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Generation Fake (eBook)

Ein Richter plädiert für mehr Ehrlichkeit

(Autor)

eBook Download: EPUB
2020
Kösel-Verlag
978-3-641-26330-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Generation Fake - Patrick Burow
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Schonungslos ehrlich! Ein Richter gegen Fake-News

Der Richter Dr. Patrick Burow hat sich in über zwanzig Jahren Abertausende Lügen anhören müssen. Dadurch ist er ungewollt zum Experten in Sachen Lügen geworden. Im Gerichtssaal als Spiegelbild des Lebens ist eine deutliche Zunahme des Lügens zu beobachten. Außerhalb des Gerichts hat die Lüge bereits einen wahren Siegeszug angetreten. Egal ob in der Partnerschaft, dem Beruf, den Medien, der Politik, dem Alltag, dem Internet oder der Werbung, überall wird hemmungslos gelogen.

Es ist in den letzten 25 Jahren ein Wertewandel zu beobachten. Wir leben längst in einer postfaktischen Gesellschaft, in der Wahrheit und Ehrlichkeit vom Aussterben bedroht sind. Es wächst eine Generation nach, für die es normal ist, unehrlich zu sein. Selbstverständlich lügt sie nicht, sie bedient sich nur »alternativer Fakten«. Was soll aus unserer Gesellschaft werden, mit einer Generation von Menschen, die nicht mehr zwischen Wahrheit und Unwahrheit differenziert? Dies vielleicht auch nicht mehr kann. Die Generation Fake ist ein auflagenstarkes Gesellschaftsthema!

Parallel dazu wird eine Gegenbewegung erkennbar: Ehrlichkeit ist ein gesellschaftlicher Wert.

Das Buch zeigt, wie man Lügen durchschauen und die Wahrheit herausfinden kann. Es schließt mit einem kraftvollen Plädoyer für mehr Wahrheit.

Dr. iur. Patrick Burow ist seit 1996 Richter in Sachsen-Anhalt. Nach Stationen bei der Staatsanwaltschaft und beim Landgericht ist er aktuell Vorsitzender des Schöffengerichts am Amtsgericht. Als Richter hat er täglich mit Lügnern, Betrügern und Hochstaplern zu tun. Durch 23 Jahre Berufspraxis ist er zum Lügenexperten geworden. Er hat bereits mehrere Sachbücher geschrieben

2. Lügen haben kurze Beine – und was sonst noch?

Die Generation Fake lügt gewohnheitsmäßig täglich x-mal. Dabei ist Lüge nicht gleich Lüge. Es gibt weiße und schwarze Lügen. Und selbst durch Schweigen und Halbwahrheit kann man lügen.

Die Generation Fake lügt unerträglich oft

Nach einer repräsentativen Umfrage lügen 58 Prozent der Deutschen täglich14. Nach der Rechtspsychologin Revital Ludewig lügt jeder durchschnittlich 25 Mal am Tag15. Andere Quellen gehen von täglich bis zu 80 Lügen aus. Im Internet wird am häufigsten eine Studie genannt, nach denen jeder Mensch bis zu 200 Mal am Tag lügt16. Als Quelle wird ein US-amerikanischer Psychologe namens John Frazier genannt. Doch seine angebliche Studie lässt sich nicht verifizieren. Sie ist in keiner wissenschaftlichen Datenbank auffindbar und auch weder als Buch noch im Internet veröffentlicht. Gut möglich, dass die Lügenzahl von 200 selbst ein Fake ist. Ich vermute, die Anzahl der täglichen Lügen lässt sich durch eine Umfrage nicht wahrheitsgemäß feststellen, denn die Befragten werden im Zweifel eine niedrigere Zahl von Lügen als die tatsächliche angeben. Die reinrassigen Vertreter der Generation Fake werden null Lügen angeben, weil sie den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge nicht mehr verstehen. Auf die genaue Anzahl der Häufigkeit von Lügen kommt es aber gar nicht an. Es geht darum aufzuzeigen, dass die Menschen gewohnheitsmäßig täglich lügen.

Definition von Wahrheit und Lüge

Bernd Weinbrenner saß wegen eines Umsatzsteuerbetrugs im großen Stil auf der Anklagebank. Er hatte dem Vorsteher des Finanzamts angegeben, er sei ein vermögender Filmproduzent und wolle in Dessau ein Filmstudio gründen. Millionen würde er dafür investieren. Dem Vorsteher gefiel die Idee »Hollywood in Dessau«, denn er versprach sich Steuermehreinnahmen. In der Planungsphase machte er natürlich keine Umsätze, führte Weinbrenner weiter aus, hatte aber Unkosten. Er reichte Rechnungen über sie beim Finanzamt ein und ließ sich die Umsatzsteuer auszahlen, insgesamt 300.000 Euro. Doch das Filmstudio wurde nie gebaut, und Weinbrenner tauchte mit dem Geld unter. War er ein Lügner?

