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Der Stoff, aus dem Gefühle sind (eBook)

Über den Ursprung menschlicher Emotionen

(Autor)

eBook Download: EPUB
2021
Karl Blessing Verlag
978-3-641-25108-6 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Der Stoff, aus dem Gefühle sind - Karl Deisseroth
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Albert-Lasker-Preis 2021 für Karl Deisseroth

»Ein Meisterwerk, das für uns alle geschrieben wurde.« Patricia Churchland, Professorin für Philosophie

»Karl Deisseroth verwebt Neurowissenschaften und Lebensgeschichten auf völlig neue Weise: zugleich technisch, poetisch und zutiefst einfühlsam.« Lucy Kalanithi, Professorin für Medizin

»Ein einfühlsamer Psychiater und ein fesselnder Autor, der urmenschliche Gefühle mit tief schürfenden Einsichten aus der führenden Psychiatrie und Neurowissenschaft zusammenführt.« Robert Lefkowitz, Chemie-Nobelpreisträger

Warum fühlen wir? Wie entstanden unsere Emotionen? Welche Geheimnisse birgt das ganze Spektrum unserer Gefühlswelten? Ein außergewöhnliches, erhellendes und mitreißendes Werk - über Lebensgeschichten und die Geschichte allen menschlichen Lebens.

Karl Deisseroth ist Professor für Biotechnik und Psychiatrie. Er studierte in Harvard, u.a. Creative Writing, und unterrichtet heute an der Stanford University. Neben seiner Lehr- und Forschungsarbeit war er jahrelang in der ambulanten Psychiatrie tätig, und nach wie vor behandelt er z.B. Menschen mit Diagnosen auf dem Autismus-Spektrum. Deisseroth veröffentlichte zahlreiche Arbeiten u.a. in »Nature« und »Science«, er selbst und seine Forschung erfuhren bereits große Beachtung in internationalen Medien, u.a. »New York Times«, »SPIEGEL« und SWR. Für seine Entwicklung bahnbrechender biotechnischer Verfahren, wie die Optogenetik, erhielt er namhafte und hochdotierte Auszeichnungen, darunter den Else-Kröner-Fresenius-Preis für medizinische Forschung 2017, den Kyoto-Preis 2018, den A.H.-Heineken-Preis für Medizin 2020 von der Königlich-Niederländischen Akademie der Wissenschaften und den Albert-Lasker-Preis, die höchste medizinisch-wissenschaftliche Auszeichnung in den USA, im Jahr 2021. Deisseroth lebt mit seiner Frau und fünf Kindern in Palo Alto, Kalifornien.

Vorwort

Nach Lärm, Licht und Hitze,

Erinnerung, Wille und Verstehen

James Joyce, Finnegans Wake

Im Weberhandwerk bezeichnet man als Werft die tragenden, fest im Ursprung verankerten Kettfäden, die beim Weben das Gerüst für die Schussfäden vorgeben. Der Werft weist über den letzten Schuss hinaus in den freien Raum und überspannt die bereits gestaltete Vergangenheit, die flatternde Gegenwart und die noch formlose Zukunft.

Das Tuch der menschlichen Geschichte hat seinen eigenen Werft, der tief in den Schluchten Ostafrikas verankert ist und das vielgestaltige Gewebe des menschlichen Lebens über die Jahrmillionen hinweg zusammenhält – Piktogramme vor Landschaften aus zerklüftetem Eis, wilden Wäldern, Stein, Stahl und schimmernden Bodenschätzen.

Unser Geist spannt den Rahmen, auf den die Geschichte jedes Einzelnen gewoben wird. Die ganz eigene Färbung und Textur unseres Tuchs verdankt sich den Schussfäden unserer persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen, dem feinen Gespinst unseres Lebens, dessen komplexe Einzelheiten die Struktur verbergen.

In diesem Buch begegnen wir Menschen, deren Tuch ausfasert, deren Werft bloß und sichtbar vor uns liegt.

Die in diesem Buch geschilderten Fälle stammen aus der verwirrenden Intensität der Notfallpsychiatrie. Um die allen gemeinsame Struktur des menschlichen Geistes sichtbar zu machen, müssen die zerrissenen inneren Zustände so getreu wie möglich dargestellt werden. Um das wahre Wesen dieser Erfahrungen zu erfassen, ihre Färbung und Seele, beschreibe ich die Symptome der Patienten gänzlich ungeschminkt, auch wenn ich nebensächliche Details verändere, um die Anonymität der Patienten zu wahren.

