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Dostojewskis Gelächter (eBook)

Die Entdeckung eines Großhumoristen
eBook Download: EPUB
2014 | 1. Auflage
288 Seiten
Piper Verlag
978-3-492-96759-4 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Dostojewskis Gelächter -  Eckhard Henscheid
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Als Mystiker und Menschheitsproblematiker, Ersatzchristus, Russlanderneuerer, Verbrechensbekämpfer hat man Fjodor Michailowitsch Dostojewski jahrzehntelang gesehen und vereinnahmt. Doch wer war der große Russe wirklich? Nicht undenkbar, dass der Klassiker unter den Dichtern und Briefeschreibern im deutschsprachigen Raum bislang völlig falsch verstanden wurde. Weithin vergessen jedenfalls ist das besonnene und beinahe revolutionäre Wort Thomas Manns, in diesem Schwer-Romancier könne man einen 'ganz großen Humoristen' erkennen - bei dem es vor allem eins gibt: viel zu lachen. Eckhard Henscheid, selbst schon als ein 'von der Romantik verfeinerter Dostojewski' (FAZ) tituliert, macht sich daran, diesem Missstand abzuhelfen. Eine gleichermaßen geistreiche wie unterhaltsame Streitschrift, die nichts weniger als die Revision einer hochkulturellen Großtorheit im Sinn hat.

Eckhard Henscheid, geboren 1941 in Amberg, gilt nicht erst seit seinem Roman 'Die Vollidioten' als ausgewiesener Dostojewski-Kenner. Neben Robert Gernhardt, Chlodwig Poth, F. W. Bernstein und anderen gehörte er zur Neuen Frankfurter Schule und 1979 zu den Gründungsmitgliedern der satirischen Zeitschrift TITANIC. Er arbeitete als Journalist und Redakteur, bevor er freier Schriftsteller wurde. Sein literarisches Werk umfasst Romane, Erzählungen, Satiren, Essays und Glossen. Zuletzt erschien seine Autobiografie 'Denkwürdigkeiten'.

Eckhard Henscheid, geboren 1941 im oberpfälzischen Amberg, studierte Literaturwissenschaft und gründete zusammen mit Robert Gernhardt und anderen die legendäre "Neue Frankfurter Schule" und deren Satiremagazin "Titanic". Henscheid schreibt Lyrik, Erzählungen, Romane, Satiren, Essays, Nonsensdichtung, Polemiken und Glossen, Literatur-, Kunst- und Musikkritik. Er lebt heute in Frankfurt am Main, Amberg und Arosa in der Schweiz. Zuletzt erschien seine Autobiografie "Denkwürdigkeiten" bei Schöffling & Co.

So geht’s in Tat und Wahrheit zu im Roman »Schuld und Sühne« (»Verbrechen und Strafe«) von 1866:

»Rasumichins Wohnung fand er ohne Schwierigkeiten; im Potschinkowschen Hause kannte man den neuen Mieter schon, und der Hausknecht zeigte ihm ohne weiteres den Weg. Bereits auf halber Höhe der Treppe hörte Raskolnikow den Lärm und das lebhafte Stimmendurcheinander einer größeren Gesellschaft. Die Tür zum Treppenhaus stand sperrangelweit offen, und man hörte Schreien und Disputieren. Rasumichins Zimmer war recht geräumig, und die Gesellschaft bestand aus fünfzehn Personen. Raskolnikow blieb im Vorzimmer stehen. Hier machten sich die beiden Dienstmädchen der Wirtsleute hinter einer spanischen Wand mit zwei großen Samowars zu schaffen, mit Flaschen, Tellern und Schüsseln, mit Piroggen und allerlei anderen Eßwaren. Raskolnikow schickte eins der Mädchen hinein, um Rasumichin zu holen, der ganz begeistert angelaufen kam. Man sah es ihm auf den ersten Blick an, daß er bereits allerhand getrunken hatte; es war dieses Mal unverkennbar, obwohl Rasumichin eigentlich nie richtig betrunken wurde.« (II, 7)

Aber dann:

»›Ja, was glauben Sie wohl?‹ – Rasumichin schrie jetzt noch lauter. ›Sie glauben wohl, ich rege mich darüber auf, daß diese Leute so viel Unsinn zusammenfaseln? Dummes Zeug! Ich habe es durchaus gern, wenn Unsinn zusammengefaselt wird!

Diese Art von Gefasel ist doch das einzige Privileg, das der Mensch vor allen übrigen organischen Wesen hat. Und schließlich führt auch dies Gefasel am Ende zur Wahrheit! Und eben darum, weil ich lauter Unsinn zusammenfasele, eben darum bin ich ein Mensch. Man ist zu keiner einzigen Wahrheit durchgedrungen, ohne vorher vierzehnmal oder sogar hundertvierzehnmal Unsinn gefaselt zu haben, und wenn dieser Unsinn nur auf eigene, auf persönliche Art und Weise zustande kommt, dann ist dieses Gefasel schließlich noch aller Ehren wert. Aber wir bringen es ja nicht einmal fertig, mit unserem eigenen Verstande und nach unserer eigenen Fasson Unsinn zu faseln, das ist beinahe besser, als nach fremder Manier die Wahrheit zu sagen; im ersten Fall ist man doch noch ein Mensch, aber im zweiten nur ein Vogel, der das Nachplappern gelernt hat! Die Wahrheit läuft einem nicht weg, aber wie leicht kann man sich das Leben verpfuschen! Dafür gibt es genug Beispiele. Na, was sind wir jetzt eigentlich? Wir alle, wir alle ohne Ausnahme, wir sitzen noch in der ersten Vorbereitungsklasse des Gymnasiums, was die Wissenschaft, die Entwicklung, Denken, Erfindungen, Ideale, Zukunftshoffnungen, Liberalismus, Urteilskraft, Erfahrung und überhaupt alles, alles, alles, alles, alles angeht! Wir haben Geschmack daran gefunden, uns mit dem Verstand anderer Leute zu begnügen, daran haben wir uns schon recht hübsch gewöhnt! Nicht wahr? Ist es nicht so, wie ich sage?‹ schrie Rasumichin und schüttelte und drückte dabei die Hände beider Damen. ›Nicht wahr?‹

›Gewiß, gewiß … obwohl ich nicht mit allem einverstanden bin, was Sie da sagen‹, meinte Awdotja Romanowna ernsthaft und schrie im gleichen Augenblick auf, so kräftig hatte er jetzt ihre Hand gedrückt.

›Gewiß? Gewiß, haben Sie gesagt? Ja, wenn Sie das gesagt haben‹, schrie er enthusiastisch, ›dann sind Sie … dann sind Sie der Inbegriff alles Guten, alles Reinen, alles Vernünftigen und Vollkommenen! Geben Sie mir Ihre Hand, geben Sie mir … und geben Sie mir auch Ihre Hand, ich möchte Ihnen hier die Hände küssen, jetzt, sofort, auf den Knien!‹

Und mitten auf dem Trottoir fiel er auf die Knie. Zum Glück war die Straße im Augenblick völlig menschenleer.« (III, 1)

200 Seiten später geht es um eine Leichenfeier, und zwar um einen Leichenschmaus für den verunfallten Schluckspecht Marmeladow, um ein jämmerliches und lausiges und vor allem auch »ganz unsinniges Leichenmahl«:

»Eine große Menge verschiedener Weinsorten gab es nun freilich nicht, auch keinen Madeira. Da hatte Lushin übertrieben, indessen gab es Wein. Schnaps, Rum und Portwein waren reichlich zur Stelle, wenn auch von den schlechtesten Sorten. An warmen Gerichten gab es außer dem bei Totenmahlen üblichen Reisbrei und den Fladen noch zwei oder drei Speisen (…) ferner waren gleich zwei Samowars aufgestellt worden, für den Tee und Punsch. Die Besorgungen hatte Katerina Iwanowna selbst gemacht, und zwar mit Hilfe eines kümmerlichen kleinen Polen, der Gott weiß warum bei Frau Lippewechsel wohnte und sich sofort Katerina Iwanowna zu allen Besorgungen zur Verfügung gestellt hatte. Den ganzen Tag vor der Beerdigung und den ganzen Vormittag des Beerdigungstages über war er in größter Hast und mit hängender Zunge herumgelaufen, anscheinend ganz besonders bemüht, die Aufmerksamkeit der anderen auf diese Hast und dieses Hängenlassen der Zunge zu lenken. Alle paar Minuten stürzte er wegen belangloser Kleinigkeiten zu Katerina Iwanowna, rannte ihr sogar bei ihren Einkäufen nach und redete sie unentwegt ›Frau Starost‹ an, da er ihr doch irgendeinen polnischen Beamtentitel glaubte geben zu müssen.« (V, 2)

Wie später dann auch im »Idioten«: Die Polen konnte Dostojewski, wie alle Russen dieser Zeit, wohl schon mal gleich gar nicht leiden; ihnen geht es fast immer an den Kragen – aber immerhin werden oft schöne Komparsen draus, Kleinzeug als notwendiges Romanfutter:

»Außerdem hatte sich noch ein betrunkener Oberleutnant a. D. eingefunden, der in Wirklichkeit beim Heeresproviantamt angestellt gewesen war; er lachte unschicklich und laut und war – ›stellen Sie sich vor!‹ – ohne Weste! Ein anderer setzte sich ohne alle Umstände an den Tisch, ohne Katerina Iwanowna überhaupt zu grüßen, und schließlich stellte sich noch eine Persönlichkeit ein, die in Ermanglung anderer Kleidungsstücke in einen Schlafrock gehüllt war. Das ging dann aber doch zu weit, und es gelang denn auch den Bemühungen Amalia Iwanownas und des Polen, den Mann im Schlafrock wieder zu entfernen. Der kleine Pole hatte übrigens noch zwei andere Polen mitgebracht …« (ebd.)

