum der Biosphäre zu halten. Sie begegnet uns als Gesetz in Religion, Ethik und Recht und besitzt Kompaßfunktion für ein Wesen, das, wie Sartre sagt, zur Freiheit verdammt ist. Mit der Qualität dieses Gesetzes nun, das sich der freie Mensch selbst gibt, steht und fällt seine Existenz. Die in der Natur verankerte religiöse Urnorm erweist sich als das mächtige, kulturschaffende Gesetz, weil es alle entscheidenden Bedingungen biologischen Lebens enthält. Der Mensch ist ihm jahrtausendelang gefolgt. Mit seiner Hilfe gelingt es ihm, die fundamentalen Voraussetzungen allen Lebens auf kultureller Ebene wirksam werden zu lassen. Die Neuzeit aber vollzieht einen radikalen normativen Umbruch. Das differenzierende, aufbauende Gesetz weicht einer entdifferenzierenden, destruktiven Norm: der Mensch gibt sich eine egalitaristisch-sozialistische Verfassung. Dieses Gleichheitsdenken aber spiegelt letztlich nur die unheilvolle Isolation des Menschen von der Natur durch die ihm eigentümliche symbolische Sphäre (Geld, Medien, Technik), deren entfesseltes Wachstum ihm nun - hier bewahrheitet sich der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik - das Wasser abgräbt und dem entropischen Abgrund zutreibt: Ein interdisziplinäres Buch, das die wesentlichen Zusammenhänge dieser Welt deutlich macht.

Dr. med. Renate Brandsch, geb. 1952 in Hermannstadt/Siebenbürgen. Lebt seit 1964 in Deutschland. Studium der Humanmedizin in Bonn. Fachärztin für Allgemeinmedizin. Langjährige Praxistätigkeit. Studium der Philosophie in München.

Dr. med. Renate Brandsch, geb. 1952 in Hermannstadt/Siebenbürgen. Lebt seit 1964 in Deutschland. Studium der Humanmedizin in Bonn. Fachärztin für Allgemeinmedizin. Langjährige Praxistätigkeit. Studium der Philosophie in München.

Natur als Maß

Da wir irgendwo anfangen müssen, lässt es sich nicht vermeiden, hier schon Begriffe zu verwenden, deren Inhalt und Zusammenhang erst im weiteren Verlauf erläutert werden (Natur, Gesetz, Religion, Gott, Politik).

Wie müssen wir uns nun die mehr oder weniger bewussten Anfänge des Menschen vorstellen?

Von Beginn an erfährt er seine Grenzen. Ihn bedroht nicht nur eine sich ständig wandelnde, unberechenbare Welt, der er mit seinen beschränkten Möglichkeiten begegnen muss, sondern auch und vor allem seine Vergänglichkeit. Gefangen in dieser räumlichen und zeitlichen Enge sucht er Halt. Trotz seiner Ohnmacht will er bestehen, jetzt und – wenn irgendwie möglich – auch im ungewissen Morgen. Angesichts der Natur ahnt er Höheres. Er „weiß“, dass sie mächtiger und älter ist als er. Orientieren kann sich der Mensch nämlich nur an etwas, das räumlich und zeitlich größer ist als er selbst. Je mehr er also über die Natur weiß und je enger sein Schulterschluss mit ihr, desto angemessener handelt er, was bedeutet, dass er dauerhafter bestehen kann. Unter dem Schutz der Natur gelingt dem Menschen so vorausschauendes Handeln und damit Raum- und Zeitgewinn. Er kann sein Territorium erweitern und Gefahren rechtzeitig begegnen. Seine Sicherheit wächst.

Zwei entscheidende Dinge werden hier deutlich: zum einen die Tatsache, dass der Mensch der Natur nicht mehr so ohne weiteres angehört wie das Tier, was er als Bedrohung empfindet. Zum anderen das Faktum, dass er die Natur in jeder Hinsicht braucht, nicht nur als Nahrung, sondern auch als maßgebliche Instanz, an der er sich orientieren kann. Obwohl er ein Kind der Natur ist, gefährdet ihn das nicht fest Gekoppelte, das Variable und Wählbare seiner geistigen Möglichkeiten, die ihn von der übrigen lebendigen Natur trennen. Sich dieses Grenzgängertums bewusst, nennt Herder (1744-1803) den Menschen darum auch zurecht einen „Freigelassenen der Schöpfung“.