Genauso real ist die hier vorgestellte neurowissenschaftliche Technologie, auch wenn sie gelegentlich an Science-Fiction erinnern und zutiefst beunruhigend wirken mag. Die hier beschriebenen Verfahren, welche die psychiatrische Arbeit ergänzen, indem sie ganz eigene Einblicke in das menschliche Gehirn liefern, stammen aus der aktuellen Forschung und kommen in Labors in aller Welt zum Einsatz, auch in meinem eigenen.

Doch Medizin und Wissenschaft reichen nicht aus, um unser subjektives inneres Erleben zu beschreiben. Daher schildere ich einige der Fälle nicht aus dem Blickwinkel des Arztes und Wissenschaftlers, sondern aus dem der Patienten – manchmal in der ersten oder dritten Person, manchmal auch mithilfe einer veränderten Sprache, die ihren veränderten Bewusstseinszuständen gerecht werden soll. Wo ich die Gedanken, Gefühle und Erinnerungen eines Menschen auf diese Weise ausleuchte, gibt der Text nicht die Wissenschaft wieder, sondern den Versuch, mit aller gebotenen Sorgfalt, Achtung und Bescheidenheit und mithilfe meiner Vorstellungskraft mit Stimmen zu kommunizieren, die ich nie direkt gehört habe, sondern nur aus ihrem Nachhall erspüre. Eine der zentralen Herausforderungen der Psychiatrie besteht tatsächlich darin, unkonventionelle Wirklichkeiten aus Sicht der Patienten wahrzunehmen und nachzuempfinden und hinter die Verzerrungen von Subjekt und Objekt vorzudringen. Doch die wahre Stimme der Verstorbenen und Verstummten, der Leidenden und Verlorenen wird für immer ungehört bleiben.

Die Vorstellungskraft mag unzuverlässig sein, doch auch die modernen Neurowissenschaften und die Psychiatrie haben für sich genommen ihre Grenzen. Zum Verständnis von Patienten scheinen mir literarische Texte oft ebenso wichtig, und ihre Einblicke verraten mir oft mehr über den menschlichen Geist als jedes moderne Mikroskop. Zum Verständnis des Menschen ist mir die Literatur bis heute genauso wichtig wie die Wissenschaft, und sooft ich kann, gehe ich meiner großen Leidenschaft, dem Schreiben, nach – auch wenn diese Leidenschaft jahrelang nur unter Wissenschaft und Medizin verschüttet schwelte.

Somit geben drei eigenständige Sichtweisen – Psychiatrie, Vorstellungskraft und Technik – zusammen den gedanklichen Rahmen vor, was damit zu tun haben könnte, dass sie so wenig gemeinsam haben.

Die erste Achse ist die Geschichte eines Psychiaters, erzählt durch eine Reihe klinischer Begegnungen mit jeweils ein oder zwei Menschen. So wie beim Zerfasern des Gewebes dessen verborgene Struktur erkennbar wird (oder sich aus der Mutation eines Gens seine ursprüngliche Funktion erschließen lässt), erlaubt das Zerrissene den Blick auf das Heile. Auf diese Weise unterstreicht jede der Geschichten, wie das unsichtbare innere Erleben von gesunden Menschen – und vielleicht auch das eines Arztes – im noch kryptischeren und schattenhafteren Erleben von Psychiatriepatienten erkennbar werden kann.

Jede Geschichte zeichnet auch das entstehende innere Erleben von Emotionen, in der Welt von heute und während der Jahrmillionen unserer Evolution, über Hindernisse hinweg, zu deren Überwindung vermutlich viele Kompromisse nötig waren. Diese zweite Achse beginnt mit Geschichten von einfachen und uralten Schaltkreisen, die uns das Leben ermöglichen – Zellen, durch die wir atmen, Muskeln bewegen oder die fundamentale Grenze zwischen uns und anderen ziehen. Aus der ältesten, primitivsten Trennlinie zwischen uns und der Welt – dem äußeren Keimblatt, einer zerbrechlichen Schicht von der Dicke einer einzigen Zelle – entsteht nicht nur die Haut, sondern auch das Gehirn, und an dieser uralten Grenze erleben wir den Kontakt zwischen Menschen in all seinen körperlichen und seelischen Formen, über das gesamte Spektrum hinweg, von gesunden bis zu gestörten Beziehungen.

