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Gerechtigkeit für Igel (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2012 | 2. Auflage
813 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-78020-6 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Gerechtigkeit für Igel - Ronald Dworkin
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»Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache.« Der griechische Dichter Archilochos hat diesen Satz formuliert, Isaiah Berlin hat ihn mit seinem Tolstoi-Essay berühmt gemacht. Aber was ist diese »eine große Sache«? Ronald Dworkin liefert eine Antwort: Es sind Werte in all ihren Erscheinungsformen. Wenn wir verstehen wollen, was Wahrheit und Schönheit sind, was dem Leben Sinn verleiht, was die Moral fordert und die Gerechtigkeit verlangt, so müssen wir der Spur jener moralischen Einstellungen nachgehen, die menschliches Denken, Fühlen und Handeln durchdringen und zu einer Einheit formen. »Gerechtigkeit für Igel« ist eines jener Bücher, wie es sie in Zeiten der Füchse - der Spezialisten und Skeptiker - immer seltener gibt: eines, das aus einem einzigen Prinzip eine ganze Welt erklären und zugleich Orientierung geben möchte.

<p>Ronald Dworkin war Professor f&uuml;r Rechtswissenschaft und Rechtsphilosophie an der New York University und am University College in London. Er ist am 14. Februar 2013 im Alter von 81 Jahren in London verstorben.</p>

