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Beiträge zum Problem der Ursprünglichkeit der mittelalterlich-scholastischen Ontologie (eBook)

eBook Download: EPUB
2020 | 1. Auflage
232 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-76488-6 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Beiträge zum Problem der Ursprünglichkeit der mittelalterlich-scholastischen Ontologie -  Hans Blumenberg
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1947 legt Hans Blumenberg aus Bargteheide in Holstein an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel seine unter schwierigsten persönlichen Umständen entstandene Dissertation Beiträge zum Problem der Ursprünglichkeit der mittelalterlich-scholastischen Ontologie vor. Hinter diesem Titel verbirgt sich eine mit ständigem Bezug auf die Philosophie Heideggers und seine »Fundamentalontologie« geführte Auseinandersetzung mit dem Denken des christlichen Mittelalters, in dem die Frage nach dem Grund des Seins eine so krisenhafte wie produktive Zuspitzung erfahren hatte. Die Dissertation wird von den Gutachtern Ludwig Landgrebe und Rudolf Schneider mit »ausgezeichnet« bewertet, aber sämtliche Bemühungen, zeitnah einen Verlag für die Arbeit zu finden, scheitern.

Blumenbergs brillantes Erstlingswerk blieb mehr als 70 Jahre ungedruckt. Nun wird es erstmals publiziert in einer leserorientierten Edition, die unter anderem Übersetzungen der zahlreichen altsprachlichen Zitate wie auch ein »Verzeichnis der Referenzliteratur« bietet, das die Lücke des im Original fehlenden Literaturverzeichnisses schließt und dieses darüber hinaus durch heute zugängliche Ausgaben ergänzt. In ihrem Nachwort beleuchten die Herausgeber den Entstehungskontext dieses Werks, das überraschende Perspektiven auf Blumenbergs Biographie und Denkentwicklung eröffnet.



<p>Hans Blumenberg wurde am 13. Juli 1920 in Lübeck geboren und starb am 28. März 1996 in Altenberge bei Münster. Nach seinem Abitur im Jahr 1939 durfte er keine reguläre Hochschule besuchen. Er galt trotz seiner katholischen Taufe als ?Halbjude?. Folglich studierte Blumenberg zwischen 1939 und 1947 mit Unterbrechungen Philosophie, Germanistik und klassische Philosophie in Paderborn, Frankfurt am Main, Hamburg und Kiel. 1947 wurde Blumenberg mit seiner Dissertation <em>Beiträge zum Problem der Ursprünglichkeit der mittelalterlich-scholastischen Ontologie</em> an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel promoviert. Hier habilitierte er sich 1950 mit der Studie <em>Die ontologische Distanz. Eine Untersuchung über die Krisis der Phänomenologie Husserls</em>. Sein Lehrer während dieser Zeit war Ludwig Landgrebe. Im Jahr 1958 wurde Blumenberg in Hamburg außerordentlicher Professor für Philosophie und 1960 in Gießen ordentlicher Professor für Philosophie. 1965 wechselte er als ordentlicher Professor für Philosophie nach Bochum und ging im Jahr 1970 an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster, wo er 1985 emeritiert wurde. Blumenberg war Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz (seit 1960), des Senats der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Mitgründer der 1963 ins Leben gerufenen Forschungsgruppe »Poetik und Hermeneutik«.</p>

13§ 1. Das Problem der Ursprünglichkeit des ontologischen Ansatzes bei Martin Heidegger


(a) Geschichtlichkeit und Tradition


Darf Philosophie ihrem Wesen nach Tradition haben? Oder bedeutet Tradition für das philosophische Denken als Bindung an Vergangenheit und deren im Vollzug des Lebens überholte Möglichkeiten eine unangemessene, ständig sich vergrößernde Last? Diese Fragen lassen sich nur angehen von der Einsicht in das Wesen der Wirklichkeit her, mit der das philosophische Verhalten es zu tun hat. Ist diese Wirklichkeit das sich unverwandt Durchhaltende und in sich Beruhende, das den Fluß des Lebens und Erlebens gleichsam an sich vorbei- und durch sich hindurchziehen läßt? Dann muß philosophische Tradition der legitime Beleg des diese Wirklichkeit mehr und mehr und immer im Aufnehmen des schon Gewonnenen sich aneignenden und erschließenden Denkens sein. Ist aber die Wirklichkeit, mit welcher Philosophie es zu tun hat, selbst geschichtlich, das heißt: überholt sie sich ständig selbst, indem ihre Gegenwart je wesentlich in sich selbst beruht, das Vergangene von ihrem Gestaltprinzip her metakinetisch einschmelzend, dann wird im jeweiligen philosophischen Verstehen – sofern Angemessenheit an die Wirklichkeit dessen leitende Idee ist – die Tradition nicht mächtiger sein dürfen als eben die Mächtigkeit des Vergangenen in der gegenwärtigen Wirklichkeit selbst.

