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Das Konzept des Guten -

Das Konzept des Guten (eBook)

Sinnliches Empfinden - Der Ursprung unserer Wertvorstellungen

Klaus-Dieter Sedlacek (Herausgeber)

eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
248 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7534-8870-7 (ISBN)
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Das Konzept des Guten wird im sinnlichen Empfinden (sehen, hören, tasten) des Menschen begründet. Der Intellekt ist aber trotzdem ein unentbehrlicher Faktor für die Moral: Er informiert über die Beschaffenheit der Sachverhalte, kann uns die Bedeutung von Ursache und Wirkung aufzeigen, und letztlich auch zu bestimmten Handlungen dirigieren. Beobachtungen menschlichen Verhaltens und Schlussfolgerungen daraus decken den Ursprung unserer Wertvorstellungen auf. Es ist ein Gewinn für alle, die richtig gut handeln wollen.

1. Über Lobenswertes und über
schlechte Angewohnheiten im Allgemeinen


1.1. Warum Wertvorstellungen nicht aus der Vernunft abgeleitet werden können


Ein Übelstand bei allen abstrakten Überlegungen besteht darin, dass man den Gegner durch sie zum Schweigen bringen kann, ohne ihn zu überzeugen, und dass man, um sich ihrer Überzeugungskraft bewusst zu werden, dasselbe eingehende Studium braucht, das zuerst zu ihrer Auffindung nötig war. Wenn wir unser Zimmer verlassen und uns in die allgemeinen Angelegenheiten des Lebens mischen, so scheinen die Ergebnisse jener Überlegungen dahinzuschwinden, wie nächtliche Gespenster beim Anbrechen des Morgens, und es wird uns schwer, auch nur den Grad der Überzeugung festzuhalten, den wir mit Mühe erlangt hatten.

Dies tritt noch mehr hervor, wenn es sich um eine lange Kette von Überlegungen handelt, bei der wir die Beweiskraft der ersten Sätze bis zum Schluss festhalten müssen, und bei der wir oft die anerkanntesten Grundsätze der Philosophie oder des täglichen Lebens aus den Augen verlieren. Ich hege indessen die Hoffnung, dass das hier dargebotene philosophische System in unserer Zeit neue Kraft gewinnen wird, indem es fortschreitet, und dass unsere Betrachtungen über die Wertvorstellungen alles das bestätigen werden, was über den Verstand und die Gefühlserregungen seit der Zeit der Aufklärung und unserer humanistischen Entwicklung bereits gesagt worden ist.

Die Anständigkeit ist ein Gegenstand, der uns vor allen anderen interessiert: Wir meinen, bei jeder auf sie bezüglichen Entscheidung stehe das Wohl der Gesellschaft auf dem Spiel. Es ist kein Zweifel, dass dieses Interesse unsere Spekulationen realer und greifbarer erscheinen lässt, als wenn ihr Gegenstand uns in hohem Maß gleichgültig wäre. Wir nehmen an, dass etwas, das uns persönlich berührt, keine Einbildung sein kann; da unsere Gefühlserregung dabei auf der einen oder der anderen Seite steht, so glauben wir natürlicherweise, dass die Sache innerhalb des Bereiches menschlichen Verständnisses liege, während wir dies in anderen Fällen dieser Art einigermaßen bezweifeln. Ohne diesen Vorteil würde ich mich nie mit einem Teil abstrakter Philosophie hervorgewagt haben, zu einer Zeit, in der die meisten Menschen einig zu sein scheinen in der Absicht, die Lektüre nur um des Vergnügens willen zu betreiben, und alles abzuweisen, dessen Verständnis einen irgendwie beträchtlichen Grad von Aufmerksamkeit erfordert.

Es ist in der Philosophie bemerkt worden, dass dem Geist nie etwas anderes gegenwärtig ist, als seine Perzeptionen. Alle die Tätigkeiten des Sehens, Hörens, Urteilens, Liebens, Hassens und Denkens fallen unter diese Bezeichnung. Der Geist kann sich in keiner Weise betätigen, die nicht unter den Begriff der Perzeption gebracht werden könnte; dieser Begriff lässt sich folglich ebenso gut, wie auf jede andere Tätigkeit des Geistes, so auch auf die Urteile anwenden, durch die wir ethisch Gutes und Schlechtes unterscheiden. Einen Charakter anerkennen und den anderen verdammen, das sind ebenso viele verschiedene Perzeptionen.

Die Perzeptionen nun zerfallen in zwei Arten, nämlich Eindrücke und Vorstellungen. An diese Unterscheidung knüpft sich eine Frage, mit der wir unsere gegenwärtige Untersuchung über die Anständigkeit eröffnen wollen. Unterscheiden wir zwischen schlechter Angewohnheit und Anständigkeit, d. h., erklären wir eine Handlung für lobens- oder tadelnswert, aufgrund unserer Vorstellungen oder aufgrund unserer Eindrücke? Diese Frage schneidet sofort alle möglichen unbestimmten Reden und Deklamationen ab und beschränkt uns bei dem gegenwärtigen Thema auf bestimmte und genau abgegrenzte Dinge.

Manche behaupten, Anständigkeit sei nichts anderes als Übereinstimmung mit der Vernunft; es gebe ewig gültige Unterschiede des Seinsollenden und Nichtseinsollenden in den Dingen, die für jedes vernünftige Wesen, das über sie nachdenke, dieselben seien; sie meinen, dass unveränderliche Normen, die bestimmen, was Recht und Unrecht sei, nicht nur den menschlichen Geschöpfen, sondern auch der Gottheit selbst eine Verpflichtung auferlegen. Diese Ansichten führen zu der Meinung, dass das Ethische, ebenso wie die demonstrative Wahrheitserkenntnis, aus bloßen Vorstellungen und ihrer Gegenüberstellung und Vergleichung erkannt werde. Um über diese Ansichten zu urteilen, brauchen wir also nur zu erwägen, ob es möglich ist, das richtig Gute und das Böse allein durch die Vernunft zu unterscheiden oder ob noch andere Erkenntnisgründe hinzukommen müssen, um uns eine solche Unterscheidung zu ermöglichen.