Denn im Unterschied zum Tier, dessen Handlung zwingend auf den Reiz folgt, fehlt dem Menschen diese enge Kopplung. Er muss nicht zwangsläufig handeln, er kann es auch unterlassen. Verzichtet er nämlich darauf, direkt zu handeln, gelingt es ihm, zu urteilen, was ein gedankliches Handlungskonzept voraussetzt. Enthält er sich des „naiven Urteils“, führt das vom einfachen, bewussten Fragen zum planmäßigen Fragen. Damit wird es ihm möglich, nicht nur zu reagieren, sondern auch zu agieren. Sein Verhalten wird angemessener in größeren raum-zeitlichen Rahmen.22 Doch kann dieser gedehnte, mittelbare Handlungsprozess auch dazu führen, dass die Handlung ausbleibt oder versandet. Eine weitere Gefahr liegt in einer falschen Handlung. Denn aus dem Abgrund zwischen Reiz und Reaktion erwächst nicht nur die Freiheit des Menschen, sondern auch die Möglichkeit zu irren.23 Letztlich wurzelt die gesamte Kultur des Menschen in dem Umstand, dass ihm die vollkommene naturhafte Determination des Tieres und dessen instinkthaftes Eingefügtsein in die Natur fehlt. Denn für das Tier „denkt“ die Natur mit. Der Mensch ist nur in seinen angeborenen, reflexhaften Reaktionen ganz Natur. Für sein überlegtes Handeln muss er die Verantwortung zum großen Teil „selbst“ übernehmen – und dafür braucht er die Welt da draußen.

Das hochdifferenzierte Gehirn des Menschen, das sich im Laufe seiner Entwicklung mehr und mehr der genetischen, instinkthaften Festlegung entzogen hat, macht den Menschen – darauf werden wir noch genauer eingehen – offener und unbestimmter in seinen Handlungen. Anders ausgedrückt: die menschliche Natur mit ihrem hochentwickelten Gehirn braucht mehr Information von außen als die tierische, um richtig, um adäquat handeln zu können.

Hier nun liegt die Achillesferse des Menschen. Die Außenwelt besitzt für ihn eine weit größere Bedeutung als für das Tier. Darum versucht er instinktiv, die ihn umgebende große Natur, in der er sich nur teilweise, nur physisch, verankert fühlt, auch als geistige Verbündete zu gewinnen. Wann genau der Mensch seinen Animalzustand durch wachsende geistige Leistungsfähigkeit verlassen hat, lässt sich möglicherweise nie ganz sicher datieren (siehe auch Kapitel „Kultur“), doch ist er bestimmt ganz Mensch mit dem Faktum seiner Freiheit, die so zur anthropologischen Grundbestimmung wird (R. Descartes (1596-1650), J.-J. Rousseau (1712-1778).

Menschliche Freiheit bedeutet zunächst nichts anderes als ein Losgelassen-Sein von der Natur. Sie beschert dem Menschen zwar neue, offene Möglichkeiten, aber auch ein In-die-Welt-Geworfen-Sein und eine Richtungslosigkeit, die eine Orientierung dringend nötig macht. Darum muss er die Richtschnur finden, die sein Handeln in der Weise lenkt, dass er dauerhaft bestehen kann. Denn sein Leben und Überleben sind für ihn der Inbegriff des Guten. Die Angst vor dem „Nicht-Sein“ (M. Heidegger (1889-1976)24 treibt ihn, sich freiwillig und unentwegt einem selbst gewählten Gesetz zu beugen. Es liegt folglich in seinem vitalen Interesse, das richtige Gesetz zu finden.

Das Gesetz, dem sich der Mensch freiwillig unterwirft, ist dann gut und richtig, wenn es ihm seine Existenz dauerhaft und unversehrt erhalten kann, also auch die ihm eigentümliche Freiheit bewahrt. Ohne seine Entscheidungsfreiheit – mag sie auch drückende Verantwortung bedeuten – ist er nämlich nicht mehr Mensch. Auch wenn er gezwungen ist, seiner Freiheit unentwegt Zügel anzulegen, muss dies freiwillig geschehen.25 Überhaupt ist gerade der Freieste am meisten durch die ihn bestimmende Ordnung gebunden, die er sich selbst gibt.26

Und das ist nun ganz entscheidend: die Suche nach diesem Gesetz einerseits und die Qualität dieses Gesetzes andererseits schaffen und prägen die vom Menschen gemachte kulturelle Welt, ja weit mehr. Mit diesem Gesetz steht und fällt die Existenz des Menschen.

