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Autismus, genetisch betrachtet (eBook)

Veränderungen der Gene als Ursache und Auslöser
eBook Download: PDF
2016 | 1. Auflage
248 Seiten
Georg Thieme Verlag KG
978-3-13-220811-7 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Autismus, genetisch betrachtet -  Rolf Knippers
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Der Genetik-Experte Prof. Dr. Rolf Knippers vermittelt in diesem Buch die genetischen Grundlagen des Autismus. Diese wissenschaftliche Arbeit ist bisher die einzige, die auch für Nichtfachleute leicht zugänglich ist. Sie erfahren vieles über die Geschichte der genetisch orientierten Autismusforschung. Dazu ihre wichtigsten Methoden und Ergebnisse sowie eine Darstellung und Beschreibung einiger Risiko-Gene. Auch der psychologische und medizinische Phänotyp des Autismus wird aufgegriffen. Die Entstehung des Autismus erscheint Ihnen nach der spannenden Lektüre in einem neuen Licht.

Rolf Knippers: Autismus, genetisch betrachtet 1
Innentitel 4
Impressum 5
Vorwort 6
Danksagung 9
Autorenvorstellung 10
Die Pioniere 14
Leo Kanner 14
Kanners Erstbeschreibung des kindlichen Autismus 16
Hans Asperger 20
Literatur 23
Bettelheims Irrtum und wie es dann weiterging 24
Bruno Bettelheim 24
Die ersten Jahre in Amerika 27
Bettelheim und frühkindlicher Autismus 29
Und heute? 31
Literatur 35
Autismus-Spektrum – Diagnosen, Häufigkeiten, Verläufe 36
Sorgfältige Diagnosen 36
Formalisierungen 37
DSM-IV und DSM-5 38
Syndrome 43
Das Spektrum 43
Häufigkeiten 45
Verläufe 48
Literatur 49
Erblichkeiten 51
Zwillinge 51
Konkordanz 52
Wie sieht es beim Autismus aus? 53
Familiärer Autismus 56
Konsequenzen 57
Literatur 58
Schädigungen und Risikofaktoren 59
Umwelt 59
Impfstoff 61
Infektionen 62
Frühgeburten 63
Risikofaktoren 64
Ernährung und Stoffwechsel 65
Mitochondrien 67
Geschlechtsunterschiede 68
Literatur 70
Das autistische Gehirn 72
Ein Blick ins Innere 72
Kopfumfänge 72
Und später im Leben? 75
Das Kleinhirn 77
Connectivity – Verbindungsmuster 79
Spiegelneuronen 83
Ausblick 85
Literatur 86
Frühe Erfolge bei der Suche nach den Genen 87
Autismus und molekulare Genetik 87
Glückliche Funde 88
Andere Synapsenproteine 94
Synaptopathie 96
Autistische Mäuse 99
Weitere Knockouts 100
Nützliche Knockouts 101
Nicht nur Synapsen-Gene 103
Ausblick 104
Literatur 105
Rett-Syndrom und Autismus-Spektrum 107
Was ist ein Syndrom? 107
Der Namensgeber: Andreas Rett 108
Verläufe 109
Gene auf dem X-Chromosom 109
Hintergründe 111
Knockouts 113
Was macht das Rett-Protein? 117
Therapieversuche: induzierte pluripotente Stammzellen (iPSC) 119
Fazit 120
Literatur 120
Das zerbrechliche X-Chromosom 122
James Martin und Julia Bell 122
Phänotyp 124
Das Gen 125
Modifizierende Gene 127
Genotyp FMR1 und Phänotyp FXS 127
Das FMR-Protein 129
Spezielle mRNA-Arten 131
Schlussfolgerungen und Ausblicke 133
Literatur 136
Autismus bei tuberöser Sklerose 137
Tuberöse Sklerose 137
Gene 138
Der Zweierkomplex und die Synthese von Proteinen 139
Knockout-Mäuse 141
Schlussfolgerungen 143
Literatur 144
Ubiquitin, Angelman und Autismus-Spektrum 145
Optimale Mengen 145
Entdeckung und Vorkommen 147
Die Funktion des UBE3A-Proteins 149
Knockouts 150
Fazit 150
Literatur 151
Genotyping: DNA-Chips und das Durchsuchen ganzer Genome 152
Risikogene 152
Genomweite Assoziationen 154
Konsortien 158
Ein erster Treffer: seltene Varianten eines einzelnen Gens 160
Wechselnde Ergebnisse 164
Noch mehr GWAS 166
Grenzen der Methode 167
Copy Number Variations 168
Erblichkeit 173
Fazit 174
Literatur 176
Genom, Exom und Epigenetik 178
DNA-Sequenzierung in der Autismus-Forschung 178
Familien 179
Exom-Sequenzierungen 180
Alter des Vaters 182
Gene 183
Welche Gene? 184
Neu versus ererbt 193
Promotor 196
Epigenetik 197
Methylierungen 198
Verhaltensformen 200
Epigenetik und Autismus-Spektrum 203
Geschlechtshormone 204
X-gekoppelte Vererbung 205
Ausblick: das Sequenzieren ganzer Genome 208
Literatur 210
Bestandsaufnahme: molekulare Genetik des Autismus 213
Komplexe Wechselwirkungen 213
Wie viele Gene sind beteiligt? 215
Erbgänge 216
Welche Gene? 219
Wahrscheinlichkeiten und Plausibilitäten 221
Wechselwirkungen 223
Expression von Genen im Gehirn 225
Diagnostische Hilfen 227
Behandlungen und Medikamente 228
Zusammenfassung 232
Literatur 234
Glossar genetischer Begriffe 236
Weiterführende Literatur 248

