Vom Sprechen zum Schreiben
Klett-Cotta (Verlag)
978-3-608-96249-9 (ISBN)
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Das Buch leistet eine Analyse der Sprachentwicklung in der Phase zwischen dem vierten und siebten Lebensjahr, stellt Verbindungen zu anderen Fähigkeiten her, untersucht erste Annäherungen an Schrift und zeigt, welche Handlungssituationen für eine altersgemäße Entwicklung von besonderer Bedeutung sind.
Die Vorschuljahre sind durch tiefgreifende Veränderungen in der sprachlichen, sozialen und kognitiven Entwicklung geprägt: Kinder entdecken andere Kinder als Spielgefährten, Rollenspiele eröffnen neue Handlungsmöglichkeiten in vorgestellten Welten, Wörter regen zum Nachdenken über Sprache an, und Schriftzeichen wecken Neugier auf Geschriebenes.
Das Buch beschreibt, wie sich Interaktion und Sprache entwickeln, wie Rollen- und Sprachspiele entstehen und die ersten Annäherungen an Schrift erfolgen. Ausgehend von konkreten Handlungssituationen zeigt die Autorin, wie die Kinder sich mit ihrer sozialen Umwelt auseinandersetzen. Sie verbinden dabei häufig rationale Einsichten mit höchst subjektiven, von anderen Menschen kaum nachvollziehbaren Sichtweisen. Die entwicklungsspezifischen Ursachen dieser Besonderheit des Denkens und Handelns von Vorschulkindern werden anschaulich dargestellt.
Die Autorin lenkt ihren Blick auch auf die beginnende Schulzeit. Sie erklärt, wie und warum die zuvor beschriebenen Entwicklungsprozesse die Grundlagen für das Lesen- und Schreibenlernen schaffen und welche neuen Anforderungen auf die Kinder zukommen.
Helga Andresen, Prof. Dr. phil., ist Professorin für Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik am Institut für Germanistik der Universität Flensburg.
Kapitel 1
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Kapitel 2
Über Laute, Wörter und Sätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
Ein Überblick über die Sprachentwicklung in den ersten Lebensjahren
Kapitel 3
Vom Guck-Guck-Spiel zum Bilderbuch betrachten . . . 47
Erwachsenen-Kind-Interaktion im Säuglings- und Kleinkindalter
Kapitel 4
Das spannende vierte Jahr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
Vom Kleinkind zum Vorschulkind
Kapitel 5
Kinder entdecken Kinder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
Spiel, Interaktion und Sprachgebrauch zwischen drei und sechs Jahren
Kapitel 6
Die eigenen Handlungen steuern . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
Egozentrisches Sprechen und Metakommunikation beim Spiel
Kapitel 7
Wie Sprache im Kopf entsteht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
Mentale Repräsentationen von Sprache
Kapitel 8
Über Schrift, Schreiben und Lesen . . . . . . . . . . . . . . . . 168
Repräsentationen sprachlicher Zeichen durch Schrift und der vorgestellte Andere
Kapitel 9
Auf dem Weg zur Schrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182
Mit Bedeutungsrepräsentationen umgehen
Kapitel 10
Bewusstwerdung von Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
Kinder entdecken Sprache als Symbolsystem
Kapitel 11
Schriftsprachentwicklung und Unterricht . . . . . . . . . . . 218
Schreibentwicklung, phonologische Bewusstheit und die Aufgaben von Kindergarten und Schule
Kapitel 12
Handlungen, Vorstellungen und Zeichen . . . . . . . . . . . 239
Entwicklung im Vorschulalter, Sprache und Schrift
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260
Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
Kapitel 8: Über Schrift, Schreiben und Lesen
Repräsentation sprachlicher Zeichen durch Schrift und der vorgestellte Andere
Sven, Tina und Nikolai sind sechs Jahre alt und werden in ein paar Monaten in die Schule kommen. Im Kindergarten sitzen sie mit Wachsmalstiften vor einem großen Blatt Papier und Sven schreibt (oder malt):
Tina: Das ist ne Schlange.
Nikolai: Das sieht aus wie ne Schlange.
Sven hat unterdessen weitergeschrieben:
Er erläutert: Zet! Zet wie Ferkel!
Tinas und Nikolais Kommentare leuchten unmittelbar ein, ähnelt das zu Papier gebrachte Zeichen doch erkennbar dem Bild einer leicht gekrümmten Schlange. Die Erläuterung von Sven, dem Zeichenproduzenten, jedoch verblüfft und entzieht sich einer schnellen Deutung, obwohl (oder vielleicht auch weil?) er im Gegensatz zu den beiden anderen bereits mit Buchstaben operiert. Die Benennung zet zeigt, dass er die Absicht hatte, einen Buchstaben zu schreiben und dieses ist ihm auch gelungen, da man das »Z« trotz der - für ein Vorschulkind völlig unbedenklichen - Seitenverdrehung erkennen kann.
Häufig führen gerade merkwürdig, unerklärlich erscheinende Äußerungen und Verhaltensweisen zu tieferen Einsichten als solche, die unmittelbar nachvollziehbar sind. Das gilt auch für Svens Äußerung; denn sie kann bei näherer Betrachtung einen Einblick in charakteristische Merkmale von Schrift und von Wegen der Annäherung an Schrift durch Kinder gewähren.
Bevor ich jedoch Svens rätselhaften Kommentar zu entschlüsseln versuche, soll die gesamte Situation zwischen den drei Kindern in Augenschein genommen werden.
Zeichen und Schriftzeichen
Beide zu Papier gebrachte Zeichen, das Z wie das Schlangen-S, sind eindeutig an Buchstaben orientiert. Sven benutzt den Wachsstift nicht, um ein Bild zu malen oder etwas zu zeichnen, sondern als Schreibgerät. Er will offensichtlich Buchstaben produzieren. Diese Absicht liegt durch den Situationskontext nahe, da an dem Morgen, an dem sich die wiedergegebene Interaktionsszene abspielt, einige Studentinnen im Kindergarten zugegen sind, um mit den Kindern über ihre Erwartungen für die nahe Schulzeit zu sprechen. Die Kinder thematisieren daraufhin sofort Lesen, Schreiben und Rechnen als die Tätigkeiten, die in ihrer Vorstellung mit Schule verbunden sind.
Tina lenkt jedoch die Gedanken mit ihrer Bemerkung Das ist ne Schlange zunächst in eine andere Richtung. Für sie steht die Ähnlichkeit des Zeichens mit dem Tier im Vordergrund; sie deutet Svens Produkt als ein ikonisches Zeichen. Für ikonische Zeichen ist charakteristisch, dass sie über eine wahrnehmbare Ähnlichkeit mit dem, wofür sie stehen, verbunden sind, in diesem Beispiel also die charakteristische Krümmung einer Schlange. Es ist anzunehmen, dass der sechsjährigen Tina sehr wohl bewusst ist, dass sie ein Zeichen und keine Schlange vor sich hat, auch wenn sie wörtlich sagt: Das IST eine Schlange. Damit übernimmt sie einen Sprachgebrauch Erwachsener, den sie vermutlich schon von klein auf kennt, wenn z.B. beim gemeinsamen Bilderbuchbetrachten auf Abbildungen mit den Worten Guck, was ist das? Das ist ein großer Elefant hingewiesen wird.
Nikolai nimmt Tinas Deutung auf, differenziert sie aber. Mit dem Wort wie verweist er explizit auf den Zeichencharakter der Linie auf dem Papier, die aussieht wie eine Schlange.
Sven äußert sich zur Deutung dieses Zeichens nicht, sondern fährt mit seiner Produktion fort und gibt für das neu entstandene Zeichen klar die Deutung als Buchstabe vor.Wo mag aber der Zusammenhang zwischen dem Buchstaben Z und einem Ferkel, oder genauer: dem Wort Ferkel, liegen?
Svens willkürliche und für Außenstehende kaum nachvol
| Erscheinungsdatum | 04.08.2017 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Maße | 136 x 257 mm |
| Gewicht | 377 g |
| Themenwelt | Geisteswissenschaften ► Psychologie ► Pädagogische Psychologie |
| Geisteswissenschaften ► Sprach- / Literaturwissenschaft ► Sprachwissenschaft | |
| Medizin / Pharmazie ► Medizinische Fachgebiete ► Psychiatrie / Psychotherapie | |
| Schlagworte | Kind • Lernen • Psychologie • Schreiben • Schreibenlernen • Schrift • Sprachentwicklung • Spracherwerb • Sprachwissenschaft • Vorschule |
| ISBN-10 | 3-608-96249-2 / 3608962492 |
| ISBN-13 | 978-3-608-96249-9 / 9783608962499 |
| Zustand | Neuware |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
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