Zeitreise - Königreich Bayern 1897 (eBook)
292 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-347-21670-9 (ISBN)
A. Alles mit Gott.
1. Mit Gott!
Friedrich Güll
Mit Gott! das sei dein Wanderspruch
in deines Lebens Wanderbuch
Mit Gott! das sei dein Pilgerstab
auf deiner Wallfahrt bis zum Grab
Mit Gott hindurch dein Lebenslauf,
Geh’n dir des Himmels Pforten auf.
2. Das beste Gebet
Claudius
Das Vaterunser ist ein für allemal das beste Gebet; denn du weißt, wer es gemacht hat. Aber kein Mensch auf Gottes Erdboden kann es so nachbeten, wie er es gemeint hat. Das schadet aber auch nicht, wenn wir es nur gut meinen; der liebe Gott muß am Ende noch immer das Beste thun, und der weiß, wie ich es sein soll. Wenn du es aber verlangst, so will ich dir aufrichtig sagen, wie ich es mit dem Vaterunser zu machen pflege.
Siehe, wenn ich es beten will, so denke ich erst an meinen seligen Vater, wie der so gut war und mir so gern geben mochte. Dann Stelle ich mir die ganze Welt als meines Vaters Haus vor, und alle Menschen in Europa, Asien, Afrika und Amerika sind dann in meinen Gedanken meine Brüder und Schwestern, und Gott sitzt im Himmel auf einem goldenen Stuhle und hat seine rechte Hand über das Meer und bis an das Ende der Welt ausgestreckt, und seine Linke voll Heil und Gutes, und die Bergspitzen umher rauchen - und dann fange ich an:
Vater unser, der du bist im Himmel!
3. Gottes Zucht
Fouqué
Wenn alles eben käme,
Wie du gewollt es hast,
Und Gott dir gar nichts nähme
Und gäb´dir keine Last:
Wie wär´s denn um dein Sterben,
Du Menschenkind, bestellt?
Du müsstest fast verderben,
So lieb wär´dir die Welt.
Nun fällt eins nach dem andern,
Manch liebes Band dir ab,
Und heiter kannst du wandern
Gen Himmel durch das Grab.
Dein Zagen ist gebrochen,
Und deine Seele hofft. -
Dies ward schon oft gesprochen,
Doch spricht man´s nicht zu oft.
4. Der werbende Vater
Chr. v. Schmid
Ein Vater war sehr krank und dem Tode nahe. Da rief er noch am letzten Morgen seines Lebens seine Kinder an das Sterbebett zusammen und ermahnte sie zu allem Guten; besonders aber befahl er ihnen, den christlichen Unterricht fleißig zu besuchen und demselbe mit Aufmerksamkeit anzuwohnen.
“Liebe Kinder!” sprach er, “ich habe fünfzig Jahre gelebt und in dieser Welt viele Freuden genossen; die reinsten, seligsten, ja wahrhaft himmlischen Freuden aber hat mir die Religion gewährt; sie bewahrte alle meine irdischen Freuden rein, erhöhte und veredelte sie. Das bezeuge ich vor Gott.
Ich habe fünfzig Jahre gelebt und in dieser Welt vieles gelitten und manchen harten Kampf zu bestehen gehabt; in allen Leiden aber habe ich den besten Trost und dies sicherste Stütze einzig in unserer heiligen Religion gefunden. Dies bezeuge ich vor Gott.
Ich habe fünfzig Jahre gelebt, bin öfters dem Tode nahe gewesen, ja, ich werde den Abend sicher nicht mehr erleben und bezeuge es aus Erfahrung vor Gott: Nur die göttliche Kraft der Religion kann dem Tode seine Schrecken nehmen; nur der heilige Glaube an unseren Erlöser kann uns Mut und Stärke geben, den wichtigen Schritt in die Ewigkeit getrost zu thun und vor Gottes Richterstuhl zu erscheinen.
