Christus und Christentum (eBook)
160 Seiten
TWENTYSIX (Verlag)
978-3-7407-2284-5 (ISBN)
Georg Stollenwerk, Bewusstseinsforscher und Autor, widmet sich seit mehr als dreißig Jahren konkreten Prozessen des inneren Wachsens und der individuellen wie kollektiven Bewusstwerdung. Im Zentrum seiner Betrachtung und seines Wirkens stehen jene Bewegungen und Kräfte, die hinter unserer gewöhnlichen Welt stehen und die uns bewusst oder unbewusst beeinflussen und manipulieren. Diese fremdbestimmten, oft kollektiven Muster zu erkennen und sich davon zu befreien, ist der erste, unabdingbare Schritt in eine lichtvolle Zukunft und ein wahrhaftig göttliches Leben hier auf der Erde.
Das Christliche Wesen (1)
Wir hatten im ersten Kapitel gesehen, welches kollektive Sehnen zur Herabkunft Jesu Christi führte und welches Geschenk, welche Botschaft er den Menschen brachte: das Leid als ein Instrument der Bewusstwerdung, als Weg zur Einheit mit Gott; das Göttliche Mitgefühl und das Bewusstsein um eine Göttliche Gnade, die allmächtig ist und die jeder Mensch allein durch seine aufrichtige Anrufung und seinen Glauben bewegen und in der materiellen Schöpfung wirksam werden lassen kann. Wir hatten gesehen, dass jeder Mensch, jeder von uns, das Göttliche auch in sich selbst, in seinem Innersten trägt, dieses Göttliche sich durch uns verkörpern kann und wir das Licht, die Reinheit und den Frieden der Göttlichen Transzendenz empfangen können. Und wir haben uns bewusst gemacht, dass wir als Menschen nicht mehr die ganze Last unserer Unwissenheit, unserer Dunkelheit auf uns nehmen müssen – und dass wir keine Schuld tragen. Soweit und in dem Maße, in dem wir bereit sind, sie abzugeben, nimmt sich das Göttliche dieser Dinge an, nimmt sie auf sich, wandelt sie um – in uns einzelnen Menschen, im Individuum, und in der gesamten Schöpfung.
Nun wollen wir betrachten, wie sich diese Wahrheit, wie sich dieses Geschenk in der Welt und in der Menschheit entfaltet hat – wir widmen uns also, wenn man so will, dem „Christlichen Wesen“. Den Begriff „Wesen“ verstehen wir dabei als „Natur“, als „Charakter“, als „Prägung“, als „Seinsweise“, „Feld“ , aber auch als „Weg“, als „Dharma“ – ein Weg, den diejenigen, für die er bestimmt ist, beschreiten und durchschreiten müssen; ein Dharma, das diejenigen, die einen entsprechenden „command“, einen Befehl ihrer innewohnenden Seele erhalten haben, leben, durchleben, erfüllen müssen; eine Seinsweise, eine Existenz, die aber auch, wenn dieser Schritt ansteht, in eine höhere, umfassendere Wahrheit transzendiert werden darf, transzendiert werden muss; – und ein Weg, ein Dharma, ein Wesen, von dem sich diejenigen, die für einen anderen Pfad bestimmt sind, die den Befehl der Seele, diesem christlichen Weg und den christlichen Daseinsgesetzen zu folgen, nicht erhalten haben, lösen müssen, von dem sie sich vollständig trennen müssen, um ihr eigenes Dharma, ihr eigenes Daseinsgesetz zu erfüllen und über dieses in eine Wahrheit jenseits davon, in die Vereinigung mit dem Göttlichen in all seinen Aspekten, einzutreten.
Darüber hinaus müssen wir uns bewusst machen, dass das Christliche Wesen nicht nur ein abstrakter Begriff, sondern eine Wesenheit ist, ein lebendiger, kollektiver Körper, der mit seiner Seinsform, mit seiner besonderen Ausrichtung, mit seinen Glaubenssätzen, seiner Ethik, seiner Ästhetik, mit seiner besonderen, ihm eigenen Form der Hingabe und des Dienens an Gott und der Menschheit das Erdbewusstsein, insbesondere das europäische und damit auch das kollektive deutsche, wie ein Netz durchwebt – eine lebendige Entität, eine Matrix, die unsere äußeren und unsere subliminalen, feinstofflichen Wesensteile durchdringt, durchtränkt, prägt und programmiert – unsere mentalen Ebenen der Vernunft und moralischen Ethik ebenso wie die vitalen Ebenen der Emotionen, Gefühle und Bedürfnisse, unser Körperbewusstsein, und nicht zuletzt auch unser Un terbewusstsein, aus dem diese Muster und Formationen immer wieder wie alte, kraftvolle Geister emporsteigen.
Wir wollen in diesem und den nächsten beiden Kapiteln versuchen, dieses Christliche Wesen, diese Wesenheit, diesen lebendigen, dynamischen Körper zu zeichnen und zu verstehen – ihn sozusagen sichtbar und durchschaubar zu machen. Wir wollen ihn als eine von unserem wahren Wesen, von unserem Selbst und unserer Seele getrennte Entität wahrnehmen, mit deren Eigenschaften und Prägungen wir uns identifizieren können, aber nicht müssen, von der wir uns lösen können, wenn und in dem Maße, in dem wir dies wollen, in dem wir uns bewusst dafür entscheiden wollen. Und wir wollen dabei ebenso dem Christentum und der Religion des Christentums ihren Wert, ihren Platz in der Geschichte der Menschheit, in der Evolution des Göttlichen Bewusstseins durch die Menschheit, geben – also auch darauf achten, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten, sondern die im Christentum verborgenen Wahrheiten zu bewahren und sie von der damit durchwobenen Unwissenheit und Falschheit zu trennen.