Das tun die Polen gern und oft, und so geht’s eben meistens her in Dostojewskis Roman »Schuld und Sühne« – und weil’s aber vorhin schon so schön war, hier nochmals als Zuckerl, was der Droemer-Knaur Verlag in seinem Klappentext zum gleichen Roman zu sagen hat:

»›Schuld und Sühne‹ ist der erste der fünf großen Romane Dostojewskis, in denen er in unerbittlicher, selbstquälerisch bohrender Weise das Ausgeliefertsein des Menschen an die dämonischen Kräfte bloßlegt und sein Ringen um die Erlösung der Seelen darstellt. Gott wohnt im Menschen, aber dieser wird zugleich von satanischen Mächten angefallen, und er hat diese Kämpfe in sich auszutragen. Der Student Rodion Raskolnikoff begeht einen doppelten Raubmord, um die eigene Mutter und Schwester vor Not zu retten. Er wähnt sich ein Herrscher, ›aber er muß begreifen‹, wie Mereschkowski urteilt, ›daß er sich geirrt hat, daß er kein Prinzip ist, sondern nur eine alte Frau getötet hat, daß er die äußerste Grenze nicht überschritten hat, nur überschreiten wollte‹. Unter dieser Erkenntnis bricht er zusammen, nimmt den Weg der Sühne auf sich. Sonja, das Straßenmädchen, spendet ihm den Trost der Bibel. Sie geht mit ihm nach Sibirien. Wird die Sühne angenommen? In besonders starkem Maße zeigt der gewaltige Roman in seinen Monologen und Dialogen die nahezu zersetzende Seelenzergliederung des Dichters, zugleich die russisch-östliche Mystik seines Weltbildes.«

Man darf sich nicht wundern, daß unterm Voreindruck solcher romanüberwölbenden Klappentexte zurechnungsfähigere Leser eher von Dostojewski abgeschreckt wurden, vor ihm zurückschrecken mußten. Das Mereschkowski-Zitat inklusive: Es ist wiederum praktisch jedes Wort geschwindelt, gelogen, ja von einer im Sinne Dostojewskis sündhaften Lügenverschweißeltheit; von einem mehr oder weniger automatisch vor sich hin lügenden Verlags- und Feuilletonistenhirn kurz vor Feierabend aufs Papier geschwurbelt. Gelogen – oder, vielleicht doch etwas christlich-nachsichtiger gerügt: in der Manier und im Stile von Stepan Trofimowitschs Lebenslegende weitgehend zusammengeträumt; werweiß auch nach dem Modus von Rasumichins eben gehörtem Plädoyer für diese fortschrittliche Moderne: zusammengefaselt.

~

Nicht alles, naturgemäß, ist in »Schuld und Sühne« von der durch verwirrte Studenten und verirrte Polen und betrunkene Oberleutnante im Schlafrock a. D. betriebenen rasanten Krawall- und Chaoskomik, wie sie Dostojewski schon früh und manchmal auch im Übermaß exzessiv werden läßt. Natürlich nicht. Was aber die zweite Szene der abermaligen und annähernd wiederum endlosen Unterredung zwischen Raskolnikoff und dem Vernehmungsbeamten Porfirij Petrowitsch im Polizeigebäude wegen des ungeklärten Doppelmords betrifft, so weiß der Dichter uns doch weit darüber hinaus (so wie später der »Jüngling« seine Leser) bei der Lektüre beinahe buchstäblich vom Sitz hochzureißen. Nach dem ganzen erneut halb blasiert-dümmlichen, halb heimtückisch-verschlagenen Vernehmungsgerede, nach dem wirren und ja auch den Mörder beinahe einschläfernden Sermon Porfirijs wähnt sich Raskolnikoff schon wiederum aus dem Schneider – da aber wird es auf einmal wieder überaus bedrohlich, ja unvermutet eisig ernst:

»Raskolnikoff zitterte am ganzen Leibe, es war, als habe ihn ein Dolchstoß getroffen.

›Also … wer hat … wer hat denn den Mord begangen?‹ fragte er, unvermögend, diese Frage zu unterdrücken. Fast hätte ihm die Stimme versagt.

Porfirij Petrowitsch lehnte sich auf seinem Stuhle mit einer brüsken Bewegung zurück, als sei er über diese überraschende...

Erscheint lt. Verlag 13.10.2014
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
Geisteswissenschaften Sprach- / Literaturwissenschaft Literaturwissenschaft
Schlagworte Die Brüder Karamasow • Die Vollidioten • Essay • Humor • Klassiker • Komik • Russische Literatur • Schuld und Sühne
ISBN-10 3-492-96759-0 / 3492967590
ISBN-13 978-3-492-96759-4 / 9783492967594
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