Jahrtausendelang findet der Mensch dieses Gesetz in der Natur. Von seinen Anfängen an bleibt sie ihm maßgebliche Orientierungsgröße, unantastbar und göttlich. Freiheit bedeutet, der Natur gehorchen. Hier liegt die Wurzel des kynisch-stoischen „secundam naturam vivere“ („der Natur gemäß leben“). Denn der Begriff der Natur drückt etwas Letztes aus. Hinter sie kann nicht mehr zurückgegriffen werden. Sie trägt den Geheimnischarakter des Anfangs und Endes, des Urgrundes. Gerade damit stellt sie aber auch das Letzte dar, das befragt werden kann. Soweit sie Antwort gibt, ist diese Antwort endgültig, weil sie „natürlich“, das heißt unmittelbar einsichtig ist und weil sie als von der Natur kommend eine Antwort aus den Urgründen bedeutet (Romano Guardini).

Darum sieht die früheste griechische Philosophie, die der ionischen Natur-Philosophen (6. und 5. vorchristliches Jahrhundert), in der Natur ein umfassendes Ganzes, das Prinzip der natürlichen Dinge und Vorgänge: „sei es als Anfang und Ende, Ursprung und Ziel, sei es als alldurchwaltendes Wesensgesetz.“27

Auch für den griechischen Dichter Pindar (522 oder 518 - ca. 446 v. Chr.) verkörpert die Natur die ursprüngliche zentrale Macht. In seinen Werken steht sie für das „Angeborene…“, das „aus eigner Kraft Gewordene…“, „Unbeeinflusste… und Vortreffliche“; „damit wird sie zum Vorbild für den Menschen.“28 In der griechischen Antike ist die Natur das Maß aller Dinge und darum als göttlich.29

Früh wird so auch die enge Beziehung der Freiheit zur Religion deutlich. Die Freiheit gründet in Gott und ist darum Gegenstand kultischer Verehrung. Denn nicht nur die Natur und ihr Gesetz sind göttlich, sondern auch die Freiheit, die sich diesem Gesetz beugt. In der Antike finden wir viele Hinweise dafür. Zu Sokrates (470-399 v. Chr.) im Kerker sprechen die „Gesetze als Gottheiten.“30 Freiheit bedeutet hier ein „Folge Gott.“31 Auch für Seneca (4. v. Chr. - 65 n. Chr.) ist es ein „königliches Vorrecht“, im „Gott-Gehorchen unsere Freiheit zu sehen.“32

Das göttliche Gesetz, dem der Mensch folgt, bewahrt ihm seine Freiheit. Denn die „Belehrung der Gottheit ist immer negativ“ – „ein Warnen, Abraten“.33 Der Mensch wird nicht gezwungen, er kann das Notwendige freiwillig tun.34

Der eigenen beschränkten Natur in sich misstrauend versucht der Mensch diese zu zügeln. Der sokratische Freiheitbegriff verlangt, sich durch Selbstbeherrschung zu läutern, mit dem Ziel „vollendeter Autarkie“ (Unabhängigkeit).35 Die Kyniker entwickeln eine radikale Bedürfnislosigkeit. Antisthenes (um 440 v. Chr.) und mehr noch Diogenes von Sinope (bis 323 v. Chr.) sind die gesamte Antike hindurch Vorbilder für die Verwirklichung der „inneren Freiheit durch völlige Unabhängigkeit von äußerlichen (Gewalt) wie...

Erscheint lt. Verlag 4.6.2021
Illustrationen Daphne Szlosarczyk
Verlagsort Ahrensburg
Sprache deutsch
Themenwelt Sachbuch/Ratgeber Natur / Technik Naturwissenschaft
Geisteswissenschaften
Technik
Schlagworte Ethik • Freiheit • Gleichheit • Kulturphilosophie • Leben • Moral • naturalistischer Fehlschluß • Politik • Politische Theologie • Recht • Sozialismus • Thermodynamik
ISBN-10 3-347-13314-5 / 3347133145
ISBN-13 978-3-347-13314-3 / 9783347133143
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