Hätte die Anständigkeit nicht natürlicherweise einen Einfluss auf menschliche Gefühlserregungen und Handlungen, so wäre es nutzlos, dass man sich so viel Mühe gäbe, sie einzuprägen. Nichts wäre vergeblicher als die Menge von Regeln und Vorschriften, die man bei den Moralisten im Überfluss findet. Man teilt die Philosophie gewöhnlich in spekulative und praktische; und die Anständigkeit wird dabei immer dieser Letzteren zugerechnet. Darin liegt die Voraussetzung, dass sie unsere Gefühlserregungen und Handlungen beeinflusst, und über die ruhigen und gleichgültigen Urteile unseres Verstandes hinausgeht. Dies wird denn auch durch die allgemeine Erfahrung bestätigt. Denn diese lehrt uns, dass Menschen oft durch ihr Pflichtgefühl beherrscht und von Handlungen zurückgehalten werden, weil sie dieselben für unrecht ansehen, und das Gefühl der Verpflichtung sie zu anderen Handlungen an treibt.

Aus diesem zweifellosen Einfluss der Anständigkeit auf unsere Handlungen und Neigungen nun folgt, dass dieselbe nicht aus der Vernunft hergeleitet werden kann, da ja die Vernunft allein, wie wir schon bewiesen haben, niemals einen solchen Einfluss haben kann. Die Anständigkeit verursacht Gefühlserregungen und erzeugt oder verhindert Handlungen. Die Vernunft allein aber ist hierzu ganz machtlos; ethische Regeln sind folglich keine Ergebnisse unserer Vernunft.

Niemand wird wohl die Richtigkeit dieses Schlusses leugnen. Man kann ihm nicht ausweichen, wenn man nicht das Prinzip leugnet, auf dem er beruht. Solange man zugibt, dass die Vernunft keinen Einfluss auf unsere Gefühlserregungen und Handlungen hat, ist die Behauptung nichtig, dass Anständigkeit durch bloße Deduktion der Vernunft gefunden werde. Ein aktives Prinzip kann niemals auf ein inaktives begründet werden; und wenn die Vernunft an und für sich inaktiv ist, so muss sie dies auch in all ihren Formen und Erscheinungen bleiben, gleichviel ob sie sich mit materiellen oder mit geistigen Dingen beschäftigt, ob sie die Kräfte natürlicher Körper oder die Handlungen vernünftiger Wesen zum Gegenstand hat.

Es wäre langweilig, alle die Argumente aufzuzählen, durch die Philosophen, Psychologen und Naturwissenschaftler bewiesen haben, dass die Vernunft allein vollkommen passiv ist und weder Gefühlserregungen noch Handlungen jemals verhindern oder hervorrufen kann. Ich werde an gegenwärtiger Stelle nur an eines jener Argumente erinnern und versuchen, dasselbe noch beweiskräftiger und auf unseren Gegenstand anwendbarer zu machen.

Vernunft ist die Erkenntnis von Wahrheit und Irrtum. Wahrheit und Irrtum aber besteht in der Übereinstimmung bzw. Nichtübereinstimmung entweder mit den wirklichen Beziehungen der Vorstellungen oder mit dem wirklichen Dasein und den Tatsachen. Was also einer solchen Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung überhaupt nicht fähig ist, kann weder wahr noch falsch und demnach niemals Gegenstand unserer Vernunft sein. Nun sind augenscheinlich unsere Gefühlserregungen, unser Wollen und unsere Handlungen einer solchen Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung nicht fähig; sie sind ursprüngliche Tatsachen und Wirklichkeiten, in sich selbst vollendet, ohne Hinweis1 auf andere Gefühlserregungen und Handlungen. Man kann also unmöglich von ihnen sagen, dass sie richtig oder falsch sind, der Vernunft entsprechen oder ihr widerstreiten.

Diese Beweisführung hat eine doppelte Tragweite für unser gegenwärtiges Thema. Sie beweist direkt, dass der Wert unserer Handlungen nicht in ihrer Übereinstimmung mit der Vernunft und ihr Unwert nicht in ihrer Vernunftwidrigkeit besteht; sie beweist ferner dieselbe Wahrheit auch noch in etwas indirekterer Weise. Sie zeigt uns, dass die Vernunft nicht Quelle unserer Begriffe des richtig Guten oder des Bösen sein kann, da sie durch ihren Widerspruch oder durch ihre Zustimmung niemals unmittelbar eine Handlung verhindern oder hervorrufen kann; während unser Bewusstsein des richtig Guten und des Bösen diese Wirkung hat. Handlungen können lobenswert oder tadelnswert, nicht aber vernünftig oder unvernünftig sein. Lobenswert und tadelnswert ist also nicht gleichbedeutend mit vernünftig und unvernünftig. Das Bewusstsein des Wertes oder Unwertes von Handlungen widerspricht häufig unseren natürlichen Neigungen, und zuweilen hält es dieselben im Zaum. Die Vernunft aber hat keinen solchen Einfluss. Ethische Unterscheidungen sind daher keine...

Erscheint lt. Verlag 14.4.2021
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften
ISBN-10 3-7534-8870-4 / 3753488704
ISBN-13 978-3-7534-8870-7 / 9783753488707
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