Katholische Diskurse über Krieg und Frieden vor 1914 (eBook)
340 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7526-3764-9 (ISBN)
Einleitung
PETER BÜRGER
Die Reihe „Kirche und Weltkrieg“, die dieser Band eröffnet, soll mit Blick auf das traurige Gedenkdatum „22. Juni 1941 – 22. Juni 2021“ Hintergründe und Formen der kirchlichen Kriegsbeihilfe in Deutschland erhellen. Hierbei scheint es aus christlich-pazifistischer Perspektive eine vorrangige Aufgabe zu sein, allen Interessierten – unabhängig vom ökonomischen oder akademischen Status – historische Originalquellen leicht zugänglich zu machen. Diskussionen mit der ‚apologetischen‘, oft als kirchenamtlich betrachteten Schule über Referate und Deutungen von Primärtexten (Kriegsvoten der Kirchenleitungen), die das Publikum gar nicht kennt, haben sich hingegen in zurückliegenden Debatten fast immer als unergiebig erwiesen.1
Wo nun soll die neue Reihe ihren Anfang finden? Eine Kritik der kirchlichen Kriegsassistenz müsste – Schritt um Schritt – siebzehn Jahrhunderte zurückgehen, was für unsere Edition nicht praktikabel ist. Wer die kirchliche Beihilfe für den Rasse- und Vernichtungskrieg des Deutschen Reichs 1939-1945 besser verstehen will, kommt auf jeden Fall nicht umhin, sich auch den kriegstheologischen Produktionen 1914-1918 zuzuwenden und – nolens volens – dem „langen neunzehnten Jahrhundert“ (Eric Hobsbawm).
Wir schauen zunächst nur auf die römisch-katholische Konfession und beginnen mit dem Jahrzehnt der deutschen ‚Einigungskriege‘, das mit der Vorphase des I. Vatikanischen Konzils zusammenfällt. Zwei Textspenden von Dieter Riesenberger und August H. Leugers-Scherzberg stehen im Zentrum des Bandes. Sie vermitteln, ergänzt durch eine vom Herausgeber besorgte Quellenauswahl im Anhang, erstaunliche Diskurse und Widersprüche der Zeit von den 1860er Jahren bis 1914. Programmatische Texte mit überregionaler Reichweite sind ohne Zweifel Zeitansagen. Exemplarische Beiträge – hier zur regionalen Geschichtsschreibung Südwestfalens (P. Bürger, Jens Hahnwald, Werner Neuhaus) – führen sodann zur Frage, welche Entsprechungen oder Kontraste zu den skizzierten Tendenzen und Entwicklungen sich im leibhaftigen Leben ‚katholischer Landschaften‘ aufzeigen lassen.
Schließlich erinnert ein Beitrag von Karl-Heinz Wiest über ein französisches Beispiel uns daran, dass einige europäische Katholiken – weithin ohne deutsche Beteiligung – sich schon in den Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg zu einer Friedensbewegung verständigt haben.
Das Rad wird in der vorliegenden Sammlung nicht neu erfunden. Die Leser*innen sollen aber mittels der Zusammenschau Ursprünge und Dramatik der (deutschen katholischen) Kriegskirchlichkeit des 20. Jahrhunderts besser verstehen können. Das ist durchaus kein ganz bescheidener Anspruch.
1. Jahrhundert der Widersprüche
und Zweigesichtigkeiten
Einen forschen, sehr anregenden Überblick über die Jahre 1870 – 1918 in Deutschland bietet Thomas Nipperdey mit seiner Studie „Religion im Umbruch“.2 Auf den rund 50 Seiten der in diesem Werk enthaltenen Darstellung zum Katholizismus begegnet uns auf Schritt und Tritt die Schwierigkeit, die unterschiedlichen Akteure, Lager und Strömungen mit Hilfe vertrauter Koordinatensysteme widerspruchsfrei einzuordnen. Vielleicht gilt für das „lange 19. Jahrhundert“ in besonderem Maße, was für jede Epoche zu beachten ist: Lager-Zuschreibungen dürfen uns nicht dazu verführen, unsere Schubladen, die zweifellos ein wichtiges Hilfsmittel sind, schon für die Wirklichkeit zu halten und nach erfolgter „Ablage“ auf das genaue Hinsehen zu verzichten. Durch einige Anmerkungen sei vorab in einer noch eher allgemeinen Weise angedeutet, warum ein entsprechendes Problembewusstsein für jede sachgerechte Geschichtsbetrachtung unerlässlich ist:
Biographische Wandlungen und soziale, kulturelle, politische … Entwicklungen machen es immer notwendig, Momentaufnahmen nicht schon für das „Ganze“ zu halten. Der gleiche Akteur oder die gleiche „Partei“ kann – sei es aus Überzeugung, sei es aus Opportunismus, sei es aufgrund gewandelter Kontexte – wenige Jahre vorher oder nachher deutlich andere Positionen vertreten als in einem datierten Zeugnis, das wir gerade sichten. Der gleiche Akteur oder die gleiche „Partei“ kann in einer bestimmten Frage eine Haltung annehmen, die wir als fortschrittlich betrachten, während er/sie gleichzeitig (!) auf einem anderen Feld mit ausgesprochen reaktionären Vorstellungen imponiert. Eine bestimmte Position oder Forderung, die gestern fortschrittlich und menschenfreundlich war, könnte sich morgen – unter anderen Umständen – auch ebenso eindeutig als rückschrittlich und inhuman erweisen (z.B. aufgrund neuer Sacherkenntnisse, Missbrauch der Argumente etc.).
