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Reden in Zeiten des Krieges -  Winston S. Churchill

Reden in Zeiten des Krieges (eBook)

eBook Download: EPUB
2015 | 1. Auflage
384 Seiten
Europa Verlag GmbH & Co. KG
978-3-906272-09-2 (ISBN)
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Sir Winston Churchill (1874 - 1965) war ein bedeutender britischer Staatsmann, ein Krieger, Volkstribun, ein kluger und romantischer Reaktionär, ein mit dem Nobelpreis ausgezeichneter Schriftsteller - und nicht zuletzt ein begnadeter Redner. Der Band 'Reden in Zeiten des Kriegs' bietet einerseits einen Querschnitt durch das rednerische Werk Churchills, das von Kampfgeist und Toleranz, von Ehrlichkeit und Traditionsbewusstsein von Fortschrittlichkeit und Humor zeugt - und andererseits durch den dramatischen Verlauf des Zweiten Weltkriegs, so dass sich die schwersten Jahre in der Geschichte Europas vor dem Leser ausbreiten. Erstmals enthält dieser Band auch Churchills 'Zürcher Rede' von 1946

MÜNCHEN 1938 – EINE VOLLSTÄNDIGE NIEDERLAGE

5. Oktober 1938, Unterhaus

Am 29. September 1938 trafen sich Chamberlain, Daladier, Mussolini und Hitler in München. Sie vereinbarten, dass die Tschechoslowakei die vorwiegend von Sudetendeutschen bewohnten Gebiete an Deutschland abtreten solle. Chamberlain wurde in London als Friedensheld gefeiert. Churchill gehörte zu den wenigen konservativen Unterhausabgeordneten, die das Abkommen ablehnten. Diese Rede ist die entschiedenste Abrechnung mit der britischen Appeasement-Politik. Am Ende der Philippika steht ein apokalyptischer Vergleich mit dem Untergang Babylons.

Wenn ich heute nicht damit beginne, dem Premierminister die üblichen, ja fast einander gleichbleibenden Worte der Anerkennung für sein Vorgehen in dieser Krisensituation zu zollen, so geschieht dies keineswegs aus Mangel an persönlicher Hochschätzung. Unsere Beziehungen waren stets, viele Jahre hindurch, sehr erfreulich, und ich habe, aufgrund eigener Erfahrung in einer ähnlichen Krise, das tiefste Verständnis für den Druck und die Spannung, unter denen er stand; ich bin aber dessen gewiss, dass es besser ist, genau zu sagen, was wir über öffentliche Angelegenheiten denken, und jetzt ist sicherlich nicht eine Zeit, in der es irgendjemandem anstünde, um politische Popularität zu werben. Uns wurde vor zwei Tagen durch den früheren Ersten Lord der Admiralität ein leuchtendes Beispiel von Charakterstärke gegeben. Er zeigte jene Charakterstärke, die von den Strömungen des Tages völlig unberührt ist, so reißend und ungestüm sie auch sein mögen. Mein ehrenwerter Freund, der Abgeordnete für Südwest-Hulle (Law), dessen zwingender Rede dieses Haus am Montag gelauscht hat, erinnerte uns mit Recht, dass der Premierminister während seines ganzen Verhaltens in dieser Angelegenheit eine robuste Gleichgültigkeit gegen Beifalls- und Missfallensäußerungen und einander abwechselnde Kritik und Zustimmung zur Schau getragen hat. Wenn dem so ist, dann sollten solche Eigenschaften, solche geistige Höhe es möglich machen, in diesem Hause ehrliche Überzeugungen in unnachsichtiger Form gegenseitig auszutauschen und allen Anschauungen den vollständigsten Ausdruck zu geben, ohne dass dadurch persönliche Beziehungen zerstört würden.

Nachdem ich mich so durch das Beispiel anderer ermutigt habe, will ich darangehen, ihnen nachzueifern. Ich möchte daher damit beginnen, dass ich etwas höchst Unpopuläres und Unwillkommenes sage. Ich will zuerst etwas aussprechen, was jedermann nicht zur Kenntnis zu nehmen oder zu vergessen wünscht, was aber dennoch festgestellt werden muss: nämlich, dass wir eine völlige, durch nichts gemilderte Niederlage erlitten haben und dass dabei Frankreich noch mehr gelitten hat als wir.

Das Äußerste, was mein sehr ehrenwerter Freund, der Premierminister, durch all seine ungeheuren Anstrengungen, durch all die großen Bemühungen und Mobilisierungen, die in unserem Lande stattfanden, und durch all die Angst und Spannung, die wir hier durchgemacht haben, zu sichern imstande war, das Äußerste, was er in den zur Diskussion stehenden Angelegenheiten für die Tschechoslowakei herausschlagen konnte, ist, dass der deutsche Diktator, anstatt die Speisen vom Tisch zu rauben, sich damit zufriedengibt, sie sich nun Gang für Gang servieren zu lassen.

Der Schatzkanzler (Sir John Simon) sagte, dies sei das erste Mal gewesen, dass Hitler überhaupt in gewissem Ausmaße zu einem Rückzug gebracht wurde – das, glaube ich, waren seine Worte. Wir sollten wirklich keine Zeit mehr vergeuden, nach all diesen langen Diskussionen über den Unterschied zwischen den Positionen, die in Berchtesgaden, in Godesberg und in München erreicht wurden. Man kann es – wenn Sie mir die Variierung des Gleichnisses gestatten – in wenigen Worten zusammenfassen: 1 Pfund wurde mit vorgehaltenem Revolver gefordert. Als man es hergab, wurden 2 Pfund mit vorgehaltenem Revolver gefordert. Schließlich fand sich der Diktator bereit, 1 Pfund, 17 Schilling und 6 Pence zu nehmen und den Rest in Zusicherungen von guten Absichten für die Zukunft.

Nun komme ich zur Sache, an die ich eben von einem Punkt des Hauses aus gemahnt wurde: zur Rettung des Friedens. Niemand ist ein entschlossenerer, kompromissloserer Vorkämpfer des Friedens gewesen als der Premierminister. Das wissen alle. Niemals hat es solch eine leidenschaftliche und kühne Entschlossenheit gegeben, den Frieden zu erhalten und zu sichern. Das ist völlig richtig. Nichtsdestoweniger bin ich mir nicht darüber im Klaren, wieso in diesem kritischen Augenblick die Gefahr, dass Großbritannien und Frankreich in einen Krieg mit Deutschland verwickelt werden könnten, so groß gewesen ist, wenn diese Länder doch tatsächlich während der ganzen Zeit bereit waren, die Tschechoslowakei zu opfern. Die Bedingungen, die der Premierminister heimbrachte, hätten, so glaube ich, mit Leichtigkeit jederzeit während des vergangenen Sommers auf den gewöhnlichen diplomatischen Wegen vereinbart werden können. Und ich will nur das eine sagen: Ich glaube, wenn man die Tschechen sich selbst überlassen und ihnen gesagt hätte, dass sie von den Westmächten keine Hilfe zu erwarten haben, so wären sie imstande gewesen, bessere Bedingungen zu erzielen, als sie sie nun nach all der schrecklichen Unruhe erhalten haben; schlimmer hätten sie schwerlich sein können.

Es kann niemals völlige Gewissheit geben, dass es zu einem Kampfe kommen wird, wenn eine Seite entschlossen ist, auf der ganzen Linie nachzugeben. Wenn man die Münchner Vereinbarungen liest, wenn man sieht, was in der Tschechoslowakei von Stunde zu Stunde geschieht, wenn man sicher ist, das Parlament werde, ich will nicht sagen, seine Billigung aussprechen, aber zumindest sich dareinfügen, wenn der Schatzkanzler eine Rede hält, die jedenfalls versucht, in sehr kräftiger und überzeugender Art nachzuweisen, dass schließlich und endlich alles unvermeidlich und geradezu berechtigt gewesen sei: Wenn wir all das gesehen haben und jedermann auf dieser Seite des Hauses, einschließlich vieler Abgeordneten der Konservativen Partei, wachsamer und vorsichtiger Hüter der nationalen Interessen, sich darin einig ist, dass nichts auf dem Spiele stand, das uns wesentlich beträfe – dann, so scheint es mir, muss man fragen: Wozu war all die Unruhe, all der Lärm nötig?

Die britische und die französische Regierung haben den Beschluss gefasst. Ich möchte feststellen, dass es sehr wichtig ist, sich dessen bewusst zu sein, dass es sich keineswegs um eine Frage handelte, die die britische Regierung allein zu entscheiden hatte. Ich bewundere in höchstem Maße die Art und Weise, in der im Parlament alle Bemerkungen, die eine Beschuldigung hätten enthalten können, unterdrückt worden sind. Aber man muss sich darüber klar sein, dass dieser Entschluss nicht von der einen oder der anderen dieser Regierungen herrührt, sondern dass es ein Entschluss war, für den beide gemeinsam die Verantwortung tragen müssen.

Dieser Entschluss wurde nun einmal gefasst und dieses Verfahren eingeschlagen – mögen Sie es klug oder unklug, vorsichtig oder kurzsichtig nennen. Sobald man sich einmal dazu entschlossen hatte, die Verteidigung der Tschechoslowakei nicht zum Casus belli werden zu lassen, bestand wirklich kein Grund, wenn man die Angelegenheit während des Sommers auf dem gewöhnlichen Wege erledigt hätte, diesen ganzen Schrecken einflößenden Krisenapparat in Erscheinung treten zu lassen. Das, glaube ich, sollte man bedenken.

Man fordert uns auf, für den Antrag[1] zu stimmen, der auf der Tagesordnung steht, und dieser Antrag ist sicherlich in einer nicht zum Streit herausfordernden Form gehalten, ebenso wie der Gegenantrag, der von der Opposition gestellt wird. Ich selbst kann mich mit den Schritten, die unternommen wurden, nicht einverstanden erklären, und da der Schatzkanzler mit solch großem Geschick den Fall so dargestellt hat, wie er ihn sieht, so möchte ich, wenn es mir gestattet ist, versuchen, ihn unter einem anderen Blickwinkel darzulegen. Ich hatte stets die Ansicht verfochten, die Erhaltung des Friedens beruhe auf der Anhäufung von Abschreckungsmitteln gegen den Angreifer, zugleich mit dem redlichen Bemühen, Beschwerdegründen abzuhelfen. Hitlers Sieg ist, gleich so manchen berühmten Kämpfen, die das Geschick der Welt bestimmten, mit knappstem Spielraum gewonnen worden. Nach der Okkupation Österreichs im März dieses Jahres standen wir in unseren Debatten diesem Problem gegenüber. Ich wagte es, an die Regierung zu appellieren, sie möge etwas weiter gehen als der Premierminister und eine Garantie geben, derzufolge wir uns, gemeinsam mit Frankreich und anderen Mächten, für die Sicherheit der Tschechoslowakei verbürgten, während gleichzeitig die sudetendeutsche Frage von einer Völkerbundskommission oder einer anderen unparteiischen Körperschaft untersucht werden sollte, und ich glaube noch immer, hätten wir diesen Weg eingeschlagen, so wäre es nicht zu dieser katastrophalen Situation gekommen. Ich befinde mich in vollster Übereinstimmung mit meinem sehr ehrenwerten Freunde, dem Abgeordneten für Sparkbrook (Amery), der bei dieser Gelegenheit sagte: «Entschließt euch zu dem einen oder dem andern, sagt entweder, ihr hättet euch an der Angelegenheit völlig desinteressiert, oder entschließt euch zu dem Schritt, eine Garantie zu geben, die die größte Aussicht haben wird, jenem Lande Schutz zu sichern.»

Frankreich und Großbritannien gemeinsam – besonders dann, wenn sie (was sicherlich nicht geschehen ist) mit Russland engen Kontakt gepflogen hätten – wären in jenen Sommertagen, als sie über das nötige Prestige...

Erscheint lt. Verlag 16.1.2015
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Geschichte Allgemeine Geschichte Neuzeit (bis 1918)
ISBN-10 3-906272-09-5 / 3906272095
ISBN-13 978-3-906272-09-2 / 9783906272092
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