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Literaturstreit und Bocksgesang (eBook)

Literarische Autorschaft und öffentliche Meinung nach 1989/90
eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
152 Seiten
Wallstein Verlag
978-3-8353-2923-2 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Literaturstreit und Bocksgesang -  Jürgen Brokoff
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Nach dem Literaturstreit kommt es im vereinten Deutschland zu einem tiefgreifenden Wandel im Verhältnis von literarischer Autorschaft und öffentlicher Meinung. Mauerfall und Wiedervereinigung haben die Produktion von Literatur grundlegend verändert. Neue Formen der Erzeugung von medialer Aufmerksamkeit lassen das alte Modell ?kritischer Öffentlichkeit? zunehmend fragwürdig erscheinen. An die Stelle von literarischer Autorschaft als moralischer Instanz tritt der »Skandalautor«, der durch intervenierende Texte den Kultur- und Medienbetrieb provoziert und stört. Jürgen Brokoff fragt nach ästhetischen Formen und politischen Funktionen dieser Interventionen im öffentlichen Meinungsbildungsprozess. Am Beispiel von Christa Wolfs Erzählung »Was bleibt« und Botho Strauß' Essay »Anschwellender Bocksgesang« analysiert er die Verschlingung von Literatur und Politik im vereinten Deutschland und verknüpft auf neue Weise Aspekte der Literaturästhetik und Textinterpretation mit Fragen der Meinungsforschung.

Jürgen Brokoff, geb. 1968, ist Professor für Deutsche Philologie (Neuere deutsche Literatur) an der Freien Universität Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Norbert von Hellingrath und die Ästhetik der europäischen Moderne (Mithg., 2014); Geschichte der reinen Poesie (2010).

Jürgen Brokoff, geb. 1968, ist Professor für Deutsche Philologie (Neuere deutsche Literatur) an der Freien Universität Berlin. Veröffentlichungen u. a.: Norbert von Hellingrath und die Ästhetik der europäischen Moderne (Mithg., 2014); Geschichte der reinen Poesie (2010).

II. Ein Anfang und ein Ende der deutschen Nachkriegsliteratur


1. 1947 – Westdeutsche Neubestimmungen literarischer Autorschaft und öffentlicher Meinungsbildung


Im Herbst 1947 wollte der Schriftsteller Hans Werner Richter eine neue Zeitschrift mit dem Titel Der Skorpion herausbringen. Sie war als Nachfolgeprojekt der Zeitschrift Der Ruf gedacht, kam aber unter den Bedingungen der von den Alliierten reglementierten Lizenzpresse nicht wie geplant zustande. Die Umstände der gescheiterten Veröffentlichung sind bis heute nicht restlos geklärt. Richter selbst gibt als Grund die Verweigerung der Drucklizenz durch die Behörden in der amerikanischen Besatzungszone an:

Kurz darauf erhielt ich einen Bescheid der amerikanischen Militärregierung: Die Lizenz für die literarische Zeitschrift »Der Skorpion« wurde mir verweigert. Begründung: Nihilismus […] So waren wir ohne Zeitschrift, ohne die Möglichkeit, unsere eigenen Arbeiten zu veröffentlichen. Es blieb nur die Kommunikation im eigenen Kreis. Vorlesen und Kritisieren, […] als Ersatz für eine literarische Öffentlichkeit, die es nicht gab.[45]

In der Probenummer der Zeitschrift findet sich ein Beitrag des Schriftstellers Nicolaus Sombart mit dem Titel Publikation und Öffentlichkeit. Der Titel stand offenbar nicht von vornherein fest. Im Inhaltsverzeichnis des seinerzeit nie erschienenen Heftes, das erst 1991 als Reprint veröffentlicht wurde, trägt der Beitrag noch den Titel Publikation und öffentliche Meinung.[46] Einige Wochen zuvor hatte Richter den zu veröffentlichenden Text mit dem umgekehrt gereihten Titel Öffentliche Meinung und Publikation versehen.[47] In einem Brief vom August 1947 äußerte Richter, der einen Monat später mit einem Treffen der am Zeitschriftenprojekt beteiligten Autorinnen und Autoren die Gruppe 47 ins Leben rufen wird, die Idee, Sombarts Beitrag als »Einführungs-Aufsatz in der ersten Nummer zu bringen«.[48]

Auch wenn es nicht bei dieser exponierten Stellung von Sombarts Beitrag blieb, weil ihm in der Probenummer unter anderem Texte von Günter Eich und Wolfdietrich Schnurre vorangestellt wurden, kommt dem Aufsatz programmatische Bedeutung zu. Der Beitrag des 24-jährigen Sombart, der als Sohn des Soziologen Werner Sombart in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs im Berliner Grunewald ausgiebige Spaziergänge mit seinem väterlichen Mentor Carl Schmitt unternommen hat,[49] in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Gründungsautoren der Gruppe 47 gehörte und später als Mitarbeiter bzw. Leiter der Kulturabteilung des Europarats eine internationale Beamtenkarriere durchlief, stellt auf bemerkenswerte Weise literarische Autorschaft und öffentliche Meinungsbildung in einen Zusammenhang.

