Die Dinge unseres Lebens (eBook)
304 Seiten
Berlin Verlag
978-3-8270-7994-7 (ISBN)
Susanne Mayer, geboren 1952, ist Kulturreporterin und Literaturkritikerin der Wochenzeitung Die Zeit, in deren Feuilleton ihre freche Kolumne »Männer!« erscheint. Für ihre Arbeiten wurde sie 1985 mit dem Theodor-Wolff-Preis sowie 1990 und erneut 1994 mit dem Emma-Journalistinnen-Preis ausgezeichnet. Im Berlin Verlag erschienen ihr gefeiertes Buch »Die Kunst, stilvoll älter zu werden. Erfahrungen aus der Vintage-Zone« und »Männer!«. Susanne Mayer lebt in Hamburg und Berlin.
Susanne Mayer, geboren 1952, ist Kulturreporterin und Literaturkritikerin der Wochenzeitung "Die Zeit", in deren Feuilleton ihre freche Kolumne "Männer!" erscheint. Für ihre Arbeiten wurde sie 1985 mit dem Theodor-Wolff-Preis sowie 1990 und erneut 1994 mit dem Emma-Journalistinnen-Preis ausgezeichnet. Im Berlin Verlag erschienen ihr gefeiertes Buch "Die Kunst, stilvoll älter zu werden. Erfahrungen aus der Vintage-Zone" und "Männer!". Susanne Mayer lebt in Hamburg und Berlin.
Hausaufgabe
Es war so etwas wie der Sommer meines Lebens. Nicht in dem Sinne, dass es der schönste gewesen wäre, der glücklichste oder auch nur der aufregendste. Es war ein Sommer, in dem sich die Jahre des vorangegangenen Lebens unerwartet zusammenballten, verdichteten zu einer Essenz von dem, was war und noch davor gewesen war. Ich verbrachte in diesem Sommer, der einer der ersten Sommer des neuen Jahrtausends war, viele Wochenenden in dem Haus meiner Mutter, in dem wir aufwuchsen, es war ein schönes Haus am Rande einer mittelgroßen Stadt mit Blick auf den Wald. Meine Mutter war nicht mehr da. Alle waren weg. Der Vater schon lange, die Kinder, die Mieter im Obergeschoss – alle. Ich war allein, mit all diesen Dingen.
Wie viel wird bleiben von uns? Was möchten wir, was bleibt, wenn wir weg sind? In einer Ausstellung über das Alter im Wiener Belvedere zeigt die japanische Fotokünstlerin Miyako Ishiuchi im Jahr 2017 letzte Fundstücke von ihrer Mutter, sie heißen Mother #5 oder Mother #36. Das erste, Mother #5, zeigt ein Damenunterkleid aus schwarzer Seide, dessen Brustpartie sich in einer schönen schwarzen Spitze auffächert – ein kleines Nichts, es wirkt, als wäre der Körper der Mutter gerade erst daraus verschwunden und hätte diesen Hauch von Schwarz hinterlassen, eine Durchsichtigkeit, in der sich Abwesenheit und Verlangen, Liebe und Trostlosigkeit, Fassungslosigkeit und Akzeptanz des Unabänderlichen verschränken. Daneben: das Bild eines Lippenstifts. Aus einem bronzefarbenen Trichter, der auf einen lackschwarzen Sextagon aufgesetzt ist, wächst ein Stummel von dunklem Rot. Der Lippenstift ist fast bis zum Ende aufgebraucht, aber in dem winzigen Rest hat sich die Spur der Lippen erhalten, als kleine Kurve um ein Nichts. Eine Chiffre der Abwesenheit, sie sagt stumm: Mehr als diese Leerstelle im Fett des Lippenstifts bleibt vielleicht nicht von uns.
Nun, als meine Mutter fort war, sie verbrachte diesen letzten Sommer ihres Lebens in einem Seniorenheim am Ufer des Rheins, blieb sehr viel mehr zurück als ein seidenes Unterkleid und ein abgemümmelter Lippenstift. Da waren in dem Haus mit dem großen Garten ein weitläufiges Erdgeschoss und darunter – der Stolz der elterlichen Bauherren – die kostenintensive Komplettunterkellerung: Vorraum und Waschküche, sauber gefliest, das Gästezimmer mit der mausgrauen Auslegware; man hatte dazu einen Restbestand vom Teppichboden des Wohnzimmers verwertet, den meine Eltern, die von ihren Eltern zur Sparsamkeit erzogen worden waren, für den Fall der Fälle aufgehoben hatten.
