Kosovo (eBook)
459 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-79620-7 (ISBN)
Kosovo, die zwischen Albanern und Serben umstrittene autonome Provinz des früheren Jugoslawiens, hat sich gegen den Widerstand Serbiens 2008 für unabhängig erklärt. Erich Rathfelder, seit 1987 immer wieder als Korrespondent vor Ort, hat den Konflikt zwischen Serben und der albanischen Bevölkerungsmehrheit hautnah verfolgt: die Aufhebung des Autonomiestatuts 1989, den gewaltlosen Widerstand der Albaner, den bewaffneten Kampf der UÇK, die Intervention der NATO im Jahr 1999, anschließend die Phase der zivilen Übergangsverwaltung. Im Zentrum seines Buches steht das Schicksal der Menschen. Die wichtigsten lokalen und internationalen Akteure reflektieren, durchaus selbstkritisch, die politische Entwicklung und ihr eigenes Handeln.
<p>Erich Rathfelder, 1947 geboren, war in den achtziger Jahren Osteuroparedakteur der <em>taz </em>und lebt seit 1992 als freier Journalist in Sarajevo und Split. Veröffentlichungen u.a. <em>Krieg in Europa</em> (Hg.), Reinbek 1992; <em>Sarajevo und danach</em>, München 1998; <em>Schnittpunkt Sarajevo</em>, Berlin 2006.</p>
Cover 1
Informationen zum Buch 2
Impressum 4
Inhalt 5
Vorwort 7
1 Freudenfeier 11
2 Annäherung an Jugoslawien 20
3 Serben und Albaner 1987 42
4 Kosovo spaltet Jugoslawien 68
5 Kosovo im Schatten der osteuropäischen Revolutionen 89
6 Kosovo und Großserbien 108
7 Apartheid und Schattenstaat 125
8 Vom Pazifismus zum offenen Widerstand 152
9 Der Krieg im Kosovo 1998 185
10 Verhandlungen mit Deadline 212
11 Der Krieg der NATO gegen Serbien 234
12 Die Rückkehr und die Zeit der Gesetzlosigkeit 271
13 Die Gunst der Stunde 303
14 Die Herrschaft der UNMIK und die Ereignisse von 2004 328
15 Die Quadratur des Kreises 360
16 Die neue Freiheit – die Republik Kosovo 395
Schlußwort 438
Anhang 445
Karten 445
Chronik 449
1 Freudenfeier
Am 17. Februar 2008 war das Zentrum von Prishtina (Priština), der Hauptstadt der »Republik Kosovo«, für den Autoverkehr gesperrt. Die vor wenigen Monaten ins Amt gewählte Regierung hatte für den Tag, an dem die Unabhängigkeit der ehemaligen serbischen Provinz ausgerufen werden sollte, die Anweisung gegeben, möglichst geordnet zu feiern. Die auf dem südlichen Balkan üblichen Schüsse in die Luft waren untersagt, Feuerwerk sollte in möglichst weiter Entfernung von serbischen Siedlungen abgehalten werden. Den internationalen Organisationen, der UN-Mission im Kosovo, der EU-Polizei und den internationalen KFOR-Truppen wurde versprochen, daß es von seiten der Kosovoalbaner keine Provokationen geben würde.
Und die Menschen hielten sich daran. Fast neun Jahre nach dem Einmarsch der NATO-Truppen im Kosovo und dem Aufbau eines UN-Protektorates wähnten sich endlich alle, die schon seit Jahrzehnten die Unabhängigkeit des Landes von Serbien herbeigesehnt hatten, am Ziel. Tausende defilierten bei klirrender Kälte und im Kampf gegen die Windböen über den neugepflasterten Mutter-Teresa-Boulevard im Zentrum der Stadt. Die Flaniermeile entlang der früheren Tito-Straße endet am Hotel Grand Prishtina, dort war das überdimensionierte Wandgemälde des ersten Präsidenten der Albaner Kosovos, Ibrahim Rugova, zu bestaunen.
Manche hatte es schon am Morgen zum Grab des »Vaters der Nation« gezogen, der im Januar 2006 an Krebs gestorben war. Ausgerechnet er, der Mann mit dem Schal, Initiator eines langen und gewaltlosen Kampfes für die Unabhängigkeit, durfte diesen Tag, für den er so beharrlich gekämpft hatte, nicht mehr erleben. Tausende verharrten auf dem Friedhof oberhalb der Stadt in Schweigen, sie unterdrückten ihre Tränen nicht. Es war eine Gelegenheit, würdig und in stiller Andacht der mehr als 13 000 Toten des letzten Krieges und der eigenen Familienmitglieder zu gedenken, die im Kampf getötet worden waren oder während der Flucht oder in serbischen Gefängnissen gelitten hatten.
