Die Weisheit unserer Zellen (eBook)
Dr. Joël de Rosnay, geboren 1937 auf Mauritius, ist ein französischer Biologe und Informatiker. Er forschte und lehrte am renommierten MIT in Boston, bis er als Attaché für wissenschaftliche Fragen an die französische Botschaft in den USA berufen wurde. Mit zahlreichen wissenschaftlichen Auszeichnungen, einer Ehrendoktorwürde und Verdienstorden gewürdigt, widmete er sich in den letzten Jahren der Zukunftsforschung und den großen Herausforderungen unserer Zivilisation.
Kapitel 2
Wie man sein Leben verändert: Epigenetik in der Praxis
Diese Leute machen mich noch krank!
»Sich in der eigenen Haut wohl fühlen«, »die Galle kommt einem hoch«, »eine Laus ist einem über die Leber gelaufen«, »die Schnauze voll haben« … Seit langem haben Wissenschaftler und Mediziner die Krankheiten beziehungsweise die körperlichen und geistigen Fehlfunktionen, die man als psychosomatische Krankheiten bezeichnet, die also aus einer grundlegenden Verbindung von Geist und Körper resultieren, unterschätzt, um nicht zu sagen: vernachlässigt.
Um die wissenschaftlichen Grundlagen dieser Fehlfunktionen zu verstehen, musste man erst die Arbeiten von Rita Levi-Montalcini abwarten, einer großen italienischen Forscherin und Trägerin des Nobelpreises für Medizin 1986; sie starb in Rom am 30. Dezember 2012. Dank der »Psycho-Neuro-Immunologie«, einer neuen und sehr fruchtbaren Disziplin, deren weltweite Pionierin sie war, hat sie die engen Beziehungen zwischen dem hormonellen Netzwerk, dem Nervensystem und dem Immunsystem gezeigt, die das Funktionieren unseres Körpers regulieren. Diese drei Netzwerke kommunizieren ständig miteinander, vor allem über den Weg der Hormone, die von einem dieser Systeme produziert und von den Rezeptoren der Zellen der anderen Systeme empfangen werden. Der große wissenschaftliche und medizinische Fortschritt, den wir Rita Levi-Montalcini verdanken, besteht darin, dass sie gezeigt hat, wie und warum eine schlechte Kommunikation zwischen den drei Netzwerken Krankheiten bei Erwachsenen beziehungsweise Entwicklungsstörungen bei Kindern bewirken kann. Bereits 1952 hat sie den nervlichen Wachstumsfaktor isoliert, der Krebszellen wachsen lässt.26
Oft sprechen wir von unseren »psychosomatischen« Krankheiten – z. B. über die Art und Weise, wie eine Auseinandersetzung mit dem Vorgesetzten, eine politische Diskussion mit Freunden oder der Unfall eines uns Nahestehenden unsere geistige und körperliche Verfassung beeinflussen konnten. »Das hat mich krankgemacht« ist ein klassischer Ausdruck, der in diesem Zusammenhang verwendet wird. Er besagt, dass wir ermessen, wie sehr unsere Psyche und unsere Stimmung einen Einfluss auf unser Wohlbefinden haben. »Positiv denken« bestimmt die Art und Weise, wie wir uns wahrnehmen und die Welt um uns empfinden. Was wir vielleicht weniger wissen, ist, dass wir mithilfe der Epigenetik negative »psychosomatische« Prozesse neu ausrichten können, und zwar in eine Richtung, die sich auf unsere Gesundheit und unser seelisches Gleichgewicht positiv auswirkt.
Ich werde Ihnen zeigen, wie Sie Epigenetik praktisch einsetzen können. Das Geheimnis liegt in den fünf Begriffen, die die Grundlage der folgenden Kapitel bilden: Ernährung, Sport, Anti-Stress, Vergnügen, Harmonie.
Eine ausgeglichene Ernährung, körperliche Betätigung, Stressreduktion, die Suche nach Vergnügen und Harmonie innerhalb des menschlichen, sozialen und familiären Netzwerks: Das sind die fünf miteinander verbundenen »Schlüssel« für ein langes Leben und für das körperliche und seelische Gleichgewicht, deren Auswirkungen für unsere Gesundheit bestimmend sind. Sie begünstigen die Produktion einer bestimmten Anzahl von Biomolekülen, die, indem sie in den Zellkern eindringen, die Genexpression beeinflussen, weil sie vor allem die Histone modifizieren (die für die Struktur der Chromosomen wesentlich sind, wie in Kapitel 1 beschrieben). Diese tägliche epigenetische Praxis ist nicht nur leicht anzuwenden, sie bringt auch schnell sichtbare Ergebnisse.
Die wissenschaftliche Revolution der letzten zwanzig Jahre hat mehrere Schlüssel zu einem langen Leben zutage gefördert. So wissen wir seit langem, dass das, was wir essen, unsere Genexpression modifiziert. Desgleichen können Sport oder Yoga den Ausdruck der Gene innerhalb sehr kurzer Zeit beeinflussen. Und was die Art und Weise betrifft, wie wir Stress reduzieren bzw. was die Harmonie in unserem sozialen, beruflichen und familiären Netzwerk angeht, so hat auch dies Einfluss auf unsere Gesundheit.
Behalten wir also im Auge, dass der Körper sich wie ein Filter verhält: Er nimmt allerlei Substanzen auf, wovon er einige eliminiert und andere zurückhält. Ausgeglichenheit bei der Ernährung zu beachten bedeutet, dasjenige optimal zu nutzen, was wir unserem Körper an Nahrung zuführen, damit dieser Körper gut funktioniert. Fast ausnahmslos verhält sich ein gut ernährter und unterhaltener Körper wie eine gut geölte Maschine. Er bietet uns eine gute Leistung, ohne dass sich störende Produkte ansammeln.
Kalorienreduktion verbessert die Lebenserwartung
Dank der an Ratten, Mäusen, Hunden und Affen vorgenommenen Forschungen weiß man seit langem, dass eine Kalorienreduktion um 20 bis 40 Prozent die Lebenserwartung vergrößert. Nicht nur leben die Tiere länger, sie sind auch aktiver und werden weniger häufig krank. Die gleiche Behandlung, angewandt auf Fliegen, Würmer und auf Hefe hat vergleichbare Wirkungen gezeigt. Ganz offenkundig ist eine kalorienarme Ernährung ein Faktor für die Langlebigkeit von Lebewesen. Das gilt auch für den Menschen. Ebenso hat die Praxis des regelmäßigen Fastens unter medizinischer Aufsicht bzw. in Spezialkliniken spektakuläre epigenetische Auswirkungen.
Bei einem Erwachsenen entspricht eine maßvolle Ernährung ungefähr 2.200 Kalorien pro Tag. Zum Vergleich: Ein Amerikaner verbraucht im Durchschnitt 2.500 Kalorien pro Tag, ein Franzose 2.300 und ein Japaner 1.800. Wohlgemerkt: Nicht alle Kalorien sind gleichwertig: 2.200 Kalorien nach dem Genuss von Schokolade oder Kuchen haben nicht die gleichen Wirkungen wie eine entsprechende Kalorienmenge an Fleisch, Obst, Gemüse oder Fisch. Ganz ernsthaft kann man leicht auf 1.900 Kalorien pro Tag reduzieren, indem man sich die Tagesmahlzeiten etwa so zusammenstellt: Ein Frühstück, das aus einem Joghurt, einer Orange, einer Scheibe Brot mit Konfitüre und Tee besteht; das Mittagessen mit Hähnchenbrust, etwas Salat und Obst; das Abendessen mit einer Suppe, Pasta mit Tomatensauce und einem Stück Obst. Empfiehlt die Volksweisheit denn nicht: frühstücken wie ein König, zu Mittag essen wie ein Prinz, zu Abend essen wie ein Bettler?