[Cover] 1
[Informationen zum Buch oder Autor] 2
[Titel] 3
[Impressum] 4
[Widmung] 5
Inhalt 7
Vorwort 9
Kapitel 1 Ein Reiseführer 13
Füchse und Igel 13
Gerechtigkeit 15
Interpretation 21
Werte und Wahrheit 24
Verantwortung 31
Ethik 33
Moral 35
Politik 37
Eine einfache Geschichte 37
Teil I Unabhängigkeit 45
Kapitel 2 Moralische Wahrheit 47
Die Herausforderung 47
Die gewöhnliche Sichtweise 53
Bedenken 56
Zwei wichtige Unterscheidungen 59
Interner und externer Skeptizismus 59
Fehlerskeptizismus und Statusskeptizismus 61
Interner Skeptizismus 64
Warum ist der Statusskeptizismus so attraktiv? 66
Enttäuscht? 70
Kapitel 3 Externer Skeptizismus 75
Eine wichtige These 75
Das Hume’sche Prinzip 82
Fehlerskeptizismus 85
Vielfalt 86
Moral und Motivation 88
Moral und Gründe 90
Statusskeptizismus 95
Zwei Versionen 95
Sprechakttheoretischer Skeptizismus: Die Herausforderung 97
Semantischer Expressivismus 102
Nochmals: Moral und Motivation 103
Primäre und sekundäre Eigenschaften 106
Verschiedene Sprachspiele? 108
Richard Rorty 108
Expressivisten und Quasirealisten 112
Konstruktivismus 114
Ja, die Metaethik beruht auf einem Irrtum 120
Kapitel 4 Moral und Ursachen 123
Zwei entscheidende Fragen 123
Die KE-Hypothese 125
Was steht auf dem Spiel? 125
Ein Mythos 127
Die kausale Abhängigkeitshypothese 134
Zu schnell? 134
Peinliche Erklärungen? 136
Überzeugung und Zufall 141
Integrierte Epistemologie 144
Moralischer Fortschritt? 151
Kapitel 5 Interner Skeptizismus 154
Typologie 154
Ist Unbestimmtheit eine Grundeinstellung? 157
Teil II Interpretation 169
Kapitel 6 Moralische Verantwortung 171
Verantwortung und Interpretation 171
Agenda 171
Arten von Verantwortung 176
Moralisch verantwortliches Handeln 179
Arten der Verantwortungslosigkeit 179
Filter 185
Verantwortung und Philosophie 187
Der Wert der Verantwortung 191
Verantwortung und Wahrheit 195
Belege, Argumente und Grundlagen 195
Gibt es Konflikte zwischen verschiedenen Werten? 202
Brauchen wir den Wahrheitsbegriff überhaupt? 207
Kapitel 7 Interpretation im allgemeinen 212
Interpretative Wahrheit? 212
Ambivalenz 215
Mentale Zustände 221
Die Werttheorie 224
Wichtige Unterscheidungen 231
Kollaborative, erklärende und begriffliche Interpretation 231
Unabhängigkeit, Ergänzung und Konkurrenz 239
Interpretativer Skeptizismus 248
Radikale Übersetzung 252
Eine Zusammenfassung der Werttheorie 256
Wissenschaft und Interpretation 260
Kapitel 8 Begriffliche Interpretation 268
Wie ist Uneinigkeit möglich? 268
Begriffsarten 269
Interpretative Begriffe 274
Paradigmen 274
Begriffe und ihr Gebrauch 278
Migration der Begriffe 280
Moralische Begriffe 283
Relativismus? 290
Wahrheit 293
Uneinigkeit über die Wahrheit 293
Noch einmal Skeptizismus 303
Wahrheit und Methode 305
Dichte und dünne Begriffe 307
Platon und Aristoteles 313
Teil III Ethik 321
Kapitel 9 Würde 323
Ist die Moral ein geschlossener Bereich? 323
Das gute Leben und die gelungene Lebensführung 329
Unmoralisches Handeln und moralischer Zufall 338
Zwei ethische Prinzipien 342
Selbstachtung 348
Authentizität 355
Verantwortung 357
Ethische Unabhängigkeit 359
Authentizität und Objektivität 362
Das religiöse Temperament 365
Kapitel 10 Freier Wille und Verantwortung 372
Zwei Gefahren für die Verantwortung 372
Die Probleme 374
Was auf dem Spiel steht 378
Sechs Milliarden Personen suchen ein Leben 383
Das System der Verantwortung 383
Zwei Verständnisse von Kontrolle 386
Kausale Kontrolle? 393
Epiphänomenalismus 394
Determinismus und Zufall 396
Determinismus und Rationalität 399
Psychologische und metaphysische Unmöglichkeit 402
Das System der Verantwortung 403
Zusammenfassung: Kausale Kontrolle? 408
Fähigkeitenkontrolle 410
Die irreduzible Wichtigkeit der Entscheidung 410
Eine ethische Rechtfertigung von Ausnahmen 413
Die moralische Anwendung 419
Eine Illusion? 420
Verantwortung in der Praxis 423
Die Verteidigung unter Berufung auf Unzurechnungsfähigkeit 423
Nötigung, Ungerechtigkeit und Verantwortung 427
Teil IV Moral 431
Kapitel 11 Von der Würde zur Moral 433
Selbstachtung und Achtung vor anderen 433
Universell oder besonders? 433
Und Nietzsche? 438
Zwei Strategien: Balance und Integrität 442
Weitere moralphilosophische Ansätze 448
Kant 448
Rawls 454
Scanlon 457
Kapitel 12 Hilfe in Not 460
Ein Kalkül der Aufmerksamkeit 460
Würde und moralisch falsches Handeln 460
Würde und Wohlergehen 461
Eine Schadensmetrik 466
Eine Kostenmetrik 468
Konfrontation 471
Zählen Zahlen? 476
Bizarre Fälle 481
Kapitel 13 Schädigung 483
Konkurrenz und Schädigung 483
Unabsichtliche Schädigung 491
Doppelwirkung 494
Schwierige Fälle 494
Noch mehr bizarre Fälle 503
Der Natur ihren Lauf lassen 506
Kapitel 14 Verpflichtungen 508
Konvention und Verpflichtung 508
Versprechen 514
Ein Rätsel 514
Ermutigung und Verantwortung 516
Die Rolle von Versprechen 522
Versprechen und Interpretation 525
Assoziative Verpflichtungen 527
Verantwortung und soziale Rollen 527
Konvention und Verantwortung 533
Soziale Rollen und Interpretation 535
Politische Verpflichtung 538
Ein Paradox 538
Legitimität 545
Verpflichtungen unter »Stammesmitgliedern«? 548
Teil V Politik 551
Kapitel 15 Politische Rechte und Begriffe 553
Rechte 553
Rechte und Trümpfe 553
Politische und juridische Rechte 559
Menschenrechte 561
Was sind Menschenrechte? 561
Menschenrechte und Religion 574
Begriffe 583
Kriteriumsabhängige Fehler 583
Freiheit 584
Gleichheit 585
Demokratie 588
Ein besseres Programm 590
Kapitel 16 Gleichheit 594
Philosophie und Scham 594
Falsche politische Konzeptionen 596
Laisser-faire 596
Nutzen 599
Wohlfahrt 600
Ressourcengleichheit 602
Der Neidtest 602
& gew
Hypothetische Versicherung 610
Paternalismus? 612
Noch einmal Laisser-faire 614
Kapitel 17 Freiheit 616
Die Dimensionen der Freiheit 616
Zwei Arten von Freiheit? 616
Ist ein Konflikt unvermeidlich? 618
Eine integrierte Auffassung von Freiheit 623
Noch einmal Würde 623
Ethische Unabhängigkeit 624
Weitere Freiheiten: Rechtssicherheit und Redefreiheit 629
Ein Recht auf Eigentum? 634
Religionsfreiheit und ethische Unabhängigkeit 636
Kapitel 18 Demokratie 641
Positive Freiheit 641
Phrasen und Fragen 641
Wer ist das Volk? 642
Zwei Modelle der Selbstregierung 646
Welches Modell ist überzeugender? 652
Fairneß? 652
Politische Gleichheit? 656
Repräsentative Regierung 663
Judicial review 669
Kapitel 19 Recht 676
Recht und Moral 676
Die klassische Sichtweise 676
Der entscheidende Fehler 680
Analytische Rechtswissenschaft? 682
Recht als Moral 684
Eine baumartige Struktur 684
Sein und Sollen: Familienmoral 688
Welchen Unterschied macht es? 692
Theorie 692
Unmoralisches Recht 693
Partielle Durchsetzung 696
Moral und Verfahren 699
Nachwort: Die Unteilbarkeit der Würde 703
Noch einmal zurück zur Wahrheit 703
Gute Leben und eine gelungene Lebensführung 707
Anmerkungen 715
1. Ein Reiseführer 715
2. Moralische Wahrheit 716
3. Externer Skeptizismus 718
4. Moral und Ursachen 734
5. Interner Skeptizismus 752
6. Moralische Verantwortung 753
7. Interpretation im allgemeinen 754
8. Begriffliche Interpretation 759
9. Würde 764
10. Freier Wille und Verantwortung 767
11. Von der Würde zur Moral 778
12. Hilfe in Not 780
13. Schädigung 782
14. Verpflichtungen 784
15. Politische Rechte und Begriffe 788
16. Gleichheit 792
17. Freiheit 801
18. Demokratie 803
19. Recht 807
Nachwort: Die Unteilbarkeit der Würde 809
Namenregister 811

