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'Habe ich nicht genug Tumult ausgelöst?' (eBook)

Martin Luther in Selbstzeugnissen
eBook Download: EPUB
2016 | 1. Auflage
240 Seiten
Verlag C.H.Beck
978-3-406-69812-5 (ISBN)
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"Ich habe die Welt satt, sie hat mich wiederum satt … sie meint, wenn sie mich los wäre, so wäre es gut … Es ist doch, wie ich oft gesagt hab: ich bin der reife Dreck, so ist die Welt das weite Arschloch; darum sind wir zu Recht zu trennen." Bücher über Luther füllen ganze Bibliotheken, aber was sagt Luther selbst über sich? Seine Tischreden, Briefe und Traktate stecken voller spontaner Selbstaussagen. Günter Scholz hat sie erstmals systematisch ausgewertet, um Luther sein Leben selbst erzählen zu lassen. Der Reformator teilt uns mit, wie er erzogen wurde, warum er ins Kloster ging und wann er den Kampf gegen das Papsttum aufnahm. Er spricht ganz ungeschminkt über Frauen und Liebe, Musik und Essen, Türken und Juden und lässt uns teilhaben an seiner Angst vor dem Teufel und an seinen Leidenschaften. Gerade in seinen Äußerungen über sich selbst und die Welt erweist sich Luther als Meister der deutschen Sprache, der seine Meinung knapp, anschaulich, gerne drastisch und immer unvergesslich auf den Punkt bringt.



<p>G&uuml;nter Scholz, Dr. phil., Kulturhistoriker, hat das Deutsche Bauernkriegsmuseum in B&ouml;blingen aufgebaut und war lange dessen Leiter. Zahlreiche Ver&ouml;ffentlichungen zu Reformation, Bauernkrieg und Konfessionsbildung im 16. Jahrhundert.</p>

Günter Scholz, Dr. phil., Kulturhistoriker, hat das Deutsche Bauernkriegsmuseum in Böblingen aufgebaut und war lange dessen Leiter. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Reformation, Bauernkrieg und Konfessionsbildung im 16. Jahrhundert.