2 Bettelheims Irrtum und wie es dann weiterging


2.1 Bruno Bettelheim


Nachdem in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts Autismus als eigenständige und eigentümliche psycho-medizinische Besonderheit entdeckt worden war, war es nur allzu natürlich, nach den Ursachen zu fragen. Mehrere Jahre lang waren viele Psychologen und Psychiater davon überzeugt, dass Autismus in irgendeiner Form auf traumatisierende frühkindliche Erfahrungen zurückgehen musste. Es war der Zeitgeist, der solche Antworten nahelegte. Und der fand seinen Propheten in einem hoch geschätzten Pädagogen und selbst ernannten Psychologen, der viele Menschen mehr durch seine Persönlichkeit als durch wissenschaftliche Argumente überzeugte: Bruno Bettelheim, eine eindrucksvolle und facettenreiche Person.

Bruno Bettelheim wurde am 28. August 1903 in Wien geboren als erster Sohn und zweites Kind einer wohlhabenden jüdischen Familie. Sein Vater war mit eigenen Sägewerken und eigenem Vertrieb an einem einträglichen Holzhandel beteiligt.

Bettelheim war ein kränkelndes Kind, oft mehrere Wochen hintereinander bettlägerig. Aber sein größtes Handicap waren eine extreme Kurzsichtigkeit und, wie er selbst fand, ein hässliches Äußeres. Er war ein ordentlicher Schüler, etwas verträumt und verlesen. Im Rückblick sagte er oft, seine Mutter hätte ihn vernachlässigt. Dafür gibt es keine unabhängigen Hinweise, aber es passt zu seinen psychologischen Theorien.

Bettelheim studierte nach Ende des Ersten Weltkrieges zunächst Literatur, dann Kunstgeschichte und schließlich Philosophie. Dieses Studium führte er zu Ende. Zudem besuchte er Seminare in Psychologie. Als er 23 Jahre alt war, starb sein Vater, und er musste das Geschäft übernehmen. Ihm gelang der Einstieg, da er neben dem Universitätsstudium eine Handelsschule besucht hatte. Auf diese Weise konnte er den Wohlstand für sich, seine Mutter und die ältere Schwester erhalten sowie Regina Altstadt heiraten.

