Auch Klienten brauchen Märchen (eBook)
180 Seiten
Dgvt Verlag
978-3-87159-442-7 (ISBN)
Wolfgang Neumann, Ulrich Meier und Udo Baumann arbeiten als Supervisoren und Psychotherapeuten in einer psychologischen Praxis in Bielefeld und haben zusammen schon mehrere Fachbücher veröffentlicht (z.B.: 'Mögen Sie Ihre Klienten und mögen Ihre Klienten Sie? - Synergieeffekte einer allgemeinen Psychotherapiesupervision', 2007, und 'Schwarz auf Weiß: Väter und Söhne in der Psychotherapie', 2011).
Wolfgang Neumann, Ulrich Meier und Udo Baumann arbeiten als Supervisoren und Psychotherapeuten in einer psychologischen Praxis in Bielefeld und haben zusammen schon mehrere Fachbücher veröffentlicht (z.B.: „Mögen Sie Ihre Klienten und mögen Ihre Klienten Sie? – Synergieeffekte einer allgemeinen Psychotherapiesupervision“, 2007, und „Schwarz auf Weiß: Väter und Söhne in der Psychotherapie“, 2011).
Die Fallbeispiele:
Demonstrationen aus der Praxis
1.Natur hilft
Frau T. kommt aus der Ukraine. Sie berichtet von ihrer schweren Kindheit. Sie sei viel geschlagen worden. Sie arbeite in Bielefeld in einer Kantine, wo sie sich zwar wohlfühle, aber auch viel „untergebuttert“ werde. Sie könne sich nicht wehren, ziehe sich dann zurück und leide unter depressiven Symptomen. Ihr Mann, der sie früher auch schlecht behandelt habe, stehe jetzt voll hinter ihr, sie sagt, sie dürfe sogar „Mini“ tragen, obwohl ihre Beziehung keine leidenschaftliche sei. Da sei sie wie ihre Mutter, die sei auch sehr kalt gewesen. Was ihr helfe, sei, dass sie ein Stück Grabeland gepachtet habe, dort verbringe sie jede freie Minute. Ich schreibe für sie eine Geschichte, die ihr Mut machen soll.
Der graue Himmel über der grauen Industriestadt im Osten war allein schon eine Belastung für ein Menschenkind, das von Beginn seines Lebens an Farben liebte. Eines Tages ging das Kind, nennen wir es Ewa, die Straße entlang, um von der Schule nach Hause zu kommen. Ewa ließ sich viel Zeit, zu Hause fühlte sie sich oft nicht so willkommen, es gab irgendetwas mit Kartoffeln zu essen, und Vater und Mutter waren nicht immer freundlich mit ihr. Ewas Mutter war nicht so herzlich zu ihr, sie war manchmal sogar abweisend und ihr war wichtig, dass Ewa ihre Aufgaben in der Schule und auch zu Hause gehorsam erledigte. Ewa wollte gerne viel lernen, denn nur dann – das war ihr mit ihren elf Jahren schon klar –, nur dann würde sie eine Chance haben, sich irgendwann zu befreien. Ihren Vater nannte Ewa einen Despoten. Sie durfte keinen eigenen Willen haben, und auch zu ihrem drei Jahre älteren Bruder war die Beziehung nicht liebevoll, obwohl die beiden Kinder doch zusammen aufwuchsen. Ewa war viel alleine. Der graue Himmel ist auch in mir, dachte sie manchmal und fühlte sich sehr bedrückt. Als sie so die Straße nach Hause ging und den Kopf geneigt hielt, hörte sie auf einem Mal einen Vogel, der oben auf einem Gartenzaun saß und ein Frühlingslied zwitscherte. Weit entfernt antwortete ein anderer Vogel, vielleicht ein Männchen, denn der Vogel, den Ewa sehen konnte war auch grau. Sie setzte sich auf einen Bordstein und lauschte den beiden Vögeln. Sie wünschte sich die Sprache der Vögel zu verstehen, denn sie klang lustig und witzig, nicht wie die Sprache, die zu Hause gesprochen wurde und die ihr manchmal hart und abweisend erschien. In der Schule sprach man auch, aber dort wurde die Sprache beurteilt, ob