Weisheit und Glaube (eBook)
700 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7526-7567-2 (ISBN)
Vorwort
Meine Beweggründe, mich mit der Bedeutung und Tragweite von Weisheit und Glauben – und zwar vor dem Hintergrund unseres naturwissenschaftlich geprägten Weltbildes einerseits sowie unserer zerrütteten, friedlosen Welt andererseits – eingehender zu beschäftigen, hängen mit nicht nachlassenden persönlichen Fragen zusammen. Fragen, die mich Jahrzehnte, teils bis in meine Tagebucheintragungen und Träume hinein, beschäftigt haben. Sie haben mein berufliches und privates Leben beeinflusst, meine geistigen Interessen und meine Lektüreauswahl über Jahre entscheidend bestimmt.
Erst im Herbst 2011, nach meiner Berufstätigkeit, wurde mir klar, dass ich mich diesem Themenbereich lesend, reflektierend und schreibend widmen wollte. Ich hatte die Absicht, mehr Klarheit darüber zu erreichen und eine noch tiefer gegründete persönliche Orientierung11 hinsichtlich wesentlicher Lebensfragen zu gewinnen.
Einerseits stand mir jetzt – endlich – Zeit dafür zur Verfügung. Zeit, die ich vorher dafür in diesem Ausmaß niemals gehabt hatte. Anderseits motivierte mich die mir zunehmend bewusster werdende Endlichkeit meiner eigenen Lebenszeit, gewonnene Erfahrungen – unter Einbezug verschiedenster relevanter Zeugnisse aus vielen Kulturen und Epochen – auszuwerten. Natürlich wollte ich dabei auch nach tragfähigen Lebensperspektiven suchen, um, falls möglich, für den Rest der mir gewährten Lebenszeit bewusster, achtsamer, umsichtiger und liebevoller zu leben. Denn immer hatte ich, gerade während meiner Berufstätigkeit, eine deutliche Diskrepanz zwischen meinem inneren Anspruch und meinem Lebensalltag gespürt.
Insbesondere wollte ich verstehen, ob naturgemäß begrenzte menschliche Weisheit im Lichte eines reflektierten und gelebten Glaubens eine andere Bedeutung erhalten und was dies für mein Alltagsleben konkret bedeuten würde.
Mir wurde von einem bestimmten Zeitpunkt an deutlich, dass ich dazu auf das eingehen musste, was die christliche Tradition mit dem nicht gerade einfach zu verstehenden Begriff ‚Heiliger Geist‘ (gr. pneuma, lat. spiritus sanctus) bezeichnet.
Die begonnene geistige Auseinandersetzung mit der gewählten Doppelthematik ließ sich auch gar nicht bewältigen, ohne nicht zugleich
- meine bisherigen Glaubensinhalte kritisch zu prüfen sowie
- meine eigenen Glaubenszweifel zu bedenken
- unter Zuhilfenahme von Darlegungen zeitgenössischer Theologen12 über tradierte Dogmen (Glaubenssätze) nachzudenken
- Einsicht in das Verhältnis von christlichem Glauben und einem naturwissenschaftlichen Verständnis der Welt zu gewinnen
- einen möglichen initiierenden und inspirierenden Einfluss des Heiligen Geistes auf mich selbst – auch beim Prozess des Schreibens – nicht auszuschließen
- persönliche Glaubenshindernisse zu betrachten, nicht nur verstandesmäßige, sondern auch seelische, z. B. meine eigene Selbstgefälligkeit, Trägheit, Eitelkeit, Vorurteile, Gier, Ängste usw.
- bei allem den Geschenkcharakter und die Unverfügbarkeit des Lebens zu bedenken sowie die Aspekte, die in der Erkenntnis begründet sind, selbst ein Geschöpf zu sein, nicht zu vergessen
- die eigenen stets verbesserungswürdigen Versuche, zu beten und zu meditieren, kritisch zu reflektieren
- die Rangordnung von Liebe und Weisheit als Leitprinzipien, deren Beziehung zueinander und zum Heiligen Geist sowie zum christlichen Glauben insgesamt zu klären.
Es war für mich faszinierend und sollte sich als erkenntnisleitend erweisen, dabei
- nach den Möglichkeiten und Bedingungen eines sinnvollen, ethisch guten, liebevollen, ,gelingenden‘ Lebens zu fragen
- nach den Werten und Haltungen zu suchen, die dem uns geschenkten kostbaren Leben „inmitten von Leben“(Albert Schweitzer) angemessen sind
- nach möglichst optimalen Ressourcen für die Bewältigung von Krisen und Herausforderungen, auch und gerade im höheren Lebensalter und angesichts der eigenen Sterblichkeit13, Ausschau zu halten, sowie
- nach dem, was höchste Lebensreife angesichts der Ungewissheit, Veränderlichkeit, Verletzlichkeit und Vergänglichkeit unseres Daseins ausmachen könnte,
- und nach dem letzten Grund meines Vertrauens und den bewusst noch einmal neu wiederzufindenden Inhalten meines Glaubens sowie nach Formen von lebbarer Alltagsspiritualität Ausschau zu halten
- nach der tiefsten Quelle aller Weisheit zu suchen bzw. – was einer erst allmählich gewonnenen Deutung entspricht – mich von dieser suchen und inspirieren zu lassen!