Wie nun steht es mit dieser Wirklichkeit, um die es im philosophischen Verhalten geht? Wo man gebannt auf den Kosmos und sein nach exakten Gesetzen faßbares Geschehen blickt, wo die ganze dem Menschen zugängliche Wirklichkeit am Umlauf der Sphären und an der Mechanik der Körper zu hängen scheint, da muß sich der Begriff der Wirklichkeit an dieser kosmischen Unverwandtheit und übergeschichtlichen Gesetzmäßigkeit ausrichten. Einem solchen Wirklichkeitsverständnis kann die Geschichte des philosophischen Denkens nur im Schema des ›Fortschrittes‹ erscheinen; und diesem, durch den Fortschrittsge14danken bestimmten philosophischen Bewußtsein wird Tradition das in jedem Stadium zu Recht mit verwahrte, weil ein für allemal gewonnene ›Ergebnis‹ sein, das als Besitz je und je vorauszusetzen ist. Aber ist dies denn die dem Menschen nächsterfahrbare Wirklichkeit, durch die hindurch erst er anderer Bereiche gewahr würde, so daß diese Durchsicht sein Wirklichkeitserlebnis ganz und gar bestimmen muß? Oder drängt sich ihm nicht vielmehr zuerst und vor allem die eigene Existenz in ihrer völlig andersartigen Struktur auf? Diese Fragen dürfen nicht voreilig und von einem heutigen Blickpunkt aus beantwortet werden; bedurfte es doch offenbar in der Geistesgeschichte immer erst außerordentlicher Anstöße, ja Erschütterungen, um den ›nach außen‹ gewandten, immer schon außen verweilenden und sogar das eigene Selbst von außen gewahrenden Blick des Menschen ›nach innen‹ zu wenden. So war es, als der Mensch aus der antiken Seinssicherheit und kosmischen Offenheit herausgerissen und ihm die Sorge um sein Heil als das einzig Gewichtige und Entscheidende aufgegeben wurde. Nicht unähnlich, als der aufgeklärte Bürger aus dem Traum des Fortschrittsglaubens und der Existenzsicherheit jäh erwachte und inmitten der kraft seines Vertrauens freigesetzten technischen Welt von der Erfahrung seiner Nichtigkeit überfallen wurde. In diesen Wendungen verliert sich | S. 4 | das unverwandte gesetzliche Gleichmaß des Kosmos aus dem Blick, der nun gebannt wird durch die Erfahrungen der Geschichtlichkeit, der Faktizität, der Verfangenheit in die nächste Um- und Mitwelt und des in radikalen Umbrüchen sich immer selbst überholenden inneren Lebens. Die Bedeutung von Tradition verflüchtigt sich in solcher Blickwendung; die ›Ergebnisse‹ der Vergangenheit werden einer permanenten Revision unterworfen und erweisen sich schließlich als tote Last für die Existenz und den Wirklichkeitsbezug des Menschen.

Es kann hier nicht darum gehen, zu bestimmen, wo unsere eigene und heutige Wirklichkeitserfahrung einzuordnen ist. Was die Bedeutung der Tradition in ihr betrifft, so läßt sich sagen: Wie vielleicht niemals zuvor sind alle ›Einschlüsse‹ der Vergangenheit, alle formalen und gehaltlichen Bindungen an das Überholte infrage gestellt. Immer unmittelbarer wird unsere Weise des Wirklichkeitserlebnisses Ausdruck einer ›Lage‹, die selbst im Ablauf der Geschichte nur eine faktische Stelle 15hat. Es ist die radikale Projektion der uns nächstvertrauten Strukturen eigener Existenzweise auf die Wirklichkeit als Ganze, was unseren Weltbegriff bestimmt. Mit diesen kurzen Andeutungen sei auf die Selbstanalysen unserer Zeit, wie sie uns heute nicht selten geboten werden, verwiesen, um die Situation, von der jede philosophische Problemstellung ausgeht und an die ihre Erörterung gebunden bleibt, nicht außer acht zu lassen.