47Kapitel 2
Moralische Wahrheit


Die Herausforderung


»Wenn man über Werte sprechen will – also darüber, was eine gelungene Lebensführung ausmacht und wie Menschen miteinander umgehen sollten –, muß man zuvor auf einige sehr allgemeine philosophische Fragen eingehen. Um vernünftig darüber nachdenken zu können, ob es sich zum Beispiel bei Ehrlichkeit oder Gleichheit um wirkliche Werte handelt, müssen wir zunächst separat eine Antwort darauf geben, ob es überhaupt so etwas wie Werte gibt. Solange wir keine Meinung darüber haben, ob es überhaupt Engel gibt, ist es absurd zu debattieren, wie viele zugleich auf einer Nadelspitze sitzen können, und genauso sinnlos wäre es zu erörtern, ob Selbstaufopferung erstrebenswert ist, ohne zunächst zu fragen, ob es so etwas wie das Gute überhaupt gibt, und wenn ja, um was für eine Art von Ding es sich dabei handelt.

Können Meinungen in Wertfragen, wie etwa die, daß Diebstahl falsch ist, wirklich wahr oder falsch sein? Und wenn ja, wie sind die relevanten Wahrheitsbedingungen beschaffen? Woher kommen die entsprechenden Werte? Von Gott? Was aber, wenn es keinen Gott gibt? Ist es möglich, daß Werte einfach da draußen vorhanden sind und zu dem gehören, was letztendlich wirklich existiert? Und wenn ja, wie können wir Menschen dann mit ihnen in Kontakt stehen? Angenommen, bestimmte Werturteile sind tatsächlich wahr (oder falsch); wie können wir Menschen erkennen, welche das sind? Selbst enge Freunde sind sich nicht immer einig, was richtig und was falsch ist, und von Menschen anderer Kulturen oder Zeitalter sind wir natürlich noch weiter entfernt. Wie können wir behaupten, daß wir 48recht haben und alle anderen einfach falschliegen, ohne daß dieser Gedanke in sehr unguter Weise arrogant ist? Von welchem neutralen Standpunkt aus ließe sich die Wahrheitsfrage letztgültig prüfen und entscheiden?