man richtig sprach oder falsch, ob die Grammatik stimmte oder nicht. Ewa schloss ihre Augen. Ja, es gab schon Situationen, in denen sie ihre Sprache schön fand, in der Kathedrale, wenn gesungen wurde, auf Festen, wenn man lustig miteinander schwätzte, wenn sie mit ihrer Freundin klatschte und sie kicherten. Sie beobachtete die beiden Vögel, die jetzt zusammen auf einem Ast saßen. Sie schienen sich sehr zu mögen, denn ihre Schnäbel berührten sich, als ob sie sich küssen würden. Wann habe ich zum letzten Mal einen Kuss bekommen?, dachte sie. Vielleicht zu Ostern oder zu ihrem Namenstag, auf die Wange, flüchtig, wie ein Sonnenstrahl, der ganz kurz zwischen zwei dunklen Wolken hindurchblinzelte. Einmal hatte sie einen Film gesehen, in dem sich zwei Menschen küssten. Das sah komisch aus und sie hatte sich geschämt. Wie sich das wohl anfühlte, wenn man sich küsst? Ob man das darf? Was sagt Gott dazu? Bei den Vögeln hat er offensichtlich nichts dagegen. Oder doch? Denn nun fing es plötzlich an zu graupeln, Aprilwetter, nicht der Liebesmonat Mai. Ewa nahm ihre Schultasche und lief nach Hause. Ich habe Mama und Papa noch nie sich küssen gesehen. Ob sie es heimlich tun? Ewa lief zur Haustür und dann die Stufen hoch. Wie vertraut alles war und wie wenig liebevoll. Keine Pflanzen! Obwohl, so ganz stimmte das nicht, denn Ewa hatte einen kleinen Platz im Hof gefunden, wo sie mitten im grauen Beton einen Topf hingestellt hatte. Den hatte sie mit Erde gefüllt und ein paar Samen darauf gestreut. Die Samen hatte sie von Tante Maria bekommen, die eine Datscha besaß, draußen vor den Toren der grauen Stadt. Einmal werde ich sie besuchen, dachte Ewa, dann werde ich auf dem Rasen spielen, Kaninchen füttern und Blumen pflücken und daraus einen Kranz flechten. Einmal, wenn ich groß bin und viel gelernt habe, dann werde ich einen Park haben, mit Pferden und Tomaten, mit einem Meer von Blumen und vielen Gesprächen und Lachen und Musik. Ja, eines Tages! Und dann ging sie langsam die vielen Stufen nach oben bis zur Wohnungstür. Ihre Mutter stand in der Küche und bereitete das Mittagessen vor und Ewa ging zu ihr und gab ihr einen Kuss. Ihre Mama lächelte und Ewa freute sich.
Die Geschichte spiegelt der Patientin ihre Gefühlswelt wider, die durch einen Mangel an Vitalität, Freude und Liebe geprägt ist sowie durch eine große Sehnsucht danach. Sich des Lebens freuen und lieben wie die Vögel wird für sie ein Leitbild, was ihr die Akzeptanz und Wertschätzung eigener vitaler Impulse ermöglicht und ihr Mut gibt, diese mit anderen zu teilen und somit aus einem alten, rigiden, durch Gefühlsferne gekennzeichneten Familienverhaltensmuster auszubrechen. Die Verwendung suggestiver Formulierungen wie der „Lebenssamen“, der gesät wird und später zu großer natürlicher Fülle gedeihen wird, fördert die Hoffnung auf Veränderung, die aber auch Geduld erfordert.
2.Liebe geht durch den Magen
Herr Z. ist 62 Jahre alt. Er leide unter einem „Reizmagen“, komme aber vor allem auf Wunsch seiner behinderten Frau in die Therapie, weil er sich nicht genügend um sie kümmere. Er sagt, das stimme, aber er vergesse das Kümmern immer wieder. Dann gäbe es Streit, bei dem er manchmal laut werde. Es stellt sich heraus, dass er sich um seine Ursprungsfamilie auch nicht kümmert, ja nicht einmal die einfachsten Daten mehr erinnert und sich ganz von ihr zurückgezogen hat.