Was ist überhaupt Fortschritt? Sind die Sachwalter des großen Staatswesens progressiv, während man die Anwälte der Kleinräume stets als Ewig-Gestrige zu identifizieren hat? Gehören militärtechnologische Revolutionen, die das Massenmorden im Krieg in einer vormals undenkbaren Weise perfektionieren, zum Fortschritt? Kommen wir nicht in Teufels Küche, wo wir darauf verzichten, das Fortschreiten in Technik und Beherrschungswissen sprachlich scharf zu unterscheiden von einem Fortschreiten hin zu Verhältnissen, in denen die Würde des Menschen in einer Weise geachtet wird, die die Menschen auch leibhaftig erfahren? Wenn Barbarei und Menschenverachtung, Rassenlehre oder ‚Eugenik‘ … in einer bestimmten Phase der Geschichte gerade besonders „modern“ sind, ist es dann nicht die schönste Auszeichnung, von den Zeitgenossen im entsprechenden Zeitkontext als „Antimoderner“ oder „Fortschrittsfeind“ betrachtet zu werden?
Schließlich dürfen wir nicht vergessen, dass ein bestimmtes „Label“ (z.B. Freiheit, Liberalismus) völlig gleichlautend von verschiedenen Akteuren oder Strömungen beansprucht werden kann, obwohl diese geradezu gegensätzliche Ziele verfolgen. Zudem erweisen sich Kollektive manchmal als wenig homogen, wenn man sie mit der Lupe betrachtet (was dann einer „Sippenhaftung“ oder kollektiven „Heiligsprechungen“ entgegensteht). Gruppen suchen sich auch nicht immer zwingend nur solche Bündnispartner, die der eigenen Programmatik besonders nahestehen. Wo Akteure oder Strömungen im gesellschaftlichen, kulturellen, politischen … Gefüge die Vorherrschaft erringen, haben sie – systemisch, intuitiv, strategisch oder sonst wie – fast immer schon oppositionelle Komplexe, Positionen etc. in ihr Gefüge integriert (und somit meist „unschädlich“ gemacht, gezähmt). In diesem Zusammenhang gilt es später – bei der Betrachtung des Kriegskirchentums 1914-1945 – auch zu bedenken: Man kann mit höchst unterschiedlichen, ja konträren Ausgangspunkten und Wegrouten zu gleichen Ergebnissen (Kriegskollaboration) kommen bzw. in die gleichen Abgründe geraten.
Als roter Faden durchzieht das 19. Jahrhundert die Frage, wie sich die unterschiedlichen Kräfte zur Französischen Revolution verhalten. Da diese Revolution viele Gesichter und mehr als nur eine Richtung oder Phase aufweist, kann es nicht verwundern, dass auch die Auseinandersetzung mit ihr voller Zweigesichtigkeiten und Widersprüche ist. Ein menschenfreundliches Fortschreiten ist verbunden mit dem Ringen um ein Ende der Bedrückung im Feudalismus und dem Eros der Aufklärung, mit dem Bekenntnis zu universalen Menschenrechten, mit der Republik unter dem Vorzeichen von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ … Die Privilegien der adeligen Klasse sollen entfallen, doch wie steht es mit der Heiligsprechung eines vermeintlichen Rechtes auf unbeschränkte Vergrößerung des privaten Besitzes, dessen Reichweite über die Unantastbarkeit der ganz persönlichen Habe, die Wahrung eines individuellen Wohlergehens und die Mehrung von privatem Komfort weit hinausgeht! Ist dieses ökonomische „Freiheitsrecht“ einer neuen besitzenden Klasse auf Dauer überhaupt vereinbar mit der Entwicklung eines freien Gemeinwesens – oder erweist es sich am Ende als Totengräber des demokratischen Ideals? Was bleibt von den allgemeinen Menschen- und Bürgerrechten übrig, wenn im 19. Jahrhundert eine neue Stufe der Unfreiheit, Knechtung und Verelendung der Massen gerade von sogenannten „Liberalen“ verteidigt wird?
Gehört andererseits auch die hochwissenschaftlich konstruierte Guillotine zum Fortschritt, jenes blutige Erkennungszeichen von Revolutionären, die sich subjektiv für „links“ halten, obwohl sie längst die Seiten gewechselt oder niemals wirklich auf Seiten der Liebhaber des Humanen gestanden haben? Kopf ab bei den störenden Elemente im Inneren, das sollen wir als einen ganz rationalen und schmerzarmen Lösungsansatz zu sehen lernen. Sodann bewaffnet sich die gute Sache der Republik; es gilt jetzt für die Bürger in Uniform, die Größe der Nation zu preisen und ihrer „Mission“ zu folgen –...
| Erscheint lt. Verlag | 6.1.2021 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Geschichte |
| ISBN-10 | 3-7526-3764-1 / 3752637641 |
| ISBN-13 | 978-3-7526-3764-9 / 9783752637649 |
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Größe: 2,6 MB
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