Cover 1
Titel 3
Zum Buch 2
Über den Autor 2
Widmung 4
Impressum 4
Inhalt 5
Einleitung 9
Luther der Große 9
Die Tischreden 11
Ein Blick auf das Zeitalter 14
1. «Ich bin eines Bauern Sohn» 23
Herkunft und Eltern 23
Schule und Studium 26
2. «Der Welt abgestorben» 29
Ein Gewitter macht Weltgeschichte 29
Luther im Kloster 30
Die Romreise 33
Ablass und Reliquien in der Ewigen Stadt 36
3. «Durch den Glauben neu geboren» 39
Der Mann mit dem stechenden Blick 39
Luthers neues Glaubensverständnis 40
Kampf gegen den Ablass 42
Der Thesenanschlag fand nicht statt 46
Wittenberg – Rom der Protestanten 49
Der Beschützer: Friedrich der Weise 51
Der Gegner: Albrecht von Mainz 54
4. «Ein neues Feuer angezündet» 59
Kampf mit Wort und Bild 59
An den christlichen Adel deutscher Nation 63
Hoffnungsträger der jungen Generation 65
5. «Hier stehe ich» 67
Ein Kniefall in Augsburg 67
Der Bruch mit Rom 69
Worms 1521 70
Gesandter und Werkzeug Gottes 73
6. «Ich schlaf bei einer schönen Frau» 75
Erste Erfahrung mit Frauen 75
Priesterehe statt Zölibat 77
Raus aus dem Kloster, rein in die Ehe 79
Martin Luther heiratet 83
Luthers Eheglück 86
Herr Käthe 89
7. «Seid fruchtbar und mehret euch» 92
Ehe und Sexualität 92
Die Frau, das minderwertige Wesen 97
Starke Frauen der Reformation 103
Kinder sind die Zukunft 108
Gute Schulen braucht das Land 110
8. «Du hast ein böses Maul» 112
Viele Feinde … 112
… wenige Freunde 116
Der Erzrivale Thomas Müntzer 118
Keine Gnade für Täufer 122
9. «Den Fuggern einen Zaum ins Maul legen» 125
An Gelddingen nicht interessiert 125
Zins und Wucher 126
10. «Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern» 129
Die Not der Bauern 129
Der Bauernkrieg von 1525 132
Thomas Müntzer und die soziale Revolution 134
Luther gegen die Bauern 135
Spott und Strafe 139
11. «Denn sie sind uns eine schwere Last» 142
Bettler an die Arbeit 142
Kein Herz für Behinderte 144
Luther und die Juden 145
Pogrome im Mittelalter 146
1523: Mitgefühl für Juden 148
1532: Enttäuschung und Resignation 149
1543: Hass und Hetze 150
Das schreckliche Erbe des Reformators 153
12. «Zu strafen die Bösen und zu schützen die Frommen» 157
Abneigung gegen Juristen 157
Luther und die Obrigkeit 158
13. «Dem Volk aufs Maul schauen» 161
Vom Dolmetschen 161
Sprache und Sprachschöpfer 163
Von der rechten Predigt 165
14. «Ein feste Burg ist unser Gott» 168
Musik, eine Gottesgabe 168
Bücher und Bilder 171
15. «Nicht mehr denn Berg und Tal» 173
Luther mobil 173
Reisender in Sachen Reformation 175
Ablehnung des Fremden 178
Ein Herz für Schwaben 179
Pflanzen und Tiere 180
Unbekannte Welten 181
16. «Ich lobe mir eine gute Hausspeise» 184
Schweinefleisch und Torgauer Bier 184
Gegen die Völlerei 185
17. «Und wenn die Welt voll Teufel wär» 188
Der Mensch – böse und verdorben 188
Die Welt wird immer schlechter 189
Teufelswerk und Hexenwahn 191
18. «Die Welt wird zerbrechen am Jüngsten Tag» 194
Die Türken, Geißel Gottes 194
Kometen als Warnung 197
Das Weltende steht bevor 198
19. «Ich habe die Welt satt, die Welt hat mich satt» 201
Mensch mit Ecken und Kanten 201
Ein kranker Mann 204
Depression und Melancholie 207
Frustration im Alter 209
Mitten im Leben … 211
Von der Bereitung zum Sterben 212
Die letzte Reise 216
Worte an Luthers Grab 218
20. Sprichwörter und Redewendungen 220
Geflügelte Worte 220
Lebensweisheiten in Reimen 223
Nachwort 224
«Ich habe nicht umsonst gelebt» 224
Mythos Luther 227
Dank 232
Zeittafel 233
Quellen 236
Schriften Martin Luthers 236
Literaturhinweise 238

Einleitung


Luther der Große


Befragungen auf der Straße durch die Medien sind heutzutage sehr beliebt. Wenn man wissen will, wer Martin Luther war, erhält man unterschiedliche Antworten: «Den Namen habe ich schon einmal gehört, aber ich fange damit wenig an»: Das ist die Ausnahme. Die meisten verbinden etwas mit Luther: «Er hat es dem Papst und den alten Männern in Rom gegeben»; «Er hat seine Thesen – wie viele waren es noch? – an die Kirchentür angeschlagen»; «Seit Luther dürfen Geistliche heiraten, katholischen Priestern ist es bis heute verboten»; «Luther hat die Bibel übersetzt und die deutsche Sprache geschaffen.» Es gibt für Luther Lob auf der Straße, aber auch Kritik: «Er hat die Kirche gespalten»; «Er war ein grober Klotz und ein Macho»; «Und da war noch etwas, das mit den Bauern und den Juden.»

Einige der Befragten erinnern sich vielleicht an Lutherworte, solche, die ihm in den Mund gelegt werden: Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zu Grunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen. Und an das deftige Ihr rülpset ja nicht, ihr furzet ja nicht, es hat euch wohl nicht geschmecket? Oder an ein Wort, das Luther tatsächlich gesagt hat: So die Frau nicht will, komme die Magd.

