Ordnung, Familie, Vaterland (eBook)
545 Seiten
De Gruyter Oldenbourg (Verlag)
978-3-486-70652-9 (ISBN)
"V. „Familie"" und „Frau"" im Weltbild der liberal-konservativen Sammlung (S. 261-262) 1. Zwischen Individualismus und Korporatismus: Familie als liberal-konservativer Gesellschaftsentwurf Die familienpolitische Debatte vor dem Ersten Weltkrieg Während in den meisten europäischen Ländern die letzten drei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg von einem ungebremsten Bevölkerungswachstum geprägt waren, verzeichnete Frankreich, das noch im 18. Jahrhundert das bevölkerungsreichste Land Europas gewesen war, bereits ab 1850 eine Stagnation und bald auch einen langsamen Rückgang der Bevölkerung. Wie in den literarischen Werken von Emile Zola oder Anatole France auf sehr eindrückliche Weise beschrieben wird, war die Ursache dafür die gewollte Selbstregulierung der Kinderzahl vor allem bei den aufsteigenden Mittelschichten. Diese mentale Veränderung, an deren Anfang die Überlegung stand, den wenigen Kindern eine solide Ausbildung und die Chance zum Wohlstand zu ermöglichen, griff rasant um sich und wurde damit zum entscheidenden Faktor der besonderen demographischen Entwicklung Frankreichs. Schon die Zeitgenossen prägten den dafür bis heute gebräuchlichen Begriff des demographischen malthusianisme, wobei dieser sowohl zur Anklage wie zur Verteidigung in der familienpolitischen Debatte eingesetzt wurde. Daß es eine solche in Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg überhaupt gegeben hat, ist sicher lich ein weiterer Beweis für den demographischen Sonderweg Frankreichs und sollte von entscheidender Bedeutung für das Gelingen einer im übrigen bis heute nachhaltigen Familienpolitik werden. Es dürfte nach den bisherigen Ausführungen in dieser Arbeit kaum überraschen, daß auch die familienpolitische Debatte in Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg in das bipolare Spannungsfeld von Droite und Gauche eingebettet war. Dennoch war es keineswegs so einfach, wie man denken könnte, daß Natalismus eine Sache der Rechten und Malthusianismus eine Sache der Linken gewesen ist1, vielmehr verlief die Grenze der beiden Positionen durch die Mitte der klassischen Linken, wobei vor allem die Freimaurer und die Verbände der Libre Pensée eher dem Malthusianismus zuneigten, während das große Spektrum der gemäßigten Liberalen der Mitte durchaus natalistische Positionen bezog. Dies brachte es mit sich, daß der Natalismus selbst, der den malthusianistischen Habitus der Gesell schaft bekämpfen wollte, in zwei Strömungen gespalten war – eine republikanisch- linke (a) und eine katholisch-rechte (b), die je unterschiedliche Argumentationsfiguren benutzten und Ziele verfolgten. Ergebnis dieser Aufspaltung war ein doppelter Vergesellschaftungsprozeß der natalistischen Interessenvertretung entlang den genannten Bruchlinien. (a) Zunächst wurde von dem Professor für Anthropologie Bertillon 1896 die republikanisch orientierte Alliance nationale pour l’accroissement de la natalité française (ANANF) gegründet, deren Ziel es war, das herrschende Dogma der Zwei-Kinder-Familie zu durchbrechen und durch Intervention bei den Parlamentariern eine materielle Begünstigung kinderreicher Familien zu erwirken. Ihre Methode war einer wissenschaftlich-rationalen Tradition verpflichtet, die durch theoretische Analysen versuchte, soziale, wirtschaftliche, politische und mentale Ursachen des Bevölkerungsrückgangs auszumachen, um ihn dadurch eindämmen zu können. Die Motivation dafür war einem „patriotischen"" Bedürfnis nach Bevölkerungspolitik entsprungen, da man das Schwinden der Geburtenzahlen als potentielle Schwäche der eigenen Wehrkraft (défense nationale) betrachtete. Auf Grund ihrer wissenschaftlichen Herangehensweise hatte die ANANF in ihren Publikationen den moralischen Gründen für die Entvölkerung bestimmter Gebiete in Frankreich Gewicht eingeräumt, hütete sich aber davor, explizit das Thema der Religion anzuschneiden, das sie als republikanischen Verband in der Hochphase des französischen Kulturkampfes in arge Bedrängnis gebracht hätte."
| Erscheint lt. Verlag | 31.10.2008 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Geschichte ► Allgemeine Geschichte ► Neuzeit (bis 1918) |
| Geschichte ► Allgemeine Geschichte ► 1918 bis 1945 | |
| Geschichte ► Teilgebiete der Geschichte ► Kulturgeschichte | |
| ISBN-10 | 3-486-70652-7 / 3486706527 |
| ISBN-13 | 978-3-486-70652-9 / 9783486706529 |
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