Die Geschichten erzählen von universellen Empfindungen wie Verlust und Trauer in zwischenmenschlichen Beziehungen; von den tiefen Brüchen in der Grunderfahrung der äußeren Wirklichkeit, wie sie mit Manie und Psychose einhergehen; von den Störungen des Selbst, etwa dem Verlust der Fähigkeit, Freude zu empfinden, wie wir sie aus der Depression kennen, oder dem Verlust der Motivation, uns Nahrung zuzuführen, wie sie mit Essstörungen einhergeht; und vom Verlust des Selbst mit der Demenz am Lebensende. Diese zweite Achse, die Emotionen der subjektiven Innenwelt, beginnt und endet mit der Vorstellungskraft – ob in Geschichten der Prähistorie (Gefühle hinterlassen keine Fossilien; wir wissen nicht, was Menschen in der Vergangenheit gefühlt haben, und versuchen uns daher auch nicht als Evolutionspsychologen) oder der Gegenwart (denn selbst heute haben wir keinen direkten Einblick in das innere Erleben eines anderen Menschen).

Doch wo die messbaren Auswirkungen von Empfindungen über Individuen hinweg konstant sind – soweit wir das mithilfe sorgfältig angewandter Technik beurteilen können –, lassen sich neue Erkenntnisse über das Innenleben unseres Gehirns gewinnen. Auf einer dritten Achse handelt daher jede Geschichte von unserem sich rasch entwickelnden wissenschaftlichen Verständnis, das wir aus Experimenten und Daten von Gesunden und Kranken gewinnen. In den Anmerkungen finden interessierte Leser Hinweise zu den wissenschaftlichen Hintergründen und können je nach ihren persönlichen Interessen den einen oder anderen Faden nachverfolgen. Hier finden sich auch wichtige wissenschaftliche Quellen, wobei ich nur frei zugängliche Artikel anführe. Diese letzte Achse ist eine wissenschaftliche Ebene für Leser, die zwar kein Fachwissen, wohl aber das Interesse mitbringen.

In diesem Buch geht es also nicht nur um die Erfahrungen eines Psychiaters, die Ursprünge der menschlichen Emotionen und die aktuelle Hirnforschung. Jede dieser drei Sichtweisen ist vielmehr eine Linse, die die Geheimnisse des menschlichen Geistes aus einem anderen Winkel zeigt und einen anderen Blick auf dieselbe Landschaft bietet. Diese unterschiedlichen Perspektiven zu einem Bild zusammenzufügen ist nicht einfach – genauso wenig, wie Mensch sein und Menschheit werden –, sodass dieses Buch letztlich nur ein sehr grobkörniges Bild zeichnen kann.

Mein tiefer Dank gilt meinen Patienten, die uns mit ihren Geschichten diese Einblicke ermöglicht haben, und all denen, deren bekanntes und unbekanntes Leid untrennbar verwoben ist mit dem langen, düsteren, schmerzlichen und mitunter erhabenen Gewebe unserer gemeinsamen Entwicklungsgeschichte.

Da ich als Erzähler – wie wir alle – eher subjektiv als objektiv und nur eine milchige menschliche Linse bin, könnten einige Worte zu mir und meinem Werdegang von Interesse sein. In meiner Kindheit wies nichts darauf hin, dass mich mein Weg in die Psychiatrie oder gar die Biotechnologie führen würde.

Meine Kindheit verbrachte ich vor einer sich ständig verändernden Kulisse in kleinen und großen Städten kreuz und quer durch ganz Nordamerika, immer im Schlepptau meiner rastlosen Familie, die alle paar Jahre umzog. Wie meine Eltern und meine beiden Schwestern hatte ich vor allem ein Hobby: lesen. Ich erinnere mich, wie ich meinem Vater stunden- und tagelang am Stück vorlas, während wir mit dem Auto von Maryland nach Kalifornien fuhren. Meine Freizeit verbrachte ich vor allem mit der Nase in Büchern, und wenn ich mit dem Fahrrad zur Schule radelte, hatte ich oft ein Buch auf dem Lenker. Ich las zwar auch Geschichte und Biologie, fand Geschichten und Gedichte jedoch fesselnder. Bis ich auf etwas anderes stieß.

Das erste Seminar an der Universität, zu dem ich mich einschrieb, war ein Kurs in kreativem Schreiben. Gleichzeitig lernte ich im Austausch mit Kommilitonen und in meinen Kursen einen biologischen Ansatz kennen, der bei einzelnen Zellen begann und bis zu komplexen Systemen reichte und der zur Lösung einiger...

Erscheint lt. Verlag 1.11.2021
Übersetzer Jürgen Neubauer
Sprache deutsch
Original-Titel Projections - A Story of Human Emotions
Themenwelt Geisteswissenschaften Psychologie Allgemeine Psychologie
Schlagworte Ambulanz • Angst • Anorexie • bio-engineering • Demenz • eBooks • Evolution • Hirnforschung • Optogenetik • Psychiatrie • Schizophrenie
ISBN-10 3-641-25108-7 / 3641251087
ISBN-13 978-3-641-25108-6 / 9783641251086
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