Später traf man sich in den zahllosen Cafés der Innenstadt, lachte und schwatzte mit den vor Jahren ins Ausland geflüchteten Familienmitgliedern und Freunden aus alter Zeit. Erst als am Nachmittag die Zeremonie im Parlament auf allen Fernsehkanälen übertragen wurde, kehrte wieder etwas Ruhe ein.
Hashim Thaçi, der einstige politische Führer der »Kosova Befreiungsarmee« UÇK und gegenwärtige Ministerpräsident, traf den Ton, der die Stimmung des Tages zum Ausdruck brachte. Der neue Staat sei für alle seine Bürger da, erklärte er und erinnerte an die Opfer der jahrzehntelangen Unterdrükkung. Er fand versöhnliche Worte für die Serben im Lande. In serbischer Sprache forderte er sie auf, teilzuhaben an der Zukunft des neuen, demokratischen und multiethnischen Staates. »Von heute an ist Kosova stolz, unabhängig und frei.« Die Menschen im Lande hätten »nie den Glauben an den Traum verloren, daß wir eines Tages zu den freien Nationen dieser Welt gehören werden«, rief er aus. »Nie wieder wird Kosova von Belgrad beherrscht werden.« Diese Worte trafen die aufgewühlten Kosovoalbaner ins Herz.
Nach der Zeremonie wurde die neue Fahne gehißt. Die Flagge zeigt sechs Sterne in einem Bogen über den Umrissen des neuen Staates, gold auf blauem Grund. Die Sterne stehen für die ethnischen Gruppen der Albaner, Roma, Serben, Türken, Bosniaken und der Goranen (beides muslimische Slawen). Um diese Flagge war ein heftiger Streit entbrannt, hatte sie doch mit den traditionellen Farben der Albaner nichts gemein. Das traditionelle Weinrot mit dem schwarzen, doppelköpfigen Adler war sogar im alten, kommunistischen Jugoslawien seit 1974 erlaubt gewesen.
Doch die UN-Mission und die Europäer hatten vor der Unabhängigkeitserklärung auf einer neuen Flagge bestanden. Sie sollte jede symbolische Verbindung des neuen Staates zu Albanien negieren. Und sie sollte zeigen, daß die Republik Kosovo trotz der überwältigenden Mehrheit der Albaner – gut 90 Prozent der Bevölkerung – als multiethnischer Staat in die Unabhängigkeit entlassen wird. Das Blau sollte für die europäische Zukunft stehen.
Dieser Streit interessierte die Feiernden nicht. Als die neue Flagge endlich verteilt wurde, rissen sich die Leute darum. Egal unter welcher Flagge, Hauptsache, Kosova wird unabhängig, riefen manche in ihrem Überschwang. Immerhin hatte die neue Hymne ein Albaner komponiert. Auch die Ode an die Freude erklang, um die Verantwortung Europas für den jüngsten Staat auf dem Kontinent zu unterstreichen.
Nach der Zeremonie waren nur lachende und freundliche Gesichter zu sehen. Vor allem junge Leute zogen mit den alten albanischen und neuen kosovarischen Fahnen durch die Straßen. Das kollektive Glücksgefühl war mitreißend, ähnlich wie in der Nacht, als in Berlin die Mauer fiel. Nach den Jahrzehnten der Unfreiheit, dem Krieg in den neunziger Jahren, dem Einmarsch der NATO und dem Leben in einem UN-Protektorat gab es endlich Grund zur Hoffnung. Eine EU-Mission würde Kosova auf die Mitgliedschaft in der Europäischen Union vorbereiten, das Land würde einen gleichberechtigten Part im Konzert der Nationen spielen, so hatten es die führenden Politiker den Menschen versprochen. Mit europäischem Beistand, mit künftigen Investitionen würde sich das Land ohne Fesseln entwickeln und selbst mit der überdimensionalen Arbeitslosigkeit von weit mehr als 50 Prozent fertig werden.
Auch dem alten Kellner im Restaurant des Hotel Ilirija sah man die Freudenstimmung an. Der Mann mit dem zerknitterten Gesicht, der immer unscheinbar in einer Ecke stand und von dort aus die Gäste beobachtete, um augenblicklich jeden ihrer Wünschen erfüllen zu können, hatte noch nie über sich und seine Geschichte gesprochen. Sich vorsichtig und still zu verhalten hatte zur Überlebensstrategie dieser Generation gehört, nicht nur in den Ländern des totalitären Sozialismus, sondern auch hier, in der ehemals zu Jugoslawien gehörenden autonomen Provinz Kosovo.