Ganz ohne Erinnerung zu sein, wünschen sich manchmal Menschen, die Schlimmes erlebt haben. Dann nehmen sie sich einen Radiergummi und fangen an, Personen, Ereignisse und Fakten aus ihrem Leben auszumerzen, bis eine blitzblanke Lebensfläche zurückbleibt. So ein Kunstwerk bedarf täglicher Pflege, damit sich nicht irgendwo kleine Erinnerungsfetzen festsetzen und man immer wieder darauf herumscheuern muss, aber um des inneren Friedens willen pflegt man oft den Vorgarten, indem man auf den Knien Unkraut vernichtet. Kraut von Unkraut zu unterscheiden, keine leichte Sache, aber das geübte Auge erwischt jedes zarte ungeliebte Pflänzchen.
Ich schreibe die obige Betrachtung für ihn und behaupte, seine Magenschmerzen hätten mit seiner Ignoranz zu tun – Liebe geht durch den Magen –, und gebe ihm den Auftrag, ein Genogramm seiner Familie zu erstellen, wogegen er sich zunächst wehrt, dann aber zustimmt.
In diesem Fall hat die Betrachtung, die für den Patienten geschrieben wurde, insbesondere durch die Verwendung einer ordentlichen Portion Ironie, ein stark provokatives Element, auf das er sich jedoch einlassen konnte. Ein solches Vorgehen erfordert eine große Behutsamkeit und gleicht einer Gratwanderung: Auf der einen Seite gilt es, die destruktiven Konsequenzen rigider Verdrängungsstrategien und überzogener Abgrenzungsbedürfnisse aufzuzeigen, auf der anderen Seite eben diese Verhaltensweisen zu würdigen, die es ermöglichen, sich vor schmerzhaften Erinnerungen zu schützen und eigene (Belastungs-)Grenzen gegenüber den Forderungen der Umwelt aufrechtzuerhalten. Im Laufe der Therapie hat der Patient durch den Prozess des Verstehens, der Konfrontation und Auseinandersetzung mit schmerzhaften Erfahrungen sowie deren Verarbeitung an Freiheitsgraden gewonnen, sich von allzu rigiden, unbewussten, dysfunktionalen Strategien zu lösen, aber auch ein für ihn gesundes Maß an Verdrängung und Abgrenzung aufrechtzuerhalten.
3.Die Suche nach der Wahrheit
Frau B., Mutter von zwei Söhnen und Lehrerin, ist knapp fünfzig Jahre alt und kommt wegen starker „innerer Unsicherheit“ in die Therapie. Es gäbe so einen „braunen Flecken“ in ihrer Familiengeschichte, den möchte sie erhellen, eigentlich meint sie aber, sie habe kein Recht dazu. Ich widerspreche, und so begibt sie sich als Spurensucherin in die Archive und befragt Zeitzeugen, bis sie nach langem und beharrlichem Suchen und der Überwindung vieler Widerstände auf die „Wahrheit“ stößt: Ihr Großvater war eine Zeit lang KZ-Wärter in Buchenwald und sie kann aufhören zu denken, sie habe kein Recht.
Früher dachte man, die Erde sei eine Scheibe und wenn man dem Rand der Scheibe zu nahe käme, falle man von der Erde und sei hin. Das brachte die Menschen dazu, sich nicht so weit zu wagen und dumm zu bleiben. Erst als Galileo die Wahrheit fand, dass sie nämlich rund und keine Scheibe ist, begannen die Menschen sich zu befreien und auch in allen anderen Bereichen nach der Wahrheit zu forschen, letztlich nach dem Recht auf ein eigenes, selbstbestimmtes Leben. So haben wir heute in immer mehr Ländern der Welt demokratische Verhältnisse und den Aberglauben am Wickel.
Frau B. erkennt in ihrem Anliegen ein Menschenrecht und freut sich darüber, dass sie die eigene Wahrheit gesucht und gefunden hat. Ihre Unsicherheit diesbezüglich wird deutlich weniger.
Das Rekurrieren auf (historisch, wissenschaftlich oder sonst wie) bedeutsame Menschen oder Ereignisse wird in diesem Abriss genutzt, um funktionale Überzeugungen zu stärken, welche in diesem Fall den Therapieprozess, der die Auseinandersetzung mit der familiären Vergangenheit und damit einhergehenden...
| Erscheint lt. Verlag | 1.3.2019 |
|---|---|
| Verlagsort | Tübingen |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Psychologie |
| Schlagworte | Märchen • Psychologie • Psychotherapie |
| ISBN-10 | 3-87159-442-3 / 3871594423 |
| ISBN-13 | 978-3-87159-442-7 / 9783871594427 |
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