ADHS und Schizophrenie (eBook)
320 Seiten
Verlag Rüegger
978-3-7253-1069-2 (ISBN)
Ursula Davatz ist Psychiaterin und Familientherapeutin. Sie hat in den USA Systemtherapie gelernt und in den letzten 35 Jahren weiterentwickelt. Sie war 20 Jahre lang Leitende Ärztin des Sozialpsychiatrischen Dienstes im Kanton Aargau und hat dort den VASK (Verein der Ange hörigen von Schizophreniekranken) gegründet. Als Ausbildnerin leitet Ursula Davatz systemisch orientierte Supervisionen im Gesundheitsbereich und in Schulen. Eines ihrer Anliegen ist die Prävention.
Warum man dieses Buch lesen sollte
von Luc Ciompi
Wenn jemand wie ich, der während mehr als fünf Jahrzehnten das Ringen um ein theoretisch wie praktisch sinnvolles Psychose- und Schizophrenieverständnis miterlebt und selbst ein Stück weit mitgestaltet hat – so mit meinen langfristigen Verlaufsuntersuchungen, mit Rehabilitationsstudien, mit dem Konzept der Affektlogik und mit der Begründung der therapeutischen Wohngemeinschaft Soteria Bern –, dann wird er ein Buch wie das vorliegende, das einmal mehr ein «ganz neues Verständnis» dieser rätselhaften Erkrankung vorschlägt, zwar nicht ohne Neugier und Interesse, aber doch auch mit einer gewissen Skepsis zur Hand nehmen.
Dies vor dem Hintergrund der immer wieder neuen Psychoseerklärungen, die im Lauf der Jahrzehnte im wissenschaftlichen Mainstream aufgetaucht und nach einiger Zeit wieder mehr oder weniger sang- und klanglos daraus verschwunden sind. Angefangen mit der Dementia praecox oder «Frühdemenz», die Emil Kraepelin gegen Ende des 19. Jahrhunderts als neue Krankheitseinheit aus dem bisherigen Durcheinander von psychischen Störungen herausgelöst und als eine unausweichlich zur «Verblödung» führende Hirnkrankheit definiert hatte. Sie wurde bekanntlich schon 1911, also wenige Jahre später, durch den erheblich dynamischeren und auch hoffnungsvolleren Begriff der Schizophrenie – des «Spaltungsirreseins» – von Eugen Bleuler verdrängt, der einen zumindest «pathoplastischen» Einfluss von lebensgeschichtlichen Traumen anerkannte, einen verborgenen Sinn hinter scheinbar unverständlichen Wahnsymptomen und Halluzinationen vermutete und gewisse Besserungs- und Heilungsmöglichkeiten nicht ausschloss. Dennoch folgte eine jahrzehntelange Periode der Stagnation, die ganz von der Idee einer genetisch bedingten «endogenen», das heisst aus unbekannten Gründen «von innen heraus» entstehenden, Krankheit mit unbeeinflussbarem Verlauf beherrscht war.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg geriet dieses rigide Psychoseverständnis wieder in Bewegung: Zunächst trat da und dort ein psychoanalytisches Paradigma auf den Plan, das die Schizophrenie psychodynamisch zu erklären und mit modifizierten Analysetechniken auch zu behandeln suchte. Psychotische Symptome wurden als verschlüsselte Botschaften mit traumähnlichen symbolischen Bedeutungen aufgefasst, die in archaischen Vernichtungsängsten und existenziellen Konflikten wurzelten. Diesem Zugang ist auch die Einsicht zu verdanken, dass die angebliche Affektverflachung von chronisch Schizophrenen zu einem guten Teil einem Schutz- und Abwehrpanzer gegen neue Überforderungssituationen gleichkommt, hinter welchem die ursprüngliche Verletzlichkeit unverändert weiterbestehen kann. Zumindest in Einzelfällen zeitigte die psychoanalytische Methode zwar erstaunliche Erfolge. Doch erwies sie sich als derart aufwendig, dass ein einzelner Therapeut lebenslang überhaupt nur ganz wenige Fälle zu behandeln imstande war.
Auch aufgrund dieser Problematik begannen in den 1960er- und 1970er-Jahren einige Pioniere, das familiäre Umfeld der Kranken zu erforschen. Sie entdeckten darin unter anderem bösartige «Beziehungsfallen» (oder «emotionale Zwickmühlen») von der Art des sogenannten Double Bind, welcher imstande sein sollte, verletzliche Individuen richtiggehend «verrückt zu machen». Auf dieser Grundlage entwickelten sich die systemischen Familientherapien, in welchen ebenfalls das vorliegende Buch wurzelt. Zentral ist in diesem Ansatz das Bestreben, das ganze familiäre und soziale «System» der Kranken zu berücksichtigen und in die Behandlung einzubeziehen.
Etwa zur selben Zeit bestätigte sich die Bedeutung von Milieueinflüssen in grossen, schon eingangs kurz erwähnten, fremden wie eigenen Studien zum Langzeitverlauf der Schizophrenie, die unter günstigen Bedingungen erheblich bessere langfristige Heilungschancen aufdeckten als bislang allgemein angenommen. Im gleichen Kontext stehen die Untersuchungen zum Hospitalismus oder Institutionalismus, die zeigen, dass die damals allgemein üblichen Dauerhospitalisationen von Schizophrenen in einem stimulationsarmen, gefängnisartigen Anstaltsmilieu nicht nur bei chronisch Schizophrenen, sondern auch bei Kranken aus ganz anderen Diagnosegruppen zu praktisch demselben Bild von Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit und Affektverflachung führten, das jahrzehntelang als schizophreniespezifisch gegolten hatte. Auch umfangreiche transkulturelle Vergleichsuntersuchungen und solche von Zwillingen und Adoptivkindern sprachen für den krankmachenden Einfluss nicht nur von genetischen, sondern ebenfalls von Umweltfaktoren. Besonders interessant sind im Hinblick auf die Thematik dieses Buches die Studien zu den sogenannten Expressed Emotions, auf die ich noch zurückkommen werde.
Seit zwei bis drei Jahrzehnten wurden und werden solche milieubezogenen Untersuchungen allerdings verdrängt und – oberflächlich betrachtet – geradezu hinweggefegt von der modernen Neurobiologie, die mit ihren bildgebenden Verfahren «ins Hirn hineinzuschauen» vermag und bei Schizophrenen eine ganze Reihe von abweichenden neuronalen oder neurophysiologischen Befunden nachweisen konnte. Besonders betroffen sind, neben dem Stirnhirn, auch gewisse emotionsregulierende Strukturen. Gelegentlich war sogar schon von einem «neo-kraepelinschen Revival» der alten Kraepelinschen Hirnkrankheitshypothese die Rede. Indes blieb vielfach unklar, ob es sich bei den erhobenen Befunden tatsächlich um ursächliche Veränderungen oder nur um milieu- oder gar medikamentenbedingte Folgeerscheinungen der Psychose handelte. Nicht zu übersehen ist ebenfalls, dass die Ausbeute der modernen neurobiologischen Forschung für die Praxis der Psychosetherapie bisher gering ist und jedenfalls in keinem Verhältnis zu dem damit verbundenen Aufwand steht. Wohl auch aus diesem Grund tauchen seit einiger Zeit neben und hinter der aktuellen «biologischen Welle» wiederum vorwiegend milieu- und familienbezogene Ansätze auf, die den Hauptakzent auf versteckte Heilungsoder Besserungspotenziale legen und unter den Stichworten der «Resilienz», also der Regenerationsfähigkeit, und des Empowerment, der Ermächtigung, neuartige Methoden zu entwickeln, um verschüttete persönliche, familiäre und milieubedingte Ressourcen zu reaktivieren.
Vor diesem Hintergrund nun präsentiert Ursula Davatz erneut, aber in veränderter Form, das Erklärungsmodell vom krankmachenden familiären Umfeld: nämlich als emotionale Monsterwelle, die sich in gewissen Familien über Generationen aufbaue und schliesslich entscheidend zum Ausbruch der Psychose beitrage. Wie plausibel ist dieses teilweise schon alte und gleichzeitig auch sehr neue Psychoseverständnis?
Allen immer wieder wechselnden Krankheitserklärungen zum Trotz gibt es eine ganze Reihe von Gründen, den provokativen Thesen von Ursula Davatz Beachtung und Glauben zu schenken. Sicherlich an erster Stelle ist die Erkenntnis zu nennen, dass die meisten der zuvor genannten Paradigmen sich gegenseitig nicht ausschliessen: Sie lassen sich weitgehend als komplementäre Aspekte ein- und desselben, allerdings hochkomplexen, Krankheitsgeschehens verstehen, die aus unterschiedlichen Perspektiven gewonnen und zu Unrecht immer wieder verabsolutiert wurden. Wenn diese Annahme zutrifft – und vieles spricht dafür, dass dies tatsächlich der Fall ist –, so ist die zentrale Frage nicht mehr, welcher dieser Ansätze der beste oder gar der einzig richtige sei, sondern welche Gemeinsamkeiten sich allenfalls hinter ihnen verbergen könnten, und wie solche Gemeinsamkeiten therapeutisch am besten zu nutzen wären.
Das von Ursula Davatz ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückte Phänomen von übergrossen emotionalen Spannungen im Vor- und Umfeld von schizophrenen Psychosen stellt zweifellos einen gemeinsamen Faktor von erheblichem praktischem wie theoretischem Interesse dar. Nicht nur steht es seinerseits mit keinem der zuvor genannten Paradigmen in Widerspruch. Es entspricht auch einer allgemeinen klinischen Erfahrung und wird zudem von zahlreichen neueren wie älteren Forschungsbefunden gestützt. Unter Letzteren sind namentlich die bereits erwähnten Studien zu den sogenannten Expressed Emotions hervorzuheben, die in über zwanzig methodologisch hervorragenden Untersuchungen aus verschiedensten Weltgegenden übereinstimmend ergeben haben, dass der Ausbruch von psychotischen Symptomen hochsignifikant mit einem kritischen Anstieg von übergrossen emotionalen Spannungen rund um in besonderer Weise verletzliche Menschen korreliert (Vaughn & Leff 1976, Kavanagh 1992). Ebenso bedeutsam ist die Tatsache, dass die aktuelle neurobiologische Forschung immer eindeutiger zu der Einsicht führt, dass Emotionen unser Denken in bisher ungeahntem Ausmass beeinflussen (vgl. z. B. Panksepp 1991, LeDoux 1998, Damasio 2000, Ciompi und Panksepp 2005). Die neuere Stress- und Traumaforschung und die Untersuchungen zur neuronalen Plastizität haben ausserdem nachgewiesen, dass Umwelteinflüsse, darunter insbesondere emotionale Traumata, die Feinstruktur und -funktion des Gehirns dauerhaft zu verändern vermögen. Des Weiteren führten Untersuchungen zum Begriff der Epigenese zur Erkenntnis, dass bei der Entstehung vieler bisher als rein genetisch angesehener Krankheiten nicht die Gene allein entscheiden, sondern erst deren Wechselwirkung mit bestimmten Umweltbedingungen. In der Tat hatten landesweite Feldstudien in Finnland von Tienari et al. (1985) schon in den 1980er-Jahren ergeben, dass erblich mit Schizophrenie belastete Adoptivkinder nur dann an einer schizophrenen Psychose erkranken, wenn sie in einer besonders spannungsvollen familiären Umgebung aufwachsen. In harmonischen Familien dagegen unterscheidet sich die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung nicht von derjenigen in der...
| Erscheint lt. Verlag | 31.1.2019 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften |
| ISBN-10 | 3-7253-1069-6 / 3725310696 |
| ISBN-13 | 978-3-7253-1069-2 / 9783725310692 |
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