Sogleich drängt sich die Frage auf, zu welchen Sichtweisen der Anspruch der Wirklichkeitsangemessenheit die Philosophie unserer Tage geführt hat und wie tiefgehend ihre Aussagen von der faktisch-geschichtlichen Struktur unserer Wirklichkeitserfahrung bestimmt sind. Oder setzt die Philosophie in aller Heimlichkeit vor sich selbst noch einen Wirklichkeitsbegriff voraus, der nur das nach unverwandten Gesetzen faßbare kosmische Außen als wirklich nimmt und das Aufspüren allgemeinster fester Strukturen als die in kontinuierlichem Fortschreiten zu verfolgende Aufgabe der denkerischen Welterfassung in sich schließt? Das würde in einer kurzen Formel heißen: eine ihrem Wesen nach an Tradition gebundene und Tradition notwendig immer wieder aufnehmende Philosophie als Auslegung einer sich in ihrer Faktizität aufdrängenden Wirklichkeit! In der Tat scheint keine Äußerung des menschlichen Geistes so belastet mit Tradition zu sein wie die Philosophie. Ihre Grundfragen und ihre Grundbegriffe gehen durch ihre mit der des Abendlandes zusammenfallende Geschichte in einzigartiger Kontinuität hindurch. Erst der durch die Oberfläche der Begrifflichkeit und des zäh sich durchhaltenden philosophischen Idioms tiefer dringende Blick gewahrt die unaufhebbare Spannung, in der lebendig-gegenwärtiges Wirklichkeitsbewußtsein und dessen gedanklich-begriffliche Erfassung und Auslegung stehen. Immer ist Philosophie durch den Anspruch bestimmt, so geschichtlich zu sein wie die Wirklichkeit, deren Erfahrung sie auszulegen hat. Das gilt selbst dort und dann, wenn sie sich als philosophia perennis schon als der Geschichtlichkeit enthoben vermeint – ja, es zeigt sich gerade in dieser äußersten Spannung von innerer Möglichkeit und selbstbestimmtem Anspruch in bedeutsamer Zuspitzung.

16(b) Destruktion als Freigabe der Geschichtlichkeit


Es beginnt sich der Ort abzuzeichnen, an den Förderung und Leistung eines Neuansatzes der Ontologie als der Fundamentallehre der Wirklichkeitserfahrung zu stellen sind, wie sie in Heideggers Hauptwerk erhoben und vorentworfen sind. Ihre kritische Zuspitzung richtet sich mit der Forderung der ›Destruktion‹ gegen die ›traditionelle Ontologie‹. Wie ist das zu verstehen? Der Vollzug der ontologischen Grundfragen und die Ausbildung der ontologischen Verstehensweisen haben gleichsam nicht Schritt gehalten mit dem lebendig-geschichtlichen Vollzug des Wirklichkeitserlebens. Eine in sich verhärtete und sich selbst genügende Ontologie verstellt die Möglichkeiten, | S. 5 | je aus dem gegenwärtigen Wirklichkeitshorizont heraus die Seinsfrage zu stellen; immer findet dann solches Fragen schon vorgeprägte Begriffe und vorentworfene Verständnisweisen. Die Ontologie hat sich derart der Geschichtlichkeit ihrer Geschichte entäußert. Ihre Geschichte wird nicht mehr begriffen als der auslegende Mitvollzug des lebendig-geschichtlichen Seinsverständnisses des Menschen hinsichtlich seiner fundamentalen...

Erscheint lt. Verlag 21.6.2020
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften Philosophie
Schlagworte Dissertation • Ehrenpromotion an der Universität Gießen 1982 • Kuno-Fischer-Preis der Universität Heidelberg 1974 • Ontologie • Philosophie • Sigmund-Freud-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt 1980
ISBN-10 3-518-76488-8 / 3518764888
ISBN-13 978-3-518-76488-6 / 9783518764886
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