Ausgesetzt zur Existenz (eBook)
460 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7519-9171-1 (ISBN)
Wissen können - Hoffen dürfen - glauben sollen – Zweifel zulassen – Staunen lernen?!
„Wissen ist durch Zweifelsprüfung gerechtfertigter Glaube“
*
„Schicksal und Kausalität verhalten sich wie Zeit und Raum“
<Oswald Spengler>
Im Folgenden werden die Fragen nach dem, was wir wissen können, was man hoffen dürfe, und was wir glauben sollen, in experimenteller Weise ihre Modalverben untereinander zu tauschen haben. Was uns dabei schwindeln machen könnte, ist der Blick in den freien Raum des mannigfaltig Möglichen, in der Kombinatorik eines Würfelspiels perspektivisch wechselnder Fluchtpunkte unseres bewußten Seins.
Gewissen – so pflegen wir landläufig die Stimme des, nach Kant so postulierten, moralischen Gesetzes in uns selbst zu nennen. Gewissen besitzt seinen Stamm im Wissen, dem vermeintlich voraussetzungslos gewiß Gewußten. Als ‚Ordnung des Herzens’ (ordre du coeur) bezeichnet Blaise Pascal diejenige ‚Logik des Herzens’, die der Logik des Verstandes vorausgeht. Für diesen, den menschlichen Verstand überhaupt konstituierenden Sinn für die Höhe eines ethischen Wertes, haben Max Scheler und Nicolai Hartmann einmal den Begriff des ‚Werthöhensinn’ geprägt. Während der Mensch gegenüber vielen Tierarten kaum einen ausgeprägten Sinn für geographische Höhen besitzt (unser Augenpaar liefert zwar in der Horizontalen einigermaßen verwertbare Schätzungen, nicht jedoch in der Vertikalen, für die zur verläßlichen Triangulation gleichsam ein ‚drittes Auge’ vorteilhaft wäre – oder ein erworbenes Organgedächtnis aus der Eigenbewegung bei flugfähigen Tieren aus eigener Kraft); unterscheidet uns aber vom Tier ein gewisser ‚ethischer Höhensinn’. Dieser entspricht in etwa dem, was bei Kant das innere moralische Gesetz heißt.
Wissenschaft basiert auf erfahrungsgeleiteten Induktionsschlüssen. Wenn unter wiederholt gleichen Bedingungen sich n-mal etwas Bestimmtes ereignet, glauben wir uns eine Voraussage des Ereignisses für das (n+1)-te Mal gestatten zu können. Nur sind niemals je die Bedingungen in voller Schärfe völlig die gleichen. Die Tatsache von Meßwertausreißern, unvermittelten Schadens- und Unglücksfällen, aller voraussehender Planung zum Trotz, weisen auf die Fluktuationen einer Realität hin, die je schärfer sie unter den Fokus der Betrachtung geführt wird, sich nur desto unschärfer im Nebel des Fraktalen auflöst. Dies zeigt, daß unser ‚Wissen’ eigentlich auf einem bequemen Vertrauen auf das Induktionsgesetz beruht, damit also ein weltfrommer Glaube ist.
Etwas wissen heißt für den Wissenden zugleich von sich selbst zu wissen. Wenn sich aber unsere ‚Wissenschaft’ schon nicht auf die Tragfähigkeit der Kette der Induktion verlassen kann, wie steht es dann um den ‚Wissenden’ selbst. Daher ergibt sich nicht nur die Frage nach dem, was gewußt werden kann, sondern wer oder was in uns eigentlich irgendwas wissen könne. Etwas wissen heißt also zugleich, zu wissen daß man weiß (siehe hierzu auch Glossar: Noologie). Selbst ein sokratisches ‚Nichtwissenkönnen’ (Nichts ist gewiß), ist eine Wissenschaft von Sokrates als Subjekt wenigstens dieser Erkenntnis. Nicht genug damit gibt es für uns ein ‚positiv’ objektivierbares Wissen und dennoch einen von uns tiefempfundenen Rest von subjektiver Ungewißheit. Alle Selbstgewißheit droht von der totalen Infragestellung einer radikalen Skepsis zunichte gemacht zu werden. In diesem Zustand also trifft Mephistopheles den Doktor Faustus an.
Wir vermuten die Gewißheit der Unterscheidung von Gut und Böse aus unserem ureigenen Selbst, als Erbe Adams und Evas, die die Frucht vom Baume der Erkenntnis genossen hatten. Sie hatten sie nicht vom Baum des Lebens genommen, und somit ist ihr Verweis in eine Welt der zeitlich und räumlichen Endlichkeit auch letztlich stets von der endlichen Vergeblichkeit ihres irdischen Strebens bedroht. Worin liegt hierbei die Schuld einer Sünde, die der Sühne heischt?
Was wir mit dem ‚Fall’ des Menschenpaares (des Dual-Menschlichen) zu bezeichnen haben, ist die Bannung in eine Matrix der befangenen Wahrnehmung. Nach der ‚Vertreibung aus dem Paradies’ haben sich für uns die Pforten der Wahrnehmung geschlossen, und der Blick zurück auf die Eigentlichkeit des Seins wird uns seither verwehrt von religiösen und wissenschaftlichen Dogmatismen, die uns seither wie die Cherubim den freien Blick und Zutritt verwehren. Die Dogmen der ‚Recht-Schaffenheit’ der irdischen Machbarkeit hegten ein, was fortan als denk- und sagbar zu gelten hat.
Steht das Tabu der Frucht vom Baum der Erkenntnis für das überwältigende Unverfügbare, das aus der Transzendenz in die Existenz des Menschen hineinragt? In der fatalen Wendung seines Fatum (=Schicksal) zum Paradies-Verlust ist es der Mensch selbst, der über einen Abgrund des drohenden Nichts hinausragt, oder ‚hingehalten’ wird (im Sinne Heideggers ‚Hinausgehalten’-Sein). „Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die künftige suchen wir“, lehrte Paulus. Es ist immerhin denkbar, daß der Planet Erde garnicht unsere ursprüngliche Heimat ist, so fremdartig mutet unser Sein innerhalb des irdischen Ökosystems an. Und hätten wir es nicht geschafft, die Erdoberfläche zur Abraumhalde unserer Ökonomie umzugestalten, hätten wir überhaupt niemals eine reelle Chance auf Dauerhaftigkeit besessen. Der Mensch qualifizierte sich nicht durch seinen durchdringenden Realitätssin, sondern durch die Imaginationskraft seines Phantastischen Realismus, einer Art transzendendierenden Hyperrealismus. Wir müssen uns daher und fortan als Ausgesetzte begreifen, denn unsere monadische, als auch nomadische, Ex-sistenz als Ich-Individualität wird im Folgenden in einem weiteren und tieferem Spektrum des Unwägbaren bewußt gemacht werden, für das unsere Alltagsroutinen als eine gnädige Verschleierung der Wahrheit begreifbar werden. Beim Gang auf dem dünnen Firnis des Ich-Bewußtseins über grundlosen Abgründen, sollten wir jeden Schritt mit Gewissenhaftigkeit tun. Da wir uns einmal in den Strom des Daseins begeben haben, bleibt uns nicht anderes übrig. Verweilen im Da-Sein, wie Faust es dem Mephisto als erfüllende Bedingung ihres Vertrages gestellt hatte, und sei auch der Augenblick so schön, können und sollen wir nicht, denn Niemand kann sich selber treu bleiben, wenn er der bleibt, der er Ist. Denn was einer Ist, das ist er nur in seinem Werden.
Sisyphos’ elende Bestimmung liegt nicht in der Routine seiner Tätigkeit, sondern in der Gewissenhaftigkeit ihrer Verrichtung, diese verleiht dem Stein erst sein eigentliches Gewicht. Machen wir dies uns zumeist nicht bewußt, rollen müssen wir ihn doch. Warum wir uns jedoch Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen haben, wie Albert Camus es einmal behauptet hat, wird diese Schrift aber auf einem anderen Wege zu beantworten versuchen, als ihn die ‚gott-lose’ Denktradition des Existenzialismus seit dem 20. Jhrd. gegangen ist.
Auf uns selbst geworfen, finden wir für den unbestechlichen, und durch keinen Advokatengriff zu verwirrenden Richter in der eigenen Brust, zunächst keine höhere Berufungsinstanz. Aber lohnt es sich denn in der Welt überhaupt nach der Richtschnur unseres Gewissens zu handeln? Scheint es denn nicht vielmehr so, daß zwischen der Ordnung der Dinge und dem Umstand jeweils eines guten oder schlechten Gewissens zunächst gar kein Zusammenhang auszumachen ist, wenn sich der gewissenhafte Mensch ebenso in missliche Lagen und Unrecht gesetzt sehen kann, wie der vermeintlich Gewissenlose sich im besten Ansehen und im gängigen Recht befinden kann. Es stellt sich zuletzt gar heraus, daß der ‚schlecht’ Handelnde seine Motive durchaus auf der verqueren Logik einer bewußten Gewissenhaftigkeit gründen kann (wie hochnotpeinlich war etwa die Gewissenhaftigkeit des Inquisitions-Reglements beschaffen?).
Sein Handeln könnte sogar als eine Entsprechung der Ungerechtigkeit der sozialen Verhältnisse verstanden und gerechtfertigt werden, wie beim Michael Kohlhaas, der als braver Mann zum Räuber aus Gerechtigkeit geworden war, um nach der unerbittlich sachlichen Logik der Rechtsprechung seiner Zeit, konsequent zum Tode auf dem Rad verurteilt zu werden. Beispielhaft kann auch das Schicksal der naiven Unschuld herangezogen werden, wie es de Sade in seinem Roman „Justine, oder das Mißgeschick der Tugend“ geschildert hatte. Die schwüle Obszönität der Rokkoko-Erotik ist dabei nur vordergründig, während sich unter der prächtigen Kostümausstattung doch nur die nackte Obszönität des aufgeklärten Rationalismus...
| Erscheint lt. Verlag | 16.9.2020 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften |
| ISBN-10 | 3-7519-9171-9 / 3751991719 |
| ISBN-13 | 978-3-7519-9171-1 / 9783751991711 |
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