Die Passanten von heute schneiden deutlich besser ab als preußische Rekruten aus Schlesien um 1900. Sie antworteten, Luther habe die Bibel gemacht; er glaube nicht an Christus; er habe die katholische Kirche gegründet; und er habe das Schießpulver erfunden.

Das Fazit unserer Befragung: Luther ist den meisten bekannt. Für viele, aber längst nicht alle, ist er ein bedeutender Mann. Er polarisiert bis heute, er hat Freunde und er hat Feinde.

Mich selbst hat Luther in meinem Leben begleitet, obwohl ich katholisch bin. Das erste Mal begegnete er mir, als ich acht Jahre alt war. Ein Onkel war 1949 nach schlimmer Kriegsgefangenschaft in Wittenberg gestorben, «Lutherstadt Wittenberg» heißt die Stadt offiziell seit 1938. Die Eltern reisten mit mir zur Beisetzung. Im Anschluss daran wurde ich in die menschenleere, düstere Schlosskirche vor eine Grabplatte geführt. Hier ruht Martin Luther, ein großer Mann, wurde mir zugeraunt.

Martin Luther der Große: An der Schwelle zur Neuzeit kämpfte er gegen die Missstände der katholischen Kirche. Er wollte eine umfassende Erneuerung der Kirche auf der Grundlage des Evangeliums der Heiligen Schrift. Damit wurde er zum Vater der Reformation und zum Begründer des Protestantismus. Gegen seinen Willen löste er die bis heute nicht überwundene Glaubensspaltung aus. An die Stelle der bis dahin einen Kirche traten seitdem unterschiedliche Konfessionen. Sie bekämpften sich erbittert mit Intoleranz und Gewalt bis zum Dreißigjährigen Krieg und noch darüber hinaus. Luther wurde eine Persönlichkeit der Weltgeschichte.

Luther der Große: Von seinen Anhängern wurde er schon zu Lebzeiten mit Glorienschein umgeben und ins Übermenschliche entrückt. Nach seinem Tod verklärten ihn die evangelischen Theologen als Heilsbringer der allein selig machenden reinen Lehre der Reformation. Im 19. Jahrhundert wurde er auf den Sockel der Denkmäler gestellt, zum Monument deutscher Größe und Herrlichkeit, hoch erhoben und unnahbar.

Luther der Große – aber auch der Monströse: Für seine Gegner war er bis ins 20. Jahrhundert Ketzer und Kind des Teufels, der die einzig wahre katholische Kirche in Brand gesteckt habe.

Luther als Mensch: Von seinen Freunden und Feinden wurde er biografisch zurechtgebogen, wie es jeweils in ihr voreingenommenes Lutherbild passte. Verkörperung aller Tugenden für die einen, aller Laster für die anderen.

Die Tischreden


Über Martin Luther wurde unendlich viel geschrieben. Theologen haben akribisch jeden noch so kleinen Stein und Balken seines Lehrgebäudes hin und her gewendet und kontrovers diskutiert. Die Person des Reformators interessierte sie meist weniger. Dieses Buch rückt dagegen den Menschen Luther ins Zentrum. Mit einem neuen Zugang: Nicht andere sollen über ihn urteilen, sondern er kommt selbst zu Wort in seinen Tischreden. Sie füllen in der großen Weimarer Lutherausgabe stattliche sechs Bände mit jeweils rund 700 Seiten. Obwohl als Quelle von unschätzbarem Wert, wurden sie bis heute nicht umfassend ausgewertet. Stattdessen nutzte man sie meist als Steinbruch und holte sich heraus, was ins eigene Lutherbild passte. Weniger Erwünschtes unterschlug man, oder man zweifelte am historischen Gehalt der Aussage. Luther wurde so historisch geliftet und weichgespült. In den Tischreden kommt er als Mensch so nah wie kaum eine andere Persönlichkeit der Frühen Neuzeit. Er äußert sich dort so spontan wie heute die User von Facebook und Twitter.

