Als Deutschland sich neu erfand (eBook)
Am 8. Mai 1945 ist der Krieg vorbei. Zwölf Jahre Nazidiktatur, davon sechs Jahre Krieg, haben Trümmerfelder hinterlassen. Die Großstädte sind zerstört, Menschen obdachlos, ganze Familien auf der Flucht. Doch schon 1949 sind die Weichen für die Zukunft gestellt. Was geschah in den Jahren, die unser Land zu dem machten, was es heute ist? SPIEGEL-Autoren erzählen von Menschen, die Gärten zwischen zerstörten Häusern anlegen, von starken Frauen und von Heimkehrern, von Besatzern, die mit deutschen Kindern Fußball spielen. In bewegenden Erinnerungen, Briefen und Tagebucheinträgen kommen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort. Das Buch enthält zahlreiche Fotografien.
KAPITEL I
In Trümmern
Am 8. Mai 1945 ist der Krieg vorbei. Zwölf Jahre Nazidiktatur, davon sechs Jahre Krieg, haben Trümmerfelder hinterlassen: Mehr als 30 Großstädte sind fast vollständig zerstört, 13 Millionen Menschen obdachlos, Familien auseinandergerissen, auf der Flucht. Viele empfinden das Kriegsende als »Stunde null«, einen Moment, in dem alles, was bisher gewiss war, nicht mehr gilt. Von Aufbruch, von Neubeginn ist anfangs wenig zu spüren.
»Schwer beschädigt, aber es lebt«
Der Krieg war vorbei, die Städte lagen in Schutt und Asche. Wie sollte es weitergehen? Tagebuchaufzeichnungen, Zeitungsberichte und Erinnerungen vermitteln die Stimmung der unmittelbaren Nachkriegszeit.
»Wenn wir im Treppenhaus in den dritten Stock kamen, gab es darüber kein Dach mehr. An verregneten Tagen mussten wir einen Regenschirm aufspannen, um trocken zu unserer Tür zu kommen. In unserer Wohnung gab es keine Fenster, keinen Ofen und kein Badezimmer, noch nicht einmal Fensterrahmen. In der Wohnung gegenüber reichte ein Bombenkrater von der dritten Etage bis in das Erdgeschoss, genau in den Wohnzimmern der Familien. Ich fand das sehr sensationell. Sie mussten einen Zaun um das Loch bauen, sodass keiner herunterfallen konnte.«
Erinnerung von Margot Heller, Jg. 1938, damals Berlin
»Dieses Haus lebt; es ist schwer beschädigt und stützt sich auf Krücken, aber es lebt. Das ist symbolisch – wie alles in Deutschland. Alles spricht die starke Sprache der Symbole. Jeder Deutsche ist ein Symbol für den Niedergang, den Verfall, die Hoffnungslosigkeit seines Landes.«
Peter Weiss, Reportage aus dem Sommer 1947
»Ich muss mir ein bisschen oft sagen: Du bist jetzt im Paradiese, verglichen mit dem vergangenen Zustand. Es ist so, aber ich merke es allzu selten. Es wächst ein bisschen allzu viel Unkraut im Paradiesgarten.«
Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, 20. Juli 1945
»Ein Tag Ende Mai 1945: In meinem Wartezimmer reißt ein Schrei die Köpfe der dicht gedrängt sitzenden Patienten hoch. Als ich durch den Türspalt hineingucke, wirft sich mir eine Frau mit einem Wickelbündel entgegen. ›Es atmet gar nicht mehr – Blut läuft ihm aus der Nase! Helfen Sie rasch, Herr Doktor.‹ Ich ziehe die jammernde Frau ins Sprechzimmer, führe sie zu einem Stuhl und nehme ihr den Säugling ab. Nach kurzer Untersuchung sage ich leise: ›Ihr Kind ist tot.‹ – ›Das ist ja unmöglich. Vor zehn Minuten hat Dieter noch eine Brotsuppe gegessen.‹ Ich kann nur nicken. Mir ist alles klar. Das Kind zeigt deutliche Merkmale des Hungertodes – trotz Brotsuppe.«
Aufzeichnungen von Otto Müllereisert, Berliner Facharzt für Inneres, Mai 1945
»Überall stehen russische Posten, die Russen treiben das Vieh fort, es herrscht Hunger, schon hört man: Unter Hitler habe jeder wenigstens bekommen, was auf den Marken versprochen war! Ich sehe die Situation sehr düster. Man macht alle früheren Fehler wieder und in verstärktem Maß. Man beschimpft die Gegner und lässt sie in manchem Besitz. Man predigt einseitigsten Pazifismus inmitten der gegnerischen Machtentfaltung. Und bei alledem wird täglich mehr gehungert. Man rühmt stündlich im Radio die großen Fortschritte, man rühmt die Güte der Alliierten, und beides stimmt doch nur teilweise, und jeder fühlt dies ›nur teilweise‹. – Und das Volk ist so rettungslos dumm und gedächtnislos. Es denkt jetzt nur: ›Vorher haben wir weniger gehungert‹, und alles andere ist vergessen. Es wird bald denken: All diese Hitler-Gräuel sind erfundene Propaganda.«
Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, 20. Juli 1945
»Wenige Monate nach Kriegsende fuhr ich von Niebüll/Schleswig nach Hannover. Bis Hamburg auf der offenen Ladefläche eines Lkw-Anhängers, von dort mit der Reichsbahn in einem offenen Kohlen-Güterwagen, stehend. Auf dem Weg nach Süden kommt die Strecke nahe am Hamburger Hafen vorbei. Da lag nun der deutsche Glockenfriedhof: Auf einer ausgedehnten Betonfläche zum Wasser hin lagerten die zusammengekarrten Kirchenglocken, Glocke an Glocke als Rohmaterial für die Führungsringe von Artilleriegranaten.«
Erinnerungen eines Mannes, Jg. 1930
»Furchtbares ist schon vor dem Kriege in Deutschland und während des Krieges durch Deutsche in den besetzten Ländern geschehen. Wir beklagen es zutiefst: Viele Deutsche, auch aus unseren Reihen, haben sich von den falschen Lehren des Nationalsozialismus betören lassen, sind bei den Verbrechen gegen menschliche Freiheit und menschliche Würde gleichgültig geblieben; viele leisteten durch ihre Haltung den Verbrechen Vorschub, viele sind selber Verbrecher geworden.«
Schuldbekenntnis der Katholischen Bischofskonferenz vom 23. August 1945
»Der Hitler-Krieg und dessen Totalkatastrophe erfolgten, nachdem Deutschland in seiner Vergangenheit eine glanzvolle Kulturhöhe erreicht und eine große Arbeiterbewegung herausgebildet, nachdem Deutschland solche Genies wie Goethe, Hegel, Engels und Marx hervorgebracht hatte und nachdem bereits in der Sowjetunion eine neue, freiheitliche Menschenordnung geschaffen worden war. Weltanschauliches, politisches Neubeginnen, geistiger Neuaufbau verlangen, dass wir die geschichtliche Grundlage, das ideologische Fundament genauestens untersuchen. Wir können uns bei diesem hohen Beginnen auf die großen Genien unseres Volkes berufen, die uns ein reiches humanistisches Erbe hinterlassen haben. Dieses reiche Erbe des Humanismus, der Klassik, das reiche Erbe der Arbeiterbewegung müssen wir nunmehr in der politisch-moralischen Haltung unseres Volkes eindeutig, kraftvoll, überzeugend, leuchtend zum Ausdruck bringen. Deutschland wird ein freiheitliches, demokratisches Deutschland sein – oder politisch-moralisches Trümmerland, geschichtliches Niemandsland.«
Ansprache von Johannes R. Becher auf der Gründungskundgebung des Kulturbundes am 4. Juli 1945 im Haus des Berliner Rundfunks
»Gestern früh fing ich einen schon mal gelaufenen Vortrag über Johannes Becher ab, den man jetzt immerfort von kommunistischer Seite überschwänglich feiert und zum größten deutschen Dichter erhebt. Ich hörte schon wiederholt als Zusammenstellung der Größten: Goethe, Heine, Thomas Mann, Becher. Gestern ging das Superlativieren noch weiter: Dante, Goethe, Heine, Becher.«
Victor Klemperer, Tagebuch, Dresden, August 1945
»Als wir nach Frankfurt kamen, sahen wir nur Trümmer. Selbst in den Anlagen und Alleen lagen Trümmerberge. Mich nahmen Freunde in ihrem Haus auf. Doch dieses Haus hatte kein Treppenhaus mehr. Mit einer Leiter krabbelten wir in den dritten Stock. Einige Zimmer dieser Wohnung hatten keine Wände. Die Absturzgefahr vom dritten Stock in die Tiefe war groß. Ich hatte Angst.«
Erinnerung von Hilde Mück, Jg. 1936, damals Frankfurt am Main
»Und du, die du Vergewaltigung spielst mit deiner Puppe. Du hast die fremden Soldaten gesehen, die sich über deine Mutter stürzen. Wirst du jemals Versöhnung empfinden? Wirst du jemals den Mann ohne Angst betrachten können, ohne Hass?«
Peter Weiss über Kriegstraumata
»Millionen verloren den Mann. Andere warten nach allen Lasten des Krieges, nach Jahren der angstvollen Sorge auch heute weiter oder von Neuem in Ungewissheit auf ihren Mann, da die sowjetische Besatzungsmacht unzählige deutsche Männer erst nach dem Zusammenbruch verhaften ließ, ohne Angabe von Gründen oder Auskunft über deren Verbleib. Die Trümmerfrau, die bei Eiseskälte oder Sonnenglut den Mörtel von den Steinen abklopft, um sie dann aufzuschichten, und schwere Loren schiebt, dürfte eine Anklage gegen die ganze humane Welt sein. Vom Morgengrauen bis in die tiefe Nacht reißt die Arbeit dieser Frauen nicht ab. Sie tun sie stumm, selbstverständlich, doch hoffnungslos. Denn sie sehen keine Möglichkeit, ihren Kindern die Basis für eine vernünftige Zukunft vorzubereiten. Sie leben in ihrer Weise auf den Tag hin; wie auch die ganz gleichgültigen Frauen, die sich treiben lassen und das Schicksal betrügen wollen, indem sie durch kleinere oder größere Ordnungsverstöße nach Um- und Auswegen suchen.«
Aufzeichnung von Annedore Leber, Widerstandskämpferin und Frau des SPD-Reichstagsabgeordneten Julius Leber
»Gestern sind wir – trockene Formalität – auf dem Standesamt am Chemnitzer Platz (Rathaus) beide aus der evangelisch-lutherischen Landeskirche ausgetreten. Es ließe sich viel darüber sagen, gefühlsmäßig ist die Sache sehr kompliziert …«
Victor Klemperer, Tagebuch, 19. August 1945
»Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat, aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.«
Die Stuttgarter Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland vom 19. Oktober 1945
»In unserer Nachbarschaft wohnte eine Familie, die nur aus Frauen bestand, eine Mutter mit drei Töchtern. Sie hatte im Krieg drei Männer verloren: ihren Mann und ihre zwei Söhne. Seitdem war sie immer in Schwarz gekleidet.«
Erinnerungen von Hans-Joachim Pescatore, Jg. 1939, damals Horrem, Bezirk Köln
»In einem geplünderten Laden ohne Tür und Scheibe finde ich im Schaufenster zwei papierumwickelte menschliche Körper, wie ägyptische Mumien verschnürt, die keinerlei Lebenszeichen mehr verraten. Ich lasse die Umhüllung entfernen und stehe vor einer völlig nackten männlichen Leiche. ›Woher kommen die Toten?‹ – ›Aus unserem Hauskeller. Hier!‹ Ich taste mich die dunkle, halb verschüttete Treppe hinunter, öffne die Tür und trete in den Luftschutzraum des schwer beschädigten Hauses. Etwa 20 Menschen liegen, in Decken...
| Erscheint lt. Verlag | 8.4.2019 |
|---|---|
| Verlagsort | München |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Regional- / Landesgeschichte |
| Geisteswissenschaften ► Geschichte | |
| Schlagworte | Berlin • Besatzung • Bundesrepublik • Deutsche Geschichte • eBooks • Geschichte • Kriegsheimkehrer • Spiegel • Trümmerfrauen • Trümmerkind • Zeitzeugen |
| ISBN-10 | 3-641-24153-7 / 3641241537 |
| ISBN-13 | 978-3-641-24153-7 / 9783641241537 |
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