Denn die Religion des Christentums als solche, eine in welcher Form auch immer organisierte Gemeinschaft der Christenheit, ist – oder zumindest war – für die Verwirklichung der Botschaft Christi unabdingbar. Sri Aurobindo spricht von drei Elementen, die für das Werk eines Avatars oder einer Inkarnation des Göttlichen Bewusstseins im Erdbewusstsein, in der Menschheit notwendig sind: zunächst – natürlich – die göttliche Persönlichkeit, der „Sohn Gottes“ selbst – hier Christus. Dann das sogenannte „Dharma“, ein Gesetz der Selbstdisziplin, durch das der Mensch aus seinem gewöhnlichen Leben in ein höheres Leben wachsen kann und das gleichzeitig das Gesetz seines Handelns und der Beziehungen zu den Mitmenschen ist – im Christ-Sein also das Gesetz der Nächstenliebe, das Gesetz von Glaube, Liebe und Mitgefühl, das Dharma der Bergpredigt. Und schließlich, da jede Ausrichtung im Menschen einen individuellen und gleichzeitig kollektiven Aspekt hat – und die Menschen, die einem Weg folgen, auf natürliche Weise zu einer spirituellen Weggefährtenschaft, einer spirituellen Familie hingezogen werden – die sogenannte „sangha“, eine Gemeinschaft, die die göttliche Persönlichkeit und seine Lehre verkörpert – hier die Jünger, die Apostel, die unmittelbare Gefolgschaft Christi, schließlich die „ecclesia“, die „Gemeinschaft der Gläubigen“, die Kirche.
Und tatsächlich war diese sangha, das frühe, sich aus der Botschaft Christi entfaltende Christentum, wie Sri Aurobindo sagte, „kurz davor, das Mental Europas zu spiritualisieren und sogar zu asketisieren“. Doch wie wir wissen und leidvoll erfahren mussten, war das Königreich, das kam, nicht das Reich Gottes, von dem Christus gesprochen hatte. Es war, in Sri Aurobindos Worten, das Reich „Konstantins, Hildebrands, Alexander Borgias“. Und die ursprüngliche Botschaft wurde „zu einer zentralen Stütze für Fanatismus, Falschheit, Grausamkeit, Heuchelei, Verlogenheit, persönliches Machtstreben – zum Eckstein einer Gesellschaft, die all das war, was Christus selbst verurteilt hätte. Jesus starb am Kreuz, so könnte man annehmen, zum Wohle jener, die ihn getötet haben: des Sadduzäers [des Hohepriesters], des Pharisäers [des Schriftgelehrten], des Zeloten [des Eiferers und Fanatikers], der Heuchler und Verfolger, und des brutalen, selbstsüchtigen, gefühllosen römischen Militaristen“ – und, so können wir hinzufügen, zum Wohle all jener, die diese psychologischen Archetypen in den folgenden Jahrhunderten in unterschiedlichster Form verkörperten und auch heute noch verkörpern. „Die christlichen Märtyrer gingen“, so Sri Aurobindo, „zu Tausenden zugrunde, stellten Seelenkraft gegen die Kraft des Imperiums, damit Christus siegen, die Christenheit die Oberhand behalten möge. Die Seelenkraft triumphiert, die Christenheit siegt – aber nicht Christus. Die siegreiche Religion wird zu einer militanten und dominanten Kirche und einer in ihrer Verfolgung noch fanatischeren Macht als das Glaubensbekenntnis und das Imperium, das sie ersetzte.“
Oder in anderen, vielleicht noch deutlicheren Worten: „Europa akzeptierte Christus nur, um ihn erneut zu kreuzigen; es beerdigte ihn lebendig mit seiner reinen und gnadenreichen Lehre und errichtete auf dem lebendigen Grab eine Sache, die es „Kirche“ nannte. Was wir als Christentum kennen, war eine merkwürdige Mischung aus römischer Korruption, deutschem Barbarismus und Fragmenten alter Kulturen, die alle in dem fahlen Licht badeten, das aufwärts strömte von dem Glorienschein der Augenbrauen des beerdigten und gekreuzigten Christus. Der große spirituelle Hort, den er dem Westen eröffnet hatte, wurde verschlossen und unerreichbar aufbewahrt, zugänglich nur für wenige Individuen, deren Seelen zu hell waren, um von der allgemeinen Dunkelheit verschlungen zu werden.“
Das „triumphierende Gute“ verwandelte sich also in das „organisierte Böse“. Warum und auf welche Weise geschah dies?
Wir müssen, wenn wir diese schwierige und komplexe Frage angehen, zwischen zwei grundlegenden Bewegungen unterscheiden: das Eintauchen der ursprünglichen Wahrheit in die Ebenen der menschlichen Unwissenheit – und das bewusste Einwirken einer Kraft, die Sri Aurobindo und die Mutter als „Herrn der Falschheit“ bezeichnen; eine kosmische Bewusstseinsmacht, die die Unwissenheit und das fehlende Unterscheidungsvermögen der Menschen dazu benutzt, die eigentliche Wahrheit an ihrem höchsten Punkt zu ergreifen und ihr einen, wenn man so will, „Spin“ zu geben, sie zu...
| Erscheint lt. Verlag | 3.3.2021 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Religion / Theologie ► Christentum |
| ISBN-10 | 3-7407-2284-3 / 3740722843 |
| ISBN-13 | 978-3-7407-2284-5 / 9783740722845 |
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