»Die Lüge ist nichts anderes als die bewusste Abwendung von der Wahrheit«, definiert der Lügenforscher Peter Stiegnitz17. Die Wirklichkeit, die Realität, die wir als solche wahrnehmen, ist das Gegenteil der Lüge18. Das wirft gleich die nächste Frage auf, nämlich was Wahrheit ist. Der Duden definiert diese als die Übereinstimmung einer Aussage mit der Sache, über die sie gemacht wird19. Für Juristen bedeutet die Wahrheit die objektive Sachlage. Daraus ergibt sich eine wichtige Einschränkung. Wahr oder unwahr können nur Tatsachen sein. Das sind konkrete Zustände oder Vorgänge, die dem Beweis zugänglich sind. Ob die Frau schwanger ist oder nicht, ist eine Tatsache. War die Ampel Rot oder Grün ist ein Fakt. Ist ein Mensch tot oder nicht. Und es gibt diese Wahrheit immer nur einmal. Alternative Fakten, wie sie heute von der Generation Fake gerne verbreitet werden, gibt es in Wirklichkeit nicht. Niemand kann gleichzeitig tot und lebendig sein. Nicht unter die Wahrheit fallen dagegen alle subjektiven Aussagen, weil diese nicht nachprüfbar sind. Zum Beispiel Meinungen wie »Die Frau ist attraktiv« oder »Das Wetter ist schlecht«. Oder alle gefühlsmäßigen Äußerungen. »Mir geht es schlecht« kann weder bewiesen noch widerlegt werden.

Bernd Weinbrenner hatte in mehreren Punkten die Unwahrheit gesagt. Er war zuvor in Berlin mit drei anderen Filmfirmen in Insolvenz gegangen. Das Geld, das er angeblich in das neue Filmstudio investieren wollte, hatte er nicht. Millionen hatte er nur als Schulden. Und die beim Finanzamt zwecks Umsatzsteuerumkehr eingereichten Rechnungen waren fingiert. Bei der Hausdurchsuchung waren jede Menge Blanko-Briefbögen und Stempel gefunden worden.

Die Abkehr von der Wahrheit alleine reicht aber nicht aus. Der Kirchenlehrer Augustinus hat diese Definition aufgestellt: »Die Lüge ist offensichtlich eine unwahre mit dem Willen zur Täuschung vorgebrachte Aussage«20. Das zweite Element ist also der Wille zur Täuschung. Fehlt die Täuschungsabsicht, liegt kein Lügen vor. Typischer Fall ist der Irrtum. Der Wetterexperte, der Sonne vorausgesagt hat, und in Wirklichkeit regnet es, hat nicht gelogen. Er hat sich bei seiner Wetterprognose nur geirrt. Fällt jemand auf Fake News herein und erzählt diese weiter, lügt er nicht, denn er hält sie für wahr.

Bernd Weinbrenner irrte sich nicht, als er dem Vorsteher des Finanzamts von seinen Filmstudioplänen erzählte. Er war vor seinen Gläubigern aus Berlin geflohen. Er wusste, er war pleite und würde den Bau des Studios nicht finanzieren können. Er wollte den Vorsteher bewusst täuschen, um Geld vom Finanzamt zu bekommen.

Mit dem Merkmal »Willen zur Täuschung« lassen sich auch Falschaussagen aufgrund von Wahrnehmungstäuschungen oder Erinnerungsverfälschungen abgrenzen.

Eine falsche Wahrnehmung kann zum Beispiel entstehen, wenn man nur kurz etwas sieht und das Gehirn den Rest dazuerfindet. Ich sehe aus dem Augenwinkel die vertraute Silhouette eines Kollegen, und ohne dass ich diesen bewusst angesehen und identifiziert habe, entsteht vor meinem geistigen Auge ein Bild dieses Kollegen. Dabei war er es vielleicht gar nicht, sondern nur jemand, der ihm ähnlich sah. In Verkehrsunfallprozessen gibt es immer mal den sogenannten Knallzeugen. Er starrt auf sein Handy, es knallt, er reißt den Kopf herum und sieht gerade noch Fahrzeugtrümmer durch die Luft fliegen. Vor Gericht wird er sagen, er habe den Unfall beobachtet, obwohl er die Kollision gar nicht gesehen hat. Auch sein Gehirn erfindet den Rest dazu.

Eine Erinnerungsverfälschung kann etwa durch Suggestion oder Manipulation verursacht werden. Redet man jemandem lange genug ein, wie sich ein Vorfall ereignet hat, wird er es vielleicht selber glauben. Bei Wahrnehmungstäuschungen oder Erinnerungsverfälschungen hält die befragte Person ihre Aussage für subjektiv richtig, obwohl sie objektiv falsch ist. Da die Person nicht täuschen will, lügt sie auch nicht.