Regina Altstadt war Kindergärtnerin. Über ihren Beruf hatte sie Agnes Piel Crane, eine reiche Amerikanerin, kennengelernt, die nach Wien gekommen war, um sich bei Sigmund Freud behandeln zu lassen. Wir erwähnen das, weil die Bekanntschaft zwischen Regina Bettelheim und Mrs. Crane in mehrfacher Hinsicht interessant für die weitere Geschichte ist. Zunächst: Mrs. Crane hatte eine Tochter Patricia, kurz Patsy genannt. Sie war ein extrem zurückgezogenes Kind, das in einer eigenen Welt lebte und nichts mit anderen Menschen zu tun haben wollte. Obwohl überaus schwierig im Umgang, fand Regina einen Zugang zu ihr und nahm sie sozusagen als Ziehtochter an.

Als Regina mit ihrem Schützling nach Amerika fuhr, um die Crane-Familie zu besuchen, begann Bruno Bettelheim eine Affäre mit Gertrude Weinfeld, einer Lehrerin an der Wiener Montessori-Schule. Sie hatte ein großes Interesse an Psychologie und war es wohl, die Bettelheim wieder an Psychologie und Psychoanalyse heranführte. In der Folge besuchte er psychologische Kurse und beendete seine Doktorarbeit in Philosophie, die den Titel Das Problem des Naturschönen und die moderne Ästhetik trug. Dafür erhielt er 1937 den Grad eines Doktors der Philosophie.

Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen 1938 brach die Wiener Welt der Bettelheims zusammen. Schon bald begann der Terror mit einer Orgie von Gewalt gegen Kommunisten und Monarchisten, Sozialdemokraten und Kleriker. Bekannte Juden wurden deportiert, unter ihnen Mitglieder der Bankiersfamilie Rothschild, und Otto Loewi, der zwei Jahre zuvor den Nobelpreis für die Entdeckung der Neurotransmitterstoffe erhalten hatte. Jüdische Geschäfte wurden systematisch geplündert. Regina konnte bald über Paris in die USA auswandern, Bruno jedoch blieb zurück. Er wollte sein Geschäft nicht aufgeben und Schwester und Mutter nicht allein lassen. Doch schon im Mai 1938 musste er das Geschäft weit unter Wert verkaufen. Er wurde mit Tausenden anderer jüdischer Männer zuerst nach Dachau und später nach Buchenwald verschleppt.

Die Konzentrationslager waren zu jener Zeit Orte der Erniedrigung, der Qualen und des Sadismus. Aber es waren noch nicht die Massenvernichtungslager mit Gaskammern und Krematorien der späteren Jahre. Damals konnte man sich in den Lagern das Wohlwollen der Wächter erkaufen, wenn man genügend Geld besaß beziehungsweise Geldsendungen erhielt. Dies war bei Bruno Bettelheim der Fall. Auch seine Kurzsichtigkeit kam ihm zugute: Für Arbeiten im Freien war er völlig ungeeignet und wurde deshalb für Schneider- und Flickarbeiten eingesetzt.

Im April 1939 wurde Bettelheim mit vielen weiteren Juden aus Buchenwald entlassen unter der Auflage, Deutschland und Österreich zu verlassen. Bettelheim erhielt nach intensiven Bemühungen ein Visum und konnte in die USA reisen. Dort brauchte er einige Wochen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Die Ehe mit seiner Frau Regina war zerrüttet, es kam zur Scheidung. Etwas später heiratete Bettelheim Gertrude Weinfeld, der eine abenteuerliche Flucht aus Österreich über Australien in die USA gelungen war.