Bestrebt daher, ihr, unseren göttlichen Erlöser, recht kennen zu lernen und seine heiligen Lehren zu befolgen; dann werdet ihr Gott wohlgefällig sein, zufrieden leben und einst selig sterben.”
Die vernahmen diese Worte unter heißen Thränen. Der Vater starb in der nächsten Stunde; die Kinder aber bewahrten seine letzten Worte ihr Leben lang in ihren Herzen, befolgten sie und lernten nun auch aus Erfahrung, daß lautere Wahrheit enthielten.
5. Heute
Alban Stolz
Ich stehe an einem Bache und schaue in die Wellen, wie sie zittern und wie sie rennen, schnell fortzukommen, und ich schaue mit den Gedanken noch weiter, als die Augen reichen, dem Wasser nach.
Wo gehst du hin, kleine Welle, und wo kommst du her? Du bist am Schwarzwald droben geronnen aus moosiger Quelle und bist ungesehen wild abgestürzt vom Felsgestein - und wie in Schweiß gekommen, schäumt und schnauft das Wässerlein noch eine Zeit lang im engen Thal und fließt dann besänftigt und süß durch schöne, weite Ebenen. Jetzt glänzt das Wasserflöckchen im Sonnenschein, und nachher versinkt er im Schatten von Weidengebüsch, und sechs Stunden später leuchtet es wie ein milder Flämmchen rötlich und goldig im Abendrot. Die Sonne sinkt; aber die Welle wallt fort, bald stahlgrau und dunkel, bald weiß-blau im Mondenschein, oder geht unter in schwarzer Nacht.
So geht es immer vorwärts, und zuletzt stürzt das wilde Wassertröpflein in einen Fluß oder Strom und wird hinunter geschwemmt ins weite Meer. Aber so groß und unergründlich das auch ist, die kleine Welle geht darin nicht verloren, und es gibt ein Auge, das jedem Tropfe im Meere nachkommt.
Man kann oft in Büchern lesen, die sei wie ein Fluß und die Ewigkeit wie ein unendliches Meer. Nun den, ein Tag im Menschenleben, ein “Heute” ist gerade so wie eine kleine Welle, die im Bache schwimmt und sich hebt und glänzt und wieder versinkt.
Es quillt der Tag hervor aus der Nacht und dem Schlaf, glitzert eine Weile an der Helle und sinkt wieder hinab in die Nacht und den Schlaf. So ein Tag ist eine Spanne Zeit, ein Schritt, ein Pendelschlag, ein Ruck vorwärts.
O Mensch, du kannst die Uhr still stehen machen, aber nicht die Zeit und nicht dein Heute. Die Gelehrten sagen, die Erde mit allem, was darauf ist, jage schneller im Weltenraume fort als eine losgeschossene Büchsenkugel, ohne daß wir es sehen. Das ist das stille Jagen, der stille Sturm der Zeit. Laß dein Leben nicht daran zerbrökkeln und zerstäuben in verdorbene, nutzlos verlebte Tage! Jeder Tag wird auferstehen von den Toten ins ewige Leben, dir zum Gericht oder zur schönen Seligkeit. Aber du bist nur Herr und Eigentümer des heutigen Tages; die vergangenen Tage sind unauslöslich eingeätzt im Buche deines Lebens, und vielleicht kommt bald das letzte Blatt, dein letzter Tag; und der Sarg, in den sie dich legen, ist der Gedankenstrich zu deinem verflossenen Erdenleben. Dann nagelt der Schreiner noch den eisernen Schlußpunkt hinein; der Totengräber aber wirft den Streusand über dich hin mit seiner Schaufel. Gott behüte dich!