Mit Tränen in den Augen gab er dem ihm von vielen Besuchen bekannten Gast die Hand. Als sei eine über Jahrzehnte verinnerlichte Angst von ihm abgefallen, brach es aus ihm heraus: »Von nun an werden sie nicht mehr über uns herrschen können. Jetzt sind wir frei.« Und er erzählte mir, wie er vor 40 Jahren als Kellner nach München gekommen war. Der deutsche Chef habe ihn persönlich mit Handschlag begrüßt. »In Deutschland wurden wir Albaner wie Menschen behandelt, die Serben aber spielten sich immer als Herren auf. Nie hat mir ein serbischer Chef die Hand gereicht.« Er bedauerte, wegen eines Unglücksfalles in seiner Familie noch in den achtziger Jahren in den Kosovo zurückgekehrt zu sein. Und er fragte: »Was meinen Sie, wird das Leben hier jetzt wirklich besser werden?«
An künftige Probleme wollte an diesem Tag niemand denken. Draußen auf dem Boulevard, der den Namen der aus Makedonien stammenden albanischen katholischen Nonne Mutter Teresa trägt, drängten sich die Menschen. Viele Bekannte waren darunter, Menschen, die ich während der letzten zwanzig Jahre häufig getroffen hatte. Hajdar und Ladrija Domi, die 1999 als älteres Ehepaar sogar die Zeit der Vertreibung durch serbische Polizei und Milizen überlebt haben, weil es ihnen gelungen war, sich in einer Wohnung gegenüber dem Hauptquartier der serbischen Geheimpolizei zu verstecken. Oder der als kritischer Intellektueller bekannte Shkelzen Maliqi, der sich 1999 plötzlich im Exil in Makedonien wiederfand und in dem damals berühmt gewordenen Café Arbi in Tetovo einer ungewissen Zukunft entgegensah. Eingekeilt zwischen anderen Emigranten erklärte Shkelzen damals, er habe Thomas Mann und die gesamte deutsche Exilliteratur gelesen und sich niemals vorstellen können, eines Tages in die gleiche Lage zu kommen.
Zurück in der Heimat begrüßte er an diesem Tag in der Menge Bekannte und Freunde. Der ehemalige Ministerpräsident des Schattenstaates der neunziger Jahre, Bujar Bukoshi, ein Arzt und derzeitiger Parlamentsabgeordneter, wußte, welch große Verantwortung auf die Albaner Kosovos zukam. Sie hätten seit Jahrhunderten immer unter einer Fremdherrschaft gelebt. »Jetzt müssen wir uns selbst regieren.« Doch auch er tauchte mit breitem Lächeln in der Menge unter.
Beqë Cufaj, der in Deutschland lebende Schriftsteller, Veton Surroi, Zeitungsverleger und politischer Vordenker während der letzten Jahrzehnte, zahlreiche Journalisten und Künstler, albanische Mitarbeiter internationaler Organisationen und andere Bekannte waren in den Straßen von Prishtina unterwegs. Auch die Abgeordnete des Europaparlaments, Angelika Beer, damals Mitglied der Grünen-Fraktion, war zu sehen, während sich das offizielle Europa zurückhielt. Von den Regierungschefs der mächtigen Staaten war niemand gekommen.
Dennoch, die Stadt war im Freudentaumel. Studenten und andere junge Leute tanzten und tranken in den Clubs und Kneipen bis in die Morgenstunden. Brot und Arbeit, Perspektive und Würde, das verhieß die staatliche Unabhängigkeit Kosovas.
Am nächsten Morgen wollte die Stadt gar nicht aufwachen. Nur die Arbeiter der Müllabfuhr waren unterwegs, um Pappbecher und abgebrannte Feuerwerkskörper zu beseitigen. Bald lichtete sich der Nebel und gab den Blick frei auf die winterliche Stadt. Zwischen zwei Hügeln im Norden und Süden gelegen, hat sich Prishtina in letzter Zeit gewaltig ausgedehnt. Auf den vor wenigen Jahren noch kahlen Erhebungen stehen mehrstöckige Gebäude, an den Ausfallstraßen in Richtung Westen und Süden ist von den Wiesen, die sich hier früher befanden, nichts mehr zu sehen. Die ehemals vor allem von Serben bewohnte Nachbarstadt Kosovo Polje...
| Erscheint lt. Verlag | 24.10.2012 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Regional- / Landesgeschichte |
| Geisteswissenschaften ► Geschichte | |
| Schlagworte | edition suhrkamp 2574 • ES 2574 • ES2574 • Kosovo • Kosovokrieg • Osteuropa • Politik • Südosteuropa • Zeitgeschichte |
| ISBN-10 | 3-518-79620-8 / 3518796208 |
| ISBN-13 | 978-3-518-79620-7 / 9783518796207 |
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