2.2 Die ersten Jahre in Amerika


Nach wenigen Monaten fand Bettelheim eine Stelle als Lehrer für Deutsch und Kunst und war an mehreren Colleges tätig. Darauf folgte eine Berufung in ein Gremium zur Reform der Oberstufen, indem es seine Aufgabe war, den Literatur- und Kunstunterricht neu auszurichten.

In dieser Zeit verfasste Bettelheim einen 35-seitigen Artikel für das Journal of Abnormal and Social Psychology mit dem Titel „Das Verhalten des Menschen unter extremen Bedingungen“ (Individual and Mass Behavior in Extreme Situations), der 1943 erschien. Bettelheim bezog sich darin auf seine Erlebnisse in den Konzentrationslagern und kam zu dem seinerzeit berühmten Schluss, dass Menschen unter entwürdigenden und quälenden Bedingungen in einen psychischen Zustand zurückfallen, der dem von Kindern oder frühen Jugendlichen entspräche. Der Aufsatz wurde viel gelesen und hoch gelobt und galt zunächst als einer der klassischen Texte der soziologischen und psychologischen Literatur. Heute sieht man das etwas anders, vor allem weil spätere Berichte und Forschungen die Schlussfolgerungen nicht bestätigen konnten. Auch kamen Zweifel auf, ob Bettelheim wirklich alles so erlebt hatte, wie er es schilderte.

Bettelheim hielt in jenen Jahren Vorträge und deutete dabei an, dass er in der psychologischen und psychoanalytischen Szene Wiens verkehrt hätte. Auch widersprach er nicht, wenn behauptet wurde, dass er nicht nur einen Doktor in Philosophie, sondern auch einen in Psychologie hätte. Niemand bezweifelte, dass sich dieser hart arbeitende und erfolgreiche Neuankömmling beträchtliche akademische Lorbeeren in Wien erworben hatte.

Bettelheim trat bald eine Stelle als Forschungsassistent an der Universität von Chicago an, später wurde ihm die Leitung eines Heims mit angeschlossener Schule (The Orthogenic School) für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche angeboten. Dies war verbunden mit einer Professur für Sozialpsychologie. Bettelheim organisierte das Heim neu und stellte junge Erzieherinnen und Hilfskräfte ein. Durch seine Persönlichkeit, sein pädagogisches Geschick und seine Überzeugungskraft verschaffte er Heim und Schule ein hohes Ansehen.

Neben der organisatorischen und erzieherischen Arbeit veröffentlichte Bettelheim in den ersten zehn Jahren seiner Tätigkeit an der Orthogenic School dreißig Artikel in Fachzeitschriften und zwei umfangreiche Bücher, die ein weites Lesepublikum fanden und Bettelheims Reputation weit über die engen Kreise der Kinder- und Jugendpsychologie hinaus begründeten: Love is Not Enough von 1950 und Truants from Life von 1955.

Ein Leitmotiv seiner Seelenlehre war die Überzeugung, dass es die Mutter sein muss, die Schuld an allen Schwierigkeiten des Lebens hat. Diese Idee war sicher beeinflusst durch die Freudsche...

Erscheint lt. Verlag 27.4.2016
Reihe/Serie Hintergründe
Hintergründe
Verlagsort Stuttgart
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften
Medizin / Pharmazie Medizinische Fachgebiete Neurologie
Studium 1. Studienabschnitt (Vorklinik) Biochemie / Molekularbiologie
Studium 2. Studienabschnitt (Klinik) Humangenetik
Naturwissenschaften Biologie Genetik / Molekularbiologie
Technik
Schlagworte Asperger • Autismusforschung • Autismus-Forschung • Autismus-Spektrum • Epigenetik • Erblichkeiten • genetische Grundlagen • genetisch orientierte Autismusforschung • Genom • kanner • molekulare Genetik • Phänotyp Autismus • Reihe Hintergründe • Risikofaktoren
ISBN-10 3-13-220811-6 / 3132208116
ISBN-13 978-3-13-220811-7 / 9783132208117
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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