Da war der Heizungskeller mit abgedichteter Ölwanne und Sicherheitsschloss an der Tür, ein Raum für Eingemachtes mit einem Weinregal aus kraftvollen Schmiedeeisenarabesken, dessen Tür abzuschließen gewesen wäre, aber nie wurde, man hatte es wohl angeschafft, weil es gut zum Haus passte, mit seiner Haustür aus schwerem Schmiedeeisen, den Fenstern, dem Treppengeländer aus Schmiedeeisen, deren Kringel mein Vater in Nachtarbeit entworfen hatte. Da war der sogenannte Zickzackkeller, der bis unter den Garten ragte, und vor all diesen Kellerräumen lag die kleine Kellerdiele, in der die Chippendale-Vitrine abgestellt worden war, die sich einmal das Schmuckstück des Esszimmers hatte nennen können. Das Chippendale, das zur Aussteuer meiner Mutter gehört hatte, dann aber in den Keller abgeschoben wurde, als ein stylishes Möbel aus Glas mit Bronze ihren Platz im Esszimmer eroberte.
Man kam in den Keller und wurde dort also von der einsamen Vitrine begrüßt und dem in ihr immer noch zur Schau gestellten silbernen Teegeschirr, ebenfalls Aussteuer und seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt. Immerhin behauptete es seinen Platz in der Vitrine, dieses Set aus Teekanne, Kaffeekanne, Milchkännchen mit Zuckerdose. Das Silber war schon ein wenig abgeschubbert, darunter trat das weiße Porzellan zutage. Die Teekanne hatte ihren Deckel verloren, wohl in den Jahren, in denen wir Kinder sie zur Abmessung des Kaninchenfutters entwendet hatten – bis Heidi, unser Kaninchen, geschlachtet worden war, vielleicht, weil die Eltern mit Grund bezweifelten, ob sie das geeignete Objekt war, um den Kindern verantwortungsvolles Kümmern beizubringen. Jemand hatte aber mit der Kanne Erbarmen gehabt und ihr wieder den angestammten Platz in der Vitrine eingeräumt, wiewohl jetzt mit ihr heruntergestuft zum Kellermöbel, aber wenigstens nicht entsorgt. Niemand war in den Jahrzehnten nach der Schlachtung von Heidi und ihrer Verarbeitung zum Sonntagsbraten auf die Idee gekommen, die Vitrine zu entsorgen, geschweige denn, das abgeschubberte silberne Geschirr. »Wegschmeißen kann man noch immer!«, pflegte meine Mutter zu sagen. Das galt auch für viele andere Dinge.
Alle Kellerräume waren voll. Mit was? Nicht gebrauchten Möbeln aus einem ganzen Jahrhundert, klumpigen schweren Daunendecken, kratzigen Pferde-Wolldecken, muffigen Kissen, den Dokumenten und Urkunden von Generationen, verklebten Büchern, abgelaufenen Konserven etc., davon wird noch im Einzelnen die Rede sein. Einige Kellerräume waren bis unter die Decke vollgestopft. Reichlich gefüllt auch Mutters Räume im Erdgeschoss, die Küche mit der Abstellkammer und dem Spind, das Esszimmer und das Wohnzimmer, das sich anschließende Arbeitszimmer, ihr Schlafzimmer: alles sehr, sehr voll.
Man darf es sich nicht als Messiehaushalt vorstellen, alles war so schön arrangiert, mit einem Auge für Proportionen, die Möbel und Teppiche, die Sofas und Sessel, der alte Schaukelstuhl, ihr Fernsehsessel aus Nubuk, der ganze Nippes. Die kleine Elefantenherden aus Jade, der knallrote Terrier aus Porzellan, die fast durchsichtige Schattenspielpuppe aus Java, der geschnitzte Geisterkopf aus Australien mit seinen leuchtenden Perlmuttaugen, die einem folgten – alles sorgsam ausgesucht, nie hatte ich bemerkt, wie hübsch dieser Nippes war.
Unter dem Chippendale-Esstisch lag noch der Perserteppich aus deutscher Qualitätsproduktion der Fünfziger, im Wohnzimmer dann der echte Perser, von dem Papa kichernd zu sagen pflegte, als gestehe er eine Sünde, er sei teurer als das Auto gewesen, und dann der chinesische Seidenteppich in Lavendel und der Gebetsteppich vor dem Blumenfenster mit kastig vertiefter Fensterbank zur Bepflanzung, ein Hit der Sechzigerjahre, der allerdings nie bepflanzt wurde, weil meine Eltern nach ihren Bauaktivitäten vielleicht zu erschöpft waren. Die Amaryllis wurden auf einen umgedrehten Blumentopf gestellt, damit sie aus dem Fenster gucken konnten.