Kann es, fragte ich mich, – gewissermaßen vor der Negativfolie von weitverbreiteter Torheit einerseits und angesichts der unabweisbaren realen Präsenz des Bösen in der Welt andererseits – so etwas wie eine relative Weisheit geben, die in mehr besteht, als um die eigene Unwissenheit zu wissen und um die Unmöglichkeit, ein vollkommen guter Mensch werden zu können? Präziser gefragt:
- Gibt es eine lebenspraktische, alltagstaugliche Form solch relativer Weisheit, die Menschen erwerben können – von der gewiss die Erkenntnis des eigenen Unwissens und der eigenen moralischen Mängel (theologisch gesprochen: Sünden) wichtige Komponenten wären?
- Kann ein Mensch wenigstens im Laufe des Lebens ein wenig weiser werden?
- Bietet ein höheres Alter mehr Chancen, weiser zu leben? Kann es so etwas wie ‚Altersweisheit‘ geben – als Ergebnis langjähriger kritisch und selbstkritisch verarbeiteter Lebenserfahrung? Oder werden Menschen im Laufe ihrer Lebenszeit tendenziell eher törichter und engstirniger, egoistischer, wenn nicht sogar mehr oder weniger – dement?
- Kann die/der Einzelne dazu beitragen, dass zwischenmenschliche Interaktionen in Gruppen weiser verlaufen14 (z. B. kooperativ und friedlich, ohne Vorurteile, Unehrlichkeit, Gewalt und Feindschaft)? Dazu, dass die Gesellschaft womöglich weiser (z. B. humaner, toleranter, solidarischer, fürsorglicher, liebevoller) wird?
- Was könnte es ganz konkret bedeuten, auf einem Lernpfad der Weisheit (dem „großen Weg“?) Schritt für Schritt voranzukommen? Welche Rolle spielen bestimmte bereits erworbene Charaktereigenschaften und/oder geistige Verarbeitungsweisen? Welche Rolle spielt das Einüben von Achtsamkeit dabei? Gibt es weisheitsförderliche ‚Werkzeuge‘?
- Welche Bedeutung kommen dabei dem christlichen Glauben, dem Heiligen Geist, Jesus als ‚Heiland‘ zu? Wie sähe eine entsprechende christliche Alltagsspiritualität aus? Welche geistlichen (= spirituellen) Übungen bieten sich an? (Der Versuch, glaubend zu leben, lässt sich, so denke ich, nur als ein „großer Weg“, als eine Art Pilgerreise, verstehen, als ein ununterbrochenes Unterwegssein, das bis zum Ende des Lebens andauert, vielleicht sogar darüber hinausführt.)
Bereits die theoretische, Erkenntnis suchende Beschäftigung mit dem Thema Weisheit, die ja immer auch die Suche nach der Möglichkeit des (relativ) Guten impliziert, kann als Arroganz oder Selbstbetrug erscheinen.15 – Solcher Auffassung ist jedoch begründet entgegenzuhalten:
Ohne eine derartige Suche und daraus gewonnene Erkenntnisse, ohne deren Erwägen und Verknüpfen ist eine persönliche Orientierung, erst recht eine bewusste Ausrichtung des eigenen Handelns auf ein Mehr an Weisheit überhaupt nicht möglich! Anders verhielte es sich, würde jegliche relative Weisheit ausschließlich auf spontaner Intuition beruhen. Wie ich noch zeigen werde, veranschlage ich den Wert der Intuition hoch, setze mich jedoch detailliert mit einzelnen Facetten des rationalen Erkennens – bildlich gesprochen – des geistigen ‚Sehens‘ auseinander.
Für mich persönlich entwickelte sich in der Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben16 schrittweise eine neue Art des Sehens, schließlich eine neue übergreifende Perspektive. Dies geschah ungeplant, unerwartet und in Schüben, meist im Zusammenhang mit der Lektüre biblischer Texte oder theologischer Werke und meinen inneren Resonanzen darauf.
Im Nachhinein kann ich mindestens drei Phasen dieser inneren Wandlung unterscheiden:
Phase 1:
Ausgehend von der alttestamentlichen Weisheitsliteratur suchte ich zunächst nach einem Weisheitsbegriff, zu dessen Erarbeitung ich die unterschiedlichsten historischen und modernen Quellen heranziehen wollte.17 Biblische Weisheitstexte des AT wurden hierbei als wichtige Zeugnisse der Weltliteratur, wenn auch – wegen ihrer Erkenntnisfülle – schon mit erheblichem Stellenwert, einbezogen. Sie haben schon sehr früh für meine Gedanken zum hier diskutierten Zusammenhang eine Schlüsselrolle gespielt. Die wiederholt im AT zu findende Aussage,...
| Erscheint lt. Verlag | 24.9.2020 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften |
| ISBN-10 | 3-7526-7567-5 / 3752675675 |
| ISBN-13 | 978-3-7526-7567-2 / 9783752675672 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Größe: 2,5 MB
Kopierschutz: Adobe-DRM
Adobe-DRM ist ein Kopierschutz, der das eBook vor Mißbrauch schützen soll. Dabei wird das eBook bereits beim Download auf Ihre persönliche Adobe-ID autorisiert. Lesen können Sie das eBook dann nur auf den Geräten, welche ebenfalls auf Ihre Adobe-ID registriert sind.
Details zum Adobe-DRM
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen eine
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen eine
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich