Hitler und England (eBook)
124 Seiten
De Gruyter Oldenbourg (Verlag)
978-3-486-70825-7 (ISBN)
II. Hitlers Werben um England 1933 bis 1936: erstes deutsch-englisches Mißverständnis (S. 33-34) Die neuen Herren haben schon in den ersten Wochen und Monaten sehr ernst gemeinte Versuche unternommen, ihrem Eroberungsprogramm die bündnispolitischen Voraussetzungen zu schaffen. Die Schwierigkeiten erwiesen sich freilich als vorerst unüberwindlich. Das Problem allerdings, das Hitler sah und geraume Zeit sogar als reale Gefahr für seine Politik einstufte, gab es gar nicht, es war pure Einbildung. Welche Fährnisse drohten, wenn Deutschland die nach der Niederlage im Weltkrieg von den Siegern oktroyierten Beschränkungen abzuschütteln und jene Kraft zu mobilisieren begann, die es vor 1914 und in den Kriegsjahren zum Angriff auf das europäische Gleichgewicht verleitet hatte? Wenn also das Deutsche Reich abermals den Weg vom potentiellen zum realen Hegemon des Kontinents einzuschlagen drohte? Wenn sich Hitler derartige Fragen stellte, dachte er nicht in erster Linie an Großbritannien. Offensichtlich nahm er an, den Engländern sehr rasch seine Vorstellung von der deutsch-britischen Herrschaftsteilung vermitteln und noch vor dem Abschluß einer formellen Allianz ein stillschweigendes Einverständnis herstellen zu können. Doch wie verhielt es sich mit Frankreich? Sollte Frankreich noch „Staatsmänner“ in seinem Verständnis des Begriffs haben, so handelte es ja nur angemessen, wenn es die deutsche Aufrüstung durch eine Militäraktion im Keim erstickte1. Und wenn Frankreich intervenierte, war es mehr als wahrscheinlich, daß sich Polen beteiligte, vielleicht dann doch auch das zunächst noch an Frankreich gebundene Großbritannien. So endeten die nationalsozialistischen Träume womöglich bereits frühzeitig in einer Katastrophe. In Wahrheit waren Hitlers Sorgen unbegründet. Zwar gab es in Warschau einige mehr oder weniger gewichtige Politiker, die den Gedanken erwogen, mit einem präventiven französisch-polnischen Schlag den Deutschen beizubringen, daß ihnen Europa einen zweiten Griff nach der Herrschaft über den Kontinent nicht erlauben werde2. Aber in Paris fanden solche Ideen nicht den leisesten Widerhall. Wohl waren alle französischen Politiker entschlossen, nach dem schon 1932 von England, den USA und Deutschland durchgesetzten Ende der Reparationen wenigstens die Entwaffnungsbestimmungen und die territorialen Regelungen des Versailler Vertrags mit Zähnen und Klauen zu verteidigen, aber nur mit politischdiplomatischen Zähnen und Klauen, nicht mit militärischen. Den Hintergrund der französischen Haltung skizzierte trefflich Paul Claudel, der als Dramatiker und Schriftsteller Weltruhm erlangte, damals indes als Botschafter in Brüssel amtierte. William C. Bullitt, der nach der Anerkennung der Sowjetunion durch die USA seit November 1933 als erster amerikanischer Botschafter in Moskau und ab 1936 als Missionschef in Paris wirkte, fragte Claudel Anfang 1934, was Frankreich denn tun werde, wenn Deutschland, ohne sich um die europäischen und globalen Abrüstungsbemühungen zu scheren, einfach weiter aufrüste. „Er antwortete, daß Frankreich gar nichts tun werde, Frankreich habe ein solches Vertrauen in seine neuen Befestigungen [Maginot-Linie], daß es überzeugt sei, es könne von Deutschland nicht angegriffen werden, und daß es, wenn Deutschland stark genug geworden sei, Frankreichs Verbündete zu attackieren, den deutschen Angriff erwarten und dann Deutschland aus der Hinterhand angreifen werde.“ Auf diese genaue Skizze der französischen Grundhaltung erwiderte Bullitt mit Recht, daß er darin eine Methode sehe, Deutschland die Herrschaft über den europäischen Kontinent zu überlassen. Claudel konnte ihn nur damit trösten, daß die französische Regierung schon wisse, wie gefährlich ihr Kurs sei, daß aber Frankreich „im Augenblick absolut pazifistisch“ sei, daß nichts zu tun sei, als sich darauf zu verlassen, daß „Deutschland sich gewohnt idiotisch“ verhalten und die Menschen Frankreichs wie ganz Europas „gegen sich aufbringen“ werde3. Frankreich hatte in der Tat keine „Staatsmänner“, und Hitler hätte sich um den westlichen Nachbarn Deutschlands nicht die geringsten Sorgen zu machen brauchen.
| Erscheint lt. Verlag | 31.10.2010 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geschichte ► Allgemeine Geschichte ► Neuzeit (bis 1918) |
| Geschichte ► Allgemeine Geschichte ► 1918 bis 1945 | |
| ISBN-10 | 3-486-70825-2 / 3486708252 |
| ISBN-13 | 978-3-486-70825-7 / 9783486708257 |
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