Es gab Regale mit Büchern, viele Regale und noch mehr Regale mit Büchern, die Bücher standen doppelt und dreifach, es waren Bücher, meist Taschenbücher, auf deren Umschlägen Männer auf Segelbooten mit Südwestern in der Stirn einem Sturm trotzten oder Frauen im Damensattel auf Pferden ritten oder Rosen an Cottages hochkletterten, meine Mutter pflegte sie in Stapeln aus den Holzkisten vor den Buchhandlungen zu ziehen. Es gab in den Möbeln dicht aneinandergeschobenes und gestapeltes Geschirr, in der Speisekammer ein Set alter Pfannen aus schwarzem Eisen, emailliert, so schwer, dass sie wohl Jahrzehnte keiner mehr hochgehoben hatte. Warum auch, es gab ja längst zierliche Pfannen aus Edelstahl. Da waren Backbleche im Zustand fortgeschrittener Verrostung, weil ja schon lange nicht mehr gebacken worden war. Im Schrank seit Ewigkeiten nicht mehr berührte Reste von Mehl oder Zucker in knittrigen Tüten, dafür im Tiefkühlfach ganze Batterien von Fertigmahlzeiten, die sie nicht mehr hatte aufessen können.
Ich erinnere mich daran, wie ich morgens auf der Klappliege im Wohnzimmer aufwachte und durch das Panoramafenster in den großen Garten sah. Ich hätte mich natürlich auch in ihr Bett legen können, in diese großartige Angelegenheit aus mächtigen verschlungenen Messingleisten, die sie sich noch gegönnt hatte, aber ich hatte es nicht über mich gebracht, mich in dieses Bett zu legen, das nach ihr roch, und das Sofa, ein Produkt der Sechzigerjahre in Creme und mit umlaufender Fransenkante, hatte eine zum Schlafen unpraktische Hufeisenform.
So kampierte ich, einen Sommer lang, inmitten des sich um mich herum ausbreitenden Hausstands einer deutschen Beamtenfamilie, als wäre ich ein Gast, zu Besuch in einer Vergangenheit, die ja auch meine war, unserer aller Vergangenheit. Neugierig, hilflos, manchmal wütend, endlich entschieden, gelegentlich nicht ohne Panik, pickte ich mich durch die Dinge, viele Wochenenden lang, versuchte zu ordnen, zu verteilen, loszuwerden oder zu bewahren, so verging das Jahr, an dessen Ende das Haus leer war und meine Mutter tot. Es war, als hätte ich eine Ewigkeit im Anblick dieser Dingwelt verbracht und tauchte nun wieder auf, atemlos.
Der Ethnologe Daniel Miller empfiehlt, Haushalte wie ein Gemälde zu betrachten – mit einer Neugier für die Details, aufmerksam für die Komposition, zugleich nachdenkend über die Frage, was wohl der Rahmen dieses Bildes ist, ohne den seine Entstehung und unser Verstehen nicht möglich ist. Aber, möchte man ergänzen, nicht immer ist es so, dass sich alle Teile eines Puzzles zu einem Bild ordnen lassen, das uns seinen Sinn enthüllt. Dann muss man aushalten, was die Fragmente an Erinnerungen und Gefühlen auslösen, und auch, dass sie Fragen aufwerfen, die vielleicht nie beantwortet, aber uns immer quälen werden.
Erinnerung ist etwas, dessen Regeln wir nicht bestimmen, eher ist es so, dass sie die Regie übernimmt, wie der französische Philosoph Roland Barthes mit Blick auf seine Kindheit schrieb: »Von Anbeginn an drängen sich Szenen, die darauf brennen, eine Rolle zu spielen, ins Rampenlicht der Erinnerung: häufig spüre ich das, sehe ich das in eben dem Augenblick voraus, in dem sie sich bilden. Dieses Theater der Zeit ist das genaue Gegenteil der...
| Erscheint lt. Verlag | 2.9.2019 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Geisteswissenschaften ► Psychologie ► Allgemeine Psychologie | |
| Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
| Schlagworte | 2. Weltkrieg • Abschied • Alltagskultur • Alter • Aufbewahren • aufheben • Aufräumen • Ausmisten • Bewahren • Dinge • Entrümpeln • Erinnern • Erinnerung • Erinnerungskultur • Gerümpel • Habseligkeiten • Haushaltsauflösung • Horten • Lebensabend • Loslassen • Mitläufer • Rita Bohle • Ruhestand • Rumpelkammer • Sachen • Sammeln • sterbefein machen • Trödel • V2 • Vergänglichkeit • Weg damit |
| ISBN-10 | 3-8270-7994-2 / 3827079942 |
| ISBN-13 | 978-3-8270-7994-7 / 9783827079947 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich