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Wenn Rehabilitation und Inklusion gelingen, ist niemand behindert! (eBook)

Grundsätze - Rahmenbedingungen - Fallbeispiele
eBook Download: EPUB
2017 | 1. Auflage
304 Seiten
Dgvt Verlag
978-3-87159-424-3 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Wenn Rehabilitation und Inklusion gelingen, ist niemand behindert! -  Andreas S. Lübbe
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Inklusion und Rehabilitation sind Themenbereiche, die unsere Zukunft bestimmen. Unsere Gesellschaft benötigt gute Rehabilitation mehr denn je. Sie ist Bestandteil einer Inklusionskultur, denn sie ermöglicht, dass Menschen weiter am gesellschaftlichen Leben teilhaben wie auch am Arbeitsprozess. Sie kann Behinderungen vermeiden helfen und damit Inklusion fördern. Der Autor Andreas Lübbe geht den Ursachen und Chancen, den Missverständnissen und Versäumnissen bei der Inklusion und Rehabilitation nach und verknüpft praktische Inhalte mit wichtigen Hintergrundinformationen aus dem breiten Fundus seiner langjährigen Chefarzttätigkeit in einer Rehabilitationsklinik. Viele Patienten und Angehörige sind mit ihrer neuen Lebenssituation überfordert und ratlos. Anhand häufig gestellter Fragen von Patienten und Angehörigen sowie an Fallbeispielen zeigt Andreas Lübbe auf, wozu Rehabilitation und Inklusion in der Lage sind: Ein leidenschaftliches Plädoyer für Verbesserungen in der Teilhabe!

Andreas Lübbe, geb. 1960 in Hamburg, Prof. Dr. Dr., studierte Humanmedizin an der Freien Universität Berlin mit anschließender Approbation und Promotion. Seine zweite Promotion machte er nach seinem Studium der Physiologie und Biophysik an der University of Louisville, USA. Er wurde Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie an der Charité Berlin. Dort habilitierte er sich für das Fach Innere Medizin und wurde anschließend Chefarzt der Cecilien-Klinik (Onkologische Schwerpunktklinik für Anschlussrehabilitation, MZG-Westfalen, Bad Lippspringe). Seit 1998 arbeitet er auch als Chefarzt der Palliativstation in der Karl-Hansen-Klinik, Bad Lippspringe, und leitet seit 2006 als Ärztlicher Direktor das Medizinische Zentrum für Gesundheit (MZG) Bad Lippspringe. In seinen Lehrtätigkeiten an der University of Louisville, an der Philipps Universität in Marburg und am Universitätsklinikum Eppendorf sowie in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen und als Gründungsmitglied palliativer Netzwerke setzt er sich mit den Themenbereichen Onkologie, Rehabilitation und Palliativmedizin auseinander.

VORWORT


Niemand ist behindert. Weder von Geburt an noch durch einen Unfall noch im Alter. Man wird behindert. Durch das Umfeld, das Klima, die Alltäglichkeiten. Fehlt mir nach einem Unfall ein Bein, dann muss ich sehen, wodurch ich meine Mobilität bewahre. Dazu gehört meine Umwelt. Sind Hilfsmittel vorhanden, Bürgersteige abgesenkt, verfügen die Bahnhöfe über genügend Aufzüge, dann kann man den Verlust eines Beines ausgleichen. Ich werde dann nicht mehr behindert. Mir fehlt eben ein Bein. Was macht den Menschen eigentlich aus? Und wie viel Körper ist dazu nötig? Für solche Fragen und so ein Denken steht dieses Buch.

Der arm- und beinlose Psychologe Georg Fraberger an der Universität Wien meint dazu: „ Wir müssen unsere Seele frei entfalten können – erst dann ist es uns möglich, ein sinnvolles und glückliches Leben zu entwickeln. Erst dann sind wir fähig, die scheinbaren Grenzen von Körper und Geist zu überwinden.“ Es ist eben alles eine Sache der Betrachtung. Dazu zählt auch die Frage, ob man Barrieren in seinem Kopf zulässt. Was ist davon zu halten, wenn die Bedienung in einem Lokal die Begleitung des armlosen Janis McDavid fragt, was ER denn essen möchte? Kann McDavid etwa nicht sprechen?

Man ist also nicht behindert, sondern man wird unter Umständen von seinem Umfeld behindert. Deswegen könnte man für Menschen mit Beeinträchtigungen sehr viel mehr erreichen, wenn es Barrieren nicht gäbe. Das jedoch ist Aufgabe der Gesellschaft: zu ermöglichen, Hindernisse aus dem Weg zu räumen und Barrieren abzuschaffen. Dies nennt sich „Diversity“ und meint den Abbau von Barrieren in der Arbeitswelt und sich dafür einzusetzen, dass Menschen mit Einschränkungen mehr Freiräume bekommen. Hierzu ist der Weg noch lang.

Trotz Deutschlands Beitritt zur UN-Menschenrechtskonvention 2009 liegen wir mit unseren Bemühungen noch weit zurück. Dieses Buch soll einen Beitrag leisten, den Blick für Barrieren zu schärfen, und dazu animieren, sie aus dem Weg zu räumen. Das würde das Leben von Menschen mit Einschränkungen erleichtern.

Wer von uns hat nicht irgendein Defizit? Jeder Zweite benötigt zum Beispiel eine Brille. Er wird sich damit aber kaum als „behindert“ betrachten. Offiziell betrifft „Behinderung“ nur jeden Sechsten in unserem Land. Über siebeneinhalb Millionen Menschen tragen einen Schwerbehindertenausweis. Und es werden jeden Tag mehr. Es sind vor allem die älteren Mitbürger, die Barrieren zu spüren bekommen im Alltag. Mühselig ist der Weg zum Arzt. Den Gang zum Friseur überlegt man sich dreimal. Sogar im öffentlichen Nahverkehr muss man überall Hindernisse bewältigen. Nur weil man nicht mehr so gut zu Fuß ist.

Wie konnte es sein, dass bis vor Kurzem Menschen mit Einschränkungen zwar offiziell in den Arbeitsmarkt integriert werden sollten – sie zahlten dann ja Steuern und taten etwas für die Gesellschaft –, doch zugleich durften sie einen beträchtlichen Teil des verdienten Geldes nicht behalten, wenn sie staatliche Leistungen in Anspruch nahmen? Sie konnten damit nicht für die eigene Wohnung ansparen oder für ihr Alter vorsorgen. Das hat sich mit dem Bundesteilhabegesetz nun gebessert. Solche Entwicklungen und Verwicklungen schildere ich hier. Es sind Skandale mit dabei, vor allem aber Hoffnungszeichen und Wege, die unsere Gesellschaft als Ganzes weiter nach vorne bringen.

Nach einem Unfall, in dessen Folge ein Bein amputiert werden musste, beginnt der lange Weg der Rehabilitation. Es geht darum, die „Folgestörungen“ dergestalt zu verbessern, dass die Teilhabe im Leben so gut wie möglich wiedererlangt werden kann. In keinem anderen Land der Welt gibt es eine derartig gut ausgebaute und in ihrer erbrachten Qualität geprüfte Infrastruktur unterschiedlichster Formen der Rehabilitation wie in Deutschland. Entstanden aus Sanatorien und einer Bäderkultur vor über 150 Jahren stehen heute modernste Einrichtungen zur Verfügung, damit kranke, alte, verletzte oder in ihrer beruflichen Zukunft gefährdete und damit beeinträchtigte (behinderte) Menschen Unterstützung erhalten. Das Ziel ist immer das gleiche. Die möglichst vollkommene Wiederherstellung der verloren gegangenen körperlichen, geistigen oder seelischen Merkmale. Millionen machen jedes Jahr von den Angeboten Gebrauch. Und doch erhalten diese Angebote nicht alle und andere könnten besser darauf verzichten. Das System ist langsam, veraltet und kaum anpassungsfähig an die Bedürfnisse einer älter werdenden Gesellschaft, die immer pflegeintensiver wird und entsprechend betreut werden muss. Die Zugangswege sind umständlich, die Kostenzusage durchläuft zu viele Hände und die Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen ist nicht selten mangelhaft. Die Stärken der Rehabilitation zu beleuchten und dabei die Schwächen des Systems nicht außer Acht zu lassen und zugleich Zukunftsperspektiven aufzuzeigen, ist ebenfalls Anliegen dieses Buches.

Inklusion bedeutet Teilhabe, Mitmachen, Sichtbarsein. Sie sei gescheitert, stand im Spiegel 2017 zu lesen, und außerdem für alle schädlich. Inklusion sei von Anfang an nur eine ideologische Kopfgeburt gewesen, schreibt ein Autor der ZEIT-Beilage „Christ und Welt“. In einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung bezeichnet ein emeritierter Professor für Sonderpädagogik die Inklusion als das Ergebnis einer „Verkettung mutwilliger Missverständnisse“. Das sind einflussreiche Zeitungen in unserem Land. Kein Wunder, wenn dann Schulärzte in ihrem Muster verharren und voll sind von Vorurteilen und Kindern Chancen verwehren, die ihnen zustehen (ZEIT, Nr. 24, 2017). Jüngster Anlass für die Debatte zum Thema Inklusion ist die erschütternde Langzeitdokumentation „Ich.Du.Inklusion“ des Filmemachers und Sozialpädagogen Thomas Binn. Sie zeigt, was alles schiefläuft in nordrhein-westfälischen Schulen. Die Lerngruppen sind zu groß, die vorgesehene zweite Lehrkraft fehlt die meiste Zeit und Schulhelferstunden werden nur sporadisch, wenn überhaupt, genehmigt. Anstatt „jeder nach seinem Tempo“ hieße es häufig „alle im Schneckentempo“.

All das ist schlimm und ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die sich in der Behindertenpolitik engagieren und eigentlich viel bewirken wollen. Das große Missverständnis aus meiner Sicht lautet, auf Biegen und Brechen gleich behandeln zu wollen, was nicht gleich ist, und zu verkennen, dass dieser Grundsatz Ausnahmen zulassen muss. Die einen wie die anderen nicht unter- und nicht überfordern, müsste die Devise lauten. Realistische Ziele setzen und die Bedingungen für ihre Umsetzung schaffen. Es gilt zu erkennen, dass Inklusion Zeit und Nerven, Geld und Anstrengung kostet.

Der Hoffnungsschimmer: Über die Hälfte aller vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) befragten 2.000 Lehrkräfte spricht sich trotz schlechter Rahmenbedingungen für einen gemeinsamen Unterricht aus. Zugleich plädieren 59 Prozent für den vollständigen Erhalt von Förderschulen. Förderschulen gibt es für das Lernen, aber auch mit Schwerpunkt Sprache, für emotionale und soziale Entwicklung, geistige Entwicklung, körperliche und motorische Entwicklung sowie Schulen für Kranke und Berufskollegs. In Nordrhein-Westfalen sind bislang nur Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen geschlossen worden. Dass es im Einzelfall gut funktionieren kann, zeigen immer wieder Beispiele, wie die SRH (ursprünglich: Stiftung Rehabilitation Heidelberg) Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd bei Heidelberg, wo seit 1990 Schüler mit und ohne körperliche Einschränkungen bei höherer Unterrichtsqualität in kleineren Klassen und mit besserer Ausstattung gemeinsam fürs Leben lernen (www.srh.de).

Inklusion bedeutet Menschen mit Einschränkungen in die Mitte der Gesellschaft zu führen, unabhängig von Alter, Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Defiziten oder Abweichungen. Inklusion bezieht sich aus diesem Grund nicht nur auf Kinder und Jugendliche, die mit Defiziten zur Welt gekommen sind oder die einen schweren Unfall hinter sich haben. Inklusion betrifft genauso gut betagte Mitbürger, die durch Krankheit oder Behandlungsfolgen in ihren Fähigkeiten beeinträchtigt sind und auf Barrieren stoßen. Inklusion wird fast immer mit Herausforderungen beim gemeinsamen Lernen (von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Einschränkungen) in Regelschulen in Zusammenhang gebracht. Doch mal ehrlich, wer ist eigentlich nicht irgendwo eingeschränkt? Auch unter „normalen“ Kindern finden sich welche mit gewissen Defiziten. Die Übergänge sind fließend. Ich könnte auch fragen: Was ist eigentlich noch normal? Millionen Bundesbürger werden ausgegrenzt, weil Außenstehende, oft Laien, definieren, wann Einschränkungen gesellschaftlich akzeptabel sind und wann nicht. Dieselben Leute verhindern dann, dass Abhilfe geschaffen werden könnte.

Die Begriffe Behinderung, Inklusion und Rehabilitation sind uns geläufig, doch was sich tatsächlich dahinter verbirgt, offenbar nicht. Das trägt mit dazu bei, politische Fehler zu machen. Im Gegensatz zu den USA müssen private Investoren bei uns noch immer keine barrierefreien oder -armen Räume schaffen. Vandalismus bei Rolltreppen und Aufzügen wird kaum ausreichend gesellschaftlich geächtet. Das Klima in unserem Land ist (im Vergleich zu anderen Ländern) nicht behindertenfreundlich. Potenziale werden somit nicht gehoben und Menschen mit Defiziten ausgegrenzt. Unkenntnis begründet auch das schlechte oder zumindest fragwürde Image, das allein die benutzten Wörter besitzen. Kein Betroffener kann etwas für seine Defizite.

Froh sollen die sein, die gesund sind und keinen Unfall hatten, die unbeschwert ihren Zielen nachgehen können und sich nicht um Trivialitäten des Alltags kümmern müssen. Das sollte denen eine Verpflichtung sein, sich dafür einzusetzen, dass...

Erscheint lt. Verlag 1.10.2017
Verlagsort Tübingen
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften Psychologie
Schlagworte Behinderung • Inklusion • Rehabilitation • Teilhabe
ISBN-10 3-87159-424-5 / 3871594245
ISBN-13 978-3-87159-424-3 / 9783871594243
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