Unsere Werturteile einfach ein weiteres Mal zu artikulieren, ist keine angemessene Antwort auf diese Fragen; darauf zu beharren, daß es so etwas wie Falschheit oder Verwerflichkeit in unserer Welt geben muß, da es falsch ist, zum Spaß Babys zu foltern, bringt uns nicht weiter. Ebensowenig hilft es zu behaupten, wir stünden in Kontakt mit der moralischen Wahrheit, da wir ja wüßten, daß es falsch ist, Babys zu foltern. Wir würden das zu Beweisende voraussetzen, da es nicht falsch wäre, wenn so etwas wie Falschheit nicht existiert, und ich nicht wissen kann, ob es wirklich verwerflich ist, Babys zu foltern, ohne in irgendeiner Weise Zugang zur Wahrheit über die Verwerflichkeit zu haben. Bei diesen tiefgründigen philosophischen Fragen über das Wesen des Universums oder den Status von Werturteilen geht es nicht darum, was gut oder schlecht, richtig oder falsch, wunderbar oder häßlich ist. Sie gehören nicht zur alltäglichen Beschäftigung mit Ethik, Moral oder Ästhetik, sondern sind Teil eines ›technischeren‹ Bereichs der Philosophie, etwa der Metaphysik, der Epistemologie oder der Sprachphilosophie. Deswegen ist es wichtig, zwischen zwei sehr unterschiedlichen Arten von Fragen in der Moralphilosophie zu unterscheiden: zum einen normalen substantiellen Fragen erster Ordnung darüber, was genau gut oder schlecht, richtig oder falsch ist, die ein Werturteil erfordern, und zum anderen philosophischen, ›metaethischen‹ Fragen zweiter Ordnung über diese Werturteile; um letztere zu beantworten, greifen wir nicht auf weitere Werturteile zurück, sondern auf philosophische Theorien einer anderen Art.«

Ich muß mich entschuldigen. Diese drei einführenden Absätze waren nicht ernst gemeint, und ich glaube kein Wort von dem, was ich gerade in Anführungszeichen gesetzt habe. Es ging mir darum, eine philosophische Sichtweise vorzustellen, die 49dem Fuchs gefallen würde und die meines Erachtens einem korrekten Verständnis der in diesem Buch diskutierten Themen im Wege steht. Im ersten Kapitel habe ich bereits eine alternative Position vorgeschlagen, der zufolge die Moral und andere Wertsphären philosophisch unabhängig sind. Die Antworten auf alle großen Fragen über moralische Wahrheit und moralisches Wissen sind stets in ebenjenen Sphären selbst zu finden und nicht außerhalb von ihnen. Eine Theorie der Wahrheit von Werten muß Teil einer jeden substantiellen Theorie der Werte sein, anstatt von ihr vorausgesetzt zu werden.

Daß es in Wertfragen um Wahrheit geht, ist eine offensichtliche Tatsache, der wir nicht aus dem Weg gehen können. Wenn wir gezwungen sind, uns für oder gegen etwas zu entscheiden, sind wir unausweichlich mit der Frage konfrontiert, für was wir uns entscheiden sollen. Um sie zu beantworten, müssen wir auf Gründe rekurrieren, die für bestimmte Handlungsoptionen sprechen. Weil diese Fragestellung begrifflich ebendies und nichts anderes verlangt, können wir sie nicht anders beantworten. Zweifellos lautet die beste Antwort in manchen Fällen, daß keine der konkreten Alternativen wirklich besser ist als die anderen, und es gibt bedauernswerte Menschen, die glauben, die sehr dramatische Antwort geben zu müssen, daß es nie eine beste oder richtige Option gibt. Bei diesen beiden negativen Positionen handelt es sich aber ebenso um substantielle Werturteile erster Ordnung wie bei jeder positiven Aussage. Sie werden mit Argumenten derselben Art gerechtfertigt und erheben auf dieselbe Weise Wahrheitsansprüche.

Dem ersten Kapitel haben Sie sicher entnommen, wie ich die wichtigen Begriffe »Ethik« und »Moral« verwende. Ein ethisches Urteil ist eine Aussage darüber, was Menschen tun sollten, um ein gelungenes Leben zu führen, oder anders ausgedrückt, was sie im Rahmen ihres Lebens zu sein und zu erreichen anstreben sollten. Ein moralisches Urteil hingegen sagt etwas darüber aus, wie man andere behandeln sollte.?1 Wir alle müssen uns der Frage stellen, was wir tun sollen, und diese Frage hat 50immer eine moralische und eine ethische Dimension. Auch wenn uns das natürlich nicht in jeder Situation bewußt ist, bleiben beide Dimensionen stets relevant. Ein großer Teil dessen, was ich tue, macht mein eigenes Leben besser oder schlechter, und oft hat mein Handeln zudem Konsequenzen für andere. Was soll ich angesichts dessen tun? Vielleicht ist Ihre Antwort hierauf im obenerwähnten Sinn negativ. Vielleicht glauben Sie, daß es keinen Unterschied macht, wie Sie Ihr Leben leben, und daß es ein Fehler wäre, die Interessen anderer zu berücksichtigen. Aber selbst wenn das der Fall sein sollte, können Sie für diese ziemlich beunruhigenden Ansichten nur ethische oder moralische Gründe anführen.