Lüge ist zusammengefasst eine unwahre mit dem Willen zur Täuschung vorgebrachte Aussage.

Die guten, die schlechten und die unvermeidbaren Täuschungen

Ein weiteres Unterscheidungskriterium ist die Absicht des Lügners. Es wird zwischen weißen und schwarzen Lügen unterschieden.

Weiße Lügen dienen dazu, den anderen zu schonen oder ihm zu helfen21.

Zu den weißen Lügen gehören die Höflichkeitslügen. Bei ihnen ist Nettigkeit wichtiger als die Wahrheit.

»Wie geht’s?« – »Danke, alles gut« ist eine typische Gesprächseröffnung und gleichzeitig eine beiderseitige ritualisierte Lüge. Den Fragesteller interessiert das Wohl des anderen in der Regel nicht wirklich. Probieren Sie das ruhig mal aus. Fragt Sie ein entfernter Bekannter auf der Straße »Wie geht’s?«, erzählen Sie ausführlich von Ihren Eheproblemen, der Krebsdiagnose Ihres Vaters und der Pfändung durch die Bank. Ich wette, der Fragesteller wird schnell das Weite suchen. Umgekehrt ist die Antwort »Danke, alles gut« selten wahrheitsgemäß. Es gibt kaum Menschen, die ein rundherum glückliches Leben ohne Sorgen und Probleme führen. Nur möchte man aus Höflichkeit den Fragesteller nicht mit den eigenen Problemen belasten. Bei einem Konflikt zwischen Ehrlichkeit und Höflichkeit entscheiden wir uns meist für Letzteres.

Zu den Höflichkeitslügen gehören auch alle Antworten auf Fragen nach dem Aussehen oder dem Können. Fragt die Ehefrau ihren Mann, wie ihm ihre neue Frisur gefällt, wird er »Klasse! Steht Dir sehr gut« antworten. Die wahrheitsgemäße Antwort »scheußlich« verkneift er sich, denn er möchte seine Frau nicht verletzen. Fragt Oma, wie der Kuchen gemundet hat, sagt man ihr nicht, dass er wie Sandkiste geschmeckt hat und nach dem ersten Bissen umgehend in den Mülleimer entsorgt wurde. Man sagt ihr, der Kuchen sei köstlich gewesen, um die betagte Dame nicht zu kränken. Präsentiert der Mann nach dem Besuch des Fitnessstudios stolz seine Oberarme, sagt seine Frau ihm nicht, dass er eigentlich keinen Bizeps hat. Zeigt die Tochter ihr frisch gestochenes Tattoo, wird die Mutter nicht wahrheitsgemäß sagen »Lass es wegmachen«, sondern »Das sieht ja interessant aus.«

Auch falsche Komplimente sind im Grunde Lügen. Um den anderen zu schmeicheln, sagen wir Sachen wie »Du siehst jünger aus als du bist«. Es gibt niemand über dreißig, der so etwas nicht gerne hört. Heikel ist die Frage »Rate mein Alter«. Sie schauen den Fragesteller an und denken spontan an Johannes Heesters (108 Jahre) oder Inge Meisel (94 Jahre). Sie wissen aber auch, die wahrheitsgemäße Antwort kann den Fragesteller verletzen. Also nehmen Sie das geschätzte Alter und ziehen großzügig zehn bis dreißig Jahre ab.

Ebenfalls zu den weißen Lügen gehören die Notlügen. Dies sind Lügen, um jemanden zu schonen oder etwas Schlimmes zu vermeiden. Jemand hat unheilbaren Krebs im Endstadium. Ärzte, Krankenschwestern und Familienangehörige neigen dazu, dem Patienten nicht die volle Wahrheit über seine Krankheit zu sagen. Die volle Wahrheit könnte ihm seinen Lebensmut nehmen und ihn in Depressionen stürzen. Also wird der Ernst der Krankheit heruntergespielt, so nach dem Motto »Das wird schon wieder«. Die Ärzte und Angehörigen wollen den Patienten mit ihrer Lüge schonen...

Erscheint lt. Verlag 14.9.2020
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Sachbuch/Ratgeber Geschichte / Politik Politik / Gesellschaft
Geisteswissenschaften
Sozialwissenschaften Pädagogik Sozialpädagogik
Sozialwissenschaften Politik / Verwaltung
Sozialwissenschaften Soziologie
Schlagworte eBooks • Ehrlichkeit • Fake News • Falschaussage • Gerechtigkeit • Gericht • Gerichtssaal • Lügen • Notlügen • Selbstherrlichkeit • Wahrheit
ISBN-10 3-641-26330-1 / 3641263301
ISBN-13 978-3-641-26330-0 / 9783641263300
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