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Die Sowjetunion und die Dritte Welt -

Die Sowjetunion und die Dritte Welt (eBook)

UdSSR, Staatssozialismus und Antikolonialismus im Kalten Krieg 1945-1991

Andreas Hilger (Herausgeber)

eBook Download: PDF
2009 | 1. Auflage
283 Seiten
De Gruyter Oldenbourg (Verlag)
978-3-486-70276-7 (ISBN)
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Schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges begann die Sowjetunion, sich um Einfluss in den Ländern der sogenannten Dritten Welt und solchermaßen um Positionsgewinne in ihrem politischen Ringen mit dem Westen und dessen Vormacht USA zu bemühen. Indira Gandhi und Leonid Breschnew verkörpern gewissermaßen die Politik dieser Zeit. Antikolonialistische und sowjetsozialistische Befreiungsrhetorik passten oft gut zusammen, aber der genauere Blick zeigt, dass die Beziehungen vielschichtiger und wesentlich vom Eigensinn der jungen, selbständig gewordenen Nationen geprägt waren. Mit dem Einmarsch in Afghanistan 1979 verspielte die UdSSR schließlich einen erheblichen Teil des erworbenen Vertrauenskapitals. Im vorliegenden Band führt ein internationales Autorenteam mit 14 Beiträgen zu Schlüsselproblemen in ein von der deutschen Zeitgeschichtsschreibung bislang wenig bearbeitetes, nichtsdestoweniger aber brisantes Forschungsfeld ein.

Santiago de Chile, 1970: Der Kalte Krieg im Südkegel – der KGB in Chile (S. 165-166) Christopher Andrew und Kristian Gustafson Der Putsch vom 11.September 1973 in Chile ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Untersuchungen. Das ist kaum überraschend, handelte es sich doch um einen besonders gewaltsamen Staatsstreich mit über 3000 Toten. Noch wesentlich mehr Menschen wurden ins Exil getrieben, ins Gefängnis gesperrt oder gefoltert. Für viele im Westen war es das Ende eines bedeutsamen sozialen und politischen Experiments: Ein gewähltes linksgerichtetes Regime betrieb den friedlichen Übergang zum Sozialismus.1 Das, so wurde behauptet, war kein Kommunismus, sondern ein Sozialismus con sabor a empanadas y vino tinto – ein Sozialismus mit dem Geschmack von Empanadas und Rotwein. Angesichts derart liebgewordener Überzeugungen ist es nicht verwunderlich, dass der Großteil dessen, was über den Putsch geschrieben wurde, nicht gerade ausgewogen ist. Amerikanische Autoren haben die Rolle der USA beim Staatsstreich betont, der – wie von vielen Publizisten und Journalisten behauptet wurde – mittels einer verdeckten Aktion der CIA und aggressiver wirtschaftspolitischer Bestrebungen der Vereinigten Staaten eingefädelt wurde, um die „chilenische Wirtschaft aufschreien zu lassen". Demgegenüber tendieren eindrucksvolle wissenschaftliche Arbeiten von universitären und anderen Forschern in Chile dazu, sich sehr eingehend – und auch überzeugender – mit der Rolle der inländischen Akteure bei den sozialen und politischen Unruhen auseinanderzusetzen, die sowohl zur Wahl Allendes als auch letztlich zu seiner Amtsenthebung führten, während den USA eine Einflussnahme von außen bescheinigt wird. Mónica González’ exzellentes Buch Chile La Conjura ist nach wie vor die beste in letzter Zeit erschienene wissenschaftliche Arbeit über die Ära Allende aus der spanisch-sprachigen Welt. Bislang handelte es sich hauptsächlich um eine zweiseitige Diskussion: Entweder waren Nixon und die CIA die am Putsch Hauptbeteiligten oder die inländischen Akteure waren die treibende Kraft, wobei die Anti-Allende-Opposition von den Amerikanern unterstützt wurde. Was fehlt, ist ein drittes entscheidendes Element: Was haben die sowjetischen Sicherheitskräfte, insbesondere der KGB, in der schicksalhaften Zeit der späten 1960er und frühen 1970er Jahre in Chile gemacht? Dank des von Vasilij Mitrochin aus KGB-Archiven herausgeschmuggelten Materials4 sowie neuerer Ar beiten mehrerer – insbesondere am Centro de Estudios Públicos in Santiago tätiger – chilenischer Wissenschaftler kann diese Frage zunehmend klar beantwortet werden: eine ganze Menge. In diesem Aufsatz sollen die Beweggründe und Aktivitäten der Sowjetunion (und ihres wichtigsten lateinamerikanischen Verbündeten Kuba) bei ihren umfangreichen Operationen während der Allende-Jahre in Chile dargestellt werden – vom ersten Treffen Allendes mit KGB-Offizieren in den 1950er Jahren über seine Wahl 1970 bis hin zu seinem schließlichen Selbstmord im chilenischen Präsidentenpalast am 11.September 1973. Es war eine Zeit des beispiellosen sowjetischen Aktivismus in Lateinamerika, einer Weltgegend, in der es Moskau zuvor für unmöglich gehalten hatte, dem amerikanischen Einfluss ernsthaft den Kampf anzusagen. Die Sowjetunion und einige ihrer Verbündeten versuchten nun, den amerikanischen Ambitionen in Chile und Südamerika insgesamt entgegenzuwirken und im weltweiten Kalten Krieg an Boden zu gewinnen. Rechte wie linke Kräfte kämpften an der Seite ihrer Sponsoren in den USA und der UdSSR um die Seele der Nation.6 Während die Umwälzungen in Chile „im Wesentlichen chilenisch [waren] und von Chilenen ausgeführt" wurden, so die russisch-chilenische Historikerin Olga Uliánova, habe Chiles Kampf im Inneren „gleichzeitig die Dimensionen einer indirekten, aber tiefgreifenden und bedeutenden Konfrontation des Kalten Krieges angenommen".

Erscheint lt. Verlag 1.10.2009
Sprache deutsch
Themenwelt Geschichte Allgemeine Geschichte Zeitgeschichte
Geisteswissenschaften Geschichte Regional- / Ländergeschichte
ISBN-10 3-486-70276-9 / 3486702769
ISBN-13 978-3-486-70276-7 / 9783486702767
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