6. Gottes Allmacht
Hirscher
Gott ist allmächtig! Wer erfasset genug den Umfang und die Tiefe seiner Macht? Alles Sichtbare und Unsichtbare, alle Erscheinungen, Kräfte und Gesetze sind das Werk seines Willens. Alles und alles, vom nadelgroßen Fischchen bis zum Seeungeheuer, von der Mücke bis zum Adler, vom Wurm bis zum Menschen, vom Wassertropfen bis zum Weltmeere, vom Sandkorn bis zum Gebirge, bis zur ganzen Erde und der Sonne und dem ganzen Sonnenhimmel, vom leisesten Lüftchen bis zum Orkan, vom matten Flämmchen der Lampe bis zum flammenden Blitze, bis zur allleuchtenden Sonne; alles Wasser, das unsichtbar in den Höhlen der Erde und in den Dünsten des Himmels ist, alle Tiere des dunkeln Abgrundes, das unendliche Heer der nur dem bewaffneten Auge sichtbaren Infusorien, alles Feuer, das verborgen in den Körpern liegt, alle Luft, die wir atmen, ohne sie zu sehen, alles Leben, das sich überall regt; die Kraft im Gelenke des Wurmes und im Nacken des Löwen, der Bildungstrieb in der Blume des Feldes und in der Biene des Waldes, die Geschicklichkeit, ihre Nahrung zu finden und ihr Nest zu bauen, in der Schwalbe wie im Adler; das Gesetz, nach welchem der Tau sich bildet und der Schnee, die Ähre reift und der Apfel, der Donner rollt und der Blitz fährt, der Winter weicht und der Frühling Gras und Blüten triebt, die Sonne aufgeht und der Mond wechselt, des Menschen und des Tieres Einbildungskraft sich vorstellt, das Gedächtnis behält, der Verstand denkt, des Menschengeistes Vernunft die Wahrheit sucht, seine Phantasie künstlerisch schafft, der freie Wille handelt - zu all diesem sprache Gott: “Es sei!” und es war; zu all´ diesem spricht er “Es bleibe!” und es bleibt. Spricht er: “Vergehe!” so vergeht es; spricht er: “Eine andere Welt werde, Geschöpfe ohne Zahl anderer Art!” so sind sie; trägt er sie, so bleiben sie; zieht er seinen Odem zurück, so zerfallen sie.
7. Gott lebt noch!
Jul. Sturm
Bei Meister Martin war die Not zu Haus.
Aus jedem Winkel guckte sie heraus;
Sie machte sich in Küch´ und Keller breit;
Sie saß am leeren Tisch zur Mittagszeit
Und legte selbst am Abend schadenfroh
Sich mit dem Müden auf die Schütte Stroh.
Und ob's der Meister noch so emsig trieb,
Arbeitend halbe Nächte munter blieb,
Umsonst. es wuchs die Not mit jedem Tag.
Und mutlos ward der Meister allgemach,
Liefs ruh´n die fleißige Hand und seufzte schwer
Und wankte wie ein Schatten bleich umher.
Und mahnte ihn sein Weib, auf Gott zu trau'n,
Zog er zusammen finstrer noch die Brau'n
Und brummte:...
| Erscheint lt. Verlag | 5.1.2021 |
|---|---|
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Beruf / Finanzen / Recht / Wirtschaft ► Wirtschaft |
| Geisteswissenschaften | |
| Wirtschaft | |
| Schlagworte | 1897 • Arbeitsregeln • Bayern • Berufe um 1900 • Berufsleben um 1900 • Christoph v. Schmid • Erbendorf • Feiertags- und Fortbildungsschulen • Feuerwehr • Freistaat Bayern • Geschäftsleben um 1900 • Haushalt um 1900 • Knigge • König Ludwig • König Maximillian • Königreich Bayern • Landwirtschaft um 1900 • Lese- und Lehrbuch • Management • Oberpfalz • Politische Bildung um 1900 • Prinzregent Luitpold • Steinwald • Thumsenreuth • Tirschenreuth • Tugenden |
| ISBN-10 | 3-347-21670-9 / 3347216709 |
| ISBN-13 | 978-3-347-21670-9 / 9783347216709 |
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