Umfassende metaphysische Theorien darüber, was für Arten von Entitäten es im Universum gibt, können in diesem Zusammenhang keinerlei Relevanz besitzen. Um in moralischen Fragen einen radikalen Skeptizismus vertreten zu können, muß man auf einer tieferen Ebene eine nichtskeptische Einstellung zur Natur von Werten einnehmen. Vielleicht glauben Sie, daß Moral Unsinn ist, weil es keinen Gott gibt; das können Sie aber nur tun, wenn Sie einer Moraltheorie anhängen, die ausschließlich jenem übernatürlichen Wesen moralische Autorität zuschreibt. Damit habe ich die Hauptthesen des ersten Teils dieses Buches umrissen. Ich argumentiere hier noch nicht gegen den moralischen oder ethischen Skeptizismus – auf dieses Thema werde ich später näher eingehen –, wohl aber gegen den archimedischen Skeptizismus, der seine eigene Basis in Moral oder Ethik leugnet. Die Idee einer externen metaethischen Antwort auf die Frage der moralischen Wahrheit lehne ich ab; meines Erachtens muß jeder ernstzunehmende moralische Skeptizismus intern sein.

Diese Sichtweise ist in der Philosophie nicht sehr beliebt. Viele würden dem zustimmen, was ich in den ersten drei Absätzen in Anführungszeichen vorgebracht habe, und darauf bestehen, daß die grundlegenden Fragen bezüglich der Moral selbst metaphysischer und nicht moralischer Natur sind. Die51ser Sichtweise zufolge würde die Erkenntnis, daß unsere gewöhnlichen ethischen oder moralischen Überzeugungen wiederum auf nichts anderem als weiteren ebenfalls ethischen oder moralischen Überzeugungen beruhen, unsere Alltagsüberzeugungen in Frage stellen. Die Auffassung, es sei sinnlos, etwas anderes zu verlangen, wird als »Quietismus« bezeichnet, womit suggeriert wird, es gehe darum, ein schmutziges Geheimnis zu verstecken. Meines Erachtens beruht diese Ansicht auf einem vollkommen falschen Verständnis von Werturteilen, und ich werde versuchen zu zeigen, daß dem so ist. Weil diese Sichtweise gegenwärtig aber ungemein verbreitet ist, werden wir uns nur mit einer gewissen Anstrengung von ihrem Einfluß freikämpfen können und zu akzeptieren lernen, was eigentlich offensichtlich sein sollte: daß eine bestimmte Antwort auf die Frage, was man tun soll, die richtige ist, auch wenn diese Antwort besagt, daß keine Option anderen, alternativen Optionen vorzuziehen ist. Von Interesse ist nicht, ob moralische oder ethische Urteile wahr sein können, sondern welche von ihnen wahr sind.

In der moralphilosophischen Diskussion wird an dieser Stelle häufig eingewendet, man müsse sich das Recht, ethische oder moralische Urteile als wahrheitsfähig zu verstehen, erst verdienen – diese Redeweise ist in diesem Zusammenhang besonders beliebt. Damit ist gemeint, daß wir eine überzeugende Begründung aufstellen müssen, wie sie in den drei nicht ernstgemeinten Absätzen am Anfang dieses Kapitels gefordert wurde: Auf...

Erscheint lt. Verlag 4.7.2012
Übersetzer Robin Celikates, Eva Engels
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Original-Titel Justice for Hedgehogs
Themenwelt Geisteswissenschaften Philosophie Allgemeines / Lexika
Geisteswissenschaften Philosophie Ethik
Schlagworte Balzan-Preis 2012 • Bielefelder Wissenschaftspreis 2006 • Gerechtigkeit • Moral • STW 2107 • STW2107 • suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2107 • Werte
ISBN-10 3-518-78020-4 / 3518780204
ISBN-13 978-3-518-78020-6 / 9783518780206
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