Eine tägliche Menge von 3.500 bis 4.500 Kalorien bei jeder Mahlzeit kann gefährlich werden, vor allem, wenn man keinerlei Sport betreibt. Dagegen kann bei denjenigen, die intensiv Sport treiben oder einem körperlich sehr fordernden Beruf nachgehen, die Verringerung bis auf 1.800 Kalorien dazu führen, dass sie nicht satt werden. Auf eine ausgewogene Ernährung zu achten darf nicht bedeuten, dass man übertreibt. Doch Vorsicht bei einer Ernährungs-Obsession (Orthorexie): Manche Menschen legen sich solche Zwänge auf, um ihre Kalorien zu reduzieren, dass sie sogar vor lauter Unlust sterben können! Offensichtlich ist es durchaus möglich, ein gesundes Essverhalten an den Tag zu legen, ohne dabei ein tristes Leben zu führen. Ich befürworte hier einen mittleren Wert: Jeder stellt sein Essen entsprechend seinem Geschmack zusammen, und zwar so, dass die Zusammenstellung der Nahrungsmittel ausreicht, die Wirkung der Epigenetik zu vergrößern.
Was die Getränke angeht, ist es besser, Wasser den Soda- und anderen gezuckerten Getränken vorzuziehen. Man sollte zudem den Alkoholgenuss einschränken. Die Reklame für Mineralwasser wiederholt es seit Jahrzehnten: »Trinkt und spült es wieder hinaus!« Das ist endlich einmal eine Werbung, die nicht lügt. Es ist erwiesen, dass das Trinken von eineinhalb bis zwei Liter Wasser pro Tag die Ausschwemmung giftiger Stoffe (die über das Blut transportiert werden) erleichtert und beschleunigt, indem es die Blase und die Nieren anregt, die als Reinigungsstation fungieren, die 24 Stunden pro Tag im Einsatz ist.
Die Goldene Regel: nach Farben essen
Die Ernährungswissenschaftler lassen keine Gelegenheit aus, um an diese Regel zu erinnern, die man sich leicht merken kann; sie gilt auch für Kinder: »Esst nach Farben!« Sie haben recht damit: Farbiges Obst und Gemüse, vor allem rotes, gelbes, orangenes, blaues oder purpurfarbenes, enthält Antioxydantien und Entzündungshemmer. Essen Sie täglich zwei oder drei verschiedene Gemüsesorten (Spinat, Rosenkohl, grüne Bohnen, Erbsen, Salat), wenn möglich naturbelassen (um Konservierungsmittel und Zucker zu vermeiden). Dünsten Sie nach Möglichkeit das Gemüse. Wären wir tatsächlich vernunftgesteuert, müssten wir auch drei bis vier verschiedene Obstsorten im Tagesverlauf zu uns nehmen. Eine Orange am Morgen, eine Birne oder Banane zum Mittagessen, Erdbeeren, Himbeeren oder Trauben zum Abendessen. Äpfel enthalten Pektine, sie sind wahre Cholesterol-Schwämme. Wie die Engländer sagen: »An apple a day, keeps the doctor away« (Ein Apfel pro Tag hält den Arzt fern); »vorausgesetzt, man peilt dessen Kopf an!«, wie Winston Churchill scherzhaft ergänzte.
Im Übrigen ist es gut, den Verzehr an Trockenfrüchten zu erhöhen, die reich an Ballaststoffen und Mineralien sind, sofern Sie kein Übergewichts-Problem haben (diese Nahrungsmittel sind nämlich sehr kalorienreich). Zu den ausgewogensten Nahrungsmitteln zum Frühstück gehört das Müsli, diese traditionelle Schweizer Mischung aus Trockenfrüchten, Walnüssen, Haselnüssen, Rosinen, Gerste und Hafer. Und das, was man früher als »Studentenfutter« bezeichnete – eine Mischung aus Mandeln, Rosinen, Haselnüssen, Datteln oder Feigen –, ist ebenfalls ideal, um einen Mehraufwand an Kraft zu kompensieren.
Mehr Fett, weniger Salz
Während die meisten Ernährungsspezialisten noch dachten, man sollte tierisches...
| Erscheint lt. Verlag | 20.1.2020 |
|---|---|
| Übersetzer | Nikolaus Palézieux |
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | La symphonie du vivant - Comment l'épigénétique va changer votre vie |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Psychologie ► Allgemeine Psychologie |
| Schlagworte | Biologie • DNA • eBooks • Epigenetik • familiäre Veranlagung • Gencode • Gene • La symphonie du vivant • Lebensführung • Medizin • Telomere • Zukunftsforschung |
| ISBN-10 | 3-641-24060-3 / 3641240603 |
| ISBN-13 | 978-3-641-24060-8 / 9783641240608 |
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