Ungewöhnlich ist zunächst die auf einer begrifflichen Abstraktion basierende Definition, dass die »Veröffentlichung«[50] literarischer Texte eine »Form der Kommunikation« (16) und als solche ein Bestandteil dessen ist, »was die Kultursoziologie den Zivilisationsprozeß genannt hat« (16). Im Zentrum dieser kultursoziologischen Bestimmung, die inhaltliche Aspekte und ästhetische Wertmaßstäbe bei der Beurteilung einer literarischen Veröffentlichung zunächst ausklammert, steht die Beziehung zwischen Autor und Publikum: »Leserschaft und Autor treten, auf technische Mittel gestützt, miteinander in […] Korrespondenz. Diesen gesellschaftlichen Zusammenhang nennt man dann Literatur.« (16). Die von Sombart gleich doppelt angeführte Überlegung, dass sich jede Veröffentlichung erst an ihrem Publikum »erfüllt« (16, 18), und der Gedanke, dass ein Werk, das Publikum und Leserschaft ausblendet, »Makulatur« (16) sei, weisen deutliche Parallelen zu Jean-Paul Sartres Konzept des Schreibens und Lesens auf, das dieser ebenfalls nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in seiner Abhandlung Was ist Literatur? entfaltet. In dieser Schrift, die den Begriff der engagierten Literatur etabliert, stellt Sartre die These auf, dass ein literarischer Gegenstand nur im Augenblick der Lektüre existiert. Außerhalb der Lektüre fällt dieser Gegenstand in den starren und toten Zustand von »schwarze[n] Strichen auf dem Papier«[51] zurück. Es ist der Leser, dem die Vollendung des vom Schriftsteller Begonnenen obliegt. Erst der Zusammenhang der Tätigkeiten des Schreibens und des Lesens kann nach Sartre Literatur genannt werden. Dieser Zusammenhang von Schreiben und Lesen steht auch Sombart vor Augen.

Der drei Druckseiten umfassende Beitrag Sombarts reflektiert in Gestalt einer essayistischen Miniatur und an literaturgeschichtlich bedeutsamer Stelle die kulturellen und kommunikativen Bedingungen literarisch-publizistischer Öffentlichkeit. Diese wird als ein »Medium« (16) verstanden, das nicht nur eine Verbindung zwischen Autor und Publikum herstellt, sondern auch über den Begriff der »öffentlichen Meinung« (16, 17) den Bereich der Literatur mit der Sphäre der Politik verschränkt.

Als wichtigste Bedingung, die für die Nachkriegssituation in Deutschland kennzeichnend ist, nennt Sombart die »Zerrüttung« (17) der Öffentlichkeit. An diese Gegenwartsdiagnose schließt sich die Forderung nach einer künftigen »Wiederherstellung« (18) der Öffentlichkeit an. Hierfür ist nach Sombart die Institutionalisierung einer »Kritik« (16) notwendig, die dem Publikum wie dem Autor »einen festen Anhalt« (17) bietet. Aufschlussreich ist an dieser Überlegung zunächst, dass sie mit der »Institution der Kritik« (18) eine Größe anführt, die als eine konkrete Erscheinungsform »kritischer Publizität«[52] seit der Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert für den Begriff und die gesellschaftliche Herausbildung bürgerlicher Öffentlichkeit von konstitutiver Bedeutung ist.[53]

Interessant ist auch der in diesem Kontext angestellte Vergleich, der die Sphäre einer von Kritik bestimmten Öffentlichkeit überraschenderweise mit der Welt des Sports in Beziehung setzt. Für Sombart hat das Fehlen einer institutionalisierten kritischen Öffentlichkeit nicht nur das Ausbleiben literarischer Leistungen zur Folge. Es fehlt auch der Rahmen, in dem diese Leistungen überhaupt bewertet und beurteilt werden können:

Mit weinerlicher Klage danach auszuschauen, wo die »neuen Sachen« bleiben, ist einfach lächerlich. Es heißt das, bei fehlendem Sportplatz nach leichtathletischen Leistungen Umschau halten. Gewiß, da läuft einmal einer eine tolle Zeit, irgendwo; aber wer stoppt sie, wer sieht es, wer applaudiert, wer macht es bekannt? So unterbleibt der Sport. (17 f.)

Der Raum der Veröffentlichung und Publizität als Sportplatz und Arena: Dieser auf der Idee des Wettkampfs und der Sichtbarkeit von Akteuren basierende Gedanke rückt nach 1945 ins Zentrum der Reflexion über Öffentlichkeit. Er bestimmt noch die Überlegungen, die Jürgen Habermas in seinem Vortrag Heinrich Heine und die Rolle des Intellektuellen in Deutschland von 1986 angestellt hat, wo von einer »Arena der öffentlichen Meinung«[54] die Rede ist. Im Vorwort zur Neuauflage seiner Studie Strukturwandel der Öffentlichkeit geht Habermas im Jahr der Einheit mit Blick auf die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und des liberalen Verfassungsstaates von einer Struktur der Öffentlichkeit aus, die »verschiedene Arenen für einen über Druckerzeugnisse […] vermittelten, mehr oder weniger diskursiv ausgetragenen Meinungsstreit umfaßt«[55] und sich dementsprechend in eine Vielzahl von »Öffentlichkeiten«[56] aufgliedert. Die seither geläufige Rede von »zerstreuten Öffentlichkeiten«[57] oder »Teilöffentlichkeiten«[58], die sich auch auf den Begriff fragmentarischer Öffentlichkeit bei Alexander Kluge und Oskar Negt beziehen lässt,[59] hat in dem von Habermas beschriebenen Prozess einen seiner Gründe – unabhängig von der Frage, ob die Zerstreuung und Teilung der Öffentlichkeit analytisch neutral oder normativ im Sinne einer Diskurskritik behandelt wird.

Zugleich beobachtet Habermas im Rückblick auf die mediengeschichtliche Entwicklung nach 1945 die Herausbildung einer »vermachteten Arena«[60], in der sich Öffentlichkeit in eine »durch Massenmedien zugleich vorstrukturierte und beherrschte«[61] Sphäre verwandelt. Der bei Sombart noch kompetitiv gedachte Begriff des Sportplatzes als Arena der Leistungsmessung weicht bei Habermas einer pessimistischeren Sicht, die den massenmedial bestimmten Schauplatz öffentlicher Kommunikation als Ort der Einflussnahme und Durchsetzung strategischer Machtinteressen begreift. Vor diesem Hintergrund hält Habermas auch und gerade nach 1990 am ursprünglichen Ansatz seiner 1962 erschienenen Arbeit über den Strukturwandel der Öffentlichkeit fest, die zwischen einer »kritischen«[62] und einer »manipulativen Publizität«[63] unterschieden hatte.

Die Idee kritischer Publizität ist bereits in Sombarts Beitrag von 1947 leitend. Dabei führt der Autor die von ihm diagnostizierte Zerrüttung der Öffentlichkeit in Deutschland und die daraus resultierende fehlende Institutionalisierung der Kritik nicht nur auf die vollständige Diskreditierung der öffentlichen Sphäre durch die Propaganda des NS-Staates zurück. Zweieinhalb Jahre nach Kriegsende tritt zudem der »ökonomische Charakter« (17) der kulturellen und kommunikativen Verhältnisse hervor. Für die publizistische Misere der Nachkriegssituation in Deutschland macht Sombart vor allem »die Form des Konsums«...

Erscheint lt. Verlag 25.1.2021
Reihe/Serie Kleine Schriften zur literarischen Ästhetik und Hermeneutik
Kleine Schriften zur literarischen Ästhetik und Hermeneutik
Verlagsort Göttingen
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften Sprach- / Literaturwissenschaft Germanistik
Schlagworte 20. Jahrhundert • anschwellender Bocksgesang • Autor • Autorschaft • Botho Strauß • Christa Wolf • Deutschland • Fürsprache • Gesellschaft • Interventionen • Kritik • Kultur • Kulturbetrieb • Literatur • Literaturbetrieb • Mauerfall • Medien • Meinung • Meinungsforschung • Öffentliche Meinung • Öffentlichkeit • Politik • Provokation • Skandal • Skandalautor • was bleibt
ISBN-10 3-8353-2923-5 / 3835329235
ISBN-13 978-3-8353-2923-2 / 9783835329232
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