Die vorliegende Textauswahl möchte Luther ausgewogen und ohne eine vorgefasste Deutungsabsicht selbst zu Wort kommen lassen, vor allem durch Zitate aus seinen Tischreden, aber auch aus Flugschriften, Traktaten und Briefen des Reformators.

Wie entstanden die Tischreden? Im Wittenberger Lutherhaus wurden die Mahlzeiten in großer Runde im Refektorium des ehemaligen Augustinerklosters eingenommen. Bevor die Hausfrau die mit Liebe, aber auch Sparsamkeit bereiteten Speisen servierte, sprach der Hausherr das Tischgebet, gern das Vaterunser: Es bindet die Leute zusammen und ineinander, dass einer für den andern und mit dem andern betet, und wirkt so stark, dass es alles Übel und den Tod vertreibt. (TRI, 700) Beim Essen herrschte der Klostersitte gemäß Schweigen. Nach Tisch versammelte sich eine ausgewählte Männerrunde in der bis heute erhaltenen Lutherstube. Katharina Luther war als einzige Frau dabei, soweit es der Haushalt zuließ.

Für das Gespräch nach Tisch gab es ein festes Ritual. Luther leitete es mit der Frage ein: Was hört man Neues? Darauf gab es zunächst allgemeines Schweigen. Der Hausherr hakte nach: Ihr Prälaten, was Neues im Lande? Dann begannen zögernd die Älteren in der Runde zu reden, allmählich auch andere. Das brachte den Reformator in Fahrt, und er setzte zum Monolog an. Johannes Mathesius, sein Tischgenosse und erster Biograf, beschrieb den Ablauf: «Oftmals legte man gute Fragen ein aus der Schrift, die löste er fein rund und kurz, und da einer mal Part (Widerpart) hielt, konnte er es auch leiden, und mit geschickter Antwort widerlegen.» Luther lenkte das Gespräch mit unangefochtener Autorität. Wenn Gäste von Rang und Stand an der Runde teilnahmen, kam er in Hochform: «Oftmals kamen etliche Leute von der Universität, auch von fremden Orten an den Tisch, da gefielen sehr schöne Reden und Historien», schwärmte Mathesius. Begierig hingen alle an Luthers Lippen: «Wie wir denn sein Reden Condimenta mensae (Tischgewürze) pflegten zu nennen, die uns lieber waren als alle Würze und köstliche Speise.» Er sprach «nunc Latinae, nunc Germanicae», unvermittelt wechselte er vom Lateinischen ins Deutsche, sogar im selben Satz.

Luthers Worte sind für den Zeitraum von 1531 bis 1546 überliefert. Über die bewegten Jahre der frühen Reformation wird im Rückblick berichtet. Sie hatten sich tief in sein Gedächtnis eingeprägt. Er erinnerte sich minutiös daran. Manchmal berichtete er das Gleiche sogar mehrfach. Unsicher war er gelegentlich in der Datierung. Aufgeschrieben wurden die Lutherworte von einem Dutzend Zuhörer. Sie machten zunächst Notizen in dünne Hefte oder auf einzelne Blätter. Später überarbeiteten sie die Konzepte. Die Schreiber waren alle Schüler und enge Vertraute Luthers. Sie wollten ihn in ein positives Licht rücken. Der eine oder andere hatte wohl auch schon seinen Nachruhm im Blick. Bei den Autoren gab es Hörfehler, Missverständnisse, Erinnerungslücken, wohl auch Wichtigtuerei und Übertreibungen.

Das galt besonders für seinen Famulus, den späteren Feldprediger Johannes Aurifaber (1519–1575). Zwanzig Jahre nach Luthers Tod gab er 1566 die erste...

Erscheint lt. Verlag 5.9.2016
Reihe/Serie Beck Paperback
Beck Paperback
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften Religion / Theologie Christentum
Schlagworte Arschloch • Briefe • Essen • Frauen • Juden • Liebe • Martin Luther • Meinung • Musik • Papsttum: Kloster • Reformator • Selbstaussagen • Teufel • Tischreden • Traktate • Türken
ISBN-10 3-406-69812-3 / 3406698123
ISBN-13 978-